Andere Länder, andere Sitten

In der Online-Ausgabe der Süddeutschen gibt es einen Reise-Knigge für die USA. Die Überschrift lässt Schlimmes befürchten: „Die spinnen, die Amis“. Dann folgen diverse Fotos „typischer“ Urlaubs- und Alltagssituationen mit etwas Text, wie man sich jeweils am besten verhält.

Gut, die Einreise: Beim ersten Mal vor zehn Jahren fühlte ich mich wirklich nicht gerade willkommen. Aber als wir letzten Mai dort waren, sah die Situation völlig anders aus. Die junge Frau, bei der wir die Formalitäten erledigten, war so freundlich, dass wir uns frugen, ob die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter inzwischen irgendwelche Schulungen besucht hatten („Touristen sind auch nur Menschen“ oder so).

Die Sache mit dem Trinkgeld hat sich inzwischen sicher herumgesprochen? Und ist es nicht viel netter, in Läden und Restaurants von freundlichen Menschen bedient zu werden, statt von schlecht gelaunten? Dass man sich an Verkehrsregeln halten sollte, gilt eigentlich nicht nur im Ausland. Auch die anderen Situationen, die präsentiert werden, sind nun nicht so schräg oder ungewöhnlich, dass man die US-Amerikaner deshalb gleich für Spinner halten müsste. Nur, weil sich etwas von der uns gewohnten Lebensweise oder der Art, miteinander umzugehen, unterscheidet, ist es ja noch lange nicht „versponnen“. Paul Watzlawick schreibt in seiner Gebrauchsanweisung für Amerika:

„Wer reist, erfährt […] zweierlei: Erstens, daß die Heimat eine Wirklichkeit ist, aber bei Gott nicht die Wirklichkeit; daß die Fremde in ihrer Weise genauso wirklich ist und von Menschen bewohnt, die ihrerseits glauben, ihre Wirklichkeit sei die Wirklichkeit. Und zweitens, damit eng zusammenhängend, daß erst von der Fremde her die eigene Wirklichkeit überhaupt erfaßbar wird.“

Wie hier, wie wohl überall auf der Welt, gibt es in den USA Leute, die ihre Tics haben und ihre liebenswerten Eigenschaften. Sie glauben an ihre „Wirklichkeit“ wie wir an unsere. Keine davon ist wirklicher als die andere – oder richtiger. Ein Reise-Knigge ist per se eine prima Idee. Hier aber wünschte ich mir noch einen Knigge für Reise-Knigge-Schreiber … Ich möchte als Gast mit Respekt behandelt werden (übrigens nicht nur als Gast, wir sollten uns immer respektvoll behandeln) und selbstverständlich bringe ich meinen Gastgebern Respekt entgegen. Und ist es nicht schöner, eindrücklicher, mit offenen Augen und offenem Geist zu reisen? Schließlich soll die Reise den Horizont erweitern und ihn nicht beschränken.

Auf Reisen komme ich mir manchmal vor wie ein Gefäß, in das eine Menge neuer Eindrücke, Erlebnisse, Begegnungen etc. fließen. Und aus diesem Gefäß kann ich mein Leben lang schöpfen. Wäre doch zu schade, es einfach auszugießen.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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