Blogpause

Auf bald, ihr Lieben!

Ankunft_PortoRafti

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Der Rabe, Nr. 4

Der Rabe mit der Nr. 4 ist auch als der Neue-deutsche-Literatur-Rabe bekannt. Für mich war er eher der kritische Rabe, denn es gibt einige hervorragende Texte, die sich mit Kritik im Allgemeinen und schrägen Interpreten im Besonderen befassen.

Ich habe ein gewisses Faible für Texte, in denen die Literaturkritik kritisiert wird oder ganz bestimmte Kritiker, die sich eine womöglich eher ungewöhnliche Sicht auf ein Werk (allzu oft auch auf den Autor selbst) zu eigen gemacht haben. Vermutlich, weil ich die Gehässigkeit gewisser Kritiker ziemlich widerlich finde, die, statt ein Buch zu besprechen und meinetwegen auch nicht gut zu finden, die Autorin oder den Autor persönlich angreifen (zuletzt am Beispiel des kürzlich erschienenen Romans von Judith Hermann wieder zu erleben).

Im Raben Nr. 4 jedenfalls gibt es beispielsweise einen Beitrag von Jörg Drews mit dem Titel „Die beste aller denkbar möglichen Listen?“ und dem beziehungsreichen Untertitel „Eine grundsätzliche Nörgelei zur ‚Bestenliste‘ des SWF-Literaturmagazins“, derlei poppt ja in Variation auch immer wieder auf Literaturblogs auf, die sich über die Zusammensetzung irgendwelcher Nominierter für irgendwelche Preise wundern. Drews wundert sich nicht nur, er nörgelt ordentlich, und das sehr lesenswert. Weitere Nörgeleien von Eckhard Henscheid über die „Lage der deutschen Literaturkritik“ oder auch der „Bruder Kuhn“ von Hans Wollschläger über einen schrägen Interpreten der Werke Arno Schmidts haben mich ebenfalls bestens amüsiert. Die anderen Texte sind auch prima, aber diese drei waren meine persönlichen Highlights. Hier der Link zum kompletten Inhaltsverzeichnis.

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Der Hotel-Rabe

Möwe auf dem Balkon. Foto: © Petra Gust-Kazakos

A doubtful guest: die diebische Möwe. Foto: © Petra Gust-Kazakos

Der Rabe Nr. 33, auch Hotel-Rabe genannt, war mein Einstieg in diese wunderbare Magazinreihe. Wer gerne reist und eine gewisse Bequemlichkeit schätzt, könnte mit den Texten der Nr. 33 zu allerley Hotels, Zimmern, Gästen etc. ebenso viel Spaß haben wie ich.

Herausgegeben wurde dieser Rabe von Elsemarie Maletzke, die ich zum einen wegen ihrer schönen Biographien (beispielsweise zu den Brontës) und zum anderen wegen ihrer Reiseberichte, die sie zuweilen in der Zeit schreibt, sehr schätze. Und zu schätzen weiß ich auch die tolle Mischung der Autorinnen und Autoren, die sich im Hotel-Raben versammeln: Wilhelm Genazino, Robert Gernhardt, James Boswell, Charlotte Brontë oder auch Hans Magnus Enzensberger, um nur einige zu nennen. Von letzterem stammt auch eines der Zitate ganz zu Anfang:

„Das Hotel ist das Schloß des Großbürgertums. In ihm usurpiert die neue Klasse demonstrativ die Lebensformen der Aristokratie. Sein Milieu ist der unbewältigte Luxus. Während der echte Aristokrat dem Reisen um seiner selbst willen ebenso abgeneigt ist wie der Bauer, stellt der bürgerliche Parvenu als Reisender zur Schau, was ihm zu Hause versagt bleibt. Die Freiheit, in die er als Tourist zu entkommen vermeint, ist nicht nur die einer historischen oder räumlichen Ferne, sondern auch die einer Lebensform, die er für die gesellschaftlich höhere hält. Er sucht nicht nur die Geschichte als Museum, nicht nur die Natur als botanischen Garten, sondern auch gesellschaftliche Entrückung im Bilde des high life auf.“

Wir finden in diesem Raben Grand Hotels und solche, die man lieber vergessen möchte, Hotelzimmer, die sich prima zum Ausspionieren der übrigen Gäste eignen, und alle möglichen Gäste, von denen auch jene, die gemeinsam reisen, nicht unbedingt die passendsten Reisegenossen sind. Rundherum zu empfehlen! Hier noch ein Link zum genauen Inhaltsverzeichnis.

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Hallo Dresden!

Joachim Witt sang zwar einst, dass er der Goldene Reiter sei, aber eigentlich ist es August der Starke (1670 – 1733)

Joachim Witt sang zwar einst, dass er der Goldene Reiter sei, aber eigentlich ist es August der Starke (1670 – 1733)

Mein Liebster und ich waren am Wochenende zu einer Hochzeit in Dresden eingeladen – und hatten auch ein bisschen Zeit, um erste Eindrücke von dieser schönen Stadt zu sammeln. Unser Fazit: Wir waren zwar zum ersten, doch sicher nicht zum letzten Mal dort.

Die Hochzeit und das Wiedersehen mit Freunden und Bekannten waren natürlich das Allerwichtigste bei unserem Besuch, daher haben wir uns nicht allzu ausführlich mit den zahlreichen Sehenswürdigkeiten befasst. Aber doch ein bisschen. Am ersten Abend, einem Donnerstag, trafen sich die bereits angereisten Hochzeitsgäste auf den Lingnerterrassen am Lingnerschloss, eines der drei nebeneinander liegenden Elbschlösser am Dresdner Elbhang.  Das war für den Anfang perfekt, denn dort bietet sich den Gästen außer ausgezeichnetem Essen auch gleich eine tolle Aussicht über die Stadt.

Übernachtet haben wir im Hotel Hofgarten 1824. Die Zimmer sind klein, hell und mit dem Wichtigsten ausgestattet: Bett, zwei Nachttische mit Lampen (hell genug zum Lesen), zwei Stühle, eine Kommode und eine Garderobe. WLAN gibt es auch und das unprätentiöse Frühstücksbüffet hält eigentlich für jeden Geschmack etwas bereit (Brot, Toastbrot, Brötchen, gekochte Eier, Wurst, Käse, Nutella, Honig, Cornflakes, Obst etc.). Das Hotel in der Theresienstraße 5 liegt sehr günstig; von dort aus lassen sich zu Fuß etliche Dresdner Schönheiten erlaufen.

Lesezeichen_PlauenerSpitzeSo bummelten wir denn am Freitag durch Dresden. Dabei haben wir beispielsweise gelernt, was eigentlich Plauener Spitze ist, nämlich eine seit 1881 maschinengestickte Tüllspitze. Die freundliche Verkäuferin in dem kleinen Laden in den Kunsthandwerkerpassagen erzählte uns geduldig alles, was wir über die Plauener Spitze wissen wollten. So auch, dass diese auf der Weltausstellung in Paris sogar den Grand Prix erhielt und dass bei Stickspitze, anders als etwa bei geklöppelter Spitze, die Stickerei auf ein Untergrundgewebe aufgestickt werden muss, das hinterher ausgeschnitten oder weggeätzt wird. Heutzutage verwende man dazu auch Gewebe, das sich bei Kontakt mit warmem Wasser auflöst. Interessant. Und eine gute Gelegenheit, meine Lesezeichensammlung um ein Lesezeichen aus Plauener Spitze zu erweitern.

LeseLust

Um die Ecke entdeckten wir die Buchhandlung LeseLust, die uns zunächst wegen ihres Namens auffiel (von wegen Leselust & Reisefieber). Eine kleine, wohlsortierte Buchhandlung mit gemütlichen Leseplätzchen, die zahlreiche interessante Entdeckungen bietet. Für mich zum Beispiel die schöne Ausgabe mit Essays von Charles Lamb. Das Buch Eine Abhandlung über Schweinebraten erschien im Berenberg Verlag und lacht mich an, auf dass ich es bald lese.

ImposantWir spazierten über die Augustusbrücke und sahen uns die üblichen Verdächtigen an, allerdings alles nur von außen. Wunderschön, sehr prachtvoll, sehenswert. Die Preise in den Cafés und Restaurants trotz hoher Touristendichte moderat, die Leute sehr freundlich. Zeit für den einen oder anderen Museumsbesuch nehmen wir uns erst bei einem ausgiebigeren Trip.

Übrigens gefielen mir die prächtigen Gebäude und besonders auch der Fürstenzug – komplett aus Fliesen aus Meißner Porzellan – bei Nacht besonders gut.

Obwohl: Eine Museums-Ausnahme gab es dann doch am Sonntag, unserem Abreisetag. Wir hatten noch ein paar Stündchen Luft zwischen Auschecken aus dem Hotel und dem Abflug und spazierten ein wenig herum. Dabei stießen wir auf das kleine, schön gemachte Erich Kästner Museum, das ich hiermit wärmstens empfehlen möchte. Es befindet sich in der Villa Augustin am Albertplatz. Besagte Villa gehörte einst Kästners Onkel, Franz Augustin, einem wohlhabenden Pferdehändler, den Kästner häufig besuchte. Das Museum selbst heißt nicht umsonst micromuseum, denn die mobilen Säulen mit den Schubladen und Fächern, die das Museum bilden, sind flexibel hierhin und dorthin zu verstellen und können sogar auf Reisen gehen. Das Konzept stammt von dem Architekten Ruairí O’Brien und ist ebenso einfach wie raffiniert: 13 Säulen mit verschiedenfarbigen Schubfächern, in denen man Informationen, Fotos, Zeugnisse, Zitate und vieles mehr von und zu Erich Kästner findet. Mir gefiel dieser mosaikhafte Ansatz sehr gut, man setzt sich, ohne an eine Reihenfolge gebunden zu sein, selbst ein Bild zusammen. Auf der Homepage des Museums findet ihr weitere Informationen.

Ja, und nun ist der Ausflug schon wieder vorbei, die schönsten Stunden sind leider allzu oft auch die kürzesten. Ich freue mich jedenfalls auf meinen nächsten Dresden-Besuch.

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Bücherkoffer Nr. 22 von Perlengazelle

Bücherkoffer, Foto: © Petra Gust-Kazakos

Bücherkoffer, Foto: © Petra Gust-Kazakos

Diesmal darf ich euch den Bücherkoffer von Perlengazelle präsentieren, so nennt sich die sympathische Bloggerin „aussem Pott“, deren Blog ich schon seit geraumer Zeit folge. Auch weil ihre Vorlieben, die sie im „About“ nennt, sich mit etlichen meiner eigenen decken, beispielsweise Woody Allen, Mascha Kaléko, Siri Hustvedt, Loriot, Ruhrpott-Humor, lesen, schreiben etc. Nur eine Vorliebe teilen wir nicht: das Reisen. Deshalb packt die Perlengazelle in ihren Koffer lauter Bücher, die einem womöglich das Reisen vermiesen könnten.

„Ich verreise nicht gern. Wochen vorher werde ich schon hibbelig, schreibe ellenlange Listen, hake gewissenhaft ab, weil ich nichts vergessen möchte, weil ich auf alles vorbereitet sein will, weil es im Urlaub mindestens genauso gemütlich sein soll wie zu Hause. Und deshalb packe ich auch für jeden erdenklichen Notfall – viel zu viel, auch viel zu viele Bücher. Was weiß denn ich, wonach mir zu Mute sein wird. Wird es mir zu warm oder zu kalt? Möchte ich Anspruchsvolles oder Schmöker lesen? So viele Entscheidungen überfordern mich. Möchte lieber zu Hause bleiben, fahre nur HAL (= Herzallerliebster) zuliebe. Weil der mal raus muss. Weg von seinem Büro, das er oben im Dachgeschoss betreibt.

Bin skeptisch. Weil ich weiß, dass ich all die herrlichen Bücher nicht lesen werde. Ich weiß, was mich erwartet.

Es liegt an den Sitzgelegenheiten. Im Urlaub kann ich nicht sitzen. Die Sessel in der Unterkunft sind klein und eng, ohne Kopfstütze – man sitzt in ihnen wie in einem Schraubstock, kerzengerade, die Hände fest an den Körper gepresst. Die Füße hängen herunter und schlafen ein, will ich sie nicht höchst unfein auf den Tisch legen. Das Sofa verwandelt sich in kürzester Zeit in eine schiefe Ebene, auf der man langsam nach unten rutscht. Zudem besteht es aus Kunstleder. Man fühlt sich wie in einer Sauna. Alles klebt. Bäh.

Und der Strandkorb, der Gemütlichkeit verspricht mit seinem Fußschemelchen und ausklappbarem Tischchen, verwandelt sich in ein Folterinstrument. Die Polsterung ist notdürftig – schnell spürt man die Bretter. Ich beginne zu zappeln, herumzurutschen, bis ich entnervt mein Buch in die Tasche pfeffere und stundenlang am Strand spazieren muss. Dann hab ich Sand zwischen den Zehen. Was die Sache nicht besser macht.

Nach dem Urlaub habe ich regelmäßig Rücken und Nacken. Und ungelesene Bücher.

Also muss ich HAL überzeugen, den (nächsten) Urlaub sausen zu lassen. Und hinterlistig packe ich nur Bücher ein, die einem das Reisen gründlich vermiesen sollen.“

Perlengazelle_Marion

„David Foster Wallace berichtet in seinem Roman Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich über die seltsame Spezies der Kreuzfahrer und des Personals. Es wimmelt von ‚blasslila Hosenanzügen, Sakkos von menstrualem Rosa, braun-violetten Trainingsanzügen und weißen Freizeitschuhen ohne Socken‘. Wer nach dem Lesen noch immer mitfahren möchte, ist selber schuld.

Letzte Welten von Steven Heighton basiert auf einem einer tatsächlichen Ereignis:  die ‚Polaris‘-Expedition des US-Militärs (1872) an den Nordpol. Durch ein Unglück im Packeis werden neunzehn Menschen vom Schiff getrennt und treiben auf einer Eisscholle gen Süden. Und was passiert, wenn Menschen unterschiedlicher Nationalität ein halbes Jahr zusammen verbringen müssen? Klar, sie meutern und errichten einen Grenzzaun mit Schlagbaum und Wache. Währenddessen schmilzt die Eisscholle immer mehr …

Für den Roman Das geraubte Leben des Waisen Jun Do recherchierte der Autor Adam Johnson mehrere Monate in Nordkorea. Die irre turbulente Geschichte des Waisen Jun Do (John Doe?), der eigentlich kein Waise ist, wie er ständig behauptet, bekommt satirische Züge, als er in geheimer Mission nach Texas reist. Tägliche Ansprachen des geliebten Führers Kim Jong Il, ständige Überwachung und Terror, brutale Arbeitslager sorgen für das nötige Lokalkolorit. Ein Traumurlaubsland.

Für den Roman Das Narrenschiff wurde Katherine Anne Porter durch eine Schiffsreise nach Europa und das Buch Narrenschiff (1494) von Sebastian Brant inspiriert. Erzählt wird von der Überfahrt des Dampfschiffes ‚Vera‘ von Veracruz, Mexiko, nach Bremerhaven im Jahre 1931. Ein zentrales Thema des Romans ist das Aufkommen des Nationalsozialismus. Unterschiedliche Kulturen und Ressentiments prallen brutal aufeinander. Nach der Fahrt darf man mit Recht sagen: Die Hölle, das sind die anderen.

Natürlich darf Moby Dick von Herman Melville nicht fehlen. Der Untergang des Walfängers Essex, ein Artikel von Jeremiah Reynolds im New Yorker Knickerbocker Magazine sowie eigene Erfahrungen auf einem Walfänger inspirierten Melville zu diesem Buch. Im Anhang dieser Ausgabe findet sich Hintergrundmaterial wie Notizen von Melville über den Schiffbruch der Essex, Tagebuchnotizen von J. Reynolds, Briefe von Melville an Sophia und Nathaniel Hawthorne, mit dem Melville befreundet war. Die Hintergründe sind wie immer das Salz in der Suppe.

Und wenn man mit dieser Welt als Reiseziel abgeschlossen hat, bleibt einem nur noch ein Ausflug in extraterrestrische Gebiete. Aber Vorsicht. Im Roman Solaris von Stanislaw Lem ist der Planet Solaris von einem gallertartigen Ozean bedeckt. Dieser kann das Objekt der geheimsten Schuld von Menschen in ihrer Psyche ausfindig zu machen und reproduzieren, in Form von sogenannten ‚Gästen‘. Diese sind sich darüber nicht bewusst, sondern glauben, die jeweilige Person zu sein und verhalten sich genau so. Im Fall des Erzählers ist es eine junge Frau, an deren Tod er sich schuldig fühlt.“

Das ist ja wirklich eine tolle Mischung, liebe Perlengazelle! Einige der Bücher kenne ich und muss dir sagen: Bei mir funktioniert das nicht, ich bin immer noch reiselustig ; ) Dir jedenfalls ganz herzlichen Dank fürs Mitmachen!

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Online nichts Neues: Zeitungsfrühstück, Folge 79

Foto: (c) Gerda Kazakou

Foto: (c) Gerda Kazakou

Wie macht man es sich gemütlich an einem verregneten Sonntagmorgen? Am besten die Kerzen an und ein ausführlichen Zeitungsfrühstück genießen. Am Zeitungsfrühstücksbüffet serviere ich euch meine Highlights aus dem Zeitmagazin und der ZEIT Nr. 36 vom 28. August 2014. Allerdings stoße ich dabei auf unerwartete Schwierigkeiten: Offenbar hat DIEZEIT seit meinem letzten Frühstück im März ihr Konzept verändert, sodass ich euch keine Links mehr zu den ZEIT-Artikeln anbieten kann. Online nichts Neues, könnte man überspitzt formulieren. Da hilft nur: Regenschirm aufspannen und auf zum nächsten Kiosk.

Mit Traditionen brechen

Traditionell habe ich das Zeitungsfrühstück immer mit der Kolumne von Harald Martenstein begonnen, diesmal macht er sich Gedanken „Über ungerecht verteilte Intelligenz“ und wundert sich darüber, dass in der Oberstufe statt Goethe Brecht gelesen wird. Brecht sei „näher an der Lebenswirklichkeit der Schüler“. Mein Lieblingssatz aus seiner Kolumne: „Ich dachte immer, bei ‚Bildung‘ gehe es darum, den Horizont der Schüler zu erweitern, nicht darum, ihren Horizont widerzuspiegeln.“ Leider muss ich bei dieser traditionellen Eröffnung mit der Tradition des passenden Links brechen.

Im Bett mit Havis Amanda

Im Reiseteil konnte ich euch schon bei früheren Zeitungsfrühstücks selten die passenden Links zum Online-Artikel anbieten, daran ändert sich auch beim neuen Online-Konzept nichts. Dennoch der Hinweis auf den interessanten Artikel „Bettgeflüster mit Nixe“ von Jessica Braun über den Künstler Tatzu Nishi, der um das berühmte Wahrzeichen Helsinkis, die Brunnenfigur Havis Amanda, herum ein Hotelzimmer errichtet hat. Der japanische Künstler nämlich ist fasziniert von den vielen Statuen, Denkmälern großer Denker, Herrscher etc., in Europa, die es so in Japan nicht gibt, und bedauert, dass diese Kunstwerke von den Passanten oft gar nicht mehr als solche wahrgenommen werden. Die Autorin des Artikels hat eine Nacht mit der Havis Amanda, auch Manta genannt, im temporären „Hotel Manta“ verbracht. Mehr zu diesem Projekt lest ihr hier.

Marina Abramović: Aus der Zeit rutschen

Ganz besonders bedaure ich, dass Hanno Rauterbergs Artikel „Vom Brüllen zum Schweigen“ über die großartige serbische Performance-Künstlerin Marina Abramović nicht online ist. Er berichtet darin unter anderem von ihrer letzten Performance „512 Hours“ in der Serpentine Gallery im Hyde Park. Das Museum selbst war ganz leer, die Besucher, die von der Künstlerin per Handschlag begrüßt und verabschiedet wurden, sollten ihre Mobiltelefone, Uhren und Kameras am Eingang abgeben und konnten so selbst Teil einer Performance werden, bei der es um die entlastende Erfahrung der Zeitlosigkeit, der Leere ging. Klingt unheimlich interessant! Auf Englisch könnt ihr in einem Artikel im Guardian darüber lesen.

Mein Liebster und ich hatten das Glück, sie vor vier Jahren Im MoMA bei ihrer Performance „The Artist is Present“ zu erleben, eines meiner intensivsten Erlebnisse mit Performances, von denen ich eigentlich kein großer Fan bin. Mehr dazu in einem Artikel der Art.

Renaissance des weißen T-Shirts?

Moritz von Uslar schreibt in seinem Beitrag „Eine Erholung“ über das neue, häufige Auftauchen weißer T-Shirts und sinniert über Interpretationsmöglichkeiten dieser Erscheinung. Mir persönlich ist das relativ schnurz, zumal ich euch auch hier keinen Link anbieten kann. Ich erwähne das eigentlich nur, um ein Foto von Stephan Porombka mit einem weißen, beschrifteten T-Shirt unterzubringen. Denn ich habe gar keine weißen T-Shirts, aber dieses hier würde ich eventuell auch anziehen.

Foto: © Stephan Porombka

Foto: © Stephan Porombka

So, liebe ZEIT, früher konnte ich immer auf eure Artikel verweisen, nun verweise ich auf die anderer Online-Zeitungen – ist das jetzt besser?

Euch, meinen lieben Bloggästen, wünsche ich noch einen gemütlichen Sonntag!

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Agnes

Schnell gelesen sind sie, die etwa 150 Seiten über Agnes, so der Titel des 1998 erschienenen Romandebüts von Peter Stamm. Aber sie wirken nach. Einfach geschrieben und sehr raffiniert gemacht: vordergründig ist es die Geschichte einer gescheiterten Beziehung. Doch es geht um viel mehr: um das Schreiben, um Fiktion und Realität und ihre Verstrickungen, um Freiheit, Leben, Tod und Unsterblichkeit.

„Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet.“ Mit diesen Worten beginnt der namenlos bleibende Erzähler seine Geschichte. Er ist um die 40, Schweizer, der gerade in Chicago lebt und an einem Sachbuch über amerikanische Luxuseisenbahnwagen schreibt. Um zu recherchieren, geht er in die Bibliothek. Hier trifft er Agnes zum ersten Mal. Auch sie schreibt, an ihrer Dissertation. Agnes ist 25, Physikerin, von ihren Eltern und ihrer Kindheit erfahren wir wenig. Vor allem Zurückweisung, Einsamkeit, Kälte und Unverstandensein sind die Themen, die mir bei Agnes als Kind und Jugendlicher aufgefallen sind.

Sie beginnen eine Beziehung. Agnes fragt ihn, ob er schon etwas anderes als Sachbücher geschrieben habe. Ja, hat er, Kurzgeschichten, die sich kaum verkauft haben. Seither hat er es nicht mehr versucht, geglaubt, dass er es nie geschafft habe, seine Stoffe zu beherrschen. Eine Art gattungsbezogene Schreibblockade. Agnes hat selbst versucht, etwas zu schreiben, und will, dass er es liest und beurteilt. Ein Absatz nur, lauter kurze Sätze, eine fast unheimliche Szene über Fremdheit, die Angst, sich selbst in einem anderen zu verlieren, in einem, der bei ihr ist, ihr nahe ist, ohne sie zu berühren, ohne zu sprechen, den sie verlassen wird, verfremdet schon. Der Text gefällt ihm nicht. Dennoch ist der Absatz, den Agnes geschrieben hat, wichtig für die Geschichte über Agnes, für ihr Ende. Denn es wird eine Geschichte vom Erzähler über Agnes geben, sie wünscht sich das von ihm und er wird ihr diesen Wunsch erfüllen. „Be careful what you wish for!” denkt man schon hier.

Zunächst läuft alles ganz gut, die beiden sind zufrieden – das klingt nicht nach wilder Leidenschaft, aber es klingt auch nicht schlecht. Sie lieben sich, machen Ausflüge, die Agnes-Geschichte, an der er schreibt, macht ihnen beiden Spaß. Noch ist es ein Gemeinschaftsprojekt mit dokumentarischem Charakter. Die echte Agnes darf eingreifen, wenn er etwas über sie schreibt, was ihr nicht gefällt. Dabei wollte sie eigentlich über die Geschichte herausfinden, was er von ihr hält. Fühlt sie sich unverstanden? Oder sieht er sie, ohne sie zu erkennen? Das jedenfalls passiert ihm bei einem Ausflug: Sie sieht für ihn auf einmal fremd aus und doch behauptet er später, er fühle sich ihr nahe. Solche Widersprüche tauchen häufig im Roman auf und geben lange über die Lektüre hinaus Nachdenkstoff.

Irgendwann hat seine Geschichte die Gegenwart erreicht und nun wird die Figur Agnes immer mehr zu seinem Geschöpf. Seine Gefühle für die wirkliche Agnes haben das Schreiben abseits der Sachthemen wieder in Gang gesetzt. Jetzt könnte die wirkliche schriftstellerische Arbeit beginnen. Er könnte eine Zukunft für sie erfinden, ihre Liebe, ihre Beziehung praktisch schon festschreiben – fraglich wäre, ob die Realität dann nur noch versucht, einer Geschichte hinterher zu leben. Und ob das erstrebenswert wäre.

Es gibt viele Fragen, viele Vielleichts, die dieser kurze Roman aufwirft.

Der Tod ist ein ständiges Thema, mal explizit, mal unterschwellig. Ihre Vorstellungen von einem Leben danach, ob es sinnvoll wäre, Spuren zu hinterlassen oder ob man vielleicht in der Natur aufgehen sollte wie in einem dieser Wälder, durch die sie wandern. Hier stoßen sie auf eine längst verlassene Ansiedlung. Die Natur ist dabei, sich wieder zurück zu holen, was die Menschen bearbeitet und geschaffen haben.

Sie sprechen über Literatur, auf den Einfluss, den sie haben kann. Die Figuren aus Büchern seien früher ihre Freunde gewesen, sagt Agnes. Nach der Lektüre von Siddharta habe sie eine Stunde lang barfuß im Schnee gestanden, um ihre Gefühle abzutöten. Das misslang, immerhin hatte sie eine Zeitlang kein Gefühl mehr in ihren Füßen.

Es könnte immer so weitergehen mit den beiden, doch es geht etwas schneller voran, als dem Erzähler lieb ist: Agnes wird schwanger, er will das Kind nicht, sie verlässt ihn. Er bereut seine Entscheidung, doch nicht genug, um sie wieder zurückzuholen, um sie zu kämpfen. Er lernt eine andere Frau kennen, unkompliziert, sehr explizit, ganz anders als Agnes. Eine neue Möglichkeit?

Agnes verliert das Kind und kehrt zu ihm zurück. Aber es funktioniert nicht mehr mit ihnen. Sie kann den Verlust des Kindes nicht verwinden, er weiß nicht, wie er damit umgehen soll. Er versucht es mit der Geschichte, schreibt ihr Leben mit dem Kind, das gestorben ist, weiter, als sei es geboren worden. Eine Art therapeutisches Schreiben, das nicht funktioniert. Aber das Schreiben hat ihn gepackt, er will „Agnes“ beenden und entwirft zwei Enden für die Geschichte. Eines davon wird nicht nur seine Geschichte beenden.

Mir gefiel die Idee sehr gut, nicht einfach nur ein postmodernes Spielchen um Literatur und Realität, sondern eben auch die Geschichte einer gescheiterten Beziehung, bei der zwei Menschen einander nicht die wirklich wichtigen Dinge sagen können, nur andeuten, die Kommunikation immer brüchiger wird und sie nicht zusammenhalten kann. Unverständnis, Missverständnisse auf beiden Seiten. Überheizt ist der Lesesaal, in dem sich die beiden kennenlernen, kalt ist die Stadt, in der sie leben, kühl und unpersönlich die Orte, an denen ihr Leben stattfindet – die öffentliche Bibliothek, ein Coffee Shop, seine Wohnung im Wolkenkratzer, die gleichförmigen, gleichmütigen Wälder. Immer kälter wird es im Laufe ihrer Beziehung. Immer kälter auch Agnes, sie friert, einmal wird sie richtig krank. Da hat sie schon das Kind verloren und ist wieder zu dem Erzähler zurückgekehrt, doch er kann ihr nicht helfen, ihr nicht die Wärme geben, die sie braucht, um mit ihrem Leben weiterzumachen und über den Tod des Kindes hinwegzukommen. Auch die Literatur, seine Geschichte, kann ihr nicht helfen. Doch sie zeigt – oder bestätigt? – ihr einen Ausweg.

Hat die Fiktion Agnes besiegt? Hat der Erzähler Agnes getötet, die echte wie die fiktive? Oder hat am Ende Agnes gesiegt, die Spuren hinterlassen wollte und nun durch die Literatur Unsterblichkeit erlangt hat? Vielleicht ist sie ja gar nicht gestorben, sondern einfach nur weggegangen, wie in ihrer winzigkurzen Geschichte, weggegangen, weil sie sich nicht im anderen verlieren wollte? Ich finde den Roman jedenfalls sehr interessant!

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