Zeitreisen: Vertreter der „Retrogarde“

Wie ihr sicher schon gemerkt habt, habe ich ein Faible für alte Dinge (deswegen gehe ich gern auf Flohmärkte und wünsche mir beim Packen einen Schrankkoffer). Entsprechend gut gefiel mir Karin Schulzes Artikel über das Künstlerduo McDermott und McGough. Denn die beiden leben, als kämen sie aus einer anderen Zeit. Der eine, McGough, wohnt „in einem Hochhaus aus den dreißiger Jahren, das Apartment eingerichtet im Art-Déco-Stil. Auch seine Kleidung entstammt dieser Zeit“ – den würde ich gern mal besuchen dürfen, zumal er in Manhattan lebt. Auch ein Besuch bei McDermott wäre interessant, er „lebt die Vergangenheit wesentlich strenger. […] Er hat keinen Computer. Sein Telefon ist aus den Zwanzigern. Er fliegt nie. Wenn er nach New York fährt, nimmt er die ‚Queen Elizabeth‘“. Putzig.

Dabei geht es den beiden wohl nicht darum, dass früher alles besser war, sondern sie „rebellieren gegen den Zwang, heutig sein zu müssen“. Sie sind abgesprungen vom Karussell der Trends und Moden, das sich immer schneller dreht und unterwegs jede Menge Wohlstandsmüll fallen lässt, nämlich alles, was nicht mehr trendy ist. Der Lebensstil der beiden ist immerhin eine Möglichkeit, der enteilenden Zeit eine Art Entdeckung der Langsamkeit entgegen zu setzen.

Aber es gibt noch mehr solcher „Retrogardisten“, zum Beispiel der Schriftsteller Stephen Calloway. Ihn entdeckte ich in dem Bildband BücherWelten, den ich euch vor einiger Zeit empfahl . Er kleidet sich wie ein Dandy des Fin de Siècle und ist entsprechend eingerichtet, die 1890er Jahre haben es ihm angetan. In seinen Büchern befasst er sich u. a. mit Aubrey Beardsley (dieses Buch wartet schon in meinem Bücherstapel auf mich) und Einrichtungsstilen Hier ein paar Foto von Herrn Calloway. Ein anderes Beispiel ist der Wiener Porträtist Stefan Riedl, ihn habe ich ebenfalls in den BücherWelten entdeckt. Riedl hat’s nicht so mit der Elektrizität und liest am liebsten nachts bei Kerzenlicht (hoffentlich verdirbt er sich nicht die Augen dabei). Seine Schlafstatt hat er in seiner Bibliothek eingerichtet, was auf dem Foto sehr gemütlich aussieht.

Für so einen Lebensstil muss man wohl Künstler sein. Für uns ganz „normalen“ Leute, die wir täglich unserer Arbeit nachgehen, simsen, twittern und bloggen, ist das etwas schwierig. Aber man kann ja sein modernes Equipment auf alt trimmen, siehe hier.

Auf jeden Fall muss man ja nicht jedem Trend hinterherjagen und sollte sich Zeit für die Dinge nehmen, die einem wirklich wichtig sind. Ob als Avant- oder Retrogardisten, dürfen wir dabei selbst entscheiden.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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