Dominique

Noch so eine Perle, die ich bei meinen Manesse-Bändchen von Stephan entdeckt habe: Der Roman Dominique des französischen Malers und Schriftstellers Eugène Fromentin erzählt intensiv und fesselnd von einer ersten – und vielleicht letzten – großen Liebe. Sprachlich sehr gelungen und bildhaft, auch dank der Übersetzung von Ferdinand Hardekopf.

Fromentin (1820 – 1876) studierte zunächst Rechtswissenschaften, ehe er sich dem Malen und Schreiben zuwandte. Wie in Ernst Howalds Nachwort zu Dominique zu lesen ist, sind vor allem Fromentins Algerienbilder bekannt. Fromentin schrieb nur einen einzigen Roman, Dominique, und anders als bei Fanny, bei dem die Leserschaft aufgrund der intensiven Schilderungen vermutete, der Roman handle von Selbsterfahrenem – was nicht der Fall war – basiert Dominique in Teilen tatsächlich auf Erfahrungen und Empfindungen des Autors.

Diese Teile sind strukturell, inhaltlich und qualitativ selbst ohne dieses Vorwissen beim Lesen bemerkbar. Die Hinführung zur Hauptgeschichte nämlich ist relativ lang und beschreibt einen Mann mittleren Alters, der fast zu gut, zu besonnen, redlich etc. ist, um „echt“ zu wirken. Dominique de Bray ist verheiratet, hat zwei Kinder, ist sehr gebildet und lebt doch gern zurückgezogen auf seinem Gut, das er mit Sachverstand bewirtschaftet. Er ist angesehen und so dauerzufrieden, dass man bei den Erläuterungen im Nachwort, hier handle es sich eher um eine Wunschvorstellung des Autors, nur zustimmend nicken kann. Wobei diese etwas längliche Hinführung durchaus sehr schöne, lesenswerte Passagen besitzt, die – wie auch spätere Beschreibungen von Sinneseindrücken, Landschaften und vielem mehr – ein bisschen an Proust erinnern. Eingeführt wird dieser, sozusagen zu einem Ideal gereiften Dominique, von einem guten Freund, dem er später die Geschichte von der Liebe seines Lebens erzählen wird. Und dieser Teil ist dann wirklich wunderbar zu lesen, nicht ganz so rauschhaft wie Fanny, es beginnt langsamer und steigert sich nach und nach, aber auf seine Art ebenso fesselnd.

Howald berichtet im Nachwort, dass Fromentin nicht auf Verbesserungsvorschläge seiner Freundin George Sand einging, die vielleicht wirklich zu einer noch besseren Lesbarkeit, insbesondere der „idealisierten“ Teile, beigetragen und die ein oder andere Frage im Blick auf Dominiques späteres Leben beantwortet hätten. Aber, und hier trudle ich natürlich ins Spekulative, vielleicht war Fromentin die Geschichte noch zu nah, um die nötige Distanz für die Erfüllung gewisser Leseerwartungen aufbringen zu können. Schadet meines Erachtens aber nicht.

Insgesamt: Empfehlenswert.

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Shelfie Nr. 27 von mir

PhrenoTobi von Lesestunden.de hat auf seinem Blog zu einer Blogparade aufgerufen, die zugleich eine hübsche Reanimation der Shelfie-Serie auf allen möglichen (Bücher)Blogs werden könnte. Da mache ich doch gerne mit!

Aber welche Bücherregale soll ich zeigen? In unserer Wohnung stehen in jedem Raum, auch im Flur, Bücher (nur im Badezimmer nicht). In der Küche stehen die Kochbücher – da werden sie ja auch gebraucht. Viele sind es nicht. Und etliche sind eigentlich gar keine richtigen Kochbücher, sondern beispielsweise ein Roman mit Rezepten, wie Die kulinarischen Abenteuer des Frau Bartolo, eine literarische Spielerei wie Die Suppe des Herrn K. oder Bildbände wie Zu Gast bei Claude Monet.  Dann gibt es die Regale im Gästezimmer. Hier befinden sich viele Reiseführer, einige Kinder- und Jugendbücher und jede Menge Romane. So finden unsere Gäste, ob jung oder älter, immer ein wenig Lesestoff vor dem Schlafen. Im Schlafzimmer befinden sich angelesene, parallel gelesene und gerade gelesene Bücher. Im Flur Garten-, Koch- und Einrichtungsbücher, die in der Küche keinen Platz mehr fanden.

Ich denke, ich zeige euch unsere wohnzimmerliche Bücherwand.

Bücherwand

Denn in unserem Wohnzimmer, wo wir meist lesen und schreiben, finden sich die Bücher, die wir gern um uns haben oder die in denen wir etwas nachschlagen möchten. Dabei stehen deutsche, griechische und englische Ausgaben, manchmal des gleichen Buches, einträchtig beieinander.

Eine Ordnung gibt es auch: Ganz links finden sich eher fachliche Bücher sowie allerlei Nachschlagewerke. Daneben steht das Regal mit unseren besonderen Lieblingen, vor allem Romane (aber nur die Favoriten, denn der Großteil unserer Romane wohnt ja aus Platzgründen im Gästezimmer). Dazu passende Biographien und Sekundärliteratur, ganz unten auch ein paar Bücher über Bücher und Bildbände.

Proustianisches

Das erste Regal mit den Glastüren beherbergt Gedichtbände, noch mehr Bücher über Bücher, schöne alte Ausgaben sowie Bücher zur Kunst (Bildbände, Romane mit Kunstbezug, Künstlerbiographien und Sekundärliteratur).

Mix

Das nächste Regal mit den Glastüren ist mit Literatur zu Salons und Salonièren, Dandys, Flaneuren und interessanten Frauen wie Djuna Barnes, Sylvia Beach, Adrienne Monnier, Susan Sontag, Joan Didion oder Virginia Woolf befüllt. Die unteren vier Bretter tragen u. a. alte Landkarten und Rheinpanoramen sowie Reiseliteratur und Bildbände. Darunter Skurriles wie Johann von Mandevilles Von seltsamen Ländern und wunderlichen Völkern. Ein Reisebuch von 1356 oder Favell Lee Mortimers Die scheußlichsten Länder der Welt. Mrs. Mortimers übellauniger Reiseführer. Skurril auch deshalb, weil beide die vielen Ländern, von denen sie so Ungewöhnliches zu berichten wussten, nie selbst besuchten. Dazu schöne Bildbände wie Doktor Oldales geographisches Lexikon, Reisebegleiter – mehr als nur Gepäck oder Liz Künzlis literarische Führer zu Hotels und Bahnhöfen. Natürlich dürfen hier Klassiker wie Xavier de Maistres Reise um mein Zimmer und viele mehr nicht fehlen.

Reise

Im letzten Regal tummeln sich vor allem Bücher zu Philosophie, Geschichte, Wirtschaft und Politik sowie weitere Biographien, die zu den jeweiligen Themengebieten passen.

An unserer Bücherwand lässt sich nicht nur unsere Leselust ablesen, sondern auch unsere Freude am Sammeln: Lesezeichen, Vasen, Dosen, Fossilien, Eulen, Fotografien – für die einen ist es Krimskrams, für uns gehören diese Dinge, wie unsere Bücher, zu unserem Leben.

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Bücherkoffer Nr. 26 von Stefanie/Worte und Orte

Bücherkoffer, Foto: © Petra Gust-Kazakos

Bücherkoffer, Foto: © Petra Gust-Kazakos

Als ich Stefanies Blog Worte und Orte entdeckte, habe ich mich sehr gefreut, denn offenbar haben wir viel gemeinsam: Wir lieben es beide, zu lesen und zu reisen – und darüber zu schreiben. Auch ihren Beiträgen entnehme ich gewisse gemeinsame Vorlieben, beispielsweise für Mascha Kaléko, Shakespeare-Sonette und Jane Eyre. Umso mehr freue ich mich nun, dass Stefanie uns heute ihren Bücherkoffer – oder vielmehr: ihre Bücherkiste – präsentiert, die mir auch sehr zusagt: Es ist nämlich eine anglophile Bücherkiste.

In ihrer Selbstbeschreibung auf ihrem Blog ist zu lesen, dass Stefanie die Verbindung von Worten und Orten auf ihren Reisen besonders schätzt. Das zeigt sich auch bei etlichen ihrer Buchbesprechungen, in denen sie die im Buch vorkommenden Orte für uns besucht und – sehr stimmungsvoll übrigens – fotografiert. Ich kann das gut nachvollziehen, denn auf Reisen bin ich auch immer hocherfreut, Orte aus Romanen wieder zu finden bzw. Orte, an denen Schriftstellerinnen und Schriftsteller lebten und arbeiteten. Aber kommen wir nun zu Stefanies Schatzkiste voller Bücher.

 

Stefanie_Bücherkiste 2

 

„Die englische oder besser gesagt britische Literatur und Sprache haben es mir schon sehr früh angetan. In der Schulzeit gehörte Englisch zu meinen Lieblingsfächern, später studierte ich an der Uni Anglistik im Hauptfach. Viele Prosatexte und Gedichte aus dem englischen Sprachraum sind für mich mit starken (Lese-)Erinnerungen verbunden. Ich erinnere mich noch genau, wann ich sie zum ersten Mal gelesen und was ich dabei gefühlt habe. Einige dieser Bücher, die mich sehr beeindruckt und geprägt haben, packe ich in meinen anglophilen Bücherkoffer (oder vielmehr, meine Bücherkiste):

Charlotte Brontë: Jane Eyre

Wenn ich ein Lieblingsbuch nennen müsste, dann wäre es ohne zu zögern dieses. Die Geschichte von der Gouvernante Jane Eyre kannte ich schon als Kind rudimentär aus Erzählungen meiner Eltern oder meiner Schwester. Es musste ein besonderes Buch sein, soviel war mir klar. Ich war etwa 12 oder 13 Jahre alt, als ich eine der zahllosen Verfilmungen dieses Romanklassikers sah – und daraufhin das Buch aus dem Regal zog und verschlang, obwohl mir Stil und Erbzählweise damals Schwierigkeiten bereiteten. Gute zwölf Jahre später las ich es noch einmal auf Englisch. Und vergangenen Sommer verbrachte ich in einer Buchhandlung in Oxford fast eine Stunde damit, eine würdige, schön gestaltete englische Ausgabe von Jane Eyre zu finden – „meine“ Jane Eyre. Kein schnödes Penguin-Taschenbuch mit rauen Seiten, sondern die kompakte Edition von Eyeryman’s Library: Hardcover, mit Lesebändchen, die Schrift angenehm zu lesen und auf seidiges Papier gedruckt…

Viel ist schon über diesen Roman gesagt, geschrieben und geforscht worden. Nur so viel füge ich hinzu: Unbedingt einmal lesen!! Von dieser starken, in sich gefestigten Heldin können wir alle etwas lernen.

Jean Rhys: Wide Sargasso Sea / Sargassomeer

Und gleich im Anschluss an Jane Eyre der Nachfolgeroman, der gute hundert Jahre später aus der Feder der jamaikanisch-walisischen Autorin Jean Rhys floss. Sie erzählte die Geschichte noch einmal, besser gesagt, die Geschichte vor Jane Eyre. Ich hatte im Anglistik-Studium naturgemäß oft davon gehört, aber gekauft habe ich mir das Buch erst letzten Sommer in England. Sargassomeer ist sehr berührend erzählt – und zeigt, dass es zu jeder Geschichte mehr als eine Perspektive gibt.

Fazit: Nicht nur in Ergänzung zu Brontës Roman sehr lesenswert!

  1. S. Maugham: The Casuarina Tree. Six Stories

Maughams Erzählungen hinterließen bei mir einen tiefen Eindruck. Die Kolonie Britisch-Malaya (also die Malaiische Halbinsel) der 1920er Jahren bildet den Hintergrund für die Geschichten über menschliche Schicksale, Krisen und Abgründe.

William Shakespeare: Sonnet 18 / Sonett 18

Zugegebenermaßen kein Buch, aber stellvertretend für all die großartigen Sonette und Dramen Shakespeares schmuggle ich das Sonett Nummer 18 in die Bücherkiste. Zum ersten Mal las ich es im Englischunterricht, später in einem Seminar an der Uni. Ich lernte es auswendig, aber heute habe ich leider nur noch die ersten Verse im Kopf: „Shall I compare thee to a summer’s day/ Thou art more lovely…“ usw. (Eine gute deutsche Übersetzung gibt es übrigens hier.)

Ian McEwan: On Chesil Beach / Am Strand

Ein Autor, den ich sehr schätze und immer wieder gern lese. Dabei hat mir nicht jeder seiner Romane gefallen, aber alle haben mich wegen ihrer Komplexität beeindruckt. Am Strand hat seinen Platz im Bücherkoffer auch als Vertretung für Honig, Abbitte usw. gefunden. Eine einfühlsame und tieftraurige Geschichte von zwei Menschen, die dabei sind, sich ausgerechnet in ihrer Hochzeitsnacht zu verlieren…

Sir Arthur Conan Doyle: The Hound of the Baskervilles / Der Hund von Baskerville

Der Klassiker unter den Sherlock-Holmes-Geschichten. Soweit ich weiß das erste, was ich von Doyle gelesen habe. Ich erinnere mich, dass ich beim Lesen erstaunt war, wie sehr mich diese Detektivgeschichte zum Gruseln und Mitfiebern brachte.

Peter Shaffer: Equus

Nach den Harry-Potter-Filmen startete Jungschauspieler Daniel Radcliffe durch – und das ausgerechnet mit Nacktszenen im Drama Equus. Die verstörende Geschichte eines Jungen, der Pferde liebt (in mehr als einem Sinn) und quält, hatten wir im Englisch-Leistungskurs gelesen und diskutiert. Eine intensive, spannende Lektüre – auf der Bühne habe ich Shaffers Stück bisher leider noch nicht gesehen.

Kazuo Ishiguro: The Remains of the Day / Was vom Tage übrig blieb

Am meisten beeindruckte mich beim Lesen, wie meisterhaft der japanisch-stämmige Engländer Ishiguro das Wesen, den Charakter seines Ich-Erzählers allein durch dessen Erzählweise und -sprache vermittelt! Ein wunderschönes, kluges Buch über den Wandel der Zeiten und einen, der damit zu kämpfen hat, weil all seine Lebensüberzeugungen in der alten, vergangenen Zeit wurzeln.

Sehr lohnenswert ist übrigens auch die Verfilmung mit Anthony Hopkins und Emma Thompson!

Carol Ann Duffy: New Selected Poems

Eine tolle zeitgenössische britische Dichterin, die 2009 zum Poet Laureate ernannt worden war. Großartige, starke Gedichte! Besonders liebe ich den Band The World’s Wife, in dem sie bekannte Mythen und Märchen aus weiblicher Sicht und mit ironischem Unterton nacherzählt.

Virginia Woolf: Mrs Dalloway

Mein Lieblingsbuch, als ich achtzehn oder neunzehn war und noch eine ganze Weile danach. Ich folgte der Titelheldin und den anderen Figuren bereits mehrere Male durch den Londoner Sommertag, an dessen Ende Mrs Dalloways Party stattfindet. Ich sollte es bald wieder einmal lesen…

Natürlich gäbe es noch viele Bücher mehr, die ich in meine Bücherkiste packen könnte. Aber ich belasse es bei dieser Auswahl und würde mich freuen, wenn für die eine oder den anderen eine interessante Anregung dabei war.“

Ganz bestimmt, liebe Stefanie! Ich wollte auch immer mal diese „Vorgeschichte“ zu Jane Eyre lesen, gut, dass du mich daran erinnerst. Dir ganz herzlichen Dank für die Einblicke in deine schöne Bücher-Schatz-Kiste!

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Ein Frauenherz

Eine Frau zwischen zwei heimlichen Lieben – das ist der Stoff, aus dem der dramatische und spannende Roman Ein Frauenherz von Paul Bourget gemacht ist. Der Roman ist so wunderbar 19. Jahrhundert, dass man beim Lesen ein bisschen aus der Zeit fällt.

Auch der Autor Paul Bourget war mir bislang kein Begriff, nun aber schon, dank Stephans herrlichen Manesse-Bändchen aus dem Nachlass seiner Eltern. Eigentlich erstaunlich, denn der französische Schriftsteller (1852-1935) war mit seinen Werken sehr erfolgreich. Auf dem Klappentext ist zu lesen, dass Heinrich Mann ihm seinen ersten Roman gewidmet und Henry James für seine Bücher geworben habe. Und doch erschien Ein Frauenherz erst 2006 erstmals in der Manesse Bibliothek der Weltliteratur in deutscher Sprache. Übersetzt wurde der Roman von Caroline Vollmann.

Die attraktive junge Witwe Juliette wird bei der Leserschaft als geradezu mustergültiges Beispiel für tugendhafte Lebensführung eingeführt. Wer würde vermuten, dass die reizende junge Frau, die mit ihrer Mutter zusammenlebt und sich wenig um die gesellschaftlichen Spielchen ihres Standes kümmert, eine heimliche Affäre hat? Ihr Geliebter Henry bastelt an seiner politischen Karriere und vertraut Juliette nicht nur in Herzensdingen. Wahrscheinlich würden die beiden heiraten, doch Henry ist bereits verheiratet. Seine Frau hat ihn allerdings wegen eines anderen verlassen.

Über ihre beste Freundin Gabrielle lernt Juliette eines Abends einen bekannten Frauenverführer kennen. Ausgerechnet in ihn wird sie sich verlieben – und Raymond sich in sie. Binnen kurzem verändert er seinen Lebenswandel in der Hoffnung, Juliette für sich zu gewinnen. Von Henry weiß er nichts und Henry nichts von ihm. Juliette, die zwar tatsächlich eine tiefe Zuneigung für Henry empfindet, bringt es aus Mitleid nicht übers Herz, ihm endlich die Wahrheit zu sagen. Über geschickte Nachfragen, dezente Andeutungen, kleine Intrigen und eigenes Zusammenpuzzeln kommen die beiden Männer von selbst darauf, dass sie Konkurrenten sind. Und immer noch kann Juliette ihnen nicht die volle Wahrheit gestehen und sich für einen von ihnen entscheiden.

Was sich so recht nach Herz-Schmerz-Schnulze anhört, ist wesentlich raffinierter als das, was man üblicherweise damit verbindet. Bourget lässt uns tief in das Innenleben Juliettes blicken, um ihr Zögern verständlich zu machen. Dazu kommen natürlich die Umstände ihrer Zeit, Ehrlichkeit würde Juliette auch gesellschaftliche Ansehensverluste bringen. Im 19. Jahrhundert konnte man zwar heimliche Affären haben, aber die durften eben nicht öffentlich werden. Auch ihre beiden so unterschiedlichen Liebhaber Henry und Raymond werden genau betrachtet, vor allem im Blick darauf, wie sie sich als Konkurrenten, aus Eifersucht, Enttäuschung und Wut gegenüber Juliette und gegeneinander verhalten. Ich hab’s gern gelesen.

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Virtuelle Ausflugsziele für Bibliophile, Nr. 2

Viele von euch wissen, dass ich gern twittere. Dort bin ich mit vielen interessanten Menschen und Institutionen verbunden, die sich u. a. mit Literatur, aber auch mit vielen anderen bedenkenswerten Themen befassen und jede Menge Links pro Tag verzwitschern. Viele davon sind unbedingt anklickenswert, weswegen ich euch in regelmäßig unregelmäßigen Abständen meine Highlights der letzten Zeit vorstellen möchte.

Literatur und alte Landkarten

Peter Daser bringt auf seinem Blog breitengradlaengengrad zwei Themen zusammen, die mir besonders gefallen: Literatur und der Reiz alter Landkarten. Ein Beispiel dafür ist sein Beitrag „Heart of Darkness“, in dem es nicht nur um das gleichtitelige Buch von Joseph Conrad geht, sondern auch um den belgischen König Leopold. Auch die anderen Beiträge sind toll, weiterlesen lohnt sich.

A Brief History of the Pop-Up Book

In diesem Beitrag geht es um Pop-Up-Bücher und ihre Geschichte. Eine schöne Zusammengestellung von Lauren Corba.

Angewandtes Flanieren

Der hochinteressante Beitrag mit dem Titel: „Von der Urbanismuskritik zur Spaziergangswissenschaft“ hat mir heute den Sonntagskaffee versüßt. Darin geht es um Lucius Burckhardt: „Der studierte Nationalökonom, der als Vordenker der Urbanismuskritik der 1960er-/70er-Jahre gilt, hat zeit seines Lebens über unsere Wahrnehmung von Stadt und Land sowie deren Auswirkungen auf das Planen und Bauen geforscht. In den 1980er-Jahren versammelte er seine Arbeit unter einem Dach: Er nannte sein Fach Spaziergangswissenschaft, Promenadologie oder englisch auch Strollology.“ Sehr empfehlenswert, nicht nur für Bibliophile.

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Fanny

Das Manesse-Bändchen von Ernest Feydeaus Roman Fanny eignet sich – wie alle Manesse-Bändchen – perfekt für unterwegs. Allerdings ist der kleine Roman so fesselnd, dass man sich mühsam losreißen muss, damit man nicht vergisst, an der richtigen Haltestelle auszusteigen.

Noch eine Entdeckung, die ich meinem Freund verdanke, der mir diese wunderschönen Manesse-Bändchen aus dem Nachlass seiner Eltern geschenkt hat. Ernest Feydeau – ich kannte ihn bislang nicht. Er wurde im gleichen Jahr wie Gustave Flaubert geboren und war mit ihm befreundet. Aber ihn verbindet noch mehr mit Flaubert: Auch Fanny wurde zu einem Skandalerfolg wie zuvor Madame Bovary. 1858 erschien Fanny, kurz nachdem der Prozess um Flauberts Roman gewonnen war und Flaubert wohl auch einen Bekanntheitsschub für die Madame verschaffte. Heute finden wir vermutlich weder die Kutschenszene noch die Szene, die bei Fanny für moralische Erschütterung sorgte, besonders anstößig. Mich freute eher, wie wenig früher ins letzte Detail bei einer Schlafzimmerszene gegangen wurde. Aber natürlich empfand die Leserschaft das vor 150 Jahren völlig anders.

Zum Inhalt: Der vierundzwanzigjährige Roger, der die Ereignisse schildert, ist unsterblich verliebt in die schöne Fanny, die allerdings verheiratet ist und drei Kinder hat. Auch Fanny liebt den elf Jahre jüngeren, ungestümen Mann, doch es ist klar, dass sie ihre Familie, vor allem ihre Kinder, nicht für ihn verlassen wird. Zumindest war mir das beim Lesen klar. Roger, der im Rückblick von seiner Liebe und vor allem von seiner ihn fast in den Wahnsinn treibenden Eifersucht auf den Ehemann erzählt, war das anfangs gar nicht klar. Er nährt die Hoffnung, dass Fanny ihm eines Tages allein gehören wird. Immer höher werden seine Ansprüche an sie, je tiefer sich die Eifersucht auf ihren Mann in sein Herz bohrt. Dieses rauschhafte Erleben der Liebe, das Schwelgen in der Eifersucht scheint in einem Schreibrausch niedergeschrieben zu sein. Kein Wunder, dass die Leserschaft in großen Teilen davon ausging, Feydeau habe hier von Ereignissen geschrieben, die ihm selbst oder zumindest einem seiner Freunde zugestoßen waren. Die Hauptfiguren Fanny und Roger, ihre Gefühle, Dialoge, Handlungsweisen wirken so echt und nachvollziehbar, dass man es selbst glauben mag. Wer je unglücklich geliebt hat und/oder einmal wahnsinnig eifersüchtig war, wird die Wahrhaftigkeit der beschriebenen Gefühle bestens nachvollziehen können. Übersetzt hat diesen Roman N. O. Scarpi.

Der Skandal um Fanny bestand wohl aus mehreren Teilen: Dass man an die Echtheit der Geschichte glaubte und vielleicht auch versuchte, die wahre Identität Fannys zu ergründen. Dass der Roman von Ehebruch und vor allem von der Eifersucht eines Liebhabers handelte, der ja einen Betrug beging und daher nicht als moralisch einwandfrei gelten konnte. Die Eifersucht des Gatten wäre sozusagen moralisch gerechtfertigter gewesen. Und dann natürlich eine Schlafzimmerszene, die nach heutigen Maßstäben erfrischend harmlos scheint. Ich könnte mir vorstellen, dass sich auch damals schon in den Köpfen der Leserschaft deutlich mehr abspielte als in den Zeilen der Geschichte.

Die Frage nach den wahren Hintergründen war offenbar dringlich, denn in meiner Ausgabe ist der Geschichte eine persönliche Stellungnahme Feydeaus angefügt, die er als Vorwort für die Ausgabe von 1870 geschrieben hatte. Er ist nicht Roger, aber ein Vorbild für die Ausgestaltung der Fanny gab es doch. Nur, dass der Schriftsteller und sein Vorbild keine Affäre hatten, sie war eher eine Art Muse.

Insgesamt sehr empfehlenswert!

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Ein Drama in Musselin

Bücherkoffer, Foto: © Petra Gust-Kazakos

Bücherkoffer, Foto: © Petra Gust-Kazakos

Das Manesse-Bändchen von George Moores Roman Ein Drama in Musselin eignete sich bestens für den Urlaubskoffer, nicht nur wegen der geringen Größe und des leichten Gewichts. Halb befürchtete ich arg Melodramatisches wegen des Titels und in Unkenntnis des irischen Schriftstellers, wurde aber angenehm enttäuscht.

Wenn mir mein Freund und Kollege Stephan nicht diese herrlichen Manesse-Bändchen aus dem Nachlass seiner Eltern geschenkt hätte, hätte ich vermutlich immer noch nichts von George Moore gehört. Moore, ein Zeitgenosse Wildes und Shaws, wollte ursprünglich Künstler werden und studierte unter anderem an der Ecole des Beaux-Arts in Paris. Da er sich als nicht gut genug befand, wandte er sich dem Schreiben zu. Beeinflusst war er vom Naturalismus, besonders Zola, und Realismus. Gerade letzteres zeigt sich auch in Ein Drama in Musselin.

Zum Inhalt: Mehrere junge Mädchen sollen nach dem Besuch einer Klosterschule in die Gesellschaft eingeführt und idealerweise gut verheiratet werden. Unter den Mädchen sind einige vor allem auf sich und ihr Aussehen – und natürlich eine gute Partie – bedacht, nur wenige andere interessieren sich dafür eigentlich gar nicht. Dazu gehört die beliebte und begabte Alice Barton. Ihre eigene Mutter rechnet sich für sie kaum Chancen aus. Umso mehr aber für ihre jüngere Tochter, Olive, eine blonde Schönheit mit viel Stroh im Kopf und leicht zu lenken. Alice interessiert sich vor allem für Literatur und kann dem Getue um das gesellschaftliche Debüt kaum etwas abgewinnen. Sie ist eng befreundet mit Cecilia, die unter einer Behinderung leidet und nicht nur aus diesem Grund dem ganzen Rummel ums Debüt gern fernbleibt. Sie hasst Männer, vor allem das, was sie aus den Frauen machen: abhängige, leicht zu beeinflussende Geschöpfe. Ihre Liebe zu Alice hat allerdings etwas Obsessives und wird beinahe das Ende der Freundschaft bringen.

Doch zuallererst muss das perfekte Debüt vorbereitet werden. Dabei nimmt die intrigante Mrs. Barton das Heft in die Hand und versucht, Olive unter die lohnendste Haube zu bringen. Als sich die beste Partie in ein anderes Mädchen verkuckt, werden Mrs. Bartons Bemühungen, doch noch die erwünschte Verbindung zustande zu bringen, immer peinlicher. Außerdem verbietet sie Olive den weiteren Umgang mit einem Captain, der Olive von Herzen zugetan ist. Das Drama nimmt seinen Lauf.

Ganz unauffällig, im Hintergrund des Hauptgeschehens, das ihr vielleicht eine gute Tarnung bietet, entwickelt sich Alice und wächst über sich hinaus. In all dem Gewese um Hochzeiten, Männer und Intrigen schafft sie sich ihre Unabhängigkeit. Angeregt von der Bekanntschaft mit Mr. Harding beginnt sie, selbst zu schreiben und hat ein eigenes Einkommen. Sie ist die einzige, die das Drama in Musselin relativ unbeschadet überstehen wird.

Besonders interessant ist der Roman auch wegen der Bezüge zur damaligen politischen Situation in Irland. Die Land Leagues beginnen, sich gegen die englischen Großgrundbesitzer aufzulehnen. Die Verhältnisse sind feudal, irische Bauern zahlen hohe Pachten für ein bisschen Land, arbeiten hart und leben in Armut, während die Landlords kassieren und ein gutes Leben führen können. Die Aufstände werden gewalttätig, es gibt Tote auf beiden Seiten. Die Realität greift immer wieder in das Geschehen des Romans hinein, doch die jungen Mädchen, die nur auf ihre persönliche Zukunft bedacht sind, flattern wie die Schmetterlinge umher auf der Suche nach der schönsten Blume.

Teile des Romans scheinen auf den ersten Blick oberflächlich, zu seicht. Wobei es etliche sehr poetische Passagen gibt. Doch vor allem die Entwicklung Alices, ihre Gespräche mit Cecilia, aber auch die Darstellung ihrer kaltherzigen, janusköpfigen Mutter und der verschiedenen Mädchenschicksale sind sehr mitreißend. Obwohl einem das Thema heute weit weg und etwas angestaubt vorkommt, liest sich der Roman leicht und flüssig (die Übersetzung stammt von Elisabeth Schnack). Ich rate zu.

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