Bill Brysons Reise um das Zuhause

Derzeit lese ich mit großer Begeisterung At Home. A Short History of Private Life von Bill Bryson. Anders als bei Xavier de Maistres Reise um mein Zimmer handelt es sich bei Bill Brysons Buch nicht allein um die Beschreibung seines Zuhauses, bei der er den Erinnerungen und Gedanken nachgeht, die sich mit seinen Einrichtungsgegenständen verbinden. Er hat einen „globaleren“ Ansatz und will nicht weniger als die Geschichte der alltäglichen Dinge, die uns daheim umgeben, erforschen und natürlich die „Herkunft“ der verschiedenen Räume, die ein Zuhause ausmachen. Dabei stellt er rasch fest, dass es keineswegs genügt, daheim in Hausschuhen umherzuschluffen und das Buch zu schreiben, denn: „Häuser sind keine Rückzugsorte vor der Geschichte. Sie sind vielmehr der Ort, wo Geschichte am Ende ankommt“ (die Übersetzung ist von mir, ich lese das Buch auf Englisch, auf Deutsch ist es erst Ende August erhältlich und möglicherweise sind die beiden Sätze dort eleganter übertragen).

Jedenfalls erfahren wir über zahlreiche vergnügliche Exkurse in die Geschichte, Politik, Archäologie etc., warum die Dinge des häuslichen Allerleys so wurden, wie sie sind. Auf jeder Seite gibt es mehrere erstaunliche, witzige und/oder lehrreiche Informationen, ohne dass Bill Bryson sich als Reiseführer bei seinem Rundgang in den Vordergrund spielt. Dass daraus keine unlesbare Tour de force wurde, liegt an seinem Stil: Im Plauderton eines Lieblingsonkels erklärt er uns alles Mögliche, deutete mit dem Finger auf diverse Phänomene, ohne dabei besserwisserisch den Zeigefinger zu erheben. Leicht, anschaulich und humorvoll fließt der Informationsstrom, zweigt mitunter zu wissenswerten Detailflüsschen ab und spült über Hölzchen und Stöckchen, ohne dass man beim Lesen das Gefühl bekommt, von einer gigantischen Informationsflut überrollt zu werden, die einen am Ende mehr verwirrt als erhellt zurücklässt.

Das Gros der Beispiele und Erläuterungen hat seinen Ursprung in England, wenn auch mit Ausflügen in architektonische, handwerkliche, geschichtliche etc. Entwicklungen auf der ganzen Welt. Auf Bill Brysons Entdeckungstour vom Keller bis zum Dachboden – wenn auch nicht in dieser Reihenfolge – treffen wir erstaunliche Menschen. Etwa den erfolgreichen Landschaftsgärtner Joseph Paxton, dem der Kristallpalast zur 1. Weltausstellung in London zu verdanken war, oder den sonderlichen Archäologen Vere Gordon Childe, der zwar die neolithische Revolution „entdeckte“, aber ausgerechnet Ausgrabungstätigkeiten wenig attraktiv fand. Wir erfahren, warum bestimmte Gegenstände oder Räume heißen, wie sie heißen, dass beispielsweise „hall“ einst gleichbedeutend war mit dem ganzen Wohnraum oder Haus, den sich die Menschen (Familie, Dienstboten etc.) teilten, weshalb in England noch heute viele Häuser „XY Hall“ heißen. Oder dass Stühle, „chairs“, ursprünglich dazu gedacht waren, ihren „Besitzenden“ besondere Autorität zu verleihen – üblicherweise saß man früher auf Bänken und balancierte zum Essen ein Brett oder „board“ auf den Knien – weshalb sich bis heute der Ausdruck „Chairman of the board“ für den sicher mit Autorität ausgestatteten Aufsichtsratsvorsitzenden im Englischen erhalten hat. Interessant, nicht wahr?

Die erfrischende Mischung aus umfangreicher Recherche (den 632 Seiten meiner englischen Ausgabe ist zusätzlich eine Bibliographie von 33 Seiten beigegeben sowie ein ausführlicher Index) und persönlicher Anschauung beschert uns eine Gute-Laune-Lektüre mit höchstmöglicher Informationsdichte. Absolut empfehlenswert!

Zum Buch gibt es übrigens auch einen putzigen Trailer auf Englisch. Ab 22. August 2011 ist das Buch auch auf Deutsch erhältlich unter dem Titel Eine kurze Geschichte der alltäglichen Dinge.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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