Das Internet und der Tod

Vor einiger Zeit ist ein Studienfreund meines Liebsten gestorben. Ich habe es über eine Nachricht per Facebook von einem gemeinsamen Freund erfahren und war wie betäubt. So jung war er noch gewesen, so unerwartet war sein Tod. Ich klickte auf die Seite des toten Freundes auf Facebook. Dort hatte eine Freundin von ihm die Nachricht seines Todes gepostet und wann die Beerdigung sei. Die Beerdigung war im Ausland und wir waren gerade erst von dort zurückgekehrt, sodass wir nicht rechtzeitig dorthin reisen konnten. So schrieb auch ich etwas auf die Pinnwand, ein Zitat aus Shakespeares Sturm, das mir sofort in den Sinn kam, als ich die Todesnachricht erhielt. Ich war sehr traurig.

In den folgenden Tagen und Wochen schaute ich immer mal wieder auf die Facebook-Seite: Viele Freundinnen und Freunde hatten dort einen letzten Gruß hinterlassen, kleine Videos, Fotos, Erinnerungen an den gemeinsamen Freund – wunderschön und rührend. Eine Gemeinschaft von Trauernden, über die Welt verteilt, verleiht ihrer Trauer über Facebook Ausdruck und spendet damit den anderen in anderen Ecken der Welt zugleich ein wenig Trost.

Es wird in Zukunft mehr und mehr solcher Seiten geben, auf Facebook oder auch Homepages von Menschen, die nicht mehr unter uns sind. Sind sie im Internet ewig? Führen sie ihr elektronisches Leben dort weiter, wie Geschichten in Büchern, die man wieder und wieder lesen kann? Menschen, die wir kannten, aber weit entfernt begraben liegen, sodass wir nicht oft zu ihren Gräbern reisen können, um ihrer zu gedenken – ihre Seiten im Internet geben uns einen neuen, virtuellen Ort des Gedenkens. So bleiben sie in unseren Gedanken lebendig und in gewisser Weise auch im Internet.

Für mich jedenfalls war es tröstlich, dass das Internet eine Möglichkeit des Abschiednehmens, des Trauerns und Gedenkens bietet. Ich weiß nicht, wie sich das in Zukunft gestalten wird, ob die Seiten Verstorbener irgendwann aus dem Internet genommen werden. Das würde ich schade finden, denn zum Leben, auch in der virtuellen Welt, gehört der Tod genauso wie in der realen. Warum diesen Aspekt ausklammern? Diese virtuellen Gedenkstätten könnten Teil unserer Trauerkultur werden – und bleiben.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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6 Antworten zu Das Internet und der Tod

  1. custoditrix schreibt:

    Einerseits eine schöne Sache: Trauer über Grenzen, in Gemeinschaft, Totenehre durch Wahrnehmung, möglicherweise eine neue Ehrerbietung, die man sich auf den Friedhöfen leider mehr und mehr spart. Andererseits eine sehr verletzliche Position: das Andenken ist umgeben von Sitelayouts inklusive Werbung,… man begegnet im Netz ständig Themen und Nachrichten, die mit völlig widersinnigen oder auch hässlichen Spots und Trailern umgeben sind. Jeder kann alles schreiben und kommentieren, es bilden sich Kommentarartefakte ähnlich wie diese unleidlichen Kommentarfilmchen über Schauspieler, Hinterbliebene müssen sich darum kümmern oder sind dem ausgesetzt. Unternehmen schicken gleich Werbebriefe los und um das zu verhindern, müsste man sich bei der Anmeldung in Facebook schon gleich damit beschäftigen, was man im Todesfall eigentlich will. Ein Friedhof ist bisher immer noch eine gepflegte Kultstätte, zu der man geht und dort auch alleine sein kann. – custoditrix

  2. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    Liebe Custoditrix,
    das ist ein sehr bedenkenswerter Vorschlag, sich rechtzeitig damit zu befassen, wie nach dem Tode mit Hompages oder FB-Seiten umgegangen werden soll. Man könnte einem nahestehenden Menschen Zugang gewähren, der/die dann im Ernstfall mit den Seiten verfährt wie zuvor ausgemacht. Ob FB sich über das Thema Gedanken machen will oder wird?
    Liebe Grüße
    Petra

  3. Klaus Middendorf schreibt:

    Liebe Petra,

    natürlich: nicht löschen, auch wenn nach dem Energieerhaltungsgesetz löschen unmöglich ist. Aber es geht ja um die Erhaltung der Erinnerungsspeicherplätze im virtuellen Speichermedium des Internets nach dem materiellen Energietransfer into the hereafter or rather into the next world. Das Jenseits ist gewissermaßen die Entropie des Diesseits. Und der Tod die Brücke zu diesem Augenblick, der eine Ewigkeit währt.

    Bekanntlich gibt es in der Literatur nur 3 Themen: Liebe, Tod & Teufel. Seit jeher habe ich mich für Eros & Thanatos interessiert. Aber alles hat die Faszination für das Jenseits überwölbt wie ein transzendentaler Regenbogen.

    Ich habe den ersten JenseitsRoman in Deutschland veröffentlicht: „Celtic Connexion“. Der erste amerikanische Jenseitsroman „The invisible Police“ (denkt man unwillkürlich an Flann O’Briens „Der dritte Polizist“) erschien 1932 in New York und stammt von Louis Pendleton. Aber einen deutschen JenseitsRoman, der konsequent im Jenseits spielt, gab es bisher hierzulande nicht. Ich dachte, der Hinweis wird Dich vielleicht interessieren. Eine Facebook-Seite gibt es auch: http://www.facebook.com/pages/Celtic-Connexion/137655132967701#!/pages/Celtic-Connexion/137655132967701?sk=wall

    Nice night, nice life, see you twice
    Klaus Middendorf

  4. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    Lieber Klaus,
    ganz herzlichen Dank für deinen Hinweis & deinen Kommentar. Die FB-Seite schaue ich mir gleich näher an.
    Liebe Grüße
    Petra

  5. Marcus schreibt:

    Hier noch ein Artikel zum Thema… die Sache mit den URLs auf Grabsteinen finde ich ja reichlich schräg.
    http://heise.de/-1330986

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Interessanter Artikel. Und vielleicht ist das, was uns heute noch schräg vorkommt, in ein paar Jahren ja ganz „normal“, wer weiß? Nur schade natürlich, wenn die eingemeißelten Internetadressen nicht „bleiben“.

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