Schöne Entdeckungen

Wie ich vor einiger Zeit schrieb, habe ich mir die Bücher aus dem Nachlass von Walter Helmut Fritz in der Buchhandlung Stephanus  angesehen – und natürlich einige gekauft. Dabei habe ich sehr schöne Entdeckungen gemacht, an denen ich euch teilhaben lassen möchte.

Sommergäste in Trouville

Beispielsweise Undine Gruenters Sommergäste in Trouville. Wunderbar melancholische Erzählungen mit hoher Sogwirkung. Man meint, in die nach Salz und Einsamkeit duftende Atmosphäre dieses Ferienorts einzutauchen, jenseits von Hauptsaison und Sommerfrische. Auch diesseits davon Geschichten über Menschen, die in Trouville etwas finden, was sie nicht gesucht haben: das Erwachsenwerden, die Sinnlosigkeit des bisherigen Lebens, eine Liebe, eine Veränderung. Sehr empfehlenswert!

Der Kramladen des Glücks

Dann ein kleiner Roman von Franz Hessel, Vater von Stéphane Hessel, der gerade mit seinen Büchlein Empört euch! und Engagiert euch! in den Feuilletons besprochen wurde. Kinofans ist Franz Hessel vielleicht durch den Film Jules et Jim ein Begriff, denn der Film basiert auf der Dreiecksgeschichte zwischen ihm, der Malerin Helen Grund und dem französischen Kunsthändler und Schriftsteller Henri-Pierre Roché (das Ende verlief allerdings anders als im Film). Hessel jedenfalls erzählt in Der Kramladen des Glücks von 1913 stark autobiographisch gefärbt die Geschichte einer (seiner) Kindheit und Jugend. Der Junge Gustav verliert früh seine geliebte Mutter, wächst heran und muss immer wieder feststellen, dass seine jüdischen Wurzeln ihn zu einem Außenseiter machen. Eine Rolle die er im Laufe der Zeit mehr und mehr an- und einnimmt, ohne sie tatsächlich zu wollen. Denn er fühlt sich weder der jüdischen Gemeinschaft noch überhaupt einer Gemeinschaft zugehörig. Immer wieder versucht er sich am Leben, will darin einzutauchen, es leben wie seine Freunde, wie alle anderen. Doch jedesmal kurz vor oder während entscheidender Situationen distanziert er sich und geht keine wirklich enge, vertrauensvolle, dauerhafte Beziehung ein. Nur in der mütterlichen Figur Gerdas, ihrer Tochter und ihres Geliebten findet Gustav einen Ersatz für seine verlorengegangene Familienidylle. Doch auch hier bleibt er Gast, mehr Zuschauer als Teilnehmender. Das Leben, der Kramladen des Glücks, bleibt für ihn eine Art Schaufensterbummel. Schön und empfehlenswert!

Geschichten vom Buch

Eine weitere tolle Entdeckung sind die Geschichten vom Buch, zusammengestellt von Verleger Klaus Schöffling. Ich habe das Buch noch nicht ganz zu Ende gelesen, möchte es aber dennoch schon jetzt allen wärmstens empfehlen, die gern Geschichten über Bücher, Büchermenschen und die Liebe zu Büchern lesen. Und wie herrlich: Hierin sind viele der „Geschichten“ versammelt, die ich immer mal lesen wollte, z. B. Walter Benjamins „Ich packe meine Bibliothek aus“ oder Gustave Flauberts „Bibliomanie“. Es finden sich Gedichte, Auszüge von Romanen, ja gar Tipps zum Aufbau und zur Ordnung von Bibliotheken oder zur Pflege von Büchern. Sie stammen von Adorno, Canetti, Frisch, Hesse, Highsmith, Kaschnitz, Lichtenberg, Neruda und vielen vielen mehr. Ein Buch, das mir noch lange Freude machen wird!

Nun lese ich mich weiter durch meine Entdeckungen aus dem Nachlass von Walter Helmut Fritz und bedaure immer mehr, den einstigen Besitzer dieser Bücher nicht persönlich kennengelernt zu haben.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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2 Antworten zu Schöne Entdeckungen

  1. saetzebirgit schreibt:

    Na, der Schöffling klingt wirklich vielversprechend! Danke für den Hinweis – so macht man auch in Deinem Blogarchiv noch tolle Entdeckungen!

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