Bücherkoffer Nr. 23 von Tobias Zeising/lesestunden

Bücherkoffer, Foto: © Petra Gust-Kazakos

Bücherkoffer, Foto: © Petra Gust-Kazakos

Hiermit ist die Saison offiziell eröffnet! Also, die Bücherkoffer-Saison: Die eröffne ich nämlich mit dem Bücherkoffer von Tobi, der das schöne Blog lesestunden führt. Als ich auf Twitter anregte, die Serie wieder aufleben zu lassen, war Tobi der Erste, der seinen Worten auch Taten folgen ließ.

Apropos Taten: Sehr eindrucksvoll – vom Bücherkoffer abgesehen – ist auch Tobis Toplist, die er immer mal wieder aktualisiert. Eine tolle Analyse aller möglichen Bücherblogs – unbedingt reinklicken!

Aber kommen wir nun zu seinem Bücherkoffer:

koffer_Tobi

Tobi sagt dazu: „Bei Reisen, da denke ich sofort an das Meer und den hohen Norden, denn da zieht es uns magisch hin, an die rauen Gestade des Atlantiks, der Ost- oder Nordsee. Eine latente Sehnsucht nach etwas, das sich nur schwer fassen und beschreiben lässt. Für gewöhnlich sind unsere Urlaube voller Rastlosigkeit, selten verweilen wir an einem Fleck. Stattdessen wird die Gegend erkundet, viel fotografiert und der Moment genossen, der meist fern von Touristenmassen durch den Eindruck der Natur und Stille, dem Rauschen der Brandung und dem kühlen Wind der See geprägt ist. Soviel ich sonst lese, so wenig aufnahmefähig bin ich in diesen Tagen und so schwer fällt es mir in die Tiefen eines Buches abzutauchen, denn meist bin ich ganz beansprucht von all dem Neuen, dem Unbekannten, dass ich sonst meist nur zwischen den Zeilen finde. Aus diesem Grund schafft es bei mir meist nur ein einziges Buch in den Reisekoffer.

Was das Lesen angeht, so bleibt hier nur der Abend, wenn man nach einem langen, erschöpfenden aber eindrucksvollen Tag sich in ein fremdes Bett verkriecht. Meist in einem kleinen Ferienhäuschen, irgendwo in der Einsamkeit. Oder einem kleinen Gasthaus, an einem ruhigen, einsamen Ort, hoch gelegen über dem Meer mit einem Blick auf den Sonnenuntergang. Nachdem wir den Tag Revue passieren haben lassen, dann haben wir es uns angewöhnt zusammen ein Buch zu lesen. Abwechselnd lesen wir uns dann gegenseitig vor und das hat etwas sehr schönes, denn das Vorlesen, das gehört zum Menschen, wie das Singen und das Erzählen von Geschichten.

Vier Bücher möchte ich vorstellen, die in jedem Reisekoffer hervorragend aufgehoben sind, die genau für einen solche Reise ans Meer, in den Norden geeignet sind, weil sie selbst ein Stück dessen einfangen, was man dort sucht, oft aber auch darüber hinaus gehen. Silver von Andrew Motion ist das neueste Buch und beschreibt, wie der Sohn von Jim Hawkins zur Schatzinsel zurückkehrt und wie anders als erwartet sich dieser Ort präsentiert. Wunderschön sind die Beschreibungen der Insel, der Vegetation und des Meeres und stehen ganz stark im Kontrast zu den dunklen Seelen der Bewohner. Ein eindrucksvoller Roman, der mir noch besser als das Original Die Schatzinsel gefallen hat.

Im Rausch der Stille von Albert Sánchez Piñol ist ein weiteres Buch, das die ganz besondere, arktische Stimmung des Meeres einfängt. Ein irischer Freiheitskämpfer begibt sich als Wetterforscher, mit Proviant und Ausrüstung für mehrere Monate ausgestattet auf einer einsamen Insel. Dort wird er nachts von unheimlichen Wesen aus dem Meer angegriffen, es beginnt ein Kampf um Leben und Tod. Dieses Buch ist wahnsinnig spannend, besticht aber auch besonders durch diese einsame Insel, die Piñol meisterhaft beschreibt und zum Leben erweckt. Am Ende sind es aber auch in diesem Buch die Menschen, die einen so reinen Ort in etwas ganz anderes verwandeln, dabei aber nicht merken, dass es eigentlich diese eigne Welt, die Natur ist, die sie formt und verändert.

Nicht nur für längere Reisen kann ich jedem nur Der Graf von Monte Christo von Alexandre Dumas ans Herz legen. Jeder kennt die Story grob aus den zahlreichen Verfilmungen. Dieses Buch aber ist ein Meisterwerk, perfekt komponiert mit Einblicken in menschliche Abgründe, aber auch in eine Welt, die voller Wunder und Schönheit ist. Die Gefängnisinsel Château d’If, die Flucht von Edmond Dantè und der anschließende Rachefeldzug sind von so vielen verschiedenen Bildern einer scheinbar unendlich großen Welt geprägt, dass man als Leser immer wieder überrascht ist. Ich liebe dieses Buch und selbst wenn jemand einen entspannten Badeurlaub plant, kann er mit diesem Buch zu einem Abenteuer werden.

Das vierte Buch Der Blumenkrieg von Tad Williams, das liegt so neben der Spur, dass man es praktisch immer und überall lesen kann. Es handelt von Theo, einem erfolglosen Rockstar, der in einem Märchenland landet, das sich als alles andere als traumhaft offenbart. Irgendwie sehr passend, wenn man selbst auf Reisen ist und dann zusätzlich nochmal, praktisch rekursiv in eine zweite Traumwelt abdriftet. Fantasy von ganz hoher Qualität, mit einer hervorragenden Spannungskurve. Ich habe das Buch vor vielen Jahren gelesen und würde es mir für Unterwegs nun wohl als Taschenbuch nochmal besorgen. Ein perfekter Begleiter für eine Reise, die vielleicht ohnehin schon traumhaft anmutet, weil man fernab der Zivilisation unterwegs ist.

Am Ende wäre es aber wohl vermessen zu sagen, dass ein Buch ganz besonders gut für die Reise geeignet ist. Außer vielleicht der passende Reiseführer. Wenn aber Buch und Urlaubsziel gut zusammen passen, dann wird das Lese- und Reisevergnügen dadurch nur noch größer. Insbesondere dann, wenn man es mit dem/der Liebsten teilt.“

Wie wahr, lieber Tobi! Uns zieht es auch meist ans Meer. Und auch ich kann, wenn ich Blick aufs Meer habe, mindestens ebenso viel Zeit damit verbringen, aufs Meer zu schauen (und natürlich nette Sachen zu unternehmen) wie mit dem Lesen. Ganz herzlichen Dank fürs Mitmachen! Ich freue mich auf weitere Bücherkoffer der Saison : )

 

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Lektürenotizen & Neuzugänge

Manesses1In letzter Zeit las und lese ich wieder viel Autobiographisches: Sitwell, Agnelli, Millers Kunst des Lesens, FJRs Tagebücher. Und ich freue mich über wunderbare Neuzugänge in meiner Bibliothek: 38 Manesse-Bändchen warten darauf, einen gebührenden Platz in meinen Regalen zu finden.

Edith Sitzwells Mein exzentrisches Leben enthält unter anderem interessante Erläuterungen zu ihrer Auffassung von Poesie, Rhythmus etc. sowie lustige Seitenhiebe auf die Folgen künstlerischen Tuns und Lebens (Kritiker, eigentümliche Briefe angehender Poeten, absurde Bittbriefe …). Anschließend las ich Wir trugen immer Matrosenkleider, die Lebenserinnerungen Susanna Agnellis; schöne Passagen und runtergeschriebene im Wechsel, erstaunlich unpolitisch in Teilen, las sich dennoch nett weg, allerdings ohne allzu bleibende Eindrücke zu hinterlassen. Und nun der FJRschen Tagebücher zweiter Teil, die sich wieder großartig anlassen. Unterwegs in der Straßenbahn Henry Millers Kunst des Lesens, das sich gut für Leute eignet, die Bücher über Bücher, das Lesen etc. schätzen. Dazwischen genieße ich meine Augenweiden, zum Beispiel Caspar Hendersons Wahre Monster und immer mal wieder den herrlichen Band über Ernst Haeckels „Kunstformen der Natur“ und „Kunstformen aus dem Meer“.

Manesses2Von einem lieben Menschen bekam ich einen ganzen Schwung wunderhübscher Manesse-Bändchen, die aus dem Nachlass seiner Eltern stammen. Ich bin ihm sehr dankbar und voll Vorfreude auf die Perlen, die es zu entdecken gilt, sowie auf etliche Titel, die ich sowieso schon immer mal lesen wollte, aber bislang nicht zur Hand hatte. Dank ihres zierlichen Formats eignen sich die Bändchen zudem perfekt für unterwegs. Nun muss ich nur noch einen schönen Platz für sie finden. Ihr Format ermöglicht Zweireihiges, die dahinter liegenden Bücher wären zwar schlechter zugänglich, aber noch sichtbar. Oder ich sortiere wieder ein paar Bücher aus, mal sehen. Bis dahin können sich die Büchlein noch ein bisschen auf unserem Gästebett ausruhen.

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Von Verführern und reisenden Frauen

Heute stelle ich euch zwei Bändchen mit Erzählungen von Djuna Barnes vor: Verführer an allen Ecken und Enden und Die Frau, die auf Reisen geht, um zu vergessen. Beide enthalten Artikel, die die Schriftstellerin unter anderem für die Vanity Fair, den New Yorker und die Charm schrieb und die ihre verschiedenen Facetten wunderbar zeigen: Bissig, kultiviert, romantisch, melancholisch – eine Frau nach meinem Geschmack.

Verführer an allen Ecken und Enden

Der Untertitel zu Verführer an allen Ecken und Enden lautet Ratschläge für die kultivierte Frau. Tatsächlich enthält er weniger Ratschläge – außer „Was ist Lebensart beim Sterben?“, worin es um Empfehlungen für den passenden Selbstmord beispielsweise für Blondinen, Dunkelhaarige oder auch Rothaarige geht – sondern vor allem Geschichten von Liebe und Einsamkeit. Wie romantisch bei aller Bissigkeit Djuna Barnes gewesen sein muss, zeigt gleich ihre erste Erzählung „Der 1. April“ über ein Liebespaar, das gemeinsam altert. Die beiden sind anderweitig verheiratet und treffen sich jedes Jahr im April in Rom. Die jeweiligen Ehepartner wissen von dem Verhältnis und glauben nun, nach 30 Jahren, endlich eine Möglichkeit gefunden zu haben, wie sie das Liebespaar trennen könnten.

Rührend auch ihre Geschichte darüber, wie man „Unsolides“ solide macht, und zwar solide genug, dass es Gnade vor Mamas Augen findet. Dabei dabei geht es keinesfalls um Gegenstände, wie man meinen könnte, sondern um faszinierende Personen, die die Erzählerin gern näher kennenlernen, sammeln würde wie Schätze. „Madame wird älter“ erzählt in Tagebucheinträgen von einer Frau mittleren Alters, die noch einmal versucht, jung zu sein, und in „Gegen die Natur“ geht es nur oberflächlich um eine Frau, der alles Natürliche und Einfache zuwider ist.

Die Frau, die auf Reisen geht, um zu vergessen

Ebenfalls lesenswert ist Die Frau, die auf Reisen geht, um zu vergessen. Dieses Bändchen enthält überdies ein interessantes Nachwort der Übersetzerin sowie zahlreiche Fotos und Illustrationen, auch von Djuna Barnes selbst. Auf die beiden Bändchen war ich übrigens über die Empfehlungen am Ende des Bandes Englische Exzentriker gekommen. Da ich vor Jahren Djuna Barnes herrlich verrätselten, barocken Ladies‘ Almanach gelesen hatte, der übrigens überaus putzig von ihr illustriert wurde und mir in guter Erinnerung geblieben war, bestellte ich mir die beiden Bändchen. Doch zurück zur Sache, also zur Frau auf Reisen.

Im Nachwort ist zu lesen, dass Djuna Barnes beruflich bedingt viel reiste, da sie als Freie für verschiedene Magazine schrieb. Bei alledem lernte sie berühmte Persönlichkeiten ihrer Zeit kennen wie James Joyce oder Gertrude Stein bzw. traf viele alte Bekannte, die sie noch aus New York kannte, wieder wie Marcel Duchamp, Man Ray oder Elsa von Freytag-Loringhoven. Anders als viele ihrer berühmten Bekannten wie Nathalie Barney, die Stein oder Peggy Guggenheim musste Djuna Barnes sich ihren Lebensunterhalt verdienen – durchs Schreiben. Das Nachwort – das ich wie üblich zuerst las – endet mit den Worten „Solange Djuna Barnes und Lydia Steptoe [ihr Pseudonym] auf Reisen gehen, gehört die elegante, parodistische Pose zu ihrem esprit de conduite als hochmütige Ladies, erfahren in continental chic und Old World sophistication“ [S. 71]. Eine gute Einstimmung auf die Texte, die Djuna Barnes in den 1920-er Jahren verfasste.

Die vorangestellten Worte zum Bändchen fand ich sehr passend zu den Texten: „Bilder von der Lust des Reisens, witzig, selbstironisch, exzentrisch: Sie reißen den Stadtbewohner in die Ferne und den Reisenden aus der Ferne heimwärts.“

Der erste der Texte, nach dem das Bändchen benannt ist, geht wieder melancholisch das Thema Frau mittleren Alters an. Diesmal am Beispiel einer Amerikanerin, die auf Reisen ihre gescheiterte Ehe vergessen, aber – ganz wichtig! – dabei keineswegs selbst vergessen werden will. „Ein Hauch von Indiskretion“ nimmt die Klischees, die offenbar bereits damals über amerikanische Touristen im Umlauf waren, auf die Schippe anhand einer Bildungsreise, die am Ende nicht unbedingt den Horizont erweitert: „In einer Demokratie ist es immer von Nutzen, wenn man ein wenig französisch ist in der Kleidung, ein wenig italienisch im Schmuck, ein wenig englisch im Benehmen und ein wenig russisch im Denken. Schließlich macht einen das so amerikanisch!“ [S. 23]

Zwischen Ernst und Augenzwinkern schlägt Djuna Barnes mit „Französische Etikette für Ausländer“ in eine nahegelegene Kerbe und erteilt Ratschläge für den „ahnungslosen amerikanischen Touristen, der in Paris frei herumläuft“. Sehr amüsant ist „Die Sehnsucht nach Einsamkeit“ über eine Frau, die es genießt, zwischen lauter berühmten Leuten in einem Pariser Café zu sitzen und von „Eremiten und Einsamkeit“ zu träumen. Tatsächlich macht sie sich auf die Reise nach den Balearen und kehrt recht gern wieder zu den Annehmlichkeiten der Großstadt zurück. Gut gefiel mir auch die letzte Geschichte, die eine Rückkehr nach New York beschreibt, das zwar ebenso wenig ideal ist wie etwa Paris, aber eben nun mal die Heimat.

Leseempfehlung für beide Bändchen, die im schönen Verlag Klaus Wagenbach erschienen sind!

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Werbefrei

Cooles Geburtstagsgeschenk meines Liebsten – seit gestern ist mein Blog frei von WordPress-Anzeigen. Da mache ich doch gleich meine eigene Werbung: Werbefrei dank eulenausathen.com!

WordPress User, die nicht selbst hosten, kennen diese Anzeigen, die WordPress schaltet und die man nicht beeinflussen kann. Sie sind sozusagen der Preis fürs kostenlose Bloggen. Irritiert hat mich immer, dass ich nie wusste, was das eigentlich für Anzeigen waren. Denn als WordPress User sieht man sie gar nicht, zumindest wenn man eingeloggt ist. Aber darum muss ich mir ja nun keine Gedanken mehr machen : )

Was ich sonst noch so bekommen habe? Einen super Frühlingstag und unter anderem natürlich Bücher, zum Beispiel Wahre Monster von Caspar Henderson aus der wunderschönen Reihe „Naturkunden“ (darauf freue ich mich, seit ich Petras Besprechung las), The Goldfinch von Donna Tartt und Weinhebers Koffer von Michel Bergmann (auch hierzu gibt es eine Leselust-erzeugende Besprechung bei der Durchleserin).

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Englische Exzentriker

Kürzlich die Lektüre Englische Exzentriker. Eine Galerie höchst merkwürdiger und bemerkenswerter Damen und Herren von Edith Sitwell beendet – eine anregende, kurzweilige und sehr empfehlenswerte Lektüre.

Haben wir nicht alle unsere Tics und Schrullen? Manche sind sympathisch und liebenswert, andere wirken eigenartig oder können unsere Umgebung auch mal nerven. Die englische Lyrikerin und Autorin Edith Sitwell hat 1933 mit The English Eccentrics eine Art literarische Wunderkammer mit kuriosen Persönlichkeiten bevölkert. In der mir vorliegenden deutschen Ausgabe aus dem Wagenbach Verlag, die übrigens ergänzt wird um ein erhellendes Vorwort sowie interessante Nachbemerkungen der Übersetzerin Kyra Stromberg, sind zwar nicht alle, aber doch mehr als die Hälfte der Porträts aus der Originalausgabe enthalten. Wir treffen darin Uralte und die wundersame Spezies der „Schmuck-Eremiten“, Menschen, die sich für ungewöhnliche oder ungewöhnlich teure Moden begeistern können, eine „gebildete Dame“, die leider meist ihr Herz den falschen Männer schenkte, und viele weitere faszinierende Gestalten.

Wie dem Vorwort von Kyra Stromberg zu entnehmen ist, war Edith Sitwell selbst eine englische Exzentrikerin in dem von ihr definierten Sinne: Exzentrik sei nämlich „nicht, wie langweilige Leute uns glauben machen wollen, eine Form von Verrücktheit, sondern oft eine Art unschuldiger Stolz. Geniale und aristokratische Menschen werden häufig als exzentrisch betrachtet, weil das Genie wie der Aristokrat vollkommen unerschrocken und unbeeinflußt sind von den Meinungen und Launen der Massen.“ [Vorwort zu Englische Exzentriker, S. 7]

Edith Sitwell muss schon rein äußerlich eine für ihre Zeit ungewöhnliche Erscheinung gewesen sein, sehr groß (um die Einsachtzig), sehr schlank, in wogende Roben gehüllt wie ein „großer vom Wind gezauster Vogel“ [S. 7]. Sie stammte aus uraltem englischen Adel und bewahrte sich ihren eigenen Kopf. Allein die kurze Lebensgeschichte, die uns Kyra Stromberg im Vorwort präsentiert, macht Lust auf mehr von Edith Sitwell. Vielleicht verdankt sich ihrer eigenen besonderen Stellung ihre einfühlsame Beschreibung der verschiedenen Exzentriker, die einem fast immer liebenswert in ihrer Schrulligkeit vorkommen. Ebenfalls sehr schön: Meine Ausgabe enthält eine Menge Fotos und Porträts der porträtierten Exzentriker sowie natürlich der Autorin selbst.

Weitere interessante Persönlichkeiten oder auch „Strange Flowers“ findet ihr auf dem gleichnamigen Blog von James Conway. Hier gibt es auch viele interessante Beiträge zu Edith Sitwell zu entdecken.

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Neues Sammelstückchen

LightmarkSeit heute bin ich glückliche Besitzerin eines entzückenden Lesezeichens, das nun meine Sammlung verschönert. Sieht es nicht allerliebst aus?

Falls ihr auch so eins wollt: Es stammt von Peleg Design, einer Firma mit Sitz in Tel Aviv (hat also einen etwas weiteren Weg hinter sich). Das Lesezeichen heißt Lightmark und ist in drei Farben erhältlich: grau, weiß oder rot. Bestimmt auch eine nette Geschenkidee!

Kleine Ergänzung: Das Lesezeichen hat es mir auch deshalb so angetan, weil es mich ein bisschen an meine Nachttischlampe erinnert : )

Kopfkissen und Nachttischlampe, Foto: © Petra Gust-Kazakos

Foto: © Petra Gust-Kazakos

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Die Buchhandlung

Dieser Titel hält erfreulicherweise nicht, was man sich davon versprechen könnte: Es geht also nicht um eine bezaubernde junge Frau, die eine Buchhandlung auf dem Lande eröffnet und nach allerlei Wirrungen Erfolg damit hat und natürlich die Liebe ihres Lebens trifft. Im Gegenteil. Penelope Fitzgerald erzählt in diesem Roman eine klischeefreie, unvorhersehbare Geschichte.

Wir befinden uns im Jahr 1959. Die Hauptfigur heißt Florence Green. Von ihrer äußeren Erscheinung erfahren wir erfrischend wenig. Penelope Fitzgerald erspart uns Beschreibungen von kastanienbraunen Locken oder grünen Augen. Schon gar nicht ist Florence jung oder besonders charmant: „Sie war klein, schmal und drahtig, von vorn wirkte sie unscheinbar und von hinten erst recht“, heißt es über sie auf Seite 10. Außerdem ist sie mittelalt und verwitwet. Aber sie mag Neuanfänge und beschließt, in einem Dorf an der ostenglischen Küste eine Buchhandlung zu eröffnen.

Auch hier keinerlei Klischees: Florence ist mitnichten eine große Leserin, die sich nur in der Umgebung vieler Bücher wohl fühlt. Die Schriftstellerin erfüllt keine Erwartungen an typische Büchermenschen mit ihrer Hauptfigur. Florence ist vernünftig, eine patente Person, nicht zu resolut, aber doch genug, um ihren Plan auch gegen Widerstände durchzusetzen. Sie war einst Verkäuferin in einer Buchhandlung. Aber weder maßt sie sich Urteile über Bücher an (dazu fühlt sie sich außer Stande) noch scheint sie besonders viel zu lesen. Bücher sind für sie eine Ware, mit der sie sich nur besser auskennt als mit anderen Waren. Dies, der Tod ihres Mannes, den sie in der Buchhandlung von früher kennenlernte, und wohl auch die Schließung jener Buchhandlung, deren Reste sie aufkauft, sind die Hauptgründe für ihre Geschäftsgründung. Dabei behält sie die Interessen der Dorfbewohner im Blick. Sie versucht nicht, deren Geschmack mit anspruchsvoller Literatur zu formen. Sei es, weil sie sich dazu zu wenig auskennt oder weil sie nicht pleitegehen will. Nur einmal macht sie einen solchen Versuch, indem sie Nabokovs Lolita in ihr Sortiment aufnimmt. Darüber hat sie allerdings auch nicht selbst entschieden, sondern ihren einzigen Verbündeten im Dorf um dessen Meinung gebeten.

Florence könnte einige Verbündete mehr gebrauchen, denn die einflussreiche Mrs. Gamart würde aus ihrer Buchhandlung lieber ein Kulturzentrum machen, Florences Anwalt ist ein Weichei, wenn es um die Wahrung ihrer Interessen geht, und ihr Bankberater ist auch keine Hilfe. Selbst Milo, den sie lange für einigermaßen vertrauenswürdig hielt, erweist sich als Opportunist.

Das Schöne an dem Roman ist nicht nur seine Klischeefreiheit, es ist auch der trockene Witz, mit dem die dörfliche Gesellschaft und die typischen Rituale beschrieben werden. Beispielsweise bei den teilweise absurden Briefwechseln zwischen Florence und ihrem Anwalt oder auch bei der bekannten Situation auf Beerdigungen: „die Gäste versammelten sich dort und redeten und lachten und unterdrückten dann ihr Gelächter und wußten kaum, wohin damit“ (S. 146).

Interessant auch, dass Penelope Fitzgerald bei aller Nüchternheit im Stil kein Problem damit hat, in dem alten Haus, das die Buchhandlung beherbergt, einen Poltergeist vorkommen zu lassen. Übrigens auch sonst niemand, für die Dorfbewohner ist ein „Klopfer“ so normal wie für uns ein Mobiltelefon, nur dass er sich nicht einfach abstellen lässt, wenn er nervt. Und beim Lesen nimmt man das dann ebenfalls als gegeben hin, zumal der Roman ansonsten keine gruselromantypischen Entwicklungen nimmt.

Üblicherweise werden uns bei den beliebten Büchern über Bücher, das Lesen und die Leserschaft, über Sammler oder Bibliotheken positive Bilder von Büchermenschen präsentiert, gern nostalgisch ausgeleuchtet. Ich mag solche Bücher, die ich zur Kategorie Bücher- und Leselob zähle, durchaus. Aber ich freue mich über diese Entdeckung, die diesem Genre so gar nicht entspricht. Und ich freue mich auch, dass der Insel Taschenbuchverlag diesen Roman der längst verstorbenen Schriftstellerin (sie lebte von 1916 – 2000) ins Programm genommen hat. Er macht Lust auf weitere Romane von Penelope Fitzgerald. Die Buchhandlung, aus dem Englischen übersetzt von Christa Krüger, eignet sich für Leserinnen und Leser, die Realismus, guten Stil und eine für das Genre ungewöhnliche Geschichte zu schätzen wissen.

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