Der Werbe-Rabe

RabenturmDie Nummer 45 des Literaturmagazins Der Rabe behandelt in vielfältigen Beiträgen die Freuden, vor allem aber die Leiden der Werbetreibenden und derer, die in der ein oder anderen Weise die Werbung zur Kenntnis nehmen (müssen). Also eigentlich von allen.

Es beginnt schon wieder höchst vergnüglich, gleich im ersten Beitrag von Ono Mothwurf ein Zitat von Jacques Seguela: „Sagen Sie meiner Mutter nicht, daß ich in der Werbung arbeite. Sie denkt, ich bin Pianist in einem Bordell.“ Mit diesem Zitat, das übrigens in mehreren Beiträgen dieses Raben auftaucht, ist natürlich die Marschrichtung weitgehend vorgegeben. Deshalb fand ich auch besonders jene Beiträge besonders gut, die nicht einfach nur ins Lamento über die dämliche Werbung und die bösen Manipulierer einstimmen, beispielsweise den gerade erwähnten „Ich bin Werber. (Bin ich nicht).“ von Mothwurf, „Glanz und Elend des Erfolgs“ von Howard Luck Gossage oder besonders auch „Für ein Pflichtjahr in der Werbung. Ein durchaus ernstgemeinter Vorschlag“ von Karl Michael Armer.

Da es das wunderbare Literaturmagazin Der Rabe ja leider nicht mehr gibt, müsst ihr bei Interesse nach Exemplaren aus zweiter Hand Ausschau halten. Hier geht’s zum kompletten Inhaltsverzeichnis der Nr. 45.

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Ernst Haeckels Kunstformen

Meer_KunstWer wollte bestreiten, dass die Natur die kunstvollsten Formen hervorbringt? Einen der schönsten Beweise hierfür lieferte Ernst Haeckel Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit Kunstformen der Natur und Kunstformen aus dem Meer.

Ernst Haeckel. Kunstformen der Natur – Kunstformen aus dem Meer, herausgegeben von Olaf Breidbach, ist ein prächtiger Band, der mit knapp 25 Euren wirklich günstig ist. Darin finden sich außer den wunderschönen Tafeln mit Ernst Haeckels Illustrationen zu Radiolarien sowie zu allen möglichen Pflanzen und Tieren auch mehrere erhellende Texte des Herausgebers und ein interessanter Text von Irenäus Eibl-Eibesfeld zu unseren Sehgewohnheiten und natürlich zu „Ernst Haeckel – Der Künstler und Wissenschaftler“.

Haeckel war Zoologe und Evolutionsbiologe, Direktor des großherzoglichen zoologischen Museums in Jena und Bestsellerautor (würde man heute sagen). Ende des 19. Jahrhunderts war er international berühmt geworden mit seiner Publikation Welträthsel, die sich auf Deutsch 450.000mal verkaufte und in 27 Sprachen übersetzt wurde. Von 1899 bis 1904 veröffentlichte er in Einzelblättern die Kunstformen der Natur.

Geboren wurde er 1834, studierte Medizin und Naturwissenschaften und präsentierte die ersten Ergebnisse seiner Radiolarienforschung 1860. 1862 dann erschien die Monographie dieser „allerreizendsten Tierchen“ (so Haeckel in einem Brief von 1860 an seine Verlobte) mit einem Atlas von 35 Kupfertafeln. Diese Tafeln sind zunächst einmal faszinierend und überaus dekorativ. Vor Lektüre des Bandes hatte ich nie von Radiolarien gehört. Es sind, wie ich nun aus dem Bildband erfuhr, Mikroorganismen, die es seit dem Präkambrium gibt (welches vor etwa 545 Mio. Jahren endete). Ihre kugelförmigen Gehäuse, auch ihre Komplexität im Vergleich zu ihren einfacher strukturierten Verwandten, den Amöben, faszinierten den Forscher. Es gibt 5000 verschiedene Arten dieser Radiolarien, die auch Strahlentierchen genannt werden. Zu Haeckels Zeiten waren erst mehrere Hundert bekannt. Haeckel beobachtete und untersuchte sie genauestens, seine Gliederungsmuster sind bis heute grundlegend für die Forschung. Seine Darstellung der Radiolarien faszinierte viele seiner Betrachter nachhaltig, Haeckel, dessen Illustrationen von der Sichtweise seiner Zeit, auch vom Jugendstil beeinflusst war, wirkte wiederum selbst auf diesen ein. So wurde eine seiner Radiolarien-Illustrationen das Vorbild für das Monumentaltor zur Pariser Weltausstellung. Wie jenes Tor aussah, seht ihr beispielsweise hier.  Wunderbarerweise finden sich im Internet seine Tafeln zu Kunstformen der Natur. Weitere Infos zu diesem wirklich herrlichen Band gibt es hier.

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Bücherkoffer Nr. 27 von Claudia/Über den Kastanien

Claudias Blog Über den Kastanien gehört zu jenen Blogs, die die Behauptung, Blogartikel müssten kurz sein, um gelesen zu werden, für mich aufs Schönste widerlegen. Denn ihre Beiträge sind so interessant, dass ich sie auch und besonders wegen ihrer Ausführlichkeit schätze. Ihren Bücherkoffer packt Claudia ebenfalls nicht so nebenbei.

Zuletzt beeindruckt hat mich Claudias Beitrag „Kafka in Berlin“. Der ist nun wieder ein Weilchen her, aber ich hoffe, es folgen noch weitere ihrer hochinteressanten Artikel. Bis dahin freue ich mich über den Bücherkoffer (oder besser: den Bücherrucksack), den sie für uns gepackt hat.

Bücherrucksack_Claudia_Kastanien

„Urlaub ohne Bücher wäre für mich undenkbar. Schon meine Eltern schleppten in jeden Ostseeurlaub eine Tasche mit Büchern mit. Am Meer angekommen gingen wir bald in die Kurbibliothek, wo auch wir Kinder uns noch zusätzliche Ferienlektüre ausliehen. Als wir älter wurden, lasen wir die Bücher oft reihum und der Austausch darüber gehörte zum Urlaub dazu.

Leseparadies in der Maremma

Seit drei Jahren fahren wir nun jeden Sommer in die südliche Toskana, immer an denselben Ort, einem idyllisch gelegenen Bauernhof. Hier, inmitten der Natur nur mit dem wirklich für uns notwendigen Dingen umgeben, können wir uns wirklich erholen. Es gibt genügend stille schattige Plätzchen zum Lesen: die versteckte Hängematte zwischen Bäumen, das Hängebett mitten im Wald oder wenn es gar zu heiß wird, auch das Bett im Haus. Ich lese am liebsten abends auf der von Weinreben eingerahmten Terrasse vor unserer Wohnung mit Blick auf die grünen Hügel, auf denen langsam die Lichter in den kleinen Dörfern angehen. Ab und zu kommt mal eine Katze vorbei und legt sich auf die kühlen Terrassenfliesen oder der Hahn fliegt mit viel Anstrengung auf das Dach des Schuppens. In der Dämmerung werden die Zikaden plötzlich noch mal sehr laut nach dem sie tagsüber fast verstummt sind. Doch auch das stört mich nicht beim Lesen und Träumen.“

HängebettimWald_Claudia_Kastanien

„Der Bücherkoffer oder eigentlich der Bücherrucksack ist immer voll und es fällt mir schwer, mich zu beschränken. Es soll nämlich für jede Lesestimmung das passende Buch vorhanden sein. Eigentlich wollte ich mir deshalb einen E-Book-Reader anschaffen, habe mich dann aber doch fürs Erste dagegen entschieden. Zu groß ist mir die Gefahr des Herumzappens. Schon jetzt lese ich immer mehrere Bücher parallel und manchmal geht das auch zu Lasten des wirklich intensiven Verständnisses.

Für alle Fälle steht uns auch noch eine große Bibliothek in unserem Feriendomizil zur Verfügung. Die deutschen Besitzer haben eine sehr schöne Büchersammlung u. a. mit Klassikern der Weltliteratur, wo ich mir auch schon so manche Leseanregung holte. Im ersten Jahr traute ich mich zum Beispiel mal, bei Arno Schmidt rein zu lesen, denn da standen seine gesammelten Werke und ich konnte ein bisschen mehr verstehen, was seine Fans an diesem Autor so reizt.

Genug der langen Vorrede, jetzt folgt der Inhalt meines Bücherrucksacks für den diesjährigen Sommerurlaub:

Reiner Stach Kafka – Die frühen Jahre

Biographien oder biographische Literatur dürfen auf keinen Fall fehlen in meinem Buchgepäck. In den letzten Jahren hatte ich immer Bücher über Hermann Hesse dabei. Auf unseren Reisen nach Italien und wieder zurück nach Deutschland konnten wir uns passend dazu in Montagnola, Calw und Gaienhofen einstimmen oder das Gelesene nachwirken lassen. Kafka hat zwar auch Italien besucht, aber Riva am Gardasee (gehörte damals allerdings zu Österreich-Ungarn) und Venedig liegen (diesmal) nicht auf unserer Reiseroute. Kafka habe ich, angeregt durch einen Prag-Besuch im vergangenen Jahr, wieder für mich entdeckt und ich bin deshalb schon sehr gespannt auf das dreibändige biografische Mammutwerk, das der Literaturwissenschaftler und Lektor Reiner Stach 2014 nach 18 Jahren intensiver Recherchearbeit fertig gestellt hat.

Der Schreibstil Reiner Stachs wurde vielfach gelobt und die Kafka-Biografie soll wohl auch mehr in der Art eines biografischen Romans geschrieben sein. Es erwartet mich also keine trockene Biografie und das steigert natürlich noch meine Vorfreude auf dieses Buch. Der Band Kafka – Die frühen Jahre, welcher in diesem Jahr für den Preis der Leipziger Buchmesse im Bereich Sachbuch nominiert war, erschien erst im Herbst 2014, obwohl er chronologisch natürlich der erste ist. Das hängt mit den dürftigen Quellen zusammen, die für diesen Abschnitt von Kafkas Leben zur Verfügung stehen. Es gibt aus den frühen Jahren keine Tagebücher und es sind auch nur wenige Briefe erhalten. Bisher unveröffentlichte Briefe und Tagebücher von Kafkas Freund und Nachlassverwalter Max Brod wären sicher eine große Hilfe bei der Recherche gewesen. Leider ist der Nachlass von MaxBrod aber immer noch juristisch umkämpft. Reiner Stach konnte für Die frühen Jahre wenigstens einige unpublizierte Notate von Max Brod auswerten.

Anne von Canal Der Grund

Für eine gedankliche Abkühlung zur Siestazeit kann vielleicht der Debütroman der Autorin mit dem wunderschönen Namen Anne von Canal beitragen. Das Buch Der Grund aus dem mareverlag handelt im hohen Norden, genauer gesagt in Schweden und Estland. Anne von Canal, Jahrgang 1973, arbeitete viele Jahre in Verlagslektoraten bevor sie selbst zu schreiben anfing. Nach Germanistik und Anglistik studierte sie auch Skandinavistik. Erst für dieses Studienfach entwickelte sie Leidenschaft, ein Jahr lebte sie in Oslo.

Laurits Simonsen, der eigentlich Konzertpianist werden wollte, besteht unerwarteter Weise die Prüfung am Musikkonservatorium nicht. Er beugt sich dem Wunsch des Vaters und wird Mediziner. Mit Frau und Tochter lebt er scheinbar ein glückliches Leben. Bis es auf einem Familienfest zu einem Eklat kommt und ihm deutlicher als vorher bewusst wird, welchen Einfluss sein dominanter Vater auf sein Leben hatte und auch noch hat. Laurits trifft zum ersten Mal eine wirklich selbständige Entscheidung, mit dramatischen Folgen. Das klingt nach einer spannenden Lektüre mit gleichzeitig psychologischen Tiefgang.

Aufmerksam geworden auf dieses Buch bin ich durch die differenzierten Besprechungen vom Kaffehaussitzer und von Thomas Brasch, der den Roman gern für den Deutschen Buchpreis nominiert hätte. Wie viel Einfluss kann man auf seinen eigenen Lebenslauf nehmen? Wie ist das Verhältnis zwischen Fremd- und Selbstbestimmung und wie oft kann man neu anfangen? Das sind Fragen, die sich beide Rezensenten stellen und die mich neugierig machen auf die Antworten, die der Roman vielleicht hierfür in petto hat.

Klaus Modick Konzert ohne Dichter

Das Buch wanderte gleich nach Erscheinen auf meine Lesewunschliste, denn die Künstlerkolonie Worpswede fasziniert mich schon lange. Mehrmals habe ich den Ort besucht und mir gefällt es dort immer wieder gut trotz der touristischen Vermarktung, der vielen Besucher und der überall anzutreffenden vor allem weiblichen Hobbymaler. Bisher wandelte ich vor allem auf den Spuren von Paula Modersohn-Becker, die sogar in meiner Heimatstadt geboren wurde, was ich erst spät erfuhr, da man sich in Dresden meist mit anderen Kindern der Stadt schmückt. Ich habe mit Begeisterung viel über sie und ihre Beziehungen zu den Künstlerfreunden und -freundinnen gelesen, sowohl in Ausstellungskatalogen, Biographien, Tagebüchern als auch in biografischen Romanen und natürlich habe ich mir ihre Bilder angesehen wo immer es für mich möglich war.

Klaus Modicks Roman dreht sich nun vor allem um die Künstlerfreundschaft zwischen dem Maler Heinrich Vogeler und Rainer Maria Rilke. ‚Das Konzert oder Sommerabend auf dem Barkenhoff‘, das berühmte Gemälde Vogelers, diente dem in Oldenburg geborenen Autor als Inspiration für sein Buch. Wie die Idee zu seinem Roman entstand ist hier in einem Interview mit Radio Bremen auf der Leipziger Buchmesse nachzuhören.

Leider ist es mir noch nie gelungen bei meinen Worpswede-Besuchen, den ‚Barkenhoff‘ von innen zu sehen. Zweimal reichte die Zeit, die bei Tagesbesuchen ohnehin immer knapp ist, nicht aus und einmal hatte das Museum wegen Ausstellungswechsel geschlossen. Den Garten habe ich mir allerdings angeschaut und konnte mir gut die sommerabendlichen Treffen der Künstlerfreunde vorstellen.

Modicks Romanhandlung setzt im Jahr 1905 zu einer Zeit ein, in der Heinrich Vogeler auf dem Höhepunkt seines Erfolges ist und doch von Zweifeln geplagt wird, ob er seine künstlerische Eigenständigkeit bewahren kann oder sich zunehmend vom Kunstmarkt beeinflussen lässt. Der Jugendstilkünstler malte nicht nur sondern war auch im kunstgewerblichen Bereich tätig. Er entwarf Möbel, Bestecke, Gläser und war damit sogar erfolgreicher als mit seinen Bildern. Im Bremer Rathaus stattete er die sogenannte ‚Güldenkammer‘ vollständig im Jugendstil aus. Während des ersten Weltkrieges wandte er sich dem Expressionismus zu. Er sympathisierte mit der Arbeiterbewegung und gründete 1919 eine Kommune mit angeschlossener ‚Arbeitsschule‘ auf dem Barkenhoff. Vogeler ging 1931 in die Sowjetunion und starb dort 1942 unter tragischen Umständen.

Auf dem berühmten Gemälde fehlt Rainer Maria Rilke, der Dichterfreund Vogelers. Die Freundschaft der beiden, welche ohnehin fragil war, zerbricht. Mich hat es schon immer etwas verwirrt, dass auf dem Bild alle Menschen so unglücklich aussehen. Ich hatte mir einen Sommerabend auf dem Barkenhoff irgendwie beschwingter und heiterer vorgestellt. Doch es scheint so zu sein, dass in der Künstlerkolonie sehr viele verschiedene und manchmal auch schwierige Charaktere aufeinander treffen. Folgerichtig entwickeln sich die Lebensläufe der Künstler nach der gemeinsamen Zeit auch sehr unterschiedlich. Klaus Modick soll Rilke, dessen Frühwerk er kitschig findet, etwas vom Sockel herunter gehoben haben, in dem er seine Unfähigkeit lebenspraktische Dinge zu bewältigen, thematisiert. Immerhin schätzte Rilke aber als einer der wenigen die Werke seiner Freundin Paula Modersohn-Becker und kaufte ihr als erster eines ihrer Bilder ab.

In einer Bemerkung im Buch benennt der Autor Klaus Modick die Recherchequellen für seinen Roman, warnt aber ausdrücklich davor, die Geschichte als reine Wahrheit auf zu fassen. Die drei Tage, um die sich die Handlung rankt, sollen wohl in etwa so abgelaufen sein wie beschrieben. Die Rilke-Zitate, zum Beispiel, sind aber anderen Zusammenhängen entnommen. Flattersatz hat auf seinem Blog das Buch ausführlich besprochen. Er merkt an, dass es für jemanden, der nicht gerade Kunsthistoriker ist, sehr schwer ist, zwischen Wirklichkeit und Fiktion in diesem Buch zu unterscheiden. Es besteht die Gefahr, dass das Gelesene sich als historische Wahrheit im Gedächtnis festsetzt. Ein Umstand der mich als Leserin von biographischen Romanen oder Büchern mit starkem historischen Bezug schon lange beschäftigt. Wie viel Fiktion vertragen diese Bücher, um für mich glaubhaft zu sein oder zumindest eine Wahrheit zu transportieren? Ich bin jedenfalls sehr neugierig auf dieses Buch und hoffe auch, dass ich die Sprache, die manche Rezensenten zu weilen als sehr schwülstig, dem Jugendstil angepasst, beschrieben, beim Lesen aushalten kann.

Katja Petrowskaja Vielleicht Esther

Für ihre Erzählung Vielleicht Esther erhielt die 1970 in Kiew geborene Autorin 2013 den Ingeborg-Bachmann-Preis. 2014 erschien ihr gleichnamiges Buch. Seitdem steht es auch auf meiner Wunschliste, denn es enthält Katja Petrowskajas Suche nach ihren familiären Wurzeln, ein Thema, welches mich in seiner unterschiedlichen literarischen Umsetzung meist unmittelbarer berührt als andere, die weniger mit meinem Leben zu tun haben. Die Autorin geht davon aus, dass jeder so seine Wahrheit der eigenen Familiengeschichte im Kopf hat. Man kennt die Geschichten, die in der Familie erzählt werden, schaut Fotos an und hat natürlich die eigenen Erinnerungen. Doch ist das schon wirklich die Wahrheit? Katja Petowskaja versucht in einzelnen Geschichten der Wahrheit nahe zu kommen und doch bleibt vieles im Ungewissen. Der Umschlag des Buches zeigt Notizen der Großmutter der Autorin, die in den letzten Lebensjahren ihre Memoiren aufschrieb, auch noch als sie schon vollständig blind war. Katja Petrowskaja hat ihre Familiengeschichte, die sehr vielgestaltig ist, in einzelnen Erzählungen festgehalten. Sie enthalten keine Fiktion, sind aber in einer poetischen Sprache abgefasst, die mir beim Reinlesen gleich gefallen hat. Katja Petrowskaja schrieb das Buch nicht in ihrer russischen Muttersprache sondern in deutscher Sprache, welche sie erst mit 26 Jahren begann zu lernen. Hier kann man sich ein Interview mit der sympathischen Autorin ansehen.

Literatur aus Italien

Ich fühle mich als Ignorantin der Kultur unseres Gastgeberlandes, wenn ich keine italienische Literatur dabei habe. Deshalb ist jetzt jedes Mal wenigstens ein Buch eines italienischen Autors im Gepäck. Nachdem ich letztes Jahr kein Leseglück mit den Erzählungen von Elsa Morante hatte, deren Düsternis ich damals gerade nicht ertragen konnte, will ich es diesmal mit Italo Calvino versuchen, von dem ich tatsächlich noch nie etwas gelesen habe, was sicher ein großes Versäumnis ist. In der Bibliothek suchte ich mir Wenn ein Reisender in einer Winternacht aus, laut Klappentext sein internationaler Durchbruch.

Außerdem habe ich mir vorgenommen, diesmal etwas häufiger in mein Italienischlehrbuch für den Urlaub zu schauen bzw. zu hören. Nicht immer sind alle Speisekarten ins Englische übersetzt und es ist einfach schön, wenn man mit einigen italienischen Floskeln in Geschäften oder Cafés gleich noch viel freundlicher bedient wird. In den abseits der Touristenströme gelegenen Dörfern der Maremma spricht auch nicht jeder Bewohner englisch und deutsch schon gleich gar nicht.

In diesem Sinne wünsche ich euch ‚Buone vacanze‘und einen schönen Lesesommer!“

Ein toller Bücherrucksack, liebe Claudia! Dir ganz herzlichen Dank fürs Mitmachen und einen wunderschönen Urlaub : )

 

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Leseplätzchen Nr. 39 von Peter Daser/breitengradlaengengrad

Heute darf ich euch das Leseplätzchen von Peter Daser präsentieren, der das überaus lesenswerte Blog breitengradlaengengrad führt. Peters Leseplätzchen ist eigentlich zugleich ein Shelfie, das macht es doppelt schön.

Peter Daser habe ich vor nicht allzu langer Zeit über Twitter kennengelernt – inzwischen sind über diesen Kanal schon sehr viele, sehr interessante Kontakte entstanden. Peter wurde in in Salzburg geboren und wuchs hauptsächlich in Tirol auf. Er arbeitet und lebt in Wien und Niederösterreich, ist Journalist beim Radio und interessiert an Politik, Geschichte, Literatur und Medien. Er mag alte Landkarten und schreibt darüber hin und wieder auf seinem schönen Blog breitengradlaengengrad.

Peter_Daser

Zu seinem Leseplätzchen sagt Peter:

„Das ist einer meiner Leseplätze. Die Couch steht beim Fenster, hier ist gutes Licht. Daneben ist auch eine Stehlampe, die abends oder im Winter eingeschaltet wird, ich hab es gerne hell. In diesem Bereich des Bücherregals stehen einige der Werke, die ich öfter zur Hand nehme.

An diesem Leseplatz sammeln sich auch jene Bücher, die neu gekauft, aber noch nicht gelesen wurden. Ungelesene Bücher werden dabei weder nach Thema oder Autor oder Größe sortiert, sie müssen einfach irgendwo warten, bis sie an der Reihe sind. Erst nach dem Lesen erfolgt die Platzzuweisung. Manche liegen jahrelang in dieser Regal-Gegend, sogar ungeöffnet, denn meistens kommt die Folie erst herunter, wenn das Buch wirklich gelesen wird.

Eine systematische Ordnung ist jedenfalls schwer. Einzig meiner Vorliebe für Shakespeare ist hier ein eigenes Regalbrett gewidmet. Ansonsten kommen Bücher nach dem Lesen dorthin, wo am besten Platz ist. Bei kleinformatigen Taschenbüchern ist eine alphabetische Reihenfolge noch halbwegs möglich, wird aber immer schwieriger, weil ständig neue Bücher hinzukommen und sich reinquetschen müssen.

Eine besondere Herausforderung sind größere Formate: Stehen sie aufrecht, geht oft besonders viel Platz rundherum verloren. Werden Bände ähnlicher Höhe zusammen gelagert, bleibt weniger ungenutzter Raum, allerdings sind erhebliche Abstriche bei inhaltlichen Kriterien unvermeidbar. Liegen die Großformate quer, so bremst dies spontane Zugriffe, weil erst der ganze Stapel herausgehoben werden muss.

Ich kann mich erinnern, dass es früher irgendwo noch freien Stauraum gab. Aber das ist lange her.“

Oh ja, das Los der Vielleserinnen und -leser: Immer mehr mangelt es an Platz! Die Ledercouch sieht gemütlich aus … So ein ungeordnetes Regal verführt ja auch sehr zum Stöbern, ich habe das bereits durch Zoomen aufs Foto gemacht und gesehen, dass sich durch die „Unordnung“ zuweilen sehr interessante Zusammenstellungen ergeben. Besonders gern würde ich das Shakespeare-Regal näher anschauen und den ein oder anderen Band darin durchblättern … Dir, lieber Peter, jedenfalls ganz herzlichen Dank fürs Mitmachen!

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Lektürenotizen & weitere Neuzugänge

Meine Manesses in voller Pracht, auf Augenhöhe & in der ersten Reihe

Meine Manesses in voller Pracht, auf Augenhöhe & in der ersten Reihe

Noch mehr Manesses sorgen für Lesevorfreude, Kyra Strombergs Djuna-Barnes-Biographie ist ein Wucht und leichte Sommerlektüre passt gut zu höheren Temperaturen. Außerdem freue ich mich über das Feedback in Echt(lese)zeit einer Leserin von Ganz weit weg auf Twitter.

Gestern Abend schleppte mein Freund Stephan die restlichen Manesse-Bändchen an, die er mir zugedacht hatte. Darunter entdeckte ich gleich viele weitere Perlen wie Goethes West-östlichen Divan, Blixens Afrika-Erinnerungen, viel Japanisches, Chinesisches und Persisches sowie zwei weitere Bücher aus anderen Verlagen, nämlich Montaignes Tagebuch einer Badereise und die Geschichte der Margaretha von Valois. Ich glaube, die Badereise wird sich bei der Hitze als nächste Lektüre besonders anbieten …

Kürzlich beendete ich Kyra Strombergs wunderbare Biographie über Djuna Barnes, ein schmales Bändchen voll faszinierender Informationen aus dem Leben und Werk einer Extravaganten, wie der Untertitel lautet. Ihr Leben klingt aufregend – von New York nach Paris, London, später wieder nach New York – aber Djuna Barnes war kein Golden Girl. Zeitlebens hatte sie Geldprobleme und versuchte dennoch, ihre Familie zu unterstützen. Doch mit der Familie stand auch nicht alles zum Besten und in der Liebe hatte Djuna Barnes ebenfalls nicht viel Glück. Sie starb allein, fast vergessen, der erhoffte und verdiente Erfolg wollte sich nicht einstellen, mit 90 Jahren in ihrer kleinen Wohnung in New York. Ein langes Leben hat sie gehabt, obwohl sie sich immer wieder mit Selbstmordgedanken trug. Ein interessantes Leben auch inmitten der inspirierenden Atmosphäre voller englischer und amerikanischer Künstler und Schriftsteller, die das Paris der 20er und 30er Jahre bereicherten. Sie galt als witzig, scharfzüngig, manche hielten sie für arrogant, aber vielleicht war sie einfach nur schüchtern, gar nicht so selbstbewusst, wie ihr Auftreten glauben machen wollte. Diese und viele weitere Einblicke machen mehr Lust auf weitere Romane von Djuna Barnes.

Derzeit lese ich zwei leichtere Romane parallel, Twilight Sleep von Edith Wharton (eine gute Besprechung dazu findet ihr auf Sätze&Schätze) und Eine Amerikanerin in Paris von Elaine Dundy in der Übersetzung von Anne Braun (Stefanie von Worte und Orte hat es schon fertig gelesen und besprochen)

Außer den Manesses gab es noch ein paar weitere Neuzugänge in meiner Bibliothek, u. a. außer den genannten gerade zu lesenden Romanen auch Talebs Der schwarze Schwan, den ich mir hauptsächlich wegen seines Kapitels über Ecos hervorragende Gedanken zur Antibibliothek gekauft habe. Da mein Liebster vor einem Jahr mit Begeisterung Talebs Antifragilität las, denke ich, dass Der schwarze Schwan auch sonst ein guter Kauf war.

Und dann freute ich mich letzte Woche auf Twitter besonders über die Anmerkungen einer Leserin, die sich Ganz weit weg nach Italien bestellt hat – dort lebt sie nämlich und lehrt Deutsch – und mir immer mal wieder per Twitter Feedback zum aktuell gelesenen Kapitel gab. Das freute mich aus mehrerlei Gründen: Weil auch im fünften Jahr nach der Erscheinung Interesse an dem Buch besteht, weil das Buch diesmal bis Italien reiste (im Gegensatz zu mir, die noch nie „so richtig“ in Italien war, etwa an meinen Sehnsuchtszielen Venedig, Florenz, Rom, Sizilien, Ravenna etc.) und weil Twitter diese Art der schnellen Rückmeldung überhaupt ermöglicht.

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Shelfie-Ergänzung

Aus aktuellem Anlass noch ein weiteres Shelfie: Tassen und Literatur passen prima zusammen; q. e. d.

Tassen Ceterum censeo: Es ist viel zu heiß!

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Dominique

Noch so eine Perle, die ich bei meinen Manesse-Bändchen von Stephan entdeckt habe: Der Roman Dominique des französischen Malers und Schriftstellers Eugène Fromentin erzählt intensiv und fesselnd von einer ersten – und vielleicht letzten – großen Liebe. Sprachlich sehr gelungen und bildhaft, auch dank der Übersetzung von Ferdinand Hardekopf.

Fromentin (1820 – 1876) studierte zunächst Rechtswissenschaften, ehe er sich dem Malen und Schreiben zuwandte. Wie in Ernst Howalds Nachwort zu Dominique zu lesen ist, sind vor allem Fromentins Algerienbilder bekannt. Fromentin schrieb nur einen einzigen Roman, Dominique, und anders als bei Fanny, bei dem die Leserschaft aufgrund der intensiven Schilderungen vermutete, der Roman handle von Selbsterfahrenem – was nicht der Fall war – basiert Dominique in Teilen tatsächlich auf Erfahrungen und Empfindungen des Autors.

Diese Teile sind strukturell, inhaltlich und qualitativ selbst ohne dieses Vorwissen beim Lesen bemerkbar. Die Hinführung zur Hauptgeschichte nämlich ist relativ lang und beschreibt einen Mann mittleren Alters, der fast zu gut, zu besonnen, redlich etc. ist, um „echt“ zu wirken. Dominique de Bray ist verheiratet, hat zwei Kinder, ist sehr gebildet und lebt doch gern zurückgezogen auf seinem Gut, das er mit Sachverstand bewirtschaftet. Er ist angesehen und so dauerzufrieden, dass man bei den Erläuterungen im Nachwort, hier handle es sich eher um eine Wunschvorstellung des Autors, nur zustimmend nicken kann. Wobei diese etwas längliche Hinführung durchaus sehr schöne, lesenswerte Passagen besitzt, die – wie auch spätere Beschreibungen von Sinneseindrücken, Landschaften und vielem mehr – ein bisschen an Proust erinnern. Eingeführt wird dieser, sozusagen zu einem Ideal gereiften Dominique, von einem guten Freund, dem er später die Geschichte von der Liebe seines Lebens erzählen wird. Und dieser Teil ist dann wirklich wunderbar zu lesen, nicht ganz so rauschhaft wie Fanny, es beginnt langsamer und steigert sich nach und nach, aber auf seine Art ebenso fesselnd.

Howald berichtet im Nachwort, dass Fromentin nicht auf Verbesserungsvorschläge seiner Freundin George Sand einging, die vielleicht wirklich zu einer noch besseren Lesbarkeit, insbesondere der „idealisierten“ Teile, beigetragen und die ein oder andere Frage im Blick auf Dominiques späteres Leben beantwortet hätten. Aber, und hier trudle ich natürlich ins Spekulative, vielleicht war Fromentin die Geschichte noch zu nah, um die nötige Distanz für die Erfüllung gewisser Leseerwartungen aufbringen zu können. Schadet meines Erachtens aber nicht.

Insgesamt: Empfehlenswert.

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