Unterwegs. Heute: Richtig antworten

Neulich erzählte mir eine Freundin eine reizende Begebenheit. Dazu muss ich etwas weiter ausholen (ich komme ja sowieso gern vom Hölzchen aufs Stöckchen): Wer schon einmal in den USA unterwegs war, kennt gewiss die freundliche Angewohnheit der Dortigen, jeden zuallererst einmal nach dem Befinden zu fragen. Natürlich wollen die Fragenden durchaus keinen aktuellen medizinischen Bericht hören, es ist die pure Höflichkeit. „How are you doing today?“, fragt der Hotelangestellte, die Verkäuferin in der Boutique, die junge Angestellte bei Starbucks, der Ober im Restaurant.

Vor allem das „today“ hat mich anfangs irritiert, da wir uns ja zuvor nie gesehen hatten. Jedenfalls scheint der Trend nun auch bei den höflichen Briten zu erblühen. Von dort kannte ich nur die entzückende Gepflogenheit, als „My Dear“ oder so angesprochen zu werden. Die Frage nach dem tagesaktuellen  Befinden hatte ich dort bislang noch nicht vernommen.

Meine Freundin aber schon, und zwar in London. Sie war gerade angekommen, müde und in die Karte vertieft, als ein freundlicher junger Kellner sie mit diesem flockigen „How are you doing today?“ begrüßte. Sie hatte nicht richtig zugehört, war sich aber bewusst, irgendetwas gefragt worden zu sein, und antwortete geistesabwesend: „I’m German.“ Damit versandete das Gespräch, noch ehe es recht in Fahrt gekommen war. Meine Freundin wurde dann von ihrer Begleiterin über die eigentliche Frage des Kellners aufgeklärt …

Obwohl die Antwort nicht absichtlich gegeben wurde, finde ich sie großartig! Denn ich stelle mir vor, dass sie sie eine verblüffende Wirkung erzielt und weitere Fragen aller Art aufgeworfen hat: Was will sie mir damit sagen? Dass sie nicht gut Englisch spricht? Hat sie mir überhaupt zugehört? Ist sie genervt? Soll ich den Krieg nicht erwähnen? Meint sie damit ihren gesundheitlichen oder gar seelischen Zustand, vielleicht eine Mischung aus Weltschmerz, Gemutlichkeit und Frauleinwunder?

Die Antwort „I’m German“ birgt derart viele Assoziations- und Interpretationsmöglichkeiten, dass ich sie auf jeden Fall in meinen nächsten Überseekoffer packen werde – ich freue mich jetzt schon aufs Auspacken!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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2 Antworten zu Unterwegs. Heute: Richtig antworten

  1. Georg schreibt:

    Genau: Don’t mention se var.

  2. almofada schreibt:

    …und ich leb‘ und arbeite in Portugal. Wenn ich morgens durch das Büro laufe, meinen Schüssel bei der Security abhole usw, was sagen mir alle Leute? Estás bem? Geht’s dir gut? Tudo bem? Alles klar? Bem disposto? Biste gut drauf? Was sagt man dann als Entgegnung, um nicht als der unhöfliche kalte abweisende Deutsche dazustehen? Sim senhor, Ja, mein Herr… irgendwas Nettes. Der Lager-Vize, der schon mal in Österreich war (manchmal sagt er „gemma!“), ruft mir auf Englisch zu:“How are you today?“ Und ich werd‘ mich hüten, zu sagen, wie ich mich WIRKLICH fühl’…
    Es ist also eher so, daß die Deutschen mangels Lebensart nicht wissen, was sie dem Nachbarn saen sollen…!
    Niest einer in Deutschland in der U-Bahn, sagt das ganze Abteil „Gesundheit!“ und hofft inständig, sich nicht irgendwelche Tröpfchenbakterien eingefangen zu haben. Niest einer in einer Lissabonner Metro, schweigen die Umstehenden verbissen. Nein, sie schweigen nicht wirklich, sie machen das weiter, was sie vorher auch gemacht haben: dialogisieren, telefonieren, Buch lesen, MP3 hören… soll der Nebenmann doch niesen, husten, kotzen, Parteiparolen skandieren, verrecken – ist doch wurschtegal, das.
    So verschieben sich halt die Höflichkeits-Schwerpunkte…

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