Eric W. Steinhauer zu seinen Lese- & Reisegewohnheiten

Heute beantwortet Eric W. Steinhauer, der Autor der genialen Vampyrologie für Bibliothekare, von der ich euch schon vorgeschwärmt habe, meine Fragen zu seinen Vorlieben beim Lesen und Reisen. Herzlichen Dank, lieber Eric, für die Antworten!

Eric Steinhauer (*1971 in Unna/Westfalen), Jurist und Bibliothekar, beschäftigt sich gerne und intensiv mit Bibliotheksrecht und kulturwissenschaftlichen Aspekten von Büchern und Bibliotheken. Sein besonderes Steckenpferd sind bibliotheksbezogene Fragen einer Kulturwissenschaft des Morbiden. Nachdem er über Vampyre und Bibliotheken geforscht hat, gilt sein aktuelles Interesse Theorie und Praxis von Bibliotheksmumien.

1. Warst du schon in Rumänien, z. B. in den Karpaten – als „Vamyprologe“ ja vielleicht ein interessantes Reiseziel?

Eric W. Steinhauer: Nein, in Rumänien war ich noch nicht, wohl aber in Wien, ein ebenfalls wichtiger Ort für Vampyrologen. Dort hat seinerzeit der berühmte Kollege Gerard van Swieten gewirkt, Bibliothekar an der Hofbibliothek, aber auch kritischer Vampyrologe. Manche sagen, er sei das Vorbild für Bram Stokers Figur des Professor van Helsing gewesen.

2. In deiner Vampyrologie und bei weiteren Projekten meine ich, eine gewisse Vorliebe fürs Dunkle, Morbide festzustellen. Ein Faible, das ich übrigens teile. Besuchst du beispielsweise bei Städtereisen auch gern sehenswerte Friedhöfe oder Katakomben? (Bei meinem ersten Parisbesuch wollte ich dringend zuallererst den Père Lachaise sehen.)

Eric W. Steinhauer: Ja. Unbedingt! Friedhöfe suche ich regelmäßig auf, wenn ich unterwegs bin. Ein Friedhof, der mir sehr gefällt, ist der Alte Friedhof in Freiburg. Und wenn ich in München bin, besuche ich regelmäßig in St. Peter den Glasschrein der Hl. Munditia, einer antiken Katakombenheiligen. Grüfte sind natürlich auch interessant. Gerade in Wien kommt man da auf seine Kosten.

Zur Zeit besuche ich, wo immer es geht, ethnologische und ägyptologische Sammlungen. Besonders beeindruckt hat mich die ägyptische Abteilung im Hamburger Museum für Völkerkunde, die einige sehr schöne Mumien ausgestellt hat.

3. Was sind deine Lieblingsreiseziele und warum?

Eric W. Steinhauer: Eigentlich verreise ich gar nicht. Ich bin nur immer viel unterwegs. Mein Lieblingsreiseziel sind die Ostfriesischen Inseln. Sie sind nicht weit weg, sind durch ihre Insellage aber auf wundersame Weise doch eine ganz eigene Welt. Sobald man da ist, ist man entschleunigt. Dass es eine ausgeprägte Teekultur gibt, gefällt mir auch. Außerdem kann ich dort einer ganz besonderen Leidenschaft nachgehen: Muscheln sammeln!

4. Gibt es ein Sehnsuchtsziel, das du noch irgendwann bereisen willst?

Eric W. Steinhauer: Ja. Ich möchte gerne nach Ägypten und nach China, zwei Kulturen, die mich sehr faszinieren.

5. Wie gründlich bereitest du dich auf eine Reise vor – einfach buchen und los oder mit Reiseführern, Internet etc.?

Eric W. Steinhauer: Wenn ich verreise und etwas sehen will, lese ich viel vorher. Die Quellen sind ganz unterschiedlich. Ohne vorherige Lektüre entgeht einem einfach das meiste, weil man es nicht bemerkt. Als ich in Wien die Bibliothek des armenischen Mechitaristen-Klosters mit ihren phantastischen Beständen besichtigt habe, war ich vorher wohl nicht gut informiert, denn ich habe doch tatsächlich übersehen, dass in einer Ecke der Bibliothek eine echte Mumie aufbewahrt wird. Offenbar fügte die sich so gut in den Bestand ein, dass man sie gar nicht bemerkt. Hätte ich mich vorher etwas besser kundig gemacht, dann hätte ich sie bestimmt gesehen. Schade.

6. Gibt es Reiseschriftsteller, die du besonders magst? Wenn ja, warum?

Eric W. Steinhauer: Also Reiseliteratur ist nicht so meins. Ich mag Fernando Pessoa aber sehr. Der sagte einmal: „Nur äußerster Mangel an Einbildungskraft rechtfertigt, dass man auf Reisen geht; existieren ist reisen genug.“ Wenn man Pessoa daher also als Reiseschriftsteller bezeichnen will, dann wäre er es, den ich sehr mag : )

7. Liest du auf Reisen? Falls ja, was am liebsten?

Eric W. Steinhauer: Wenn ich reise, dann meist mit dem Zug. Da habe ich immer Lektüre dabei, meist kulturwissenschaftliche Bücher und das, was unterwegs in Buchhandlungen und Antiquariaten eben so aufgelesen wurde. Allerdings ist das wichtigste Buch ein Notizbuch. Am liebsten „lese“ ich nämlich in meinen Gedanken. Das ist amüsant und bringt oft schöne Einsichten.

8. Schreibst du auf Reisen? Eher Privates oder an deinen Büchern?

Eric W. Steinhauer: Ja. Das Notizbuch erwähnte ich bereits. Und dann korrigiere ich auf Reisen gerne Manuskripte. Die Vampyrologie ist in ihrem Kern übrigens im Zug entstanden.

9. Gibt es einen Ort oder eine Landschaft, dem/der du gern ein Gedicht widmen würdest (oder das du von einem Dichter deiner Wahl gern bedichten lassen würdest)?

Eric W. Steinhauer: Lyrik mag ich dann, wenn sie „innere“ Landschaften in große Bilder fasst. Eine ähnliche Wirkung kann auch die Natur haben, die ich ebenfalls „lese“, wenn ich sie betrachte. Landschaften, die mich dabei ansprechen, sind weit und offen und relativ karg. Ich denke da an einige Gegenden in Sachsen-Anhalt oder im Münsterland, natürlich nur im Herbst bei mäßigem Wetter.

10. Was darf in deinem Reisegepäck, von Kleidung, Hygieneartikeln etc. einmal abgesehen, niemals fehlen?

Eric W. Steinhauer: Ein lateinisches Brevier. Das darf nicht fehlen. Das ist eine wunderbare Fundgrube von Fragmenten und Texten, die zu immer neuen Gebilden, je nach Zeit und Anlass, montiert werden. Ein Kosmos, nicht aus Sternen, sondern aus Worten, mit Jahreszeiten, Tag und Nacht. Ich mag vor allem die lateinische Sprache, weil sie wie ein Zelt ist, das man überall aufschlagen kann und das einen gleich wie ein altbekanntes und vertrautes Zimmer aufnimmt. Faszinierend ist auch, dass dieses „Zimmer“ mit seinen Worten schon sehr sehr alt ist.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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4 Antworten zu Eric W. Steinhauer zu seinen Lese- & Reisegewohnheiten

  1. Anja L. schreibt:

    Die Mekhitaristen-Bibliothek in Wien (und die auf San Lazarro) ist ja auch einer meiner Reiseträume seit es vor vielen Jahren in der FAZ dazu mal einen wundervollen Bericht darüber gegeben hat. Schönes Interview.

    • esteinhauer schreibt:

      Der Orangen-Likör im Wiener Kloster ist auch gut. :))
      Über San Lazzaro habe ich hier einen schönen Reiseführer, allerdings war ich noch nicht da.

  2. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    Ah, ich sehe schon, beim nächsten Wien-Besuch gibt es wieder einiges für mich zu entdecken : )

  3. Pingback: Eric W. Steinhauer / Vampyrologie für Bibliothekare. Eine kulturwissenschaftliche Lektüre des Vampirs. « Buchjunkie

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