Müßiggänger, Flaneure, Träumer

Sind das nicht drei herrliche Worte? Wie viel Ruhe und Selbstgenügsamkeit darin liegen! Allein die Vorstellung, die sich mit Müßiggängern, Flaneuren oder Träumern verbindet – wird man nicht selbst gleich viel gelassener, wenn man sich die Zeit nimmt, darüber nachzudenken? Möchte man nicht am liebsten sofort selbst der Muße pflegen, durch die Straßen flanieren oder vor sich hin träumen? Aber wir haben ja alle keine Zeit! Wir sind im Stress, die Hektik regiert, wir haben so viel zu tun, dass wir kaum zur Ruhe kommen.

Auf unseren Schreibtischen türmen sich die Papierstapel, die es zu bearbeiten gilt. Die Freizeit ist vollkommen verplant (Kinder zum Sport fahren, Arztbesuch, Yogakurs nicht versäumen, mit X treffen, Kinder vom Musikunterricht abholen, mit Y walken, Japanisch lernen, kochen, waschen, putzen, aufräumen, ins Kino, Theater, zur Vernissage mit Z, Hausaufgaben mit den Kindern sichten etc. etc. pp.). Selbst im Urlaub geht es bei vielen nicht gemütlich zu, weil in die paar Tage so hohe Erwartungen an die wohlverdiente Erholung gestellt werden, dass sie sich quasi gar nicht erfüllen können. Man träumt von einer Auszeit, aber nur kurz, denn der nächste Termin sitzt garantiert schon im Nacken.

Kommt euch bekannt vor? Dann hätte ich einen Buch-Tipp für euch: muße. Vom Glück des Nichtstuns von Ulrich Schnabel. Ich hatte vor einigen Wochen in der Zeit darüber gelesen (und euch berichtet) und vor ein paar Tagen habe ich mir das Buch gekauft. Obwohl ich es noch nicht ganz zu Ende gelesen habe, würde ich schon jetzt sagen: Dieses Buch ist so gut, wahr und sinnvoll, dass es sich prima als Pflichtlektüre für alle Chefs und Angestellten , einfach, für alle, die sich gehetzt fühlen, eignet.

Der Autor geht darin unter anderem dem Phänomen nach, dass wir, trotz aller technologischen Fortschritte und Erleichterungen, die viele unserer Arbeiten deutlich beschleunigen, ständig das Gefühl haben, unter Druck zu stehen und dass uns die Zeit davon läuft.

Ein weiteres Phänomen, das ich seit einigen Jahren an mir selbst beobachte, wird ebenfalls thematisiert: Dass ich mich früher stundenlang in ein Buch vertiefen konnte, aber inzwischen eigentlich nur noch parallel Bücher lese und nach spätestens einer halben Stunde meine, irgendetwas „tun“ zu müssen (Spülmaschine ausräumen, Waschmaschine anwerfen, Tee kochen, Post sichten, E-Mails kucken, twittern etc.). Früher machte ich alles nacheinander, heute denke ich, ich müsste alles möglichst simultan erledigen. Der Autor begründet dies u. a. damit, dass die Informationsflut, die täglich auf unterschiedlichsten Kanälen auf uns einstürmt (Zeitung, Fernsehen, Radio, E-Mails, Telefonate, Twitter, Blogs usw.) und besonders das Internet unser Leseverhalten nachhaltig verändert haben. Wir googeln nach Begriffen und Artikeln, die wir oft nur oberflächlich lesen (können), um eine Vorstellung von ihnen oder ihrem Inhalt zu bekommen, und weiter geht’s zum nächsten Thema.

Dabei tun uns und unseren überlasteten Arbeitsspeichern im Gehirn schon Augenblicke des Abschaltens gut. Ihr kennt sicher die Situation: Unter der Dusche, beim Spaziergang, jedenfalls nicht am Schreibtisch, fallen einem auf einmal die tollsten Ideen ein! Wir müssen uns von den Maximen der Treiber verabschieden (Müßiggang ist aller Laster Anfang, ohne Fleiß keinen Preis, wer rastet, der rostet) und lernen, uns hin und wieder Auszeiten zu gönnen, um leistungsfähig und kreativ zu bleiben. Wir sollten gelegentlich alle zu Müßiggängern, Flaneuren und Träumern werden – der Erholungswert solcher Pausen und die Energie, die uns danach wieder zur Verfügung steht, werden es uns (und unseren Chefs) lohnen.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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5 Antworten zu Müßiggänger, Flaneure, Träumer

  1. Georg schreibt:

    Ich würde das hier ja gerne lesen, aber ich hab grad keine Zeit. („Keine Zeit, keine Zeit, keine Zeit“. Walter Mehring)

  2. Penelope schreibt:

    Wie wahr!!! Das Buch brauche ich auch ;-). Hier ein schönes Zitat zum Thema:

    „Ich denke, wir sind uns heute kaum bewusst, was wir durch den Verlust der Muße entbehren. Die meisten von uns sind Gefangene ihrer Terminkalender. Unsere Tage sind zersplittert in Halbstundenfragmente, entsprechend der Linien unserer Filofaxe. Es scheint, nicht wir sind Herren über unsere Notizbücher, sondern sie regieren uns. Cafés, Gespräche, Spaziergänge, Muße – das ganze dolce far niente erscheint uns als maßloser Luxus, ebenso wie das Lesen, Träumen und schlafen. Es gibt „Erfolgreiche“ in unserer Welt, die sich damit brüsten, wie wenig sie schlafen, die stolz darauf sind, andauernd furchtbar viel zu tun zu haben. Die Wahrheit jedoch ist, dass jede Kreativität Muße braucht; wenn wir diese verlieren, verlieren wir die Fähigkeit, die Probleme zu lösen, die wir dringend lösen müssen, um das Überleben der menschlichen Rasse zu sichern.“

    Erica Jong in „Der Teufel in Person“, 1993

  3. Pingback: Muße fürs ZEITungsfrühstück | Philea's Blog

  4. flattersatz schreibt:

    ach du je… das buch von schnabel steht noch ungelesen im regal… ganz vergessen vor lauter hektik… 😉

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