Wien – nicht nur für Leselustige

Meine liebe Freundin Petra beantwortet diesmal die Fragen über ihre neue Heimatstadt Wien, wohin sie im August mit ihrem Mann und ihrem Sohn gezogen ist. Ich hätte die Drei zwar lieber in unserer Nähe behalten, aber ein „Angebot“ wie Wien würde ich wohl auch nicht ausschlagen. Und ich bin schwer begeistert, wie viel Petra in der kurzen Zeit schon über Wien herausgefunden hat! Ihren Beschreibungen nach scheint sie sich dort schon sehr wohl zu fühlen : ) Aber lest selbst!

1.) Was gefällt dir an deiner Stadt besonders und warum?

Petra: Es ist sicher ein wenig zu früh, von „meiner Stadt“ zu sprechen, dazu kenne ich Wien noch nicht gut genug. „Touristin mit festem Wohnsitz“ trifft es vielleicht eher, zumal ich glücklicherweise ausreichend Zeit und Muße habe, meiner Leidenschaft als Entdeckerin nachzugehen. Und in Wien gibt es viel zu entdecken. Es ist nicht nur eine besonders schöne Stadt mit ihren prächtigen alten Häusern, Kirchen und Palais aus den unterschiedlichsten Epochen, ihren berühmten Straßen, Gassen und Plätzen und ihren Parkanlagen voller Geschichte und Geschichten – bisweilen fühle ich mich wie inmitten einer gigantischen Filmkulisse – eine Stadt, in der Menschen aus aller Herren Länder zusammenkommen, als Gäste wie als Wahl-Wiener.

Für Kulturbegeisterte ist Wien ein wahres Paradies. Ob Galerien oder Museen – unter den weit über 100 Sammlungen finden sich auch Kuriositäten wie das „Original Wiener Schneekugelmuseum“ oder das „Bestattungsmuseum“ – Theater, Kabarett, Oper oder Konzerte – für Freunde der klassischen Musik sei hier der Musikverein, Bösendorferstraße, Nähe Karlsplatz erwähnt. Die großen Bühnen und Veranstalter warten oft mit illustren Namen auf, aber auch mit nicht ganz billigen Preisen. Doch nicht nur deshalb lohnt sich immer auch ein Blick auf die vielen kleineren, darunter auch fremdsprachigen Bühnen (Infos u. a. unter www.wien.gv.at). Und nicht zuletzt kann man Kultur in Wien auch zum Nulltarif erleben – in Cafés und Kneipen, Läden, Buchhandlungen, Bibliotheken, Museen (Kinder und Jugendliche bis 19 Jahren haben hier grundsätzlich freien Eintritt), Kulturzentren und und und… (zu finden unter www.wohintipp.at)

2.) Was geht dir dort manchmal auf den Wecker?

Petra: Gemessen an der Größe Österreichs gibt es entschieden zu viele Autos, nämlich sechs Mio. auf 8 Mio. Einwohner. Die Auswirkungen solcherart Autoverliebtheit lassen sich stündlich in den Verkehrsmeldungen nachhören. Hier in Wien geht zu den Stoßzeiten oft nicht mehr viel. Dabei ist das Wiener ÖV-Netz phantastisch ausgebaut. Mit U-Bahn, Straßenbahn und Bus kommt man praktisch jederzeit überall hin. Am Wochenende fährt die U-Bahn mittlerweile rund um die Uhr, und die Preise sind moderat. Eine Wochenkarte gibt es für 14,- EUR. Wer sich als Tourist geschickt einmietet, kann vieles auch „fußläufig“ erreichen.

3.) Wohin führst du Besuch von auswärts als Erstes?

Petra: Wir wohnen nur einige Gehminuten vom Parlament entfernt. Deshalb bietet sich die Route Rathaus und Burgtheater auf der einen und die Hofburg auf der anderen Seite geradezu an. Besonders schön ist ein Spaziergang am Abend, wenn die Gebäude beleuchtet sind. Von der Hofburg aus sind es dann nur noch ein paar Minuten über Kohlmarkt und Graben zum Stephansplatz.

Aber nicht nur die Ringstraße und die Innere Stadt stehen mittlerweile auf unserem Besucherprogramm. Auf meinen Streifzügen durch einige Wiener Bezirke bin ich schon an mancher schönen Ecke vorbeigekommen. Überhaupt hat jeder Bezirk seinen ganz eigenen Charme und seine eigenen kleinen Attraktionen. Ein Ausflug über Ring und Gürtel hinaus ist also durchaus empfehlenswert.

Gasse im 7. Bezirk

4.) Welche Buchhandlung(en) magst du in deiner Stadt am liebsten und warum?

Petra: In Wien gibt es alles in Hülle und Fülle: Sehenswürdigkeiten, Beisln, Antiquitätenläden, Boutiquen oder Leuchtengeschäfte. Und natürlich auch Buchhandlungen und Antiquariate. Sie alleine könnten schon einen ganzen Reiseführer füllen.

Mein Lieblingsbuchladen, die Buchhandlung „Lerchenfeld“, liegt gleich um die Ecke. Neben der breitgefächerten Auswahl und den sympathischen Buchhändlern, gefällt mir vor allem die behagliche Atmosphäre, in der es sich zu Musik von Bob Dylan entspannt stöbern lässt. Außerdem gibt es einen Lesezirkel und regelmäßige Lesungen (www.lerchenfeldbuch.at – Lerchenfelder Str. 50, 1080 Wien).

Dass die Welt auch auf engen Raum Platz hat, und man in einem Buchladen auf Reisen gehen kann, zeigt das „Tiempo“ – Buch und Café in der Johannesgasse 16 im 1. Bezirk (Nähe Stubenring/Parkring). Hier werden Bücherregale zu Ländern und Kontinenten – Asien, Amerika, Europa, Afrika –, die sich bequem und übersichtlich entdecken und in Reisereportagen, Reiseführern und wunderbarer Literatur erforschen lassen. Nach der „Reise“ oder auch zwischendurch kann man sich im angeschlossenen Café ausruhen (www.tiempo.at).

Sehr schön gestaltete Bildbände zum Thema Reisen und viele andere „Coffee Table Books“ gibt es bei „Leporello“ in der Singerstraße, Ecke Churhausgasse, hinterm Stephansplatz. Außerdem Literatur übers Theater, Biographien und Historisches. „Leporello“ ist ebenso im 9. Bezirk und im Burgtheater zu finden (www.leporello.at).

Noch mehr fürs Auge gibt es bei „Lia Wolf“, in der Bäckerstraße 2 (Nähe Stephansplatz, hinterm Lugeck). Diese Buchhandlung, die ganz auf Photographie, Grafik, Design und alles, was sich in kunstvollen Bildern präsentiert, ausgerichtet ist, hat auch für sich selbst ein sehr schönes Ambiente in einem kleinen Innenhof gewählt. (www.lia.wolf.at).

Piaristenkirche Maria Treu im 8. Bezirk

5.) In welchem Café kann man sich besonders gut nach einer Stadtbesichtigung entspannen und vielleicht ein paar Reisenotizen machen oder lesen?

Petra: „Auf die Frage Wo? steht in Wien das Kaffeehaus. Wo spreche ich dich? – Im Kaffeehause! – Wo werden wir heut nach Tische sein? – Im Kaffeehause! – Wo hole ich Sie mit dem Fiaker ab? – Im Kaffeehause! Weiß der Wiener nichts Besseres, sei es Morgen, Mittag, Abend oder Nacht, so trinkt er Kaffee; […] plaudert oder liest Journale, […] und die Langeweile mag überall ihre Opfer finden, in Palästen und Hütten, in Theatern und Kirchen, in den Pariser Salons wie in der Berliner ästhetischen Tees: durch die Glastüren eines Wiener Kaffeehauses dringt sie nie!“ (Adolf Glaßbrenner: Bilder und Träume aus Wien, 1836)

Glaßbrenner, Berliner Schriftsteller, Journalist und Zeitungsverleger, verkehrte gewissermaßen als ein früher Tourist in diesen legendären „Institutionen“ , die auch heute noch gerne und zahlreich von Touristen aufgesucht, und seit Glaßbrenners Aufenthalt in Wien in unzähligen Büchern beschrieben und besungen werden.

Die Räumlichkeiten vieler der traditionsreichen und berühmten Kaffeehäuser wie das „Griensteidl“, das „Central“ oder das „Café Sperl“, sind recht groß dimensioniert, was ihnen einen etwas hallenartigen Charakter verleiht, und laden eher zum Rumgucken als zum gemütlichen Lesen ein, was schließlich auch seinen Reiz hat. Nicht weniger berühmt, aber kleiner, wenn auch ein bisschen angestaubt, ist das „Café Hawelka“ in der Dorotheergasse, das als eines der letzten richtigen Künstlerkaffeehäusern gilt, und so richtig „putzig“ wird’s im „Kleinen Café“ am Franziskanerplatz, wo man sommers auch gut draußen sitzen oder abends einen Drink nehmen kann. Und nicht zu vergessen, das „Kaffee Alt Wien“ in der Bäckergasse (einige Häuser von Lia Wolfs Buchhandlung entfernt). Wie der Name schon andeutet, auch nicht mehr das Jüngste, aber die Melange schmeckt ausgezeichnet, die Leute sind nett und die Preise vernünftig.

Strudlhofstiege im 9. Bezirk

6.) Nutzt du manchmal Angebote wie Lesungen oder andere literarische Veranstaltungen?

Petra: Seit ich in Wien lebe, gehe ich regelmäßig zu Lesungen, die nahezu jeden Tag in Buchhandlungen, Cafés, Bibliotheken, Theatern, im Literaturhaus Wien oder anderen Lokalitäten stattfinden. Einen guten Überblick kann man sich im Literaturkompass des Magazins Buchkultur verschaffen (www.buchkultur.net).

Außerdem fand dieser Tage die Lesefestwoche und Buch(messe) Wien statt (www.buchwien.at). Besonders schön finde ich die in diesem Rahmen stattfindende Aktion „Eine Stadt. Ein Buch“, bei der jedes Jahr ein anderes Buch kostenlos in der Stadt verteilt wird. In diesem Jahr Balzac und die kleine chinesische Schneiderin von dem in Frankreich lebenden Chinesen Dai Sijie.

7.) Gibt es in deiner Stadt Literaturhäuser, Bibliotheken oder Häuser bekannter Schriftsteller, deren Besuch besonders lohnend ist?

Petra: Ein absolutes Highlight und unbedingtes Muss für jeden Buchliebhaber ist der barocke Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek. Ein wahrhaftes Pantheon des Geistes und der Buchkunst. (www.onb.ac.at/services/14975.htm – mit virtuellem Rundgang)

8.) Für was für eine Art von Roman wäre deine Stadt das ideale Setting?

Petra: Eine Frage, die geradezu eine wissenschaftliche Abhandlung einleiten könnte… Es existiert, glaube ich, kaum ein Genre, für das Wien nicht schon Schauplatz war – sogar ein Fantasy-Roman spielt (wenigstens teilweise) hier.

9.) Welches Buch/welchen Reiseführer sollte man lesen, bevor man in deine Stadt fährt?

Petra: Ich selbst benutze selten Reiseführer, habe mir aber sagen lassen, der Baedeker sei gut.

Ansonsten würde ich – bei aller Bibliophilie – ein Smartphone mit Routenplaner für Fußgänger (sprich: Iphone mit google maps ;-)) empfehlen. Alle gewünschten Informationen finden sich auch im Internet, beispielsweise auf www.wien-konkret.at oder www.stadt-wien.at.

Wer sich Wien gern auf literarischem Weg nähern möchte, dem könnte ich Lilian Faschingers Wiener Passion und/oder Heinrich Steinfests Detektiv Cheng in Ein dickes Fell empfehlen.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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2 Antworten zu Wien – nicht nur für Leselustige

  1. haushundhirschblog schreibt:

    Wien ist wunderbar!
    Wenn wir uns durch die links geklickt haben, wird die Lust auf Wien vermutlich noch größer!
    Danke.

  2. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    Ja, Wien ist wirklich wunderbar! Davon konnte ich mich vor einiger Zeit auch selbst vor Ort überzeugen – und mich würd’s freuen, wenn ich euch auch ein bisschen Lust drauf gemacht habe : )

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