Bücher aus dem Nachlass

In einer Veranstaltungsankündigung meiner Lieblingsbuchhandlung, dem Stephanus zu Carolsruh, las ich, dass sich nun „auch ausgesuchte antiquarische Bücher im Untergeschoss“ finden ließen, u. a. viele „Klassiker der Weltliteratur aus dem Nachlass des Karlsruher Lyrikers Walter Helmut Fritz.“

Wir standen in dem kleinen engen Raum voller Regale. Sie enthielten, alphabetisch geordnet, die Bücher des im letzten November verstorbenen Schriftstellers. Seine Bücher durchzusehen, war schön, interessant und ein bisschen traurig. Schön und interessant, weil es immer spannend ist, anderer Leute Bücherregale zu durchforsten. Wo liegen ihre Schwerpunkte, welche Schriftsteller haben sie fast komplett, welche nur in wenigen oder gar einmaligen Ausgaben? Selbst, wenn ich davon ausgehe, dass hier nicht die komplette Bibliothek des Walter Helmut Fritz versammelt ist, zeigt selbst dieser Ausschnitt viel von seinen Interessen, ein Stück seines Lebens, seines Innenlebens.

Für mich sind Wohnungen Museen ihrer Besitzer. Sie drücken aus, wie und womit er sich wohl fühlt, und zugleich, wie er wahrgenommen werden möchte. Bei Menschen, von denen ich weiß, dass ihnen Bücher zum Leben wichtig sind, empfinde ich ihre Bibliothek als das Herzstück ihrer Wohnung. Die Bibliothek spiegelt die Persönlichkeit ihres Besitzers, sie ist ein Hort der Erinnerungen, fremder und eigener. Sie zeigt, was einem wichtig ist und war, welche Bücher einen geprägt haben. Der großartige Alberto Manguel meint dazu:

„Man könnte sagen, dass wir die Welt auf eine von zwei Arten sehen – als Fremde oder als Heimat – und dass in unseren Bibliotheken diese beiden widersätzlichen Sichten zum Ausdruck kommen. Wenn wir zwischen unseren Regalen entlanggehen und bald hier, bald dort einen Band herausnehmen, werden die Seiten, in denen wir blättern, uns entweder durch ihre Andersartigkeit in Erstaunen versetzen oder trösten, da ihre Erfahrungen unserer eigenen so ähnlich sind. […] Jeder Leser ist entweder ein Wanderer, der innehält, oder ein Heimkehrer von der Reise.“ [Alberto Manguel, Die Bibliothek bei Nacht, S. 336.]

Ein bisschen traurig war es dort im Untergeschoss, weil man nie wieder die Gelegenheit haben wird, Walter Helmut Fritz persönlich kennenzulernen und vielleicht mit ihm über seine Bücher zu sprechen. Ein bisschen kennenlernen durften wir ihn nun über seine Bibliothek. Darin fand ich auf Anhieb fünf Bücher, die ich heimtrug. Ich denke, ich werde wieder dorthin gehen, ihn noch ein bisschen mehr kennenlernen wollen. Und vielleicht werden weitere seiner Schätze Teil meiner eigenen Bibliothek, meiner Erinnerungen, meines Innenlebens. Ein Weiterleben über Bücher, die selbstgeschriebenen und die gelesenen, scheint mir persönlich ein schöner Gedanke.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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8 Antworten zu Bücher aus dem Nachlass

  1. Pingback: Schöne Entdeckungen | Philea's Blog

  2. Pingback: Poesiealbum – Blatt 3 | Hauptsache Bücher

  3. textstaub schreibt:

    Ein berührender und feinsinniger Beitrag / persönlich und weltlich zugleich / respektvoll & nahe / so verbindet das Buch wie fast nichts Welten von gestern und morgen.

  4. SätzeundSchätze schreibt:

    Liebe Petra,
    was für ein schöner Beitrag … trotz des traurigen Anlasses. Aber ja, ich denke mir auch oft, dass man Menschen ein wenig über ihre Bücherregale kennenlernt – bin ich irgendwo neu zu Besuch, ist das oft mein erster neugieriger Blick: Was steht da im Buchregal (wenn es denn überhaupt eines gibt). Siehst Du: Auch das wird mit Ebooks schwierig …

    Liebe Grüße, Birgit

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