Der maritime Rabe

RabenturmDie Nummer 39 des Literaturmagazins Der Rabe dreht sich um allerley maritime Themen. Wer nun aber ein Loblied verschiedenster Autorinnen und Autoren auf das Meer erwartet, ist auf dem falschen Dampfer. Tatsächlich gibt es sogar ein paar ziemlich schlechtgelaunte Beiträge zum Meer, insbesondere in Verbindung mit der Seefahrt.

Verschaukelt habe ich mich dennoch nicht gefühlt, obwohl ich ein großer Fan des Meeres bin und vom maritimen Raben entsprechende Lobpreisungen erwartet hatte. Allerdings bin auch ich weniger ein Fan der Seefahrt. Darin mangelt es mir ohnehin an Erfahrung. Außer Fahrten auf diversen Fähren zu verschiedenen Inseln (Norderney, Sporaden, Kykladen und wie sie alle heißen) und einer Übernachtung auf der Yacht einer Freundin, die allerdings im Hafen lag und nicht auf hoher See hin- und herschwappte, habe ich beim Thema Seefahrt nichts zu bieten. Ich bin auch nicht besonders seefest, obwohl ich immerhin selbst auf überaus unruhigen Überfahrten alles bei mir behalten habe. Doch man muss sein Schicksal dies- und anders bezüglich ja nicht herausfordern.

Jedenfalls: Im maritimen Raben gefiel mir besonders „Versucht vor Florida“ von Robert Gernhardt, dem es auf See gar nicht gut ging, sowie die Gedanken Jan Philipp Reemtsmas zur Übersetzung von Germania und Joseph von Westphalens Beitrag über Tretboote. Die launigen bis übellaunigen Texte lassen zwar insgesamt keine „ozeanischen Gefühle“ im positiven Sinne aufkommen, sind aber trotzdem wieder alle lesenswert und teilweise sehr amüsant.

Übrigens bin ich nun, dank des wunderbar großzügigen Gregors von Adsons Welt, im Besitz weiterer 18 Raben, die ich für das Foto oben zu einem Rabenturm geschichtet habe. Die Straßenbahnfahrten der nächsten Monate versprechen also ungezügeltes rabenseliges Lese-Vergnügen.

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Bücherkoffer Nr. 21 von Susanne Haun

Bücherkoffer, Foto: © Petra Gust-Kazakos

Bücherkoffer, Foto: © Petra Gust-Kazakos

Diesmal hat die Künstlerin Susanne Haun, die das gleichnamige lesens- und sehenswerte Blog führt, für uns ihre Bücher zusammengepackt. Einige der erwähnten Bücher wird sie während ihres Urlaubs in der Toskana lesen. Etliche ihrer Bücherempfehlungen findet sie übrigens auf guten Bücherblogs, die sie regelmäßig liest.

„Reisen sind oft mit langen Anfahrten verbunden. Bei unserer Fahrt nach Grimma zu meiner Ausstellungseröffnung hörten wir die CD ‚Loriot erzählt Richard Wagners Ring des Nibelungen‘ und waren von der Einfachheit und Komik Loriots zu diesem großen Thema der deutschen Geschichte begeistert. Waren die Nibelungen vor der Fahrt noch eine große komplizierte Geschichte, so sind sie nach dem Hörgenuss ein aktueller im Ohre bleibender Bericht geworden.

Seit den Vorlesungen und Seminaren über Architektur an der Uni möchte ich mehr über die Geschichte der Gebäude erfahren. So darf bei unserem Toskana-Urlaub nicht der Florenz Reclam Städteführer Architektur und Kunst fehlen. Er ist leicht, passt in die hintere Hosentasche von Jeans und in der Regel sind alle Gebäude der jeweiligen Stadt enthalten. In Dresden haben wir sehr gute Erfahrungen mit dem Reclam Städteführer gemacht.

Trotzdem leihe ich mir noch einen Reiseführer aus der Bücherei zur Toskana aus. Dort schwanke ich dann zwischen den Verlagen DuMont und Reise Know-How. Da schaue ich, was die Bücherei zu bieten hat und wie alt die Bücher sind.

Da wir dort in einem Appartement mit Kochgelegenheit wohnen, kommt das Buch Die Küche der Toskana von Alice Vollenweider mit in den Koffer. Ich war der Meinung, dass ich die Empfehlung für das besondere Kochbuch hier auf Philea’s Blog gelesen habe, aber ich finde die Stelle nicht mehr. [Anmerkung: Ich war’s nicht, ich habe mal Culinaria. Griechenland empfohlen, auch sehr schön ; )]“

Susanne_Haun

„Wir werden zwei Wochen in der Toskana sein. Viel werde ich nicht zum Lesen kommen aber ich möchte von meinem Bücherstapel der ungelesenen Bücher folgende mitnehmen:

Geh auf Magenta von Stephan Kaluza, besprochen auf aboutsomething. Ebenfalls auf aboutsomething habe ich von Siri Hustvedt Die Verzauberung der Lily Dahl entdeckt.

Ich lese einige Blogs regelmäßig und nehme die Bücherempfehlungen gerne auf. Das Buch von Siri Hustvedt habe ich schon begonnen und zur Hälfte ausgelesen. Da ich aber ein volles Programm bis zum Urlaub habe, werde ich erst in der Toskana dazu kommen, es auszulesen.

Von Annette Pehnt wandert das Lexikon der Angst ins Gepäck. Darauf freue ich mich besonders, da ich Annette persönlich kenne und von den Vorbereitungen des Buchs einiges von ihr erzählt bekam. Ich habe das Buch einmal überflogen aber noch nicht zu Ende gelesen. Auf dem Blog Sätze&Schätze gibt es dazu eine gute Rezension.

Das ist schon eine Auswahl aus mehr Büchern als ich lesen werde. Wir wollen uns viel anschauen und ich zeichne natürlich auch viel. Der Tag müsste 48 Stunden haben, dann würde ich viel mehr lesen.

Zum Einschlafen höre ich gerne Krimihörbücher auf meinem mp3-Player. Ich werde mir eine bunte Mischung aus Arnaldur Indridason, Jeffrey Deaver und Martin Suter aus der Bücherei ausleihen. Ich finde es sehr angenehm, dass die Bücherei inzwischen ein so großes Angebot an Hörbüchern besitzt. Meine Regale sind voll und ich muss nicht jedes Buch besitzen.

Vielleicht ist ja auch für euch das eine oder andere Buch dabei.“

Auf jeden Fall! Das Lexikon der Angst interessiert mich schon lange. Die Romane von Siri Hustvedt kenne ich und kann sie ebenfalls nur empfehlen.

Liebe Susanne, hab herzlichen Dank für die Einblicke in deinen Bücherkoffer!

Leerer Koffer, Foto: © Petra Gust-Kazakos

Dieser Koffer wartet auf die nächste Bücherladung. Foto: © Petra Gust-Kazakos

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Bücherkoffer Nr. 20 von Tobias Lindemann/Libroskop

Bücherkoffer, Foto: © Petra Gust-Kazakos

Bücherkoffer, Foto: © Petra Gust-Kazakos

Einmal um die Welt: Tobias Lindemann von Libroskop hat einen Bücherkoffer voller wunderbarer Reisebücher für uns gepackt. Manche der vorgestellten Bücher kenne und liebe auch ich, andere klingen, als sollten wir sie bald kennenlernen. Überhaupt nimmt Tobias gern viele Bücher mit auf Reisen, manchmal sind es derart viele, dass es ihm vorkommt, „als wäre die Kleidung nur noch im Koffer, damit die Bücher nicht so laut klappern“.

„Reisen und Lesen, das gehört für mich tatsächlich schon seit langem zusammen. Schon bevor ich zum Vielleser mutierte, hatte ich auf Reisen immer ein Buch dabei. Zurück zu Hause, fragte ich mich eines Tages, warum ich mir dieses beglückende Erlebnis des Lesens nicht häufiger in den Alltag holte. Seitdem ‚nehme‘ ich mir die Zeit für Lektüre und andere Dinge müssen eben warten. Die Zahl der Bücher, die ich inzwischen in den Urlaub mitnehme, ist äquivalent enorm gestiegen. Manchmal kommt es mir so vor, als wäre die Kleidung nur noch im Koffer, damit die Bücher nicht so laut klappern … “

Tobias_Lindemann

„Für meinen Reisekoffer habe ich elf Bücher ausgesucht, in denen auch das Reisen eine Rolle spielt. Doch die wenigsten sind klassische Reiseberichte. Zu ihnen gehört natürlich W. G. Sebalds wunderbares Die Ringe des Saturn, kluge, geschichtsbewusste Reflexionen voller Melancholie bei einer Wanderung durch Suffolk im Südosten Englands. Ein Geistesverwandter (und Landsmann) Sebalds ist Karl-Markus Gauß, der meiner Meinung nach die poetischsten Essays ‚von unterwegs‘ schreibt, die momentan in deutscher Sprache geschrieben werden. Sein Band Im Wald der Metropolen erzählt aus Istanbul, Bukarest, Thüringen und ganz viel aus dem südlichen Osteuropa, wo Gauß am häufigsten reist. Eine ungewohnte Perspektive auf Europa eröffnen schließlich die Schafsgesänge des japanischen Arztes und Kunsthistorikers Kato Shuichi, der in den 1950er und 1960er Jahren Frankreich, Großbritannien und das Mittelmeer kennenlernte. Seine Beobachtungen sind klug und humorvoll und bringen uns das Bekannte mit den Augen eines Fremden nahe.

Reisen in der Literatur, das sind aber – Hand aufs Herz – auch die Reisen ins Innere, zu uns selbst, auf der Flucht vor uns, auf der Suche nach ‚dem Anderen‘. Solche Prosatexte haben mich immer fasziniert und machen daher einen Großteil meines Bücherkoffers aus. Ein Klassiker in diesem Metier ist natürlich On The Road von Jack Kerouac, das ich wohl kaum näher vorstellen muss. Die Schlüsselbegriffe zu diesem Buch sind für mich Sound, Drive, Freiheit, Leidenschaft. Beklemmend und rätselhaft ist hingegen die Atmosphäre in Michel Butors Der Zeitplan. Der französische Autor beschreibt den einjährigen Aufenthalt eines jungen Mannes in der fiktiven nordenglischen Industriestadt Belston. In Tagebuchstil berichtet das Buch von den unfreundlichen Einheimischen, von einer Liebesbeziehung und von einem Kriminalfall, in den der Ich-Erzähler verwickelt zu sein scheint – oder doch nicht? Nicht gerade Werbung für den ‚Arbeitsaufenthalt im Ausland‘, aber literarisch vielschichtig und meisterlich komponiert.

Einfach drauflos laufen, aus der Haustür raus und dann schnurstracks der Nase nach, das ist ein Traum, den auch ich manchmal träume. Wie aus dieser Art des Reisens großartige Literatur entstehen kann, das hat der Norweger Tomas Espedal mit seinem Roman Gehen oder die Kunst, ein wildes und poetisches Leben zu führen bewiesen. In Anzug und Doc Martens (!) ist er – mal alleine, mal mit einem Freund – losgewandert, durch das westliche Norwegen, durch den Schwarzwald, durch die Türkei. Der Buchtitel verspricht nicht zu viel, wilder, poetischer, aber auch persönlicher geht es kaum. Ebenfalls reich an poetischen Momenten ist Emine Sevgi Özdamars Roman Die Brücke vom Goldenen Horn. Diese stark autobiografisch gefärbte Geschichte einer jungen Türkin, die in den 1960er Jahren ihr Land verlässt, nach Berlin reist und später nach Istanbul zurückkehren wird, verzaubert durch die vielen Wortschöpfungen und sinnlichen Szenen.

Die Reise zu sich selbst, die hat für mich in den letzten Jahren kaum ein deutschsprachiger Schriftsteller so fesselnd beschrieben wie Mirko Bonné in seinem Roman Nie mehr Nacht, wo eine Fahrt in die herbstliche Normandie von der Selbstauflösung zur Selbstfindung mutiert. Dem eigenen Leben auf den Grund gehen, das gelingt Franz Fühmann, einem der spannendsten Autoren der DDR, in 22 Tage oder Die Hälfte des Lebens. Hier bietet eine Einladung zu einer Lesung nach Budapest nicht nur den Background für allerlei feinfühlige Beobachtungen in der Fremde, sondern auch für ein Resümee des eigenen Lebens mit seinen Licht- und Schattenseiten.

Zum Schluss noch zwei Bücher, in denen die Reisen keine so große Rolle spielen, deren Autoren ich aber so sehr liebe, dass ich der Versuchung nicht widerstehen kann, hier für sie Werbung zu machen. Na, immerhin kommt in Travestie von Mircea Cărtărescu ein Schulausflug vor. Vielleicht eine der fremdbestimmtesten Arten des Vereisens und auch in dieser vielschichtigen, unglaublich expressiv geschriebenen Selbstfindungsgeschichte trägt der Ich-Erzähler ein Trauma davon, das sich erst Jahrzehnte später lösen wird. Giorgio Bassani schließlich, der große Melancholiker unter den italienischen Nachkriegsautoren, berichtet in der Erzählung Die Brille mit dem Goldrand von Liebe, Verrat und Ausgrenzung vor dem Hintergrund des faschistischen Italiens. Die wichtigsten Ereignisse tragen sich in einem Ferienort an der Adriaküste zu – hinter der Kulisse des sonnenverwöhnten Urlaubsdomizils lauern die menschlichen Abgründe und Bassani schreibt darüber mit unvergleichlicher sensibler Eleganz.“

Auch aus diesem Koffer nehme ich wieder viele Anregungen für meine Lesewunschliste mit. Besonders interessant klingen für mich Shuichi und Karl-Markus Gauß.

Dir, lieber Tobias, herzlichen Dank fürs Mitmachen!

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Der Dekadenz-Rabe

RabenNeues aus dem Land der Raben, zu dem sich meine Bibliothek gerade erweitert hat: Die Nr. 15 des wunderbaren Literaturmagazins Der Rabe ist auch als der dekadente oder der Dekadenz-Rabe bekannt. Hierin versammeln sich aber nicht einfach nur die üblichen Verdächtigen, sondern auch bislang völlig Unverdächtige bzw. mir bislang sogar völlig unbekannte Autoren. Wieder sehr lesenswert!

Diese herrlichen Text- und Bildversammlungen innerhalb der einzelnen Raben haben mich bisher – die Nr. 15 ist mein vierter Rabe – jedes Mal begeistert. So auch beim Thema Dekadenz. Meine persönlichen Highlights dieser wunderbaren Sammlung:

„Flauberts englische Geliebte“ von Julian Barnes, ein Kapitel aus Flaubert’s Parrot, das ich bereits kannte und nun mal zur Abwechslung auf Deutsch gelesen habe.

Die Erzählung „Die Verführung“ von Joris-Karl Huysmans – bekannt vor allem für seinen Roman Gegen den Strich, in dem er aufs Anschaulichste vorführt, wie dekadent man sein kann – über einen Liebhaber, den die Jagd mehr interessiert als die Beute. Der Auszug stammt aus seinem Roman Là-bas.

„Tod eines Wombat“ von F.W. Bernstein mit Wombat-Bildern von Dante Gabriel Rossetti, J. Gould, Treffry Dunn, William Michael Rossetti,William Bell Scott, Max Beerbohm, Edward Burne-Jones u. a. hat mich am meisten überrascht. Mir war nämlich bis dato nicht bekannt, wie beliebt Wombats waren bzw. was für ein großer Fan Rossetti von ihnen war. Ich hielt das zunächst sogar für einen Scherz à la Die wahre Geschichte von Hänsel und Gretel – aber nix da, es stimmt tatsächlich! Und ein sehr hübsches Büchlein gibt’s auch dazu. Bernsteins Beitrag wiederum ist ein Auszug aus seinem Buch Bernsteins Buch der Zeichnerei, das ich mir am liebsten gleich bestellt hätte, wäre es nicht so teuer …

„Reginald über Einladungen“ von Saki ist überaus amüsant. Aber wer ist eigentlich Saki? Falls ihr es auch nicht wisst, mehr über Hector Hugh Munro, so sein richtiger Name, findet ihr bei Wikipedia.

Ebenfalls sehr amüsant ist „Muss das künstlerische Material kalt gehalten werden? Anmerkungen zu Benn“ von Arno Schmidt, das mal wieder meine Ansicht bestätigt, dass Schriftsteller/Künstler etc. immer noch am besten über einander lästern können.

„Nonita“ von Umberto Eco war auch so eine Überraschung: Der Autor verdreht die bekannte Geschichte von Nabokovs Lolita ins Gerontophile, also in ihr Gegenteil. Die Hauptfigur heißt übrigens Umberto Umberto ; )

In „Die Alten. Exemplarische Skizzen“ singt Axel Marquardt ein Loblied aufs Alter und zeigt anhand einiger Vertreter die wahre Weisheit der Alten. Auch von Axel Marquardt hatte ich bisher nie gehört, dabei schreibt er wirklich gut. Auch das ein Vorteil der Raben: Es gibt immer wieder etwas bzw. jemanden neu zu entdecken!

Das genaue Inhaltsverzeichnis des Raben Nr. 15 findet ihr unter http://www.mjucker.ch/derrabe/15_gif.html. Wenn ihr ein bisschen weiterklickt, werdet ihr dort auch die Inhaltsverzeichnisse aller weiteren Raben finden.

Aber nicht nur die Raben sind wunderbar, auch meine Bloggäste sind’s. Zweien von ihnen – Ulli Gau vom Café Weltenall und Pierino – verdanke ich, dass ich nun um fünf Raben reicher bin (siehe Foto). Die Raben kamen letzte Woche angeflogen und ich habe mir für meine nächsten Straßenbahnfahrten den maritimen Raben in die Handtasche gesteckt. Mehr dazu, wenn ich durch bin. An Ulli und Pierino jedenfalls ganz herzlichen Dank!

 

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Bücherkoffer Nr. 19 von Jochen Kienbaum/lustauflesen

Bücherkoffer, Foto: © Petra Gust-Kazakos

Bücherkoffer, Foto: © Petra Gust-Kazakos

Auch eine gute Idee: Jochen von lustauflesen packt für uns eine Tasche im Nachhinein. Die Irland-Reise hat er nämlich bereits hinter sich, das macht aber nichts, denn für die Bücherkoffer-Serie präsentiert er uns wunderbare Vorschläge, welche Bücher man für diese Reise mitnehmen könnte.

 

„Also, das ist jetzt ein wenig peinlich. Ich packe hier einen Bücherkoffer für eine Reise, die schon vorbei ist; Dublin – Galway – Doolin – Dingle – Kenmare – Dublin: das war Ende Mai/Anfang Juni die Reiseroute. Bei schönstem Wetter, ganz ohne irischen Landregen. Ja, so geht es auch.

Diese ganz und gar irische Büchertasche, für einen ganzen Koffer ist es zu wenig, ist also nur virtuell; das hätte ich einpacken können! – Oder müssen? – Egal ist eh zu spät. Wäre aber in jedem Fall eine (mögliche) prima Büchertasche gewesen.

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Samuel Beckett, Gesammelte Kurzprosa

Es gibt Menschen, die glauben tatsächlich sie würden Beckett kennen, nachdem sie einmal „Warten auf Godot“ gesehen haben. Welch ein Irrtum. Der wahre Beckett steckt in der Prosa. Und weil mir im Urlaub die großen Romane zu groß sind, packe ich die kleinen Texte ein; alle versammelt in einem schönen Band (in der genial-brillanten-niemals-genug-zu-lobenden Übersetzung von Elmar und Erika Tophoven). Das sind kurze Texte mit langer Nachwirkung, von den ganz frühen, leicht bekömmlichen bis zu den ganz späten, vertrackt-rätselhaft verschachtelt-poetischen.

Paul Murray, Skippy stirbt

Eine junge literarische Stimme Irlands muss auch mit; na, sagen wir eine jüngere. Skippy stirbt ist ein wirklich toller, absurd-komischer, tief-trauriger Roman übers Erwachsenwerden und Erwachsensein. Leider ist die hier eingepackte, schön gestaltete, dreibändige Ausgabe im Schuber beim Verlag Doris Kunstmann längst vergriffen. Aber auch als schnödes Taschenbuch können und sollten jugendliche und nicht mehr ganz so jugendliche Leser diesen Roman genießen.

Jonathan Swift, Gulliver’s Travels

Ein alter Penguin-Classics’-Band; zerfleddert und mit gebrochenem Kleberücken. Aber was Englischsprachiges muss mit an Bord. Mit Gulliver’s Travels auf Reise gehen. Swifts Gesellschaftssatire trifft nämlich heute noch ins Ziel; sooo fremdartig sind die Länder nicht, die Gulliver bereist.

Flann O’Brien, Auf schwimmen zwei Vögel (Hörbuch)

Flann O’Brien, übersetzt und vorgelesen von Harry Rowohlt. Das sagt schon alles. Zwei Whisky-geschwängerte Stimmen der Literatur vereint, was für ein Duett. Muss ich da noch mehr sagen? Zum Brüllen, echt! zum Brüllen, komisch und völlig durchgeknallt. Eine Art Roman-im Roman-im Roman-Geschichte mit Cowboys in Dublin und vielem, vielem mehr. Alles druff auf den iPod und rein in die Tasche.

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James Joyce, Giacomo Joyce

Ein Joyce muss sein, einer der weniger bekannten. Dies ist Liebesgedicht, das niemals aufgesagt wurde. Der junge Sprachlehrer hat es um 1909 heimlich in Triest geschrieben; für eine seiner Schülerinnen, mit der er sich auf eine Affäre eingelassen hatte. Ein feines, poetisches Novellchen von einem Mann, der sich vergisst. Das Bibliothek-Suhrkamp-Bändchen ist zweisprachig und druckt auch das Faksimile der Handschrift ab. Schön!

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Laurence Sterne, Eine empfindsame Reise durch Frankreich und Italen. Von Mr. Yorick

Quasi im Rausgehen noch aus dem Regel geschnappt. Das kleine rote Büchlein aus dem Galiani Verlag muss noch mit, weil ein Reisebuch einfach zum Reisen gehört. In der wunderbaren Übersetzung von Michael Walter blühen diese frisch-frivolen unvergänglichen Reise- und Liebesabenteuer aus dem 18. Jahrhundert wieder auf. Sterne ist frisch und lebendig, obwohl wir vor kurzem bereits seinen 300. Geburtstag feiern durften. Mehr zu Sterne und Walter unter: http://lustauflesen.de/laurence-sterne/

Und weil in Irland Oscar Wilde nicht fehlen darf, noch ein Anachronismus. Ich packe für die Reise ein Lesezeichen ein, das erst am Ende der Reise gefunden wurde. Wenige Stunden vor dem Rückflug, in einem kleinen Buchladen am Rande von Temple Bar. Hier wurde weitere irische Literatur gebunkert. Ohje, noch eine Tüte fürs Handgepäck!

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Und ganz zum Schluss; weil der iPod eh schon drin ist in der Tasche, packe ich da noch das Gesamtwerk von U2 drauf. Geht immer!

P.S.: Was ich wirklich mitgenommen habe, damals auf die Irlandreise, bleibt geheim. Nur soviel sei verraten, es war definitiv irisch! Und die Büchertasche ist nicht ohne Grund eine Tasche: Bücher kommen grundsätzlich mit ins Handgepäck. Das wird nämlich, anders als der Koffer, nicht gewogen. Und selbst groooße, schweeere Taschen gehen noch als Handgepäck durch.

P.P.S.: In Dublin haben wir selbstverständlich auch bei Leopold Bloom angeklopft, aber er war grad wieder in der Stadt unterwegs.“

So eine Reise würde mir jetzt auch gut gefallen – die Lektüretipps sind jedenfalls schon mal klasse! Gut, dass sie sich auch im heimischen Lesesessel genießen lassen.

Dir, lieber Jochen, ganz herzlichen Dank fürs Mitmachen!

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Bücherkoffer Nr. 18 von Norman/notizhefte

Bücherkoffer, Foto: © Petra Gust-Kazakos

Bücherkoffer, Foto: © Petra Gust-Kazakos

Wie wir schon gesehen haben, muss man für die Serie „Bücherkoffer“ nicht auf Reisen gehen, man muss nicht mal reiselustig sein oder Ferien in fernen Gefilden planen. Aber Leselust gehört auf jeden Fall dazu, ob daheim oder unterwegs. Und wenn es nur mit der S-Bahn ist. Statt professoraler Koffermatrioschka – herrliches Wort übrigens, werdet ihr gleich vom Urheber selbst lesen – serviert uns Norman vom wunderbaren Blog notizhefte ein professorales Bücherkofferleporello, nur ohne Koffer.

„Allerlei Ausweichmanöver wurden ja schon präsentiert: die professorale Koffermatrioschka, Packphobie, die fremdbestimmte Lektüre, unzählige Hinweise in den Kommentaren! Mir bleibt also nur das schlichte Bekenntnis, gar nicht so richtig in den Urlaub zu fahren. Und also auch nicht großartig Bücher einzu-, geschweige denn einen ganzen Bücherkoffer zu packen.

Auf dem Weg zur kürzlichen Sommerfrische im Elternhaus begleiteten mich die unbefriedigende Max-Weber-Biographie von Dirk Kaesler (Lesefortschritt 100 Seiten) und der grässliche Roman Nachkommen von Marlene Streeruwitz (Lesefortschritt 200 Seiten). Zur Erholung nahm ich mir Martha Grimes‘ Inspektor Jury geht übers Moor aus dem Regal und las es in einem Rutsch oder Flutsch, wie Birgit sagen würde, durch. In der Buchhandlung Dr. Vaternahm erstand ich Ernest Hemingways Paris − Ein Fest fürs Leben und legte es daheim jungfräulich auf den Stapel.“

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„Angeregt durch einen Artikel im Thomas-Mann-Jahrbuch (gelesen in der S-Bahn auf dem Weg ins Büro und zurück) erstand ich zurück in Berlin von Hermann Hesse Demian. Die Geschichte von Emil Sinclar, das alsbald ausgelesen sein wird; ein schmales Bändchen.

Aktuell lese ich noch Zeilen und Tage. Notizen 2008-2011 von Peter Sloterdijk, das von wechselndem Unterhaltungs- und Neuigkeitswert ist, sowie das sehr interessante Buch Die Verteidigung der Kultur. Mythos und Musik als Medien der Gegenmoderne von Tim Lörke. Dank der guten Kapiteleinteilung als Etappenstudierbuch geeignet ist Kunst und Archäologie der griechischen Welt. Von den Anfängen bis zum Hellenismus von Richard T. Neer − auch meine Antikensektion fordert schließlich ihr Recht! Sonntags schließlich reserviere ich Zeit für jeweils ein oder zwei Gesänge aus Goethes Reineke Fuchs.“

Ist das nicht ein feines Lektürenleporello, das Norman da für uns entfaltet? Sehr vielseitig und interessant! Inzwischen hat Norman übrigens den Demian ausgelesen, seine Leseeindrücke findet ihr hier.

Dir, lieber Norman, ganz herzlichen Dank fürs Mitmachen! Den Hemingway fand ich übrigens ganz großartig, er ist als Etappenbuch für unterwegs ebenso geeignet wie für den heimischen Lesesessel.

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Bücherkoffer Nr. 17 von Tilman/54books

Bücherkoffer, Foto: © Petra Gust-Kazakos

Bücherkoffer, Foto: © Petra Gust-Kazakos

„Ich fahre nicht in den Urlaub – ich komme nach Hause“, sagt Tilman von 54books über sein Sommerferienziel. Und: Seinen Bücherkoffer lässt er „fremdbestimmt“ packen. Was es damit genau auf sich hat, erfahrt ihr in seinem Beitrag zur Serie „Bücherkoffer“.

 

„Jeden Sommer meines Lebens war ich dort. Seit über 25 Jahren verbringe ich meinen Urlaub an der Ostsee. Ich kenne es nicht anders, ich kann schon lange nicht mehr anders. So wie mein Leben vom Lesen bestimmt wird, sind mit diesem Ort zwangsläufig vielfältige Leseerinnerungen verknüpft. Mein erstes Buch habe ich hier alleine gelesen: Fünf Freunde und das Burgverlies, in der Version, die bereits meine Mutter als Kind las. Ein Erweckungserlebnis!“

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„Lesen im Urlaub ist Familienpflicht. Teilweise mussten wir für die dreiwöchige Sommerfrische, trotz Kombi, ein Buchpaket von der Heimat- an die Urlaubsadresse schicken. Denn an einem Ort, den man bereits vor Jahren vollständig erkundet hat, wurde und wird häufig tagelang nichts anderes unternommen als zu lesen. ‚Wir haben immer draußen gespielt, nur Tilman hat gelesen‘, so beschrieb neulich ein alter Urlaubsfreund meine Kindheit im Sommer. In Hohwacht, so der Name dieser, meiner Ostseeperle, hatte ich endlich Zeit, mich, nur unterbrochen von Essen, Schlafen und geringer sozialer Interaktion, meiner Lektüre zu widmen. Waren es in jungen Jahren ganze (Jugendbuch-)Serien, die ich am Stück las (die Bücher um Berts Katastrophen, Artemis Fowl oder Walter Moers), habe ich mich in den letzten Jahren auf das konzentrierte Studium von Klassikern verlegt: Faust will mehrfach durchgearbeitet sein, um ihn ansatzweise zu erfassen, Krieg und Frieden in der Neuübersetzung von Barbara Conrad braucht mit über 2000 Seiten Aufmerksamkeit am Stück, ebenso Moby Dick im letzten Jahr, das ich mit Sicherheit nicht so konsequent zu Ende gelesen hätte, wäre mir die Lektüre durch Alltag zerstückelt worden.“

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„Weil ich nun aber zu viele große Klassiker im Regal stehen habe, lasse ich seit letztem Jahr die Leser meines Blogs über meine Urlaubslektüre abstimmen. Den ersten großen Stapel mit rund 15 potenziellen Werken habe ich auf 6 eingeschmolzen, aus denen man noch bis zum 16.8. wählen kann.

Zur Auswahl stehen:

1. Der Mann ohne Eigenschaften I – Robert Musil
2. Der Idiot – Fjodor Dostojewskij
3. Leben und Ansichten von TristramShandy – Laurence Sterne
4. Doktor Faustus – Thomas Mann
5. Dichtung und Wahrheit – Johann Wolfgang Goethe
6. Rot und Schwarz – Stendhal

Meinen Bücherkoffer lasse ich also fremdbestimmt packen. Definitiv mitnehmen werde ich aber die erst zu 25 % gelesene Hitler-Biographie von Volker Ullrich und, hierfür stehen Carver und James nur als Beispiele, amerikanische Erzähler, denn ich habe ein Kurzgeschichtenphase: John Cheever ist schon geordert, Richard Yates wird folgen, John Updike auch noch eingepackt – alles als Snack zwischen dem noch zu wählenden Wälzer und A.H.“

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Ich finde Tilmans Idee, seine Bloggäste über seine Lektüre abstimmen zu lassen, klasse – und mutig. Könnte ja auch sein, dass er doch im Geheimen ein Lieblingsbuch hat, das er gern mit in die Ferien nehmen würde … Andererseits: Er kann ja so viele Bücher mitnehmen, wir er tragen mag, auch sein geheimes Lieblingsbuch.

Zur Abstimmung und Kurzbeschreibung der Werke geht es hier.

Dir, lieber Tilman, herzlichen Dank fürs Mitmachen! Ich wünsche dir jetzt schon schöne Leseferien und freue mich auf deine Buchbesprechungen nach dem Urlaub.

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