Zwei Romane an einem Tag

Neulich habe ich etwas gemacht, was ich schon lange nicht mehr geschafft habe, nämlich zwei Romane an einem Tag gelesen. Nicht, weil ich frei gehabt hätte, aber es traf sich einfach günstig (der Kühlschrank war noch voll, der Wäschekorb leer, keine Termine, keine Verabredung). Als erstes begann ich mit einem Roman, den ich zum Geburtstag geschenkt bekommen habe, Der Geschmack von Apfelkernen von Katharina Hagena (die übrigens auch aus Karlsruhe stammt).

Zur Story: Iris erbt nach dem Tode ihrer Großmutter Bertha deren Haus. Ein Erbe, mit dem sie zunächst nicht allzu viel anfangen kann. Warum sie und nicht ihre Mutter Christa, der das Haus immer so viel bedeutet hatte? Und außerdem lebt sie inzwischen sowieso in Süddeutschland – soll sie das Erbe überhaupt annehmen? Um sich darüber und manches andere klar zu werden, nimmt sie zunächst einige Tage frei und versenkt sich immer mehr in Erinnerungen an die Zeiten, die sie in Berthas Haus verbracht hat. An die drei Töchter Berthas (die esoterische Harriet, die schöne Inga und Christa), an ihre Cousine Rosmarie, die viel zu jung starb, und an die gemeinsame Freundin Mira, die bei Rosmarie Tod dabei war. In ihrer Erinnerung lebt nicht nur ihre zunächst idyllische Kindheit auf, auch die Geschichte ihrer Großmutter und deren Töchter enthüllt sich beim Lesen immer mehr, ohne zu Verwirrungen zwischen den Zeitebenen und der Realität zu führen. Eine wirklich wunderschöne Geschichte, oft sehr komisch, manchmal sehr traurig und auf jeden Fall berührend. Gelungen, weil romantisch, aber unkitschig, ist auch die Liebesgeschichte, die sich zwischen Iris und Miras Bruder entwickelt. Insgesamt ein schönes Buch für einen ausgiebigen Lesenachmittag.

Am Abend begann ich dann einen weiteren Roman, der in völligem Gegensatz zum Geschmack von Apfelkernen steht – thematisch gesehen, nämlich mit Was du heulst, brauchst du nicht zu pinkeln von Heike Engel. Ich wusste schon, dass dieses Buch „harter Toback“ sein würde. Zwar geht es ebenfalls um Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend, allerdings keineswegs um romantische, sondern um Kindsmissbrauch. Ich war nicht sicher, ob ich das Buch aushalten würde, aber nach der Leseprobe beschloss ich, es zu versuchen. Und tatsächlich: Trotz des fürchterlichen Themas schafft Heike Engel es, aus Sicht des Mädchens Wiebke die schrecklichen Ereignisse so zu beschreiben, dass sie sich lesen lassen.

Wiebke und ihre Halbschwester Lilly leiden unter einem Vater, der sie ständig beschimpft, bestraft, schlägt und missbraucht. Keiner hilft den beiden Mädchen. Die Mutter schaut weg, obwohl auch sie unter der Brutalität ihres Mannes zu leiden hat, und selbst die Großeltern tun nichts, um den Kindern zu helfen. Nach der Geburt der dritten Tochter machen sich die jahrelangen Demütigungen bei der Mutter psychisch bemerkbar. Sie ist nun erst recht keine Stütze mehr für ihre Kinder und zu schwach, um sich endlich von ihrem Mann zu trennen. Eine völlig ausweglose Situation, eine Alptraumkindheit in einer Zeit, als es noch „normal“ war, Kinder mit Schlägen zu erziehen. Das „Andere“ kann oder will die Umgebung nicht glauben, hält es für einen „Ausrutscher“ oder einfach für zu unwahrscheinlich. Ein unheimliches Buch, so fesselnd, dass ich es bis in die Nacht zu Ende las. Ich musste einfach wissen, ob es trotz allem eine Hoffnung für die Mädchen geben konnte. Was du heulst, brauchst du nicht zu pinkeln ist ein wichtiges Buch, weil es ohne emotionale Antatscherei und ohne marktschreierische Tabubrüche das Thema behandelt. Ich halte den Roman für sehr empfehlenswert.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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