Der Flaubert-Rabe

Die Nummer 47 des wunderbaren, wenn auch leider längst eingegangenen Literaturmagazins Der Rabe versammelt verschiedene Texte rund um und von Gustave Flaubert. Für Flaubert-Fans absolut zu empfehlen – die anderen bekommen mit dem Flaubert-Raben vielleicht Lust auf mehr.

Derzeit lese ich mich während meiner Straßenbahnfahrten durch die Raben, zuletzt durch den Flaubert-Raben. Wieder eine tolle Mischung unterschiedlichster Texte: Briefe Flauberts an seine Geliebte Louise Colet, Tagebucheintragungen der spitzfedrigen Gebrüder Goncourt, ein Briefwechsel zwischen Flaubert und Maupassant und seine Wirkung auf eine Szene in Bouvard und Pécuchet, Ratschläge von George Sand und dazwischen immer wieder kürzere und längere Betrachtungen und Geschichten, die entweder direkt auf Flauberts Werke Bezug nehmen oder zumindest stark von ihnen inspiriert sind. Diese Texte stammen unter anderem von Robert Gernhardt, Harry Rowohlt, Eugen Egner, Eckhard Henscheid und Julian Barnes. Die Droschkenszene kommt ebenso wenig zu kurz wie die Verrisse einer wohl albern-erotischen Verfilmung der Madame Bovary. Besonders amüsant in diesem Zusammenhang die Vorschläge des „Reklame-Beraters“ für Werbemaßnahmen zu einer offenbar gelungeneren, früheren Madame-Bovary-Verfilmung mit Jennifer Jones. Hier wird unter anderem empfohlen:

„Als besondere Werbung können Sie mit Parfümerie-Geschäften Ihrer Stadt Schaufensterwerbung unter dem Motto ‚Was verlieh Madame Bovary jenes gewisse, unwiderstehliche Etwas‘ arrangieren. Dekorieren Sie dazu kosmetische Artikel […].“ Bisschen anachronistisch, der Vorschlag – aber was soll’s. Ein feines Fundstück jedenfalls für den Raben.

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Ein Geheimnis

Ein kleiner, autobiographischer Roman von Philippe Grimbert, für den der Autor 2004 den Prix Goncourt des Lycéens erhielt.

Paris. Der kleine Philippe stellt sich von Kind an vor, er hätte einen Bruder. Dieser Bruder ist schöner, stärker und beliebter als er selbst (Philippe selbst ist „mager, kränklich und blass“), beschützt ihn vor den anderen und kämpft doch jede Nacht mit ihm. Außerdem konstruiert Philippe sich die Liebesgeschichte seiner Eltern, die er stets zu enttäuschen meint, auch weil sie beide schön und überaus sportlich sind. Erst mit 15 Jahren erfährt er von einer Freundin der Familie, dass es diesen imaginierten Bruder tatsächlich gab, aber auch, dass die Liebesgeschichte seiner Eltern nichts von der Erhabenheit und Romantik hatte, die er hineininterpretierte, sondern auf einer Tragödie aufbaut und dass sein Bruder in einem Konzentrationslager starb.

Wie Philippe mit seinem Schattenbruder, der Wirklichkeit wurde, umgeht, welche Konsequenzen es für sein Verhalten und seine Eltern hat, erzählt Philippe Grimbert fesselnd und anrührend und dabei ganz unsentimental.

Rezension erstmals erschienen im „Virtuellen literarischen Salon“.

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10 literarische Tipps für den Sommer

Petra Gust-Kazakos:

Bei der Lesewelle gibt es schöne Tipps für einen bücherfreundlichen Sommer. Sehr anregend!

Ursprünglich veröffentlicht auf lesewelle:

Auf Literatur will manch einer nie verzichten auch nicht während dem Urlaub und daheim auch nicht. Es gibt da so Einiges, um den Hunger nach Literatur zu stillen, deshalb hier einige Tipps, die sich leicht umsetzen lassen:

1. Warum nicht einen Roman eines Autors lesen, der aus dem Urlaubsland stammt? Gibt gleich einen anderen Bezug zum Gastland:

Italien
“Padre, Padrone” von Gavino Ledda
“Die Frau im Mond” von Milena Agus
“Arturos Insel” von Elsa Morante
“Der Himmel im Süden” von Erri de Luca

Griechenland:
“Alexis Sorbas” von Nikos Kazantzakis
“Kleine Gemeinheiten” von Panos Karnetzis
Frankreich:
“Chéri” von Colette
“Das Missverständnis” von Irène Némirovsky
“Madame Bovary” von Gustave Flaubert
“Ein Sonntag auf dem Lande” von Pierre Bost
Afrika:
“Nirgendwo in Afrika” von Stefanie Zweig
“Die blauen Menschen” von Malika Mokkedem
“Hunger nach dem grossen Leben” von Doris Lessing
Dänemark:
“Babettes Fest” von Tanja Blixen,
“Am Weg” von Hermann Bang,
“Wie keiner…

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tape.ly

Petra Gust-Kazakos:

Eulen aus Athen stellt eine Anwendung vor, bei der nostalgische Gefühle aufkommen – und dazu gibt’s ein “Mixtape” mit bekannter und unbekannter griechischer Musik : ) Reinhören!

Ursprünglich veröffentlicht auf Eulen aus Athen:

Die guten alten Mixtapes sind wieder da!

Über Jahrzehnte waren Musikplatten und ihre Cover von einer untrennbar Ästhetik, die den Zeitgeist oder ein persönliches Gefühl ausdrückten. Die Gestaltung von Plattencovern war eine Design-Disziplin für sich und neue Plattencover waren Diskussionsthema und Ausdruck einer Gesamtstimmung und Zugehörigkeit zu einer Gruppe, sei sie sozial oder von einer bestimmten politischen Einstellung geprägt. Damals waren auch die selbstaufgenommenen Kassetten, die man vielleicht seiner Angebeteten schenkte, nichteinfach nur eine „Playlist“. Oft lag ihnen ein Konzept zugrunde, mit dem man versuchte, seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen oder die Beschenkte vermittels Musik in eine bestimmte, gemeinsamkeitsstiftende Stimmung zu versetzen – manchmal von Erfolg gekrönt, manchmal auch nicht.

Tapely_Start_me_upMit der Digitalisierung der Musik verschwand sukzessive die Untrennbarkeit von Design und Musik. Die CDs hatten zwar noch etwas Fläche für Bilder, aber das ist schon kein Vergleich mehr zu einem Plattencover. Inzwischen sind auch die CDs quasi verschwunden…

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Interview mit Richard Lorenz

Petra Gust-Kazakos:

Eines der interessantesten Interviews mit einem Autor, das ich je las. Offen und alles andere als stromlinienförmig. Empfohlen sei auch die dem Interview vorangehende Buchbesprechung.

Ursprünglich veröffentlicht auf dandelion | abseitige Literatur:

Mit Richard Lorenz hat ein Ausnahmetalent die Buchwelt betreten. Sein erster Roman Amerika-Plakate ist im Frühjahr bei kuk, einem Imprint der legendären Edition Phantasia, erschienen und zeigt einen Autor, dessen Phantasie keine Grenzen zu kennen scheint.

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Copyright © 2014 by Deliah Lorenz

FRAGE

Für mich bist du mit Amerika-Plakate wie aus dem Nichts auf der Literatur-Bildfläche erschienen. Wie sieht deine Schriftsteller-Vita bis zur Veröffentlichung dieses Romans aus?

RICHARD LORENZ

Eigentlich habe ich keine klassische Autoren-Vita. Zwar habe ich immer wieder veröffentlicht, jedoch ausschließlich Short-Storys. Angefangen vor zwanzig Jahren, zu Beginn stark geprägt von Stephen King. Vor zwanzig Jahren jedoch galt King noch als Schundliteratur, die in Bahnhofskiosken verkauft wurde.
Von Zeit zu Zeit habe ich bei Printmedien, also Tageszeitungen, publiziert. 1996 dann eine Short-Story-Sammlung bei einem Druckkostenzuschuss-Verlag, da man damals noch nicht wirklich gut informiert war und das Angebot verlockend war. Diese Sammlung ist heute nicht mehr erhältlich – verkauft…

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Der Rabe, Nr. 34

Heute empfehle ich euch ein Literaturmagazin, das es leider nicht mehr gibt. Aber gebraucht finden sich noch etliche Ausgaben, so auch die Nr. 34 des Raben, der Ausschnitte aus verschiedenen Tagebüchern versammelt – eine ideale Fundgrube für alle, die gern Tagebücher lesen.

Doc Totte ist Schuld, dass ich nun im Raben-Fieber bin. Genauer gesagt: zwei seiner Beiträge, einer zum Tagebuch-Raben und einer zum Hotel-Raben, die mich thematisch angesprochen haben. Und natürlich musste ich mir die beiden Raben gleich bestellen und recherchierte noch ein bisschen zu diesem Literaturmagazin, das ich erst dank Doc Totte kennengelernt habe.

Der Rabe, das Magazin für jede Art von Literatur, wie es im Untertitel so vielversprechend heißt, erschien von 1982 bis 2001 viermal jährlich im Züricher Haffmans Verlag. Ein Magazin im Taschenbuchformat, wie praktisch! Der Verlag ging leider ein, doch bei Zweitausendeins lebte die Reihe „Haffmans Verlag“ weiter und seit 2011 gibt es eine Art Erweiterung des Verlags, nun wieder selbständig und unter dem Namen Haffmans & Tolkemitt. Einer der großen Verdienste des Haffmans Verlags war es sicher, viele großartige Autoren wie Robert Gernhardt, F. W. Bernstein. Max Goldt, Julian Barnes oder auch David Lodge verlegt zu haben. Und natürlich den Raben.

Jede Ausgabe trug Texte zu einem bestimmten Thema zusammen. Und weil es so viele Raben gibt, die mich interessieren, musste ich mir auch noch den Zwanziger-Jahre-Raben, den Flaubert-Raben, den zu Kritikern, zu Vampiren und den Dekadenz-Raben bestellen. Sie alle sind recht günstig gebraucht zu bekommen. Natürlich gibt es noch eine Menge weiterer, interessant klingender Raben, aber ich wollte es nicht übertreiben (spätere Erweiterung der Raben-Sammlung nicht ausgeschlossen). Eine hilfreiche Auflistung der Raben findet ihr bei Wikipedia.

„Heute nichts geschrieben. Morgen keine Zeit.“

So Kafka am 7. Juni 1912. Diese und weitere Zitate „im Eingangsbereich“, also bevor es dann mit den längeren Tagebucheintragungen losgeht, steigern die Vorfreude. Im Tagebuch-Raben dann kürzere und längere Beiträge von Eugène Ionesco, Franz Kafka, Katherine Mansfield, Robert Gernhardt, Fritz „Jott“ Raddatz, Peter Rühmkorf, Richard Burton und vielen weiteren, teilweise übrigens höchst amüsanten Diaristinnen und Diaristen. Dazu passende Illustrationen von Volker Kriegel, Eugen Egner, Peter Rühmkorf, Alfred Kubin et al. Das Ganze ist ein wunderbares Büffet voller Häppchen: Manche kennt man schon, nimmt sich aber immer wieder gern davon (Raddatz, natürlich), andere, die unbekannten, waren oft unerwartet (Reemtsmas Rom-Tagebuch, Kafkas Seitenhiebe auf Kubin) bis erwartungsgemäß (Anekdotisches von Gernhardt, Alltägliches von Rühmkorf) köstlich und machten Appetit auf mehr. Eine überaus anregende Mischung!

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Der Kameramörder

Ein Protokoll über einen Besuch bei Freunden während eines Osterwochenendes wird zum Bericht über die Sensationsgier der Medien und ihres Publikums. Ein spannender, stilistisch ungewöhnlicher Roman von Thomas Glavinic.

Aus nicht näher genannten Gründen wird ein junger Mann gebeten, „alles aufzuschreiben“. Dieses „Alles“ fängt zunächst ganz harmlos an: Der Ich-Erzähler und seine Freundin Sonja besuchen ihre Freunde Heinrich und Eva in der Steiermark. Es verspricht, ein schönes Wochenende zu werden und beim Lesen amüsiert man sich über den trockenen, verbeamteten Stil des Erzählers. Doch da er ja gebeten wurde, eine Art Protokoll anzufertigen – warum auch immer – genießt man zunächst den Witz, der sich aus seinem Erzählstil ergibt. Beispielsweise, wenn er genau auflistet, welche Getränke in welcher Menge Sonja getrunken hat, ehe sie völlig blau vom Erzähler ins Bett gebracht werden musste. Oder wenn er umständlich und unpersönlich von den ersten Stunden des Besuchs bei seinen Freunden berichtet („Man begrüßte uns herzlich“, „Meine Lebensgefährtin äußerte den Wunsch spazierenzugehen, da dies ihrem Zustand Vorteile verschaffen könne“ etc.).

Bald erscheint der mögliche Grund für dieses Protokoll: Die Polizei fahndet nach einem Mann, der drei Kinder in seine Gewalt gebracht hat und zwei von ihnen zwang, sich in den Tod zu stürzen. Das an sich ist schon grausam genug, hinzu kommt, dass der Gesuchte sein Verbrechen die ganze Zeit über gefilmt hat. Ein Snuff-Video und damit ein gefundenes Fressen für die Medien. Das Ganze hat sich offenbar in der Nähe des Bauernhofes ereignet, auf dem Eva und Heinrich leben.

Noch immer bleibt unklar, was der Erzähler und seine Freunde mit diesem Verbrechen zu tun haben. Sind sie alle Zeugen, verfassen sie alle einen solchen Bericht? Allerdings kam ich beim Lesen nicht dazu, das Wie genauer zu hinterfragen, zu spannend liest sich – und das ist paradox – dieser nüchterne Bericht, der allem, den Emotionen, der Jagd auf den Täter, seinen Verbrechen ebenso wie der Zahl der ausgetrunkenen Weinflaschen und geleerten Chipstüten diese gleichgültige Wichtigkeit erteilt. Ist auch das immer noch dem Auftrag, ein Protokoll zu schreiben, geschuldet? Oder ist der Erzähler ein emotionsloser Typ, der keine Unterschiede bei seinen Beobachtungen macht und mit kühler Präzision die schrecklichsten Ereignisse und die unwichtigsten Tätigkeiten aneinanderreiht?

Das Schlimmste aber kommt noch: Die Kamera des Mörders wird gefunden und ein deutscher Privatsender beschließt, das Material, zusammengeschnitten auf ein passendes Sendeformat, zu zeigen. Noch dazu mit Werbepausen vor den „spannenden Stellen“, nämlich vor dem jeweiligen Todessprung der Kinder. Ein raffinierter Kniff des Autors, denn obwohl man das Vorgehen des Senders widerlich findet (und sich gut vorstellen kann, dass so etwas auch in Wirklichkeit möglich wäre), kann man sich leider beim Lesen der Faszination, ebenfalls ein „Augenzeuge“ zu werden (auch wenn das Ganze nur vor dem inneren Auge stattfindet), nicht entziehen. Ungewöhnlich erzählt und spannend bis zum Schluss!

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