Lesewochenende anderswo

Beim Frühstück las ich in der Zeit einen sehr netten Artikel von Susanne Kippenberger: „Lesen und lesen lassen“. Darin beschreibt sie ein „Reading Weekend“ im Tilton House in Sussex. Angeboten bzw. arrangiert werden diese Wochenenden von einem gewissen Damian Barr. Man kann das ganze Wochenende gemütlich lesend verbringen, wird dabei bestens bewirtet und kann außerdem nette Ausflüge unternehmen, beispielsweise zum Charleston Farmhouse, in dem die Künstlerin Vanessa Bell (Schwester von Virginia Woolf) lebte. Und es gibt anscheinend immer einen Gast aus der Literaturszene, im Artikel ist es Diana Athill (93, Lektorin von Norman Mailer und selbst Autorin).

Der Gastgeber scheint die meiste Zeit in Schlafanzug und Morgenmantel herumzulaufen. Selbiges steht auch den Gästen frei, was wohl insgesamt zu der sehr gemütlichen und familiären Atmosphäre beim Lesewochenende beiträgt.

Manchmal liest Damian Barr vor. In diesem Zusammenhang wird einer seiner früheren Berufe erwähnt, den ich persönlich faszinierend finde: „Reader in Residence“ im Hotel Andaz zu London. Und das ging so: „Gäste fanden auf ihren Zimmern ein Menü mit 15 verschiedenen Titeln, aus denen Damian Barr stundenweise vorlas […]. In Schlafanzug und Morgenrock, ‚like a literary callboy‘, klopfte er an der Hotelzimmertür, […]. Der literarische room service wurde ein Hit.“

Das kann ich mir vorstellen! Sowohl, einen solchen Service selbst zu nutzen als auch, ihn anzubieten. Macht sicher mehr Spaß, als sich nach einem geschäftlichen Meeting im Hotelzimmer bei schlechtem Fernsehprogramm zu langweilen. Ob es so was hier schon gibt?

So ein Lesewochenende in schöner Umgebung, mit Kamin und Betütteltwerden würde mir auch gefallen. Vor allem käme man dann wirklich dazu, intensiv zu lesen (ohne zwischendurch den unvermeidlichen haushaltlichen Pflichten nachgehen zu müssen). Es wäre wie früher an den Wochenenden, damals, als man noch ein Kind war, wenn man den ganzen Tag auf dem Bett lag und las und gelegentlich die Mutter den Kopf durch die Tür steckte, um zu fragen, ob man wirklich nicht rausgehen wolle zum Spielen, oder um zu verkünden, dass jetzt das Mittag- oder Abendessen fertig sei und nein, beim Essen werde nicht gelesen. Ja, das waren herrliche Tage. So etwas klappt als Erwachsener wirklich nur, wenn man sich woandershin begibt, wo kein Essen zu kochen, keine Wäsche zu waschen und absolut nichts zu erledigen ist, außer sich zu entspannen.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
Dieser Beitrag wurde unter Zeitungsfrühstück abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Lesewochenende anderswo

  1. Michael Kieweg schreibt:

    Sowas klappt auch als Erwachsener ganz prima, zumindest wenn die Brut, falls vorhanden, alt genug ist und keine Viecher zu betüddeln sind.
    Es gibt Pizzadienste und der Haushalt läßt sich problemlos ignorieren. Ich zumindest besitze genügend Unterhosen, Socken und T-Shirts, um auch mal ein Wochenende auf’s Wäschewaschen verzichten zu können.

    Zurück zum Buch…

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Da hst du zwar Recht, aber irgendwer muss einen ja auch verwöhnen (Tee kochen, Plätzchen dazustellen, ne Decke holen, Kerzen anzünden, Aschenbecher ausleeren und ähnlich irre anstrengende Tätigkeiten), das ist man zuhause dann meist selbst : )

  2. Pingback: Wie man sich bettet, so liest man | Philea's Blog

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s