Das Buch zur Kaffeestunde

Gerade blätterte ich wieder einmal in einem sehr schönen Bildband, den mir eine liebe Ex-Kollegin zum Abschied geschenkt hat. Ein Coffee Table Book im doppelten Sinne, es ist nämlich nicht nur überaus ansehnlich und großformatig, sondern es geht auch um Kaffee und vor allem Cafés: Künstlercafés in Europa von Noël Riley Fitch mit Fotografien von Andrew Midgley. Anfangs erfährt man allerley zur Geschichte des Kaffees und der Entstehung von Cafés sowie wiederum ihrem Einfluss auf Kunst, Literatur, Gesellschaft, Philosophie und Politik.

Ein paar Beispiele: Im „Deux Magots“ zu Paris wurde das Surrealistische Manifest formuliert, das Münchener „Café Luitpold“ ist eng verbunden mit dem Blauen Reiter, im „Café Voltaire“ in Zürich trafen sich die Dadaisten und im Pariser „Café Flore“ die Existenzialisten. In den Londoner Cafés des 17. Jahrhunderts kämpften Whigs gegen Tories, in den Pariser Cafés „Le Procope“ und „de Foy“ die Führer der Französischen Revolution. Der Absynthtrinker von Arthur Symons entstand im „Deux Magots“, Ernest Hemingway schrieb u. a. Teile von Fiesta in der „Closerie des Lilas“.

Der zweite Teil des Bildbands stellt verschiedene Cafés in Paris, München, Barcelona, Wien, Budapest, Oslo etc. vor und man bekommt allergrößte Lust, eine kleine Europatournee zu machen, um sie im „Original“ zu sehen. Besonders reizend fand ich, wie manche Cafés ihre Künstler oder Schriftsteller ehren, die sie sich einst zu ihrem „Wohnzimmer“ erkoren haben. So gibt es eine Skulptur von Peter Altenberg, dem großartigen Kaffeehausschreiber, im „Café Central“ in Wien, genau dort, wo er früher gerne saß – gleich neben dem Eingang.

Ein „Stamm-Café“ zum Arbeitszimmer zu machen, kann ich mir sehr gut vorstellen (zumindest dort, wo das Rauchen noch nicht verboten ist). Dafür würde ich mich das „Cirio“ in Brüssel aussuchen (leider nicht gerade um die Ecke). Wenn wir in Brüssel sind und mein Liebster tagsüber zu tun hat, mache ich meine Rundgänge, die früher oder später immer in dem reizvollen Jugendstilcafé enden. Und da ich allein unterwegs bin, habe ich immer ein Buch und etwas zu schreiben dabei. Wobei ich im „Cirio“ eher schreibe, vermutlich wegen der anregenden Atmosphäre: eine charmant heruntergekommene Einrichtung, gemischtes Publikum (Alt, Jung, Touristen, Brüsseler), der Raucherbereich befindet sich im hinteren, übrigens hübscheren Teil des Cafés und die Preise sind sehr moderat. Dazu ein kleines Zitat aus Ganz weit weg:

„Geht man tagsüber ins ‚Cirio‘, gegen elf Uhr, findet man sogar den Lieblingsplatz unbesetzt, der sich in der linken hinteren Ecke zwischen der Telefonkabine und der alten Kasse mit der Aufschrift ‚National/Dayton, Ohio/U.S.A.‘ befindet. Der Kellner summt und ist gut gelaunt. Gegen Mittag steigt der Geräuschpegel. Die Leute haben Hunger. Die meisten sprechen französisch, trinken Leffe oder ‚Half en half‘ (halb Wein, halb Sekt) und essen. Nachmittags kehrt wieder Ruhe ein und erst am Abend, wenn die Leute genug gearbeitet, geshoppt oder Brüssel erkundet haben, füllt sich das ‚Cirio‘ wieder bis auf den letzten Platz. Dass es dabei immer gemütlich bleibt und wie der Gegenwart enthoben, macht es für uns so attraktiv.“

Ich glaube, wenn ich in Brüssel leben würde, wäre mir das „Cirio“ mein „Café Central“, in dem ich stundenlang sitzen, schauen und schreiben wollte, dazu literweise Thé Verveine bestellte, blaugraue Arabesken würden mich umschnörkeln, bis ich peu à peu in einer Rauchwolke verschwände. Ich weiß nicht, ob Peter Altenberg ein Raucher war, aber er ist an einem 9. März geboren wie ich. Möglicherweise unter einem Stern, der passionierten Cafébesuchern leuchtet.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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