Champagner aus Teetassen

Neulich fiel mir in meiner Lieblingsbuchhandlung Stephanus ein hübsch gemachtes Buch (leinengebunden, mit Lesebändchen) aus dem Aufbau Verlag ins Auge: Champagner aus Teetassen. Meine letzten Tage in Russland von einer gewissen Teffy. Der Kauf hat sich gelohnt! Ich habe nicht nur ein spannendes, mal absurd witziges, mal sehr trauriges Buch gelesen, sondern auch eine Schriftstellerin kennengelernt, von der ich noch nie hörte.

Und das ist erstaunlich, denn Teffy, die eigentlich Nadeshda Alexandrovna Lochwizkaja hieß und von 1872 bis 1952 lebte, gehörte zu den bekanntesten Schriftstellerinnen des Zarenreichs, die besonders wegen ihrer Satiren durch alle Gesellschaftsschichten hindurch gern gelesen wurde. Nun gut, mein Wissen über die russische Literatur hat sicher etliche Lücken, aber dass Teffy bislang nicht einmal in der deutschen Wikipedia einen Eintrag hat, verwundert mich. In der englischen Wikipedia gibt es übrigens etwas über die Schriftstellerin zu lesen. Zum Glück gibt das Nachwort von Christa Ebert Aufschluss über diese interessante, leider in Vergessenheit geratene Schriftstellerin. Auch ihre Anmerkungen und die der Übersetzerin Ganna-Maria Braungardt sind überaus hilfreich. Darin erfährt man nämlich unter anderem, dass fast alle im Buch genannten Personen real existierende, teilweise sehr bekannte Schriftsteller und Künstler waren. Bei einigen wusste ich es, ihre Namen hatte ich schon gehört, von manchen auch etwas gelesen, doch viele andere waren mir ebenso unbekannt wie Teffy.

Die Anmerkungen und das Nachwort sind auch deshalb erhellend, weil die Erinnerungen Teffys ohne sie und ohne den autobiographischen Hintergrund zu kennen, durchaus als Roman durchgehen könnten. Teffy schreibt nicht nostalgisch verklärend oder todernst (was man erwarten könnte) oder zumindest weh- bis schwermütig über die sie umgebende Verwirrung, die täglichen Grausamkeiten, die willkürliche Gewalt und all die Menschen, die auf einmal verschwinden. Stattdessen lesen sich ihre Erinnerungen erstaunlich leicht trotz der gleichzeitigen Beklemmung. Dabei sind manche Ereignisse und Figuren sicher überzogen dargestellt, um das Groteske der Situation zu betonen. Teffy war wirklich eine gute Erzählerin. Entsetzen und Schmunzeln liegen beim Lesen ihrer Erinnerungen sehr nah beieinander.

Sie nimmt die Perspektive der meist heiter gelassenen, bekannten Schriftstellerin ein, die beobachtet, kommentiert, aber auch mitten hineingezogen wird in den Strudel des Emigrantenstroms. Ihre Flucht von Moskau durch Russland in die Ukraine und schließlich nach Noworossisk am Schwarzen Meer, wo sie ein Schiff besteigen und ihre Heimat für immer verlassen wird, ist rasant. Wir erfahren von ihren Begegnungen unterwegs mit freundlichen, hilfsbereiten Menschen, aber auch mit solchen, die aus lauter Angst ihre Fähnchen nach dem Wind drehen. Manche mit Erfolg, manche verschwinden genauso wie jene, die ihren Überzeugungen treu geblieben sind. Dabei ist es fast gleichgültig, welche Überzeugungen das sind. Die Willkür, mit der Menschen verhaftet, eingekerkert, erschossen, geblendet, geplündert werden, machen den unvorstellbaren Schrecken für diese Menschen in jener Zeit schmerzhaft spürbar. Und mittendrin in all dem Wahnsinn Teffy, die immer wieder gerade so viel Glück hat, dass sie weiterkommt, wegkommt, obwohl sie dies ihr restliches Leben lang betrauern wird. Unbedingt lesenswert!

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Sonntage im August

Wieder ein spannender Erinnerungsroman von Patrick Modiano, der fast schon mit einer Auflösung am Ende aufwartet! Bis dahin bleibt es allerdings gewohnt mysteriös.

Ein Fotograf versucht zu rekonstruieren, was mit seiner Geliebten passierte, die eines Tages verschwand. Sicher hatte es mit dem wertvollen Diamanten zu tun, den sie ihrem Mann gestohlen hat, um mit ihrem Liebhaber in Nizza ein neues Leben zu beginnen. Schon weil dieser Diamant den früheren Besitzern kein Glück gebracht hat. Möglicherweise ist auch das geheimnisvolle Ehepaar, das die beiden Flüchtenden kennenlernen, in die Sache verwickelt. Doch die lassen sich nicht mehr aufspüren. Kommen sie etwa tatsächlich aus der Vergangenheit? Oder sind sie einfach nur raffinierte Betrüger, die mit dem betrogenen Ehemann unter einer Decke stecken?

So ganz aufgeklärt wird die Geschichte nicht, aber zumindest liefert Modiano in Sonntage im August genug Andeutungen, damit wir uns das Puzzle fast komplett zusammensetzen können. Wieder ein schönes Leseerlebnis für Frankophile, diesmal mit viel Côte-d’Azur-Flair und natürlich dem bei Modiano immer gegenwärtigen Gefühl der Verlorenheit, Nostalgie, Melancholie. Fast ein Krimi, aber keiner im klassischen Sinne. Wir wissen nicht ganz so viel wie die Hauptfigur, aber erfahren genug, um uns unseren eigenen Fall zu konstruieren. Lesenswert!

Übersetzt wurde Sonntage im August von Andrea Spingler.

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Vom pfleglichen Umgang

Old_booksInterview mit Kristina Krämer, Site Merchandiser von Abebooks

Kristina Krämer hat kürzlich für abebooks.de „Tipps zur Pflege und Aufbewahrung von Büchern“ zusammengestellt. Hilfreiche Tipps, wie ich betonen möchte, doch aus meiner Sicht vor allem für besonders wertvolle Bücher. Mit dem Gros meiner Bücher, darunter auch etliche Taschenbücher oder 2nd-Hand-Ware, gehe ich doch deutlich lockerer um. Wie hält es Kristina Krämer mit ihren eigenen Büchern?

„Von den einfachsten Grundlagen, die man eigentlich gar nicht erwähnen muss, bis hin zu Expertentipps für Sammler antiquarischer Bücher ist alles dabei“ heißt es in der Intro zu den Tipps. Viele davon beherzigen wir wahrscheinlich sowieso, beispielsweise nicht mit frisch eingecremten Händen zu lesen. Andere, sicher ebenfalls sinnvolle Tipps, wie nicht beim Lesen zu essen, beherzige ich nicht. Schokolade und Lesen passen einfach zu gut zusammen.
Und Sie, Frau Krämer, könnten wir Sie beim Naschen während des Lesens ertappen? Falls ja, welche Bücher verführen Sie besonders zum Naschen?

Kristina Krämer: Ich gehöre zu den Menschen, die eigentlich immer und überall sowie quer durch alle Genres lesen. In meinem Bücherregal findet sich dementsprechend von den großen Klassikern über Gegenwartsliteratur bis hin zu blutigen Krimis und der kitschigsten ChickLit so ziemlich alles. Durch meine vorherigen Tätigkeiten bei verschiedenen Kinder- und Jugendbuch-Verlagen habe ich außerdem eine große Sammlung an Büchern für die jüngere Zielgruppe. Ich nasche allerdings nur höchst selten während des Lesens.

Das tut Ihren Büchern sicher gut.
Sie empfehlen, zum Lesen am besten ein Buchkissen oder eine Buchwiege zu nutzen, um den Buchrücken nicht zu brechen. Ich muss gestehen, dass ich bei Taschenbüchern durchaus knicke, weil man ab dem zweiten Drittel sonst kaum noch den Text lesen kann. Macht Ihnen das Bauchschmerzen oder würden Sie diesen Tipp eher in die Kategorie „Beherzigen bei besonders wertvollen Büchern“ einordnen?

Kristina Krämer

Kristina Krämer

Kristina Krämer: Bei diesem Thema scheiden sich wohl die Geister. Ich kenne so manchen Vielleser, für den das Knicken des Buchrückens eine Todsünde darstellt. Ich selbst gehöre eher der entgegengesetzten Fraktion an und finde es meist überhaupt nicht schlimm, wenn man einem Buch ansieht, dass es gelesen wurde. Das ist für mich das Buch-Äquivalent zu Lachfältchen.
Besonders bei Taschenbüchern steht für mich eher der Lesespaß im Vordergrund und wenn ich den Text ohne Knicken nicht lesen kann, dann knicke ich, wenn es sein muss – frei nach dem Motto „so wenig wie möglich, so viel wie nötig“. Hardcover werden von mir etwas pfleglicher behandelt. Was übrigens meiner Meinung nach gar nicht geht, ist ein ausgeliehenes Buch nicht mit der größten Sorgfalt zu behandeln und in wesentlich schlechterem Zustand zurückzugeben.
Man sollte sich aber bewusst sein, dass ein Buch, das gut behandelt wird, auch länger hält. Gerade bei viel gelesenen Lieblingsbüchern ist es doch schade, wenn sie auseinanderfallen. Auch wenn man seine Bücher aber später einmal verkaufen möchte, sollte man bedenken, dass ein schlechter, zerlesener Zustand zu einer Wertminderung führt.

Oh ja, da stimme ich Ihnen völlig zu: Geliehene Bücher sind mit größter Sorgfalt zu behandeln!
Haben Sie zufällig einen Tipp, wie man diese besonders starren Taschenbücher lesen könnte, ohne sie so stark zu knicken?

Kristina Krämer: Wenn es einen besonderen Trick gibt, habe ich ihn leider noch nicht entdeckt. Wenn aber jemand, der dieses Interview liest, einen heißen Tipp hat, nehme ich ihn gerne in meine Liste auf.

Ich fürchte ja fast, es gibt keinen – aber mal schauen, vielleicht haben meine Bloggäste eine gute Idee.
Von Notizen in Büchern raten Sie eher ab, wenn dann nur mit Bleistift, sodass man sie später ausradieren kann. Ich mache mir oft Anmerkungen in meinen Büchern oder unterstreiche bestimmte Stellen, besonders in der Sach- und Fachliteratur, aber nicht nur. Beim Wiederlesen ist das für mich ganz interessant: Mal verstehe ich nicht mehr so ganz, warum ich mir gerade diese Stelle angestrichen habe, aber noch öfter freue ich mich darüber. Das geht mir übrigens auch bei gebrauchten Büchern mit Anmerkungen so. Wie halten Sie es bei Ihren Büchern mit Anmerkungen oder Unterstreichungen, können Sie sich die immer verkneifen?

Kristina Krämer: Bei der privaten Lektüre versuche ich soweit wie möglich auf Anmerkungen zu verzichten. Wenn mir einmal ein Zitat besonders gut gefällt, schreibe ich es mir lieber samt Fundstelle in mein Notizbuch oder mache ein Foto mit meinem Smartphone, falls es einmal ganz schnell gehen muss. Bei der Recherche bin ich je nach Buch weniger zimperlich: Da werden wichtige Textstellen auch gerne mal mit 5 verschiedenen Farben Textmarker angestrichen und mit Notizen vollgekritzelt. Bei wertvollen Büchern mache ich mir aber lieber vorher eine Kopie des Textes oder mache mir außerhalb des Buches Notizen.

Das sind ja gleich mehrere gute Ideen auf einmal! Besonders, die Zitate abzuknipsen oder Kopien von Texten zu erstellen, die man dann nach Herzenslust vollkritzeln kann.
Wie lange mussten Sie recherchieren, um die Tipps zusammenzustellen? Haben Sie sich dabei auch mit Sammlerinnen und Sammlern wertvoller Bücher ausgetauscht?

Kristina Krämer: Alles in allem habe ich circa drei Wochen für diesen Text recherchiert. Dabei muss ich aber auch erwähnen, dass einer meiner kanadischen AbeBooks-Kollegen bereits einen umfangreichen Text zur Buchpflege auf Englisch verfasst hatte, den ich als Ausgangsbasis verwendet habe. Diese Tipps waren allerdings noch stärker auf Bibliophile mit teuren und empfindlichen Büchersammlungen ausgerichtet, daher war es mir wichtig, auch grundlegende Tipps für den Otto-Normal-Leser in meine Empfehlungen aufzunehmen. Auch unter meinen deutschen Kollegen sind passionierte Büchersammler, mit denen ich mich ausgetauscht und die ich um Ergänzungen gebeten habe. Außerdem habe ich viele meiner Tipps aus Fachbüchern zum Thema Büchersammeln und Bibliophilie gezogen.

Hat sich durch Ihre Arbeit für Abebooks Ihr Umgang mit Büchern in irgendeiner Weise verändert?

Kristina Krämer: Aus meinem Studium der Buchwissenschaft und der Literaturwissenschaft wusste ich bereits sehr viel über den bestmöglichen Umgang mit Büchern. Vor allem dadurch, dass ich im Rahmen meines Studiums viele Museen und Bibliotheken mit außergewöhnlichen Büchersammlungen besuchen konnte und dort oft hinter die Kulissen blicken durfte. Dennoch lerne ich bei meiner Arbeit ständig hinzu. Bis zu der Recherche für meinen Artikel wusste ich beispielsweise nicht, welche Vorteile Bücherregale aus Zedernholz bieten können. Außerdem stoße ich fast täglich auf faszinierende Bücher und interessante Autoren, sodass meine Buchwunschliste langsam ins Unermessliche wächst.

Ja, die Bücherwunschliste, ein Dauerthema für uns Vielleserinnen und -leser : )
Was ist das wertvollste Buch Ihrer Bibliothek? Mich interessiert sowohl, welches Buch besonders wertvoll im materiellen Sinne ist, aber auch, welches Buch für Sie den größten persönlichen Wert besitzt und, wenn Sie das beantworten möchten, auch warum?

Kristina Krämer: Den größten ideellen Wert besitzt ein für mich ganz persönlich angefertigtes Buch. Gegen Ende unseres Studiums haben einige enge Freunde mir als Geburtstagsgeschenk eine personalisierte Ausgabe von Alice im Wunderland geschenkt, in der die Figuren statt der bekannten Namen nach mir und meinen Freunden benannt sind. Diese Erinnerung an unsere gemeinsame Zeit hat einen ganz besonderen Platz in meiner Büchersammlung und wird von mir hoch in Ehren gehalten.
Das materiell wertvollste Buch in meiner Bibliothek ist eine Shakespeare-Gesamtausgabe in einem (sehr dicken) Band, die ich mir während eines England-Urlaubs gegönnt habe. Der Preis von rund 200 € ist zwar nichts im Vergleich zu den Summen, die viele Sammler ausgeben, aber für mich war das damals als Studentin sehr viel Geld. Und da ich beim Stöbern auf AbeBooks ständig auf begehrenswerte Bücher stoße, bin ich mir sicher, dass meine Bibliothek sowohl in Hinblick auf Anzahl als auch Wert der Bücher noch um einiges wachsen wird.

Das ist wirklich eine ganz besonders schöne Idee von Ihren Freunden gewesen.
Ich danke Ihnen herzlich für das Interview und wünsche Ihnen noch viel Freude beim Hegen und Pflegen Ihrer Bibliothek!

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Villa Triste

Mein dritter Roman von Patrick Modiano, Villa Triste, war wieder ein spannendes Leseerlebnis. Das ist fast paradox, denn Modiano erzählt zwar spannend von Geheimnissen und Rätseln, doch die meisten dieser Geheimnisse und Rätsel werden niemals völlig aufgeklärt. Noch paradoxer: Das macht gar nichts, ich will immer mehr davon.

Jahre später begibt sich ein Mann, der sich Graf Victor Chmara nennt, auf Spurensuche nach einem Sommer, einer Sommerfreundschaft und – natürlich – einer Sommerliebe. Mit 18, zur Zeit des Algerienkriegs, fährt er an den savoyischen Badeort am See, der die Kulisse für das Geschehen bildet. Woher er genau kommt, seine Geschichte, erfährt man ebenso bruchstückhaft wie die der beiden Menschen, die ihm diesen Sommer vergolden werden: die Schauspielerin Yvonne und der Arzt René Meinthe. Von sehr vielen, sehr schweren Gepäckstücken ist die Rede und von Alexandria – Victor schleppt sein Leben mit sich herum und hat vor allem Angst. Er glaubt, je näher er der neutralen Schweiz sei, desto eher könne er im Notfall dorthin fliehen. Seine Freundschaft zu Meinthe und seine Liebe zu Yvonne können diese Ängste meist bannen, er versucht, sich einer leichten Sommerlaune zu überlassen. Die Atmosphäre erinnerte mich ein bisschen an den Großen Gatsby oder auch Bonjour Tristesse. Ebenfalls Romane, die das Gold der Jugend, der Unbeschwertheit als Katzengold entlarven. Überhaupt: Wie sollte man die Stimmung, den Stil seiner Romane beschreiben? Krimi noir meets Nouvelle Vague meets Neue Sachlichkeit? (He had me at Krimi noir!)

Ich weiß nicht, wie es anderen Leserinnen und Lesern geht, aber erstaunlicherweise sind die vielen Rätsel, die unbefriedigt bleibende Neugier, die ungelöste Spannung am Ende keine Enttäuschung. Im Gegenteil, ich will immer mehr im Dunkel bleibende Geheimnisse von Modiano erzählt bekommen. Vielleicht denke ich, die Zusammenschau seiner Romane könnte am Ende das Muster verdichten, das ich bereits nach der Lektüre dreier Romane zu erkennen glaube. Es gibt immer mysteriöse Frauen und dunkle Gestalten aus der Vergangenheit, denen es ebenso wenig wie der erzählenden Figur gelingt, das Nebulöse zu durchschauen. Selbst die Erzählenden bleiben rätselhaft, niemand ist schwarz oder weiß, alles changiert in verschiedenen Grautönen. Die werden oft durch bildhafte Vergleiche und Beschreibungen durchbrochen. Denn bei aller Rätselhaftigkeit und Vagheit ist es durchaus nicht so, dass Modiano alles nur so ganz ungefähr erzählen würde. Im Gegenteil, es gibt viele sehr präzise Miniaturen, die immer wieder aufleuchten aus dem Grau.

Modianos Umgang mit Erinnerungen, den präzisen wie den verschwommenen, spiegelt gut das Empfinden bei eigenen Erinnerungen wider. Manche so klar, als sei es erst gestern passiert, andere bereits so verwaschen, dass man beim Erinnern das Gefühl hat, man würde sie während des Erinnerns weiter auswaschen, verändern durch das, was die Zeit und das Leben inzwischen mit einem gemacht hat. Oder wie jene Erinnerungen, an die wir uns gar nicht selbst erinnern, vielleicht aus frühester Kindheit, die uns aber so oft erzählt wurden, dass wir irgendwann glauben, es sei doch eine eigene Erinnerung. Das, was passiert, ändert sich nicht mehr. Aber wir verändern es, indem wir uns erinnern, davon erzählen, im Nachhinein meinen, eine neue Facette zu entdecken, oder versuchen, einen Sinn hinein zu interpretieren, Gründe, warum etwas auf welche Weise geschehen ist.

Genau das tut Modiano. Ganz ohne kopflastiges, verkrampftes Bemühen um eine Aufarbeitung der Vergangenheit. Von Arbeit keine Spur – obwohl es sicher Arbeit ist, so mühelos zu erzählen. Oder Talent. Was auch immer, mich hat die Modiano-Sucht jedenfalls fest im Griff!

Villa Triste wurde übrigens von Walter Schürenberg übersetzt, außerdem gibt es eine Verfilmung des Romans unter dem Titel „Das Parfüm von Yvonne“.

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Die Kleine Bijou

Die Kleine Bijou war der zweite Roman Patrick Modianos, den ich las. Wieder geht es um Erinnerungen, diesmal aus der Perspektive einer jungen Frau, die das Verschwinden ihrer Mutter zu enträtseln sucht. Was dieses Enträtseln der Vergangenheit und besonders einer bestimmten Frau betrifft, ähneln sich die beiden Romane Im Café der verlorenen Jugend und Die Kleine Bijou. Doch diesmal ist das Ende hoffnungsvoller.

Ihre Mutter hat sie Die Kleine Bijou genannt. Sich selbst gab die Mutter, eine erfolglose Tänzerin, ebenfalls einen anderen Namen, sogar mit Adelstitel: Comtesse Sonia O’Dauyé. Ein echtes Zuhause kannte die Kleine Bijou, die eigentlich Thérèse heißt, ebenso wenig wie ihren Vater. Vieles bleibt im Dunkel der Vergangenheit, die Thérèse viele Jahre später aufhellen will, als sie unvermutet einer Frau im gelben Mantel begegnet, die ihre Mutter sein könnte. Doch die soll vor 12 Jahren in Marokko gestorben sein. Sie folgt der Frau, ohne sie anzusprechen und zur Rede zu stellen. Ihre Mutter hatte weitere Namen, die ihr andere gaben, keine schmeichelhaften: La Boche ist einer, Täusche-den-Tod ein anderer. Fast wie eine Detektivin versucht Thérèse, mehr über diese Frau zu erfahren, aber stets schreckt sie vor einer entscheidenden Konfrontation zurück. Wie sie auch vor dem Leben selbst zurück zu schrecken scheint.

Um Geld zu verdienen, übernimmt Thérèse die Betreuung eines kleinen Mädchens, deren Eltern ihr ziemlich windig vorkommen. Sie glaubt, dass sie unter falschen Namen leben, noch dazu in einer kaum möblierten Wohnung als seien sie eher auf dem Sprung als dabei, sesshaft zu werden und ein normales Familienleben zu führen. Diese unklaren Verhältnisse lösen bei Thérèse immer wieder Déjà-vu-Erlebnisse aus, als liefen zwei Leben, das des kleinen Mädchens und ihres, als sie noch die Kleine Bijou war, zeitlich versetzt und doch parallel zueinander.

Wie schon beim Café der verlorenen Jugend fürchtet man um das Leben der jungen Frau, auch um die Zukunft des Kindes, das sie betreut. Man will Thérèse am liebsten helfen, alles aufzuklären, damit sie endlich abschließen und weitermachen kann mit ihrem eigenen Leben. Während ihrer Suche bekommt sie von verschiedenen Seiten Hilfe, sodass sie nicht völlig den Boden unter ihren Füßen verliert. Da ist einmal eine Apothekerin, die sich um ihr körperliches Wohlbefinden sorgt, und dann noch Moreau-Badmaev, ein Übersetzer, der viele Sprachen spricht, auch das „Persisch der Steppe“, einer Sprache, die Thérèse klingt, als habe sie „etwas vom Streifen des Winds im Gras und vom Rauschen der Wasserfälle“. Diese und weitere Bilder, die vielen Unschärfen und Spekulationen machen den Roman zu einer interessanten Spurensuche, die erstaunlich leicht wirkt. Man fühlt sich beim Lesen nicht erdrückt von der Schwere der vielen Geheimnisse. Es ist eher, als schwebe man mit Thérèse wie in einem Traum oder in Trance durch ihre Welten, die verlorene, die imaginierte und die als real wahrgenommene.

Übersetzt wurde der Roman von Peter Handke, der übrigens maßgeblich zum Bekanntwerden Patrick Modianos beim deutschen Lesepublikum beitrug.

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Im Café der verlorenen Jugend

Dieser kleine Roman des diesjährigen Literaturnobelpreisträgers Patrick Modiano hat bei mir eine kleine Modiano-Sucht erzeugt, deren Ende noch nicht ganz abzusehen ist. Das ist schön, denn die kurzen Romane (meist um die 150 Seiten) besitzen genau den Grad an Nostalgie und Vagheit (viel Raum für eigene Vorstellungen!), der mir persönlich sehr gut gefällt.

Schon, als ich damals die Besprechung bei der Durchleserin las – ja, bereits als ich den Titel las – hat mich der Roman gereizt, geriet dann aber, wie es so geht, wieder in Vergessenheit, bis ich neulich Lesestoff für eine Zugfahrt suchte und mir der Titel freundlicherweise ins Auge sprang. Wie man bei Wikipedia nachlesen kann, ist der Titel „Teil eines Zitats von Guy Debord, das als Motto vorangestellt ist und seinerseits den Beginn der Göttlichen Komödie von Dante parodiert.“ Überhaupt gibt es offenbar viele Querverweise in diesem Roman zu entdecken. Sie sind allerdings kein Muss, um den Roman zu verstehen oder zu genießen.

Mich haben die verschiedenen Perspektiven fasziniert, aus denen versucht wird, das Leben und den Charakter der geheimnisvollen Jacqueline, genannt Louki, zu rekonstruieren. Wo kam sie her, was hat sie getan, bevor sie regelmäßig im Café auftauchte und dort mit der Zeit in Beziehungen zu anderen Stammgästen trat, wieso ist ein Detektiv hinter ihr her und weshalb muss sie immer wieder gehen, sozusagen Situationen – und natürlich Menschen – verlassen? Will sie sich immer wieder neu erfinden? Ist sie rasch gelangweilt? Liegt der Grund für ihr Verhalten in der Kindheit? Louki bleibt im Unbestimmten, obwohl sie selbst zu Wort kommt und aus ihrer Perspektive erzählt. Das ist im Rahmen der Geschichte – und auch sonst – sehr stimmig. Denn wir können selten „alles“ über eine Person wissen, weil wir stets nur bestimmte Seiten von ihr zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Zusammenhängen sehen. Niemand kennt je die ganze Wahrheit, immer nur Teile davon, die man sich beim Lesen zusammenpuzzlen kann. Und doch werden stets entscheidende Teile fehlen.

Vergessen und Erinnern sind – soweit ich das nach der bisherigen Lektüre einiger seiner Romane sagen kann – wichtige Themen bei Modiano. Auch ich finde diese Themen überaus interessant und vor allem das, was er daraus macht, wie er damit umgeht bei seinen Romanen. Das Café der verlorenen Jugend hat einen ganz typischen „Sound“, der sich auch bei anderen Romanen Modianos wiederfindet, ohne dass dieser Sound langweilig wird. Es muss an dieser Vagheit liegen, die dennoch der Spannung beim Lesen keinen Abbruch tut. Denn diese Rekonstruktionen lesen sich manchmal spannend wie ein Krimi, allerdings wie ein sehr melancholischer. Alles schön übersetzt von Elisabeth Edl. Ich rate zu!

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Fehler im System

In letzter Zeit war wenig von mir zu lesen – und das nicht ohne Grund: Mein Laptop hatte ein übles Problem und ich verlor jede Menge Daten. Glück im Unglück: Mein aktuelles Geschreibsel habe ich immer tagesaktuell gesichert, doch das letzte richtig große Backup war leider schon Jahre her. Das ist natürlich dumm. Andererseits sammelt man ja auch jede Menge überflüssiges Zeug im Laufe der Jahre an, dessen Verlust durchaus befreiend sein kann. Plötzlich diese Übersicht! Doch leider ist nun natürlich nicht nur das Überflüssige weg, sondern auch allerley Nützliches. Beispielsweise viele E-Mail-Adressen. Den Großteil konnte ich rekonstruieren, aber viele Kontakte ab sagnwamal 2012 sind perdu. Falls ihr also auf eine E-Mail von mir wartet und euch wundert, dass ich mich nicht mehr mailde, liegt es vermutlich daran, dass ich eure E-Mail-Adresse nicht mehr habe oder nur noch eine nicht mehr gültige E-Mail-Adresse.

Die knapp zwei rechnerlosen Wochen hatten immerhin auch einen Vorteil: Man hat viel Zeit für andere schönes Sachen. So las ich mich beispielsweise durch etliche Romane des diesjährigen Nobelpreisträgers Patrick Modiano. Die kleinen Romane (meist um die 150 Seiten) machen geradezu süchtig! Dazu werde ich ein anderes Mal mehr schreiben. Habt noch einen gemütlichen Adventssonntag!

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