Idylle und Zeitungsfrühstück

Die Vögel zwitschern, in der Ferne kräht ein Hahn, die Gänse auf dem Nachbarhügel schnattern. Von unten aus dem Dorf dringt leis‘ ein Hämmern an mein Ohr. Glöckchen läuten – hier in der Nähe hat ein Hirte seine Hütte, gestern bummelten seine Schafe unter den Olivenbäumen. Haben Schafe Glöckchen, ich dachte, nur die Ziegen? Die Olivenernte ist noch nicht in vollem Gange, das ist mir recht, die ist nämlich mitunter mit Krach und Geruch verbunden: Unter vielen Zurufen werden die Oliven von den Bäumen geschlagen, dann unermüdliche Motorsägen, mit denen die Bäume beschnitten werden und schließlich die kleinen Feuer, um das Laub und die Äste zu verbrennen. So aber hört man nur gelegentlich ein Auto und ganz oben auch mal ein Flugzeug. Ein Hund bellt, nicht unserer – und das war’s.

Auf dem Meer ist nicht viel los, ein Kutter und weiter weg, Richtung Kalamata, ein Frachtschiff. Meine Güte, ist das schön hier! Ich könnte den ganzen Tag hier sitzen und kucken und den für meine städtischen Ohren ungewohnten Geräuschen lauschen, die gute, würzige Luft genießen und den herrlichen Ausblick.

Aber nun doch zu den Zeitungen:

Einen sehr schönen Artikel gab’s in der FAZ vom 23.10. „Das ist New York“ von Verena Lueken (aus der überarbeiten Neuausgabe ihrer Gebrauchsanweisung für New York, klingt, als sollte ich das lesen). Darin geht es um das Bild von New York, das wir uns aufgrund der vielen Filme, die dort spielen, von der Stadt gemacht haben. Ein Bild, das nicht unbedingt etwas mit dem wahren New York zu tun haben muss und sich erst mit den realen Bildern, die wir uns vor Ort machen können, zu einem Ganzen ergänzen. Selbst, wenn wir in New York nicht genau das finden, was wir aus Filmen kennen, sehen wir es immer mit. So ging es mir zumindest. Im Guggenheim dachte ich an die Szene aus The International, in der die Rotunde samt Ausstellung zusammengeschossen wird (natürlich nicht wirklich, sondern nachgebaut). Vor dem UN-Gebäude sah ich Cary Grant aus North by Northwest, beim Anblick des Dakota-Gebäudes dachte ich – logisch – an Rosemary’s Baby. Mir fielen immer wieder Filme von Woody Allen ein und – natürlich – Romane, z. B. von Paul Auster oder Kurzgeschichten von Isaac B. Singer.

Interessant fand ich den Artikel auch deswegen, weil ich selbst in einem Kapitel meines Buchs Ganz weit weg, das wohl im November erscheint, ähnliche Überlegungen anstelle. Ich vergleiche darin das Bild, das wir von Paris in uns tragen, mit unserem Bild von Athen. Und ähnlich wie Verena Lueken glaube ich, dass sich diese Bilder durch Filme, aber auch Bücher, Nachrichten, geschichtliche Ereignisse, große Namen etc. schon vorab formen und unseren Eindruck mitprägen, selbst wenn wir endlich dort sind und uns eigene Eindrücke verschaffen können.

Auch der folgende Artikel „Jetzt winkt wirklich eine Art Ende“ von Alard von Kittlitz über eine DVD der Klagenfurter Ausgabe von Der Mann ohne Eigenschaften war spannend. Es geht darum, ob Robert Musil überhaupt einen Schluss für seinen Roman im Kopf gehabt habe und wie sich dieser Schluss anhand seiner Notizen etc. rekonstruieren lassen könnte.

Was für Bibliophile ist der Artikel „Gesamtkunstwerk ums Papier“ von Konstanze Crüwell. Sie empfiehlt das Buch Denkmal des Geistes. Die Buchkunst Henry van de Veldes, das u. a. Abbildungen herrlicher Bucheinbände enthält.

Netter Fund in der International Herald Tribune (wie gesagt, das Gute am Fliegen sind die Zeitungen): „‚Release the Kraken!‘ just doesn’t make the cut“ über die verschwindende Kunst der Drehbuchschreiber, Zeilen zu erdenken, die Potenzial haben, zu geflügelten Worten zu werden, z. B. „Life is like a box of chocolates“ (Forrest Gump), „Frankly, my dear, I don’t give a damn“ (Gone with the wind) oder „Round up the usual suspects“ (Casablanca).

Leider sind die Artikel nur gegen Geld online zu lesen. Schade. Fliegen lohnt sich …

Genug geblättert, nun werde ich mich wieder der Idylle widmen : )

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
Dieser Beitrag wurde unter Zeitungsfrühstück abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Idylle und Zeitungsfrühstück

  1. Pingback: Tweets that mention Idylle und Zeitungsfrühstück | Philea's Blog -- Topsy.com

  2. fitundgluecklich schreibt:

    Hab deinen Blog gerade erst entdeckt, werde sicher wieder reinschauen!!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s