Die Vampire & ich

In einem ihrer charmanten Essays schreibt Anne Fadiman: „Seit langem bin ich davon überzeugt, dass jedermann in seiner Bibliothek ein Kuriositätenkabinett hat. In diesem Kabinett befindet sich eine kleine und rätselhafte Auswahl von Büchern, deren Gegenstand in keinerlei Zusammenhang mit den übrigen Büchern des Hauses steht und die dennoch bei näherem Hinsehen eine ganze Menge über ihren Besitzer verraten.“ [Ex Libris, S. 35]

Dem kann ich nur zustimmen. In ihrem Falle sind es Bücher über Polarexpeditionen. Bei mir – auf den ersten Blick nicht ganz so sophisticated – Bücher über Vampire (Romane und Sekundärliteratur).

Von klein auf zogen sie mich an, diese unsterblichen, grausamen und irgendwie prickelnden Gestalten, die ewig lebten, aber nur nachts. Gruselgeschichten las ich sowieso gern. Ich schaute mir möglichst jeden Vampirfilm an, meist heimlich, wenn meine Eltern nicht zu Hause waren und ich angsterfüllt und doch gebannt vor dem Fernseher saß.

Ich las natürlich Bram Stokers Klassiker, auch etliche John-Sinclair-Heftchen, Romane wechselnder Qualität wie Nachtblau, Der Vamp, Lange Zähne, Blutzoll oder auch das schlechteste Vampirbuch ever, Blutrausch, Kurzgeschichten wie in Draculas Töchter, später Anne Rice, die das Genre so wohltuend belebte, die Biss-Reihe, die Romanserie von Charlaine Harris um Sookie Stackhouse, jetzt verfilmt als Fernsehserie namens True Blood, Der Historiker usf. Dazu unerlässliche Sekundärliteratur, etwa Das Vampir-Lexikon, Vampirinnen (übrigens eine Dissertation), Von denen Vampiren (eine interessante Zusammenstellung von Texten, u. a. von Autoren wie Lord Byron, LeFanu und Baudelaire natürlich, aber auch von Goethe, Heine, Gogol, Tolstoi et al.) oder Vampirismus.

Wer sich mit der Thematik befasst, stellt rasch fest, dass Vampire mehr hergeben als ein paar Groschenromane, dass sie keineswegs erst mit der Schwarzen Romantik in Mode kamen und dass der Glaube an Untote/Blutsauger nicht nur uralt, sondern über die ganze Welt verstreut ist. Dennoch nimmt sich dieser etwas abseitige Auswuchs meiner Bücherleidenschaft in unserer Bibliothek ein wenig ungewöhnlich aus neben all den literarisch und sozial anerkannteren Werken.

Was fasziniert mich, selbst in reiferem Alter (sollte man meinen), noch immer an Vampiren?

Ich denke, es sind mehrere Gründe. Zum einen ist da die Faszination, die einem alten und weitverbreiteten Mythos naturgemäß innewohnt. Dann die Unsterblichkeit. Wer sein Leben nicht gerade sterbenslangweilig findet, wird sich gewiss gelegentlich danach sehnen. Der Traum von ewiger Jugend ist ebenfalls uralt – vielleicht kennt ihr die Geschichte der Göttin Eos, die sich in den Sterblichen Tithonos verliebte und die Götter um dessen Unsterblichkeit bat. Leider hat sie vergessen, bei der Gelegenheit auch um ewige Jugend zu bitten … Außerdem setzen sich Vampire über moralische Regeln hinweg und ihr subversives Potenzial besitzt eine gewisse Anziehungskraft.

Ewiges Leben, ewige Jugend – würde man, wenn man die Wahl hätte, den Preis dafür bezahlen?

In früheren Vampirgeschichten ging das meist ungut aus. Inzwischen sind die Vampire in der modernen Zeit angekommen, mischen sich unter und paaren sich mit den Sterblichen, nicht selten zur beiderseitigen Freude. Es geht weniger um Gefahr, Verfolgung und Tod. Stattdessen befahren die diversen Bücher und Filme außer action-lastigen und splatterigen auch romantische oder (unterschwellig)-erotische Schienen. Bei den Filmen gibt es übrigens durchaus einige Perlen zu entdecken, oder wusstet ihr, dass Cathérine Deneuve, David Bowie und Susan Sarandon in einem gelungenen Vampirfilm zu sehen sind (The Hunger, 1983)?

Das alte Good-guy-bad-guy-Schema (gut = Vampirjäger, böse = Vampir) lässt sich nicht mehr ohne weiteres auf die neueren Filme und Bücher anwenden. Stattdessen ist der Vampir nun der neue romantische Held, dunkel und geheimnisvoll – und vor allem hinreichend domestiziert. Eigentlich der perfekte Mann. Und mit dem könnte man sich ja ein ewiges Leben (zumindest für eine gewisse Zeit, da man sich als Mensch nicht so auskennt mit der Ewigkeit) ganz gut vorstellen.

Zumal die Herren oft überaus gebildet sind. Sie hatten ja auch Zeit genug, sich eine Menge Wissen anzueignen, die bis dato erschienene Weltliteratur zu lesen und das virtuose Klavierspiel sowie etliche Sprachen zu lernen. Also vielseitig interessierte Typen, wahrscheinlich tolle Gesprächspartner, mit denen einem so bald nicht langweilig wird. Der Vampir im Hause erspart den Geliebten im Schrank. Denn ein Vampir ist ja bei allem irgendwie besser. Und das in alle Ewigkeit.

Bald wird übrigens ein neues Buch erscheinen, das ich euch, so ihr denn ebenfalls von Vampiren fasziniert seid, schon jetzt und ungelesen empfehle: Vampyrologie für Bibliothekare von Eric W. Steinhauer. Ich freue mich darauf – carpe noctem!

Nachtrag: Und gelesen empfehle ich das Buch erst recht : )

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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13 Antworten zu Die Vampire & ich

  1. Pingback: Vampyrologie für alle | Philea's Blog

  2. Mila schreibt:

    Liebe Petra,
    dein Beitrag ist zwar schon etwas älter, aber ich hoffe, ich darf ihn trotzdem kommentieren. Ich hatte nämlich auch einmal ein riesengroßes Faible für Vampire. Witzigerweise bin ich durch ein Germanistik-Seminar darauf gekommen. Ich hielt ein Referat über Elfriede Jelineks „Krankheit oder Moderne Frauen“ und fand die Figur der Vampirin mit dem Phallus-artigen-Zahn dermaßen spannend, dass ich sowohl die Klassiker las wie Sheridan LeFanu und Dracula als auch die Romane von Anne Rice. Leider hatte ich beim Aufkommen des Vampir-Hypes gar keine Lust, mich dem anzuschließen. Aber vielleicht sollte ich jetzt, wo die Vampir-Welle abklingt, doch mal wieder in das Thema reinlesen…

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Liebe Mila, klar darfst du! Ich freu mich sehr, wenn auch die älteren Sachen noch gelesen werden, zumal viele ja „zeitlos“ sind, also nicht tagesaktuell : )
      Aber zum Thema: Für’s neu Reinlesen in selbiges kann ich nach wie vor das Büchlein von Eric W. Steinhauer wärmstens empfehlen. Mehr dazu findest du hier: https://phileablog.wordpress.com/2011/05/08/vampyrologie-fur-alle/. Ansonsten wird ja anscheinend ständig Neues zum Thema veröffentlicht, eine schier unüberschaubare Flut an Romanen! Alle kenne ich natürlich nicht, aber da etliche praktischerweise verfilmt wurden, kann man sich ja zumindest die Serien antun. True Blood gefällt sogar meinem Liebsten, obwohl er es sonst nicht so mit Vampiren hat ; ) Erzählst du mir, wenn sich da lektüremäßig bei dir was tut? Vielleicht hast du sogar einen Tipp für mich?

  3. wortmeer schreibt:

    Komisch, in meinem reader tauchte dein Beitrag heute auf… und so kommentiere ich auch erst heute 😉

    Eine herrlich, schöne Offenbarung, die du mit uns teilst. Ich kann mich nicht so für vamipire begeistern, aber du zeigst sehr interessante Seiten auf, schon allein die enorme Bildung solcher Wesen… spannend und zugleich amüsant – besonders im Kleiderschrank…

    Und ich wandere gedanklich gerade durch meine Regale… Morgen früh gehe ich gleich mal schauen… danke für die Inspiration.

    Liebe grüsse zur Mitternacht
    Doreen

  4. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    Besser spät als nie, liebe Doreen : ) Bist du schon fündig geworden? Und war nicht gestern Vollmond? Das wäre ja perfekt für mitternächtliche Schauerliteratur gewesen … Aber man kann Vampirliteratur natürlich auch in anderen Nächten lesen, sogar tagsüber ; )

  5. wortmeer schreibt:

    Ja genau, gestern stand der Mond voll am Himmel 😉

    Oh ja, ich bin fündig geworden. Und ich habe Lust, darüber zu schreiben. Hoffe ich auf den baldigen Moment, wo ich etwas mehr Zeit und Ruhe habe. Da stehen so einige Bücher…

  6. B.ee schreibt:

    Liebe Petra,
    und wieder einen schönen Artikel entdeckt. Ja, die Vampire, die haben es mir ja auch angetan, auch wenn ich diese ganzen, wie Pilze aus dem Boden schießenden, Romane seit der Biss-Reihe nun nicht verfolge. Aber ich hege eine seit Kinderbeinen an bestehende Leidenschaft für die Blutsauger.

    In meiner Bibliothek stehen sie allerdings schon im Zusammenhang mit den meisten anderen Themen. Immerhin sind wir hier Pagan-Haushalt. *lächel*
    Also begebe ich mich auf die Suche, welche Bücher hier eher aus der Reihe fallen… und ich finde keine. Hm. Das ist merkwürdige. Am sonderbarsten muten noch die christlichen Bücher hier in der Ecke an, die aber auch wiederum nicht so sonderbar sind, will man als Pagan informiert sein. Wahrscheinlich ist es eher die der Umstand, dass die Bibel hier neben einer Ausgabe von Gothic 3 steht. *kicher*

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Stimmt, liebe B.ee, Nachbarn in der Bibliothek – das ist auch ein gutes Thema! Schon bei einer rein alphabetischen Sortierung ergeben sich ja erstaunliche Nachbarschaften, sortierst du eher thematisch? Bei mir ist es eine Mischform.
      Liebe Grüße & einen schönen Start in die Woche!

  7. B.ee schreibt:

    Also ich versuche nach Genre und innherhalb des Genres nach Land und dann nach Autor zu sortieren. Das klappt nicht immer. Gestern habe ich eine Vlog gesehen, in dem jmd. seine Bücher nach Farben sortierte. Sah schön aus, allerdings, fürchte ich, ich würde kein einziges Buch mehr wiederfinden.

  8. Miss Hava schreibt:

    Ach ja, die Vampire… Schön zu sehen, dass es noch andere gibt, die bereits lange vor der heutigen Twilight-süchtigten Teenagergeneration ein Interesse für diese speziellen Kreaturen der Nacht entwickelten und sogar öffentlich machen! *lach*
    Bei mir fings mit dem „Kleinen Vampir“ an und dem Wunsch, auch einer zu sein. Vor vielen, vielen Jahren. Das waren die ersten Bücher, die ich mir selbst wünschte.
    Danach folgten auch mit Begeisterung Anne Rice und mit viel Spaß Sookie Stackhouse… In meiner Jugend hatte zeitenweise „Angel“ aus der gleichnamigen Serie mein Herz erobert. Und immer war es mit einer gewissen Peinlichkeit verbunden, beim erstaunten Blick in mein Bücherregal zu erklären: Nun ja, ich mag Vampire eben!
    Jetzt kann ich frohgemut zur Erklärung mit dem Kuriositätenkabinett greifen! Dankeschön!

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