Intelligenter Schwindel

Neulich stand ich mal wieder im Stephanus zu Carolsruh und fühlte mich stark angezogen von einem schmalen Bändchen in knallorangerotem Leineneinband – William Boyds Nat Tate. Von Boyd hatte ich schon einiges gelesen, das mir sehr gefiel, z. B. Any Human Heart und Restless. Auf dem Einband dieses Buchs hier klebt die Abbildung einer Zeichnung (eine abstrahierte Brücke über einem Untergrund aus schwarzen Stricheleien, in dem man ein Gesicht zu erkennen meint, also ich jedenfalls).

Ich begann die erste Seite zu lesen und landete bald auf der zweiten: Offenbar ging es um einen fast vergessenen Künstler namens Nat Tate, der u. a. eine Serie stilisierter Brücken in Tusche gezeichnet hatte, teils mit Collagen à la Schwitters (da steh ich ja drauf) angereichert. Das klang interessant, noch dazu von Boyd … Da ich zu den Leuten gehöre, die bei Sachbüchern gern auch letzte Seiten mit Anmerkungen, Danksagungen und derley mehr lesen, blätterte ich zur letzten Seite: Die ganze Künstlerbiographie ist ein Schwindel, auf den 1998 schon die New Yorker Kunstszene reingefallen war. Ich war begeistert und kaufte!

Nach Lesen des Büchleins bin ich immer noch begeistert, was für eine tolle Idee (und vor allem Umsetzung). Außerdem begegnen Fans von Any Human Heart/Eines Menschen Herz auch Logan Mountstuart wieder, dem Mann, der bei wichtigen Ereignissen des 20. Jahrhunderts immer zur Stelle gewesen zu sein schien (natürlich auch erfunden).

In der Welt gibt es zur gerade erschienenen deutschen Übersetzung einen Artikel und auf BBC News einen von 1998, also nicht lange nach dem Event, zu dem damals David Bowie und William Boyd geladen hatten, um die Kunstwelt zu veräppeln. So intelligent lasse ich mich gern „reinlegen“ : )

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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3 Antworten zu Intelligenter Schwindel

  1. Pingback: Literaturstreiche | Philea's Blog

  2. andreabreuer schreibt:

    Das ist ja witzig! 🙂

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