Petra van Cronenburg zu ihren Lese- und Reisegewohnheiten

Diesmal beantwortet die Autorin Petra van Cronenburg meinen kleinen Fragebogen – vielen Dank dafür, liebe Petra!

Petra van Cronenburg, Foto: Copyright und Rechte bei Gregor Skowronek

Ich bin das Produkt von Familien, die sich seit mindestens 200 Jahren gezwungenermaßen oder freiwillig mit dem Koffer in der Hand in der Welt verstreuten. Geboren in Spazierweite von der deutsch-französischen Grenze, hatte ich in meiner badischen Kleinstadt nur eines im Sinn: Nach dem Abitur verschwindest du! Beim Studium von Theologie und Judaistik (Schwerpunkte Religionswissenschaften und Kirchengeschichte) in Tübingen wurde es mir auch zu eng – ich brauche Grenzen in meiner Nähe, um sie überschreiten zu können. Folgte also die Ausbildung zur Redakteurin im badischen Grenzgebiet. 1989 bin ich nach Frankreich emigriert. Ich lebte zwischen 1993 und 1997 in wilden Aufbruchszeiten in Polen, wo ich eine eigene Medienagentur mit den Themenschwerpunkten Frauen und Kultur führte.

„Grenzgängerei“ ist für mich ein Lebens- und Schreibthema (auch im Blog), obwohl ich viele Bücher lang brauchte, das selbst zu verstehen. Irgendwie haben auch einige meiner Bücher indirekt mit dem Reisen oder Fremdsein oder Grenzüberschreiten zu tun (Verzeichnis auf meiner Website), bis 2004 Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt bei Hanser erschien – ein „echtes“ literarisches Reisebuch mit eigenen Rezepten (restlos vergriffen harrt es nach zwei Auflagen einer kompletten Neuauflage).

Aber erst mit meinem neuesten Buch bin ich der Grenzgängerei im Wortsinne verfallen: Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos (Blog zum Buch). Es taucht ein in die faszinierende Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, als das kulturelle Europa noch von Paris bis Petersburg reichte; beschäftigt sich mit der schmalen Gratwanderung zwischen Genie und Wahnsinn, den Grenzüberschreitungen, die ein hochbegabter Künstler auf sich nehmen muss.

„Brotberuflich“ arbeite ich übrigens auch zwischen allen Stühlen, nämlich am liebsten an von der EU geförderten binationalen Projekten zwischen Frankreich und Deutschland und demnächst auch für die kulturelle Völkerverständigung zwischen Deutschen und Russen. Die Arbeitsplätze für diese Projekte liegen dort, wo andere Leute Urlaub machen. Manchmal fahre ich jeden zweiten Tag über die Grenze. Muss ich jetzt noch gestehen, dass ich in meiner Freizeit gar nicht reise?

Grüne Idylle – und einer der „Arbeitsplätze“ eines EU-Projekts

1. Was sind deine Lieblingsreiseziele und warum?

Petra van Cronenburg: Angesichts dessen, dass ich aufgrund beruflicher Umstände gar keinen Reiseurlaub in dem Sinne machen kann – fahre ich am liebsten spontan mit meinem Hund in die Natur. Und zwar dorthin, wo es möglichst menschenleer ist. An jeder Kreuzung entscheide ich der Nase nach, wohin ich abbiegen will, habe also keine Ahnung, wo ich ankommen werde.

2. Gibt es ein Sehnsuchtsziel, das du noch irgendwann bereisen willst?

Petra van Cronenburg: Im Moment Sankt Petersburg. Das Meer würde ich auch gern mal wieder erleben. Nachschauen, ob Rom immer noch zum Sterben schön ist. Und vielleicht mal mit einheimischer Begleitung quer durch irgendein verrücktes weites Land ziehen.

3. Wenn du nur Zeit für einen Ausflug hast, um dich ein bisschen zu erholen, wohin führt er dich üblicherweise?

Petra van Cronenburg: Vor die Haustür. Ich lebe im Naturpark Nordvogesen, muss also nicht extra Urlaub dort buchen. Ich brauche Wald um mich, am liebsten bergig. Fluchtgebiet in wimmeligen Städten sind für mich Kirchen, am liebsten romanische. Wenn die Touristen nicht nerven, sind das die letzten ruhigen Orte und architektonisch oft ein Erlebnis.

4. Wie gründlich bereitest du dich auf eine Reise vor – einfach buchen und los oder mit Reiseführern, Internet etc.?

Petra van Cronenburg: Wenn ich mal wieder Urlaub machen könnte, bin ich die typische Individualreisende, die Touristen auf einem Haufen so wenig leiden mag, dass ich dabei vergesse, selbst eine zu sein. Am liebsten in einer typischen alten Hütte des Landes unterkommen und von dort aus alles erkunden und erschmecken. All das „Baedekerwissen“ hole ich mir im Internet, bei Büchern suche ich das Besondere, einen eigenen Zugang. Ich recherchiere zwar, was ich sehen will, bleibe dann aber spontan und vergesse das Gelesene auch gern.

5. Gibt es Reiseschriftsteller, die du besonders magst? Wenn ja, warum?

Petra van Cronenburg: Fällt mir auf Anhieb keiner ein, obwohl viele Bücher, die ich habe, irgendwie mit dem Emigrieren oder Reisen zu tun haben, ohne speziell Reiseliteratur zu sein. Die größte Entdeckung für mich: Olga Tokarczuk – Unrast (Schöffling). Unvergesslich: Jonathan Safran Foer – Alles ist erleuchtet (Kiepenheuer & Witsch) und Aleksandar Hemon – Lazarus (Knaus).

6. Liest du auf Reisen, was am liebsten?

Petra van Cronenburg: Keine Rechercheliteratur. Bücher, für die ich mehr Zeit brauche, als im Alltag vorhanden ist.

Noch eine grüne Idylle und Arbeitsplatz zugleich

7. Schreibst du auf Reisen? Eher Privates oder an deinen Büchern?

Petra van Cronenburg: Ich schreibe ständig und überall, täglich, an jedem nur denkbaren Ort, zu allen Tages- und Nachtzeiten. Kann man als Autorin Privates und Professionelles trennen? Vor dem Manuskript entstehen meine Bücher aus „Denkheften“, in denen ich Gesten von Menschen, Einfälle, besondere Beschreibungen, Zeitungsartikel, Zeichnungen, Zitate, zufällige Gedanken und alles Mögliche sammle und notiere. Und sobald man als Autorin über sich selbst privat schreibt, inszeniert man doch schon automatisch die Wirklichkeit … ?

8. Gibt es einen Ort oder eine Landschaft, dem/der du gern ein Gedicht widmen würdest (oder das du von einem Dichter deiner Wahl gern bedichten lassen würdest)?

Petra van Cronenburg: Oweia. Das erinnert mich an ein schauderhaftes Machwerk, das in Warschau angesichts einer riesigen Fernwärmeleitung entlang einer sterbenden Kastanienallee neben dem Landhaus von Chopin entstanden ist. Zum Glück auf Polnisch, das versteht nicht jeder. Es ist in etwa so düster wie die Kohle, die da verheizt wurde.

9. Welche Stadt könntest du dir gut als Setting für eines deiner Bücher vorstellen?

Petra van Cronenburg: In meinem Roman „Lavendelblues“ ist es neben Fantasieorten meine Lieblingsstadt Baden-Baden. „Faszination Nijinsky“ bewegt sich zwischen Paris, Sankt Petersburg und einigen anderen Stationen Nijinskys. Ich will nicht zu viel verraten, aber Baden-Baden hat seine Rolle noch nicht ausgespielt, allerdings Richtung Sachbuch. Falls der Roman, den ich in der Mangel habe, je etwas werden wird, so spielt er im Abbruchviertel einer französischen Vorstadt. Die verorte ich absichtlich nicht, weil wir in Europa und vor allem in unseren Köpfen alle diese Vorstädte haben.

Haus Viktoria in Baden-Baden

10. Was darf in deinem Reisegepäck, von Kleidung, Hygieneartikeln etc. einmal abgesehen, niemals fehlen?

Petra van Cronenburg: Etwas zum Schreiben und Lesen. Platz für Steine – die lasse ich nämlich überall als Andenken mitgehen.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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5 Antworten zu Petra van Cronenburg zu ihren Lese- und Reisegewohnheiten

  1. haushundhirschblog schreibt:

    In den Vogesen zu leben … könnten wir uns auch vorstellen !!

  2. Penelope schreibt:

    Ich habe es geliebt, den Roman „Lavendelblues“ zu lesen und blättere immer wieder gerne darin –
    nun möchte ich mehr von Petra von Cronenberg *-*

  3. Petra schreibt:

    Huch, jetzt bin ich richtig erschrocken 😉 . Mir ist noch nie im Internet zufällig eine Leserin begegnet – die dann auch noch begeistert war! Das motiviert natürlich mächtig, danke!
    Im Moment gibt’s von mir ganz frisch „Faszination Nijinsky“ – eine längere Leseprobe und den Trailer zum Buch gibt’s hier http://www.cronenburg.net/nijinsky.htm
    Ein nächster Roman hakt noch ein wenig am Geldverdienenmüssen, besteht aber schon aus 60 Seiten teilweise müllreifem Erstentwurf.

  4. Physik Spiele schreibt:

    hey cooler blog alles gut strukturiert und dein design ist auch sehr shön, ich bemühe mich auch mein blog so weit wie möglich zu verbessern somit ist so etwas wie deins immer eine gute anregung dankeschön:), vielleicht willst du meine seite auch mal besuchen

  5. Pingback: Montparnasse & Montmartre zum Schwelgen | Philea's Blog

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