Lesehappen vom ZEITungsfrühstück

In der Zeit fand sich diesmal wieder allerley Lesenswertes. So etwa Harald Martensteins Kolumne, in der er sich Gedanken zu den diversen „Langen Nächten“ macht, die allerorten grassieren. Mein Lieblingssatz in dieser Kolumne: „Die Lange Nacht ist ursprünglich eine Geschäftsidee, wie ja unser Gesellschaftssystem insgesamt.“

Nach diesen erbaulichen Gedanken geht es weiter mit „Reisen“. In ihrem Beitrag „So machen Ferien Spaß“ empfiehlt Cosima Schmitt drei Reiseführer für Kinder, die in der Tat interessant klingen. Bei Kindern reisefreudiger Eltern meines Jahrgangs aber vielleicht die Frage aufwerfen, woher es eigentlich kommt, dass heute im Tourismus so besonders um die Kinder gebuhlt wird. Weil sie die Reisenden von morgen sind? Weil man die Eltern vom Stress der Kindererziehung entlasten will? Ich habe die Reisen meiner Kindheit sehr genossen, auch ohne Kinderhotel, Animation etc. – oder gerade deswegen. Ich war zwar weitgehend von Erwachsenen umgeben, aber fühlte geschmeichelt, weil ich das Gefühl hatte, ernstgenommen zu werden. Wenn man mich mit Kinderspielchen von den Erwachsenengesprächen hätte weglocken wollen, hätte ich das gewiss hier und da ganz lustig gefunden, aber ich wollte im Grunde gar nicht weggelockt werden. Vielleicht, weil ich das Erwachsensein für einen erstrebenswerten Zustand hielt.

Im Feuilleton ein Artikel über die Entdeckung der Regellosigkeit beim Shared Space. Unter dem Titel „Alle haben Vorfahrt“ beschreibt Hanno Rauterberg die möglichen Vorteile von Regelfreiheit vs. Überregulierung im Straßenverkehr. Außer rechts vor links solle nichts mehr gelten und angeblich sorge Shared Space für sinkende Unfallzahlen – Wachsamkeit und Achtsamkeit für alle. Leider noch nicht online.

Passenderweise geht es dann im Wörterbericht um das neue Mahnen, das nölige „Mal was sagen?“, statt sich für rücksichtsloses Verhalten zu entschuldigen, besonders unter Fußgängern und Radfahrern. Ja, mores mutantur denke auch ich, wenn ich mal wieder eine Viererreihe kichernde Pubertierende oder ins Gespräch vertiefte Erwachsene auf mich zukommen sehe, die keineswegs hintereinander gehen, um andere vorbeizulassen (Radfahrer oder Fußgänger). Da muss man schon selbst Flexibilität beweisen. Früher wusste man: der Radweg ist für die Radfahrer, die andere Seite müssen sich die Fußgänger sinnig teilen. Aber das mit dem Teilen scheint heute nicht mehr so gut zu funktionieren. Jüngst konnte sich meine Mutter (80) nur noch mit einem Druck in die Hecke vor zwei Fünferreihen von Radfahrern (verteilt über Rad- und Fußgängerweg) in Sicherheit bringen. Es scheint an Respekt zu mangeln, sowohl vor anderen Verkehrsteilnehmern als auch vor älteren Menschen. In diesem Zusammenhang kommt mir die Idee des „Shared Space“ gleich deutlich weniger attraktiv vor, könnte sich doch hierbei letztlich lediglich das „Recht der Stärkeren“ durchsetzen.

In „Schön grotesk“ beschreibt Sven Behrisch die barocke Wunderkammer des August Hermann Francke in Halle. 1698 für Unterrichtszwecke angelegt, beherbergt sie ein sehenswertes Sammelsurium, einen Spiegel der Welt im Kleinen, Ungewöhnlichen, des Aufhebens für wert Erachteten. Klingt interessant! Noch interessanter wäre, selbst so ein Museum en miniature im Hause resp. in der Wohnung zu haben. Hat man ja teilweise sowieso, Urlaubssouvenirs, Nippes und Kram belegen vielerorts den Platz in den Regalen, auf Büffets, Fensterbrettern etc. Insofern hat sich die Idee der Wunderkammer gewissermaßen im Kleinen, Privaten erhalten, die Wohnung als Museum des eigenen Lebens.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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