Antiquariatsgestöber

Heute war mir nach ausgiebigem Stöbern in alten Büchern. Also spazierte ich nach der Arbeit zum „Bücherland“. Zugegeben, das war ein kurzer Spaziergang, denn es liegt von meinem Büro aus quasi um die Ecke. Das „Bücherland“ sieht von außen übrigens lange nicht so schön aus, wie von innen: Es ist in einem relativ hässlichen Betonbau untergebracht. Dafür ist es drin umso atmosphärischer, zum einen natürlich wegen der vielen Bücher, zum anderen, weil es wirklich nett eingerichtet ist mit alten Stühlen und Sesseln, sogar ein Flügel befindet sich dort (auf dem wird auch gelegentlich gespielt, wenn das „Bücherland“ mal wieder eine seiner Veranstaltungen macht). Und die Leute dort sind auch sehr freundlich.

Jedenfalls entdeckte ich gleich drei hübsche Insel-Bändchen (ich sammle in erster Linie die illustrierten), nämlich Handzeichnungen von Michelangelo, Lithographien von Henri de Toulouse-Lautrec und Drei Märchen von Wilhelm Busch. „Sammeln“ klingt so großartig, ich sammle allerdings (noch) ganz unschuldig, ohne allzu sehr auf Jahr, Ausgabe, Druckort und derley zu achten, sondern einfach nur, weil mir die kleinen Bändchen so gut gefallen. Beim Bücherland kosten übrigens alle Insel-Bändchen drei Euro. Wirklich alle. Das ist zwar immer noch mehr als die 30 Pfennige, die Stefan Zweig einst vorschlug, oder als die 50 Pfennige, die die Bändchen schließlich eine ganze Zeit lang kosten sollten, aber dennoch sehr günstig, zumal sich ja tatsächlich einmal ein „wertvolleres“ Bändchen darunter befinden könnte. Das allerdings, also das gezielte Sammeln, ist eine Wissenschaft für sich, auf die ich bislang nur einen höchst oberflächlichen Blick geworfen habe.

Nach einer Kaffeepause mit meinem Liebsten, bevor er das heute so sonnige Karlsruhe Richtung Hannover verließ, machte ich mich auf zu einem etwas größeren Spaziergang zum Antiquariat „Haufe & Lutz“. Hier stöberte ich besonders ausgiebig und nahm ungewöhnliche Haltungen ein, um die dortigen Insel-Bändchen genauestens zu betrachteten. Zuletzt kniete ich davor und stellte fest, dass das nur noch halb so bequem ist wie vor, sagen wir mal, 20 Jahren. Aber es hat sich gelohnt: Ich erstand bei dem sympathischen Antiquar fünf weitere, sehr hübsche Exemplare aus der Insel-Bücherei, eines davon zwar nicht illustriert, Das Buch vom Tee von Kakuzo Okakura, aber egal, das wollte ich sowieso unbedingt endlich lesen (die anderen sind ja eher zum Kucken). Ein hübscher Überraschungsfund war das dicke und mit Illustrationen versehene Buch Salons von Valerian Tornius – mir bislang unbekannt, sicher eine schöne Ergänzung zu meinen Büchern über Salons und Salonièren.

Und dann fand ich noch einen Karton mit Stereoskopien: längliche Pappen mit scheinbar zweimal demselben Foto, mehr dazu z. B. bei Wikipedia. Ich hatte ähnliche „Quasi-3-D-Fotos“ schon einmal bei einer Ausstellung über das Reisen im LA 8 zu Baden-Baden gesehen und sehr putzig gefunden. Nun suchte ich mir eine Stereoskopie aus, um sie als Lesezeichen zu zweckentfremden.

An der Kasse gab es noch eine Schachtel mit Allerley, u. a. mit frühen Visitenkarten. Das fand ich nun ganz bezaubernd. Anders als unsere heutigen, nüchternen, von Titeln, Adress- u. ä. Angaben überladenen Kärtchen zierten frühe Visitenkarten einfach nur der Name des Besitzers. Ich wählte die eines gewissen Julius Schilling, weil er hintendrauf eine kleine Nachricht geschrieben hatte: „Meine besten Wünsche für das neue Jahr. Ich kehre morgen nach Cöln zurück u. lasse von da Brief baldigst folgen. Julius“, dann eine für mich leider nicht lesbare Ortsangabe und „31 Dezbr 83“ – ist das nicht herrlich? Wem galt wohl das Billetchen? Einem Freund, der Mama, einer Schwester? Auch dies wird mir ein liebes Lesezeichen werden, obwohl es mir fast zu schade zum Benutzen ist. Aber so sehe ich es wenigstens öfter, als wenn ich es in meinen Schrank zu den anderen Lesezeichen sortieren würde.

Ein insgesamt höchst erfreuliches Antiquariatsgestöber!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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3 Antworten zu Antiquariatsgestöber

  1. synaesthetisch schreibt:

    Das klingt ganz wunderbar. Man sollte viel mehr in solchen Schatzkästen stöbern und wühlen 🙂

  2. B.ee schreibt:

    Das macht richtig Lust auf mehr. Vielleicht sollte ich auch mal wieder ein Antiquaritat besuchen. Ist schon lange her. Im Studium ging ich oft hin.

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