Literaturstreiche

Morgen werden wir es wieder allerorten hören „April, April!“ Die Tageszeitung hat sich was Lustiges ausgedacht, um ihre Leser zu veräppeln, der Radiosender hat sich auch schon was überlegt, wir nasführen am Morgen mit etwas Glück unsere Liebsten und im Büro die Kollegen (vielleicht sind sie aber schneller und nasführen uns). Und je intelligenter der Aprilscherz ist, desto lieber fallen wir darauf herein und haben als Schwindler genauso viel Spaß wie als Beschwindelte. Oder?

Kommt drauf an. Was am 1. April für alle mehr oder weniger okay ist, gilt nicht für den Rest des Jahres und schon gar nicht, wenn ein „Fachpublikum“ dabei veräppelt wird. So ging es der New Yorker Kunstszene am 1. April 1998, als William Boyd und David Bowie ins Atelier des Künstlers Jeff Koons einluden, wo Nat Tate, ein fast vergessener Künstler, geehrt werden sollte. Zugleich sollte ein Buch über sein Leben und Wirken vorgestellt werden. Leider war Nate Tate erfunden – doch die Kunstszene fiel darauf herein. Die fiktive Künstlerbiographie  hatte ich euch ja schon vor einiger Zeit empfohlen. Ich fand das Buch und den Schwindel großartig und fühlte mich bestens unterhalten. Die New Yorker Galeristen, Sammler und Kritiker waren vermutlich weniger amused, als sie bemerkten, dass sie ordentlich hereingelegt worden waren. Ist ja auch peinlich, wenn man dabei ertappt wird, dass man sich kennerhaft über einen Künstler geäußert hat, den es eigentlich gar nicht gab.

35 Jahre früher hatte Hans Traxler die deutsche Literaturszene aufhorchen lassen mit Die Wahrheit über Hänsel und Gretel. Das Büchlein, komplett mit Fotos, alten Stichen und einem Personen- und Sachregister, berichtet über den erstaunlichen Fund eines Laienarchäologen im Spessart. Dort nämlich ging Georg Ossegg auf Spurensuche nach der wahren Geschichte hinter „Hänsel und Gretel“. Denn schließlich, wenn Heinrich Schliemann aufgrund von Sagen Troja finden konnte und Arthur Evans das Labyrinth des Minotaurus, wieso sollte man dann nicht die eigenen Mythen und Märchen auf ihren wahren Kern hin untersuchen?

Und in der Tat förderte Ossegg die dramatische Geschichte der talentierten Lebkuchenbäckerin Katharina Schraderin zutage, der ihre Begabung zum Verhängnis wurde. Da sie ihr Rezeptgeheimnis nicht teilen mochte, beschuldigte sie ein Konkurrent, der Nürnberger Hofbäcker Hans Metzler, der Hexerei. Sie wurde freigesprochen, zog in ein einsames Haus im tiefen Wald, wo sie weiter buk, und schließlich von Metzler und dessen Schwester Grete hinterhältig ermordet wurde. Ossegg forschte und grub und stieß auf die Überreste des „Hexenhauses“ samt Skelett der unglücklichen Bäckerin (im Backofen). Sogar das Rezept fand er, das einst Hans und Grete so verzweifelt und vergeblich gesucht hatten. Beigefügt sind dem Bericht das Protokoll des Hexenprozesses sowie eine kleine Geschichte der Umdeutung eines grausamen Mordes in das Märchen vom armen ausgesetzten Geschwisterpaar durch die Gebrüder Grimm und die Oper von Engelbert Humperdinck.

Wahnsinn! Warum in die Ferne schweifen, wenn die Mythen und ihre wahren Kerne praktisch vor der Haustür liegen! Grandiose Idee. Doch die Wissenschaftsparodie blieb nicht ohne Folgen. Denn obwohl der Verlag und der Autor durchaus darauf hinwiesen, dass die Geschichte nicht wahr ist, gab es viel böses Blut unter Laien und Forschern. Leser waren empört und verbaten sich derartige Vergackeierungen, Touristen kamen in den Spessart, um weiter zu graben, gegen Traxler wurde wegen Betrugs ermittelt. Ja, haben die Leute denn keinen Humor?

Ich fand das Buch herrlich! Fotos von Traxler, verkleidet mit Brille und Bart, als Ossegg beim Graben, Traxlers „alte Kupferstiche“ und Zeichnungen von Lageplänen etc. – alles so liebevoll zusammengestellt, so gerade noch wahrscheinlich und durchdacht, dass man es auch genießen kann, wenn man weiß, dass es sich nur um einen Scherz handelt. Und das weiß man, sobald man den Klappentext gelesen hat.

Mehr über den wunderbaren Zeichner, Cartoonisten und was sonst noch alles liest man übrigens in dem sehr amüsanten Buch Die schärfsten Kritiker der Elche von Oliver Maria Schmitt, der darin auch Leben und Werk weiterer Mitglieder der „Neuen Frankfurter Schule“ (NFS) beschreibt. Zu der NFS gehören F. W. Bernstein, Bernd Eilert, Robert Gernhardt, Eckhard Henscheid, Peter Knorr, Chlodwig Poth, Hans Traxler und F.K. Waechter, vielen hoffentlich bekannt z. B. durch Pardon oder Titanic.

Beide Bücher möchte ich allen ans Herz legen, die die Kunst des intelligenten Schwindels und der geistreichen Satire ebenso zu schätzen wissen wie puren Nonsens.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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Eine Antwort zu Literaturstreiche

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