Hommage an unseren Traum von Paris

Gestern war ich in „Midnight in Paris“. Woody Allen, Paris, Zeitreisen, noch dazu in das Paris der 1920er-Jahre – da konnte ja nichts schief gehen! Und wirklich präsentiert uns Woody Allen einen (unseren) Traum von Paris: Alle Postkartenmotive, sämtliche Touristenlieblinge sind versammelt, alle Klischees vorhanden – sowohl die des gegenwärtigen als auch die des früheren Paris. Das hätte jetzt süßlich und sehr sehr kitschig werden können, aber selbstverständlich nicht bei Woody Allen!

Et ego in Paris

Bei ihm vereint sich diese Collage von Klischees zu dem liebevoll-ironischen Bild einer Stadt, deren Ideal wir alle in uns tragen. Wir nähren es seit Jahren mit all den Geschichten, Filmen und Büchern, die sich mit Paris befassen. Davon nährt sich auch „Midnight in Paris“ – und das ist gut so.

Vor allem ist es unheimlich witzig. Wenn der Autor Gil, der einem nostalgisch-verklärten Traum vom Paris der Zwanziger Jahre nachhängt, dann tatsächlich in diese Zeit eintaucht und all den Menschen begegnet, denen ich auch gern begegnet wäre (Ernest Hemingway, Gertrude Stein, den Fitzgeralds, Dali, Picasso, Man Ray und vielen weiteren), dann fügt Woody Allen diesen Persönlichkeiten keineswegs neue Facetten ihres Charakters hinzu. Ganz im Gegenteil. Nie hat Hemingway in einer filmischen Darstellung „typischer“ agiert und gesprochen als in diesem Film (Wahrheit! MUT! Jagd! Undundund, Du, du, du etc.), nie war Zelda verwöhnter und verrückter, Dali wirrer, Gertrude Stein genialer – Woody Allen idealisiert nicht nur Paris, sondern auch gleich die ganze Künstlerszene, ein ganzes Zeitalter. Nicht zuletzt deswegen ist die Handlung so schlüssig, sind die Klischees so angebracht: Natürlich ist all das hochgradig unwahrscheinlich, die Zeitreisen, die Begegnungen, die (durchaus vorhersehbaren) Wendungen der Handlung. Aber das macht überhaupt nichts, im Gegenteil, man fühlt sich wohl und sicher in diesen bekannten Bildern, Motiven und Handlungssträngen (und will am liebsten gleich selbst nach Paris reisen). Ein im besten Sinne bezaubernder Film, der mich in beste Laune versetzt hat (ein Interview mit dem Meister dazu auch online in der Frankfurter Rundschau).

Paris: Stadt der Lichter – und der Liebe

Und nachhaltig ist „Midnight in Paris“ auch – das ist ja heutzutage ein schlagendes Argument: So spazierte ich diesen Vormittag schnurstracks zur Buchhandlung Stephanus, wo ich die Neuausgabe von Hemingways Paris / Ein Fest fürs Leben erwarb. Damit begab ich mich gegenüber auf den hübschen Platz, den die „Alte Bank“ für ihre gastronomischen Aktivitäten nutzt, setzte mich in den Schatten einer Kastanie, bestellte Latte Macchiato und – klar – ein Croissant zur Lektüre der ersten Geschichten. In der Erfüllung dieser Klischees fand ich bei strahlendem Sonnenschein mein Stückchen Paris mitten in Karlsruhe und habe es sehr genossen. Einen lesenswerten Artikel zum Buch findet ihr übrigens online bei der Zeit.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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7 Antworten zu Hommage an unseren Traum von Paris

  1. haushundhirschblog schreibt:

    Die Vorstellung, in Paris einen feinen Buchladen anupeilen und etwas feines zu ergattern, reicht schon, um neidisch zu werden.

  2. durchleser schreibt:

    Dieser Film ist wie „Paris – ein Fest fürs Leben“! Habe dieses Meisterwerk von Woody Allen bereits im Paris, in einem Kino am Place d’Odéon, vor einigen Monaten gesehen. Der Film beschwingt so sehr, dass man nach der Vorstellung nur noch eines tun möchte, nachts durch Paris zu laufen in der Hoffnung selbst in die glamourösen Goldenen Zwanziger Jahre versetzt zu werden. Die Architektur-Kulisse ist ja bereits vorhanden, es fehlen nur noch Künstler wie Gertrude Stein, F. Scott und Zelda Fitzgerald und Ernest Hemingway. Wobei man glücklicherweise Hemingway bzw. seiner ersten Frau, der sogeannten „Pariser Ehefrau“ nochmals in die gleiche Zeit nachfolgen kann durch die unvergessliche Lektüre des aktuell erschienen Romans „Madame Hemingway“ v. Paula McLain! Mehr über dieses Buch findet man auch hier unter: http://durchleser.wordpress.com/2011/08/21/durchgelesen-madame-hemingway-v-paula-mclain/

  3. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    Deine Buchempfehlung klingt sehr interessant! Das werde ich mal auf meine Liste setzen : )

  4. Frau Feuerfalter schreibt:

    Die Fotos von euch beiden Liebenden sind sooo schön zum Anschauen und Nachsinnen, dass ich darüber den Fim vergessen habe… 🙂

    Ein Wohlfühlwochenende wünscht dir und euch
    Karin

  5. Pingback: Gestatten, Madame Hemingway | Philea's Blog

  6. Pingback: »Paris, ein Fest fürs Leben« – Gedanken zum Umgang mit einem Manuskript | Über den Kastanien

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