Mario Scheuermann zu seinen Lese- und Reisegewohnheiten

Mario Scheuermann (*1948 in Neustadt an der Weinstraße), Journalist, Weinkritiker und Autor, lebt und arbeitet in Hamburg und Ódorfa (Ungarn). Zahlreiche Veröffentlichungen in führenden Tageszeitungen und Magazinen wie WELT, WELT am Sonntag, ZEIT, taz, Lettre international, Slowfood Magazin, Falstaff, Effilee. Zahlreiche Buchveröffentlichungen u. a. Deutsche Spitzenweingüter (1986/1990), Essen wie Gott in Deutschland I und II (1987/1988), Spitzenweingüter Österreichs (1991), Die Großen Weine des Jahrhunderts (1999), CAPITAL Weincompass (2001), Wein und Zeit (2007). Wortklaubereien (2010).

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1. Was sind Ihre Lieblingsreiseziele und warum?

Mario Scheuermann: Ganz sicher Südafrika. Ich liebe dieses Land, seine Menschen, seine Weine, sein Essen, seine Landschaften, seine Geschichte, seit ich 1992 zum ersten Mal dort hin gefahren bin. Ich verfolge mit großer Anteilnahme und Spannung diesen friedlichen Wandel von einer Unterdrückergesellschaft zu einer Regenbogennation. Zuletzt war ich während der Fußballweltmeisterschaft dort und diese Atmosphäre des freudigen Stolzes war unbeschreiblich schön. Südafrika-Fans sind nicht in erster Linie für eine Mannschaft, sondern für ein möglichst gutes Spiel, egal wer gewinnt. Ich habe Brasilien vs. Holland in einem Township-Restaurant gesehen mit Fans aus allen Ethnien – am Anfang war etwas mehr als die Hälfte für Brasilien und die anderen für Holland. Zum Schluss jubelten alle einhellig begeistert über die Holländer, weil die ihnen einfach den besseren Fußball gezeigt hatten. Deshalb auch der ununterbrochene Vuvuzela-Lärm. Das soll Ansporn für beide Teams sein.

2. Gibt es ein Sehnsuchtsziel, das Sie noch irgendwann bereisen wollen?

Mario Scheuermann: Das wichtigste Sehnsuchtsziel meiner Kindheit habe ich bereits Anfang der 1980er Jahre besucht, die Osterinsel im Pazifik. Es gab eine auch heute noch lesenswerte Reportage in der ZEIT darüber. Ich habe vor den gewaltigen Steinstatuen gesessen und die Träume meiner Kindheit nochmals geträumt. Aku Aku war eines meiner Lieblingsbücher. Auch der Abend mit Avocados und Langusten in der Pension, in der Jahre zuvor Jacques Cousteau immer wohnte, ist mir unvergesslich, genauso wie das Tropengewitter und der großartigste Sternenhimmel, den ich jemals sah.

Indien würde ich gerne noch besuchen, u. a. weil ich der Meinung bin, dass man einmal im Leben in Madras ein Curry gegessen haben sollte; so wie Pommes auf der Grande Place von Brüssel, Fish and chips in der Fleet Street, Pizza in Neapel oder Weißwurst in München ein Muss sind. Vor allem hat es mir und meiner Frau aber der Waterberg in Namibia angetan, wir besitzen eine originale Generalstabskarte von Deutsch-Südwest aus dem Jahre 1901, von der uns unsere Freunde dort gesagt haben, dass sie, was die alten Pisten betrifft, genauer sei als alles, was man heute kaufen könne. Mit der möchten wir dieses Land bereisen und dabei den Roman Herero von Gerhard Seyfried nochmals lesen.

Ein ganz persönliches Sehnsuchtsziel ist dann noch Czernowitz und die Bukowina, zum einen weil es für mich eine der literarischen Herzkammern des alten Mitteleuropas ist und zum anderen weil ich ein Kriegstagebuch meines Vaters besitze, der dort als blutjunger Soldat im Zweiten Weltkrieg kämpfte und dabei die Sinnlosigkeit dieses Krieges erfuhr und dies im Schützengraben niederschrieb. Aber als Kind erinnere ich mich auch daran, dass er von diesem Land immer mit wehmütiger Bewunderung sprach. Wäre ich ein Mädchen geworden, würde ich nach seinem Willen Tanja heißen. So setzte sich meine Mutter bei der Namenswahl durch.

3. Wie gründlich bereiten Sie sich auf eine Reise vor – einfach buchen und los oder mit Reiseführern, Internet etc.?

Mario Scheuermann: Sehr gründlich. Bevor ich eine Reise antrete, habe ich meist ein ausführliches Dossier angelegt, das Zeitungsausschnitte enthält, Ausdrucke aus dem Internet, Kopien aus Büchern, Städteführer, Fotos, Karten und möglichst versuche ich auch ein, zwei Bücher zu finden, die sich exakt mit den Gebieten beschäftigen, die wir bereisen wollen. Möglichst literarische Werke. So haben meine Frau und ich z. B. einmal eine unserer zahlreichen Südafrika-Reisen nach dem Roman Der Walrufer von Zakes Mda geplant und sind dann die Routen seiner Protagonisten abgefahren. Höhepunkt war der Genuss eines Chardonnays von Hamilton-Russell auf den Klippen vor Hermanus mit Sushi, so ähnlich wie es in dem Roman beschrieben ist.

4. Gibt es Reiseschriftsteller, die Sie besonders mögen? Wenn ja, warum?

Mario Scheuermann: Ich mag vor allem die frühen Reisetagebücher von Ernst Jünger z. B. „Dalmatinischer Aufenthalt“ aus Blätter und Steine, das Rhodos-Tagebuch Ein Inselfrühling oder einzelne Kapitel aus Das Abenteuerliche Herz über die Azoren, die Balearen oder Neapel. Diese klare, distanzierte Sprache, das genaue Beobachten und die sich unvermittelt daran knüpfenden existenziellen Reflektionen – das ist unübertroffen. Daneben natürlich Seume und Goethe.

5. Lesen Sie auf Reisen, was am liebsten?

Mario Scheuermann: Wenn ich der jeweiligen Landessprache mächtig bin, lese ich zunächst mal die Lokalzeitungen vor Ort, um eine Vorstellung zu bekommen, was die Menschen dort bewegt. Und dann möglichst ein Buch, sei es ein Roman oder Gedichte, das irgendwie mit dem Reiseziel verbunden ist.

6. Schreiben Sie auf Reisen? Eher Privates oder an Ihren Büchern?

Mario Scheuermann: Auf Reisen führe ich in aller Regel ein Tagebuch, sei es nur mit privaten Notizen für mich oder auch via Twitter, Facebook oder einen meiner Blogs als öffentliches Online-Tagebuch. Es gibt solche Tagebücher aus und über Südafrika, Krems und die Wachau, Südtirol, Ungarn etc.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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3 Antworten zu Mario Scheuermann zu seinen Lese- und Reisegewohnheiten

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