Hemingways Paris

Schön ist Hemingways Paris, aufregend, interessant. Es ist eine Stadt der Liebenden für ihn und seine erste Frau Hadley, eine Stadt, die ihn inspiriert hat, in der er boxte, angelte, Geld bei Rennen verwettete und viel über das Schreiben und die Menschen lernte. Eine Stadt, in der er eine Menge Schriftsteller, Maler und Intellektuelle seiner Zeit traf, die ihn prägten. Vor allem aber ist Paris eine Stadt der Erinnerung. Paris / Ein Fest fürs Leben ist Hemingways letztes Buch gewesen. Unvollendet, postum veröffentlicht, vielleicht nicht ganz so, wie er es veröffentlicht hätte. Aber darauf hatte er keinen Einfluss mehr. Nun gibt es bei Rowohlt eine sehr schöne Ausgabe der Urfassung, zusammengestellt von Seán, dem Enkel Ernest Hemingways, der versucht hat, die ursprüngliche Reihenfolge der Geschichten zu rekonstruieren und bestimmte, im Nachhinein getätigte Änderungen des Originals rückgängig zu machen. Das Interessante an dieser Ausgabe sind auch die Skizzen, die Entwürfe zu Vorworten, zum Teil verschiedene Fassungen der gleichen Geschichte, die diesem Buch beigegeben sind.

Die Geschichten aus Hemingways frühen Pariser Jahren lesen sich zum Teil, wie sich Woody Allens „Midnight in Paris“ ansehen ließ: Schöne Erinnerungen an glückliche Tage, an interessante Begegnungen, natürlich auch mit allerley Literatur-Tratsch. Schließlich war Hemingway allen persönlich begegnet, Gertrude Stein und Alice Toklas, die sich immer um die Gattinnen kümmerte, F. Scott Fitzgerald und seiner Frau Zelda, Sylvia Beach, Ezra Pound und Ford Madox Ford, um nur einige zu nennen. Mit ihnen hat er diskutiert, gestritten, gelacht, getrunken, ihre Bücher gelesen oder sich welche von ihnen geliehen. Und natürlich hatte Hemingway zu ihnen allen eine Meinung, eine Beziehung, gut oder schlecht. Möglicherweise hat sich diese Meinung retrospektiv noch einmal verändert oder bestärkt, das lässt sich wohl nicht mehr feststellen.

Das Buch aber liest sich keineswegs, wie die Memoiren eines alten, traurigen, kranken Mannes. Es feiert vielmehr die Jugend, den Glauben an die eigene Unverwundbarkeit, die Lust am Leben, das fast naive Vertrauen auf eine noch bessere Zukunft. Nur wenige Geschichten sind melancholisch, dann aber wirklich sehr melancholisch. Beispielsweise die über seine Beziehung zu Pauline, für die er Hadley verließ, oder die über seinen sterbenden Freund – aber diese beiden Geschichten spielen auch nicht (mehr) in Paris. Hemingways Paris dagegen „hat kein Ende“. Es wird für immer der Ort bleiben, der perfekt ist, um als junger Schriftsteller seine ersten Schritte zu wagen. Und wenn wir seine Erinnerungen lesen, scheinen es fast unsere eigenen Bilder von Paris zu sein, die er heraufbeschwört, und wir wünschten, wir wären dort.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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9 Antworten zu Hemingways Paris

  1. klappentexterin schreibt:

    Jetzt bringst du mich wirklich in Verlegenheit, liebe Petra. Ich habe vor vielen Jahren „Paris / Ein Fest fürs Leben“ gelesen, eins meiner persönlichen Lieblinge. Mir ist natürlich die Neuauflage nicht entgangen, aber ich dachte, die brauche ich nicht, schließlich habe ich die alte Ausgabe in meinem Regal zu stehen. Nach deiner Besprechung bin ich mir da nicht mehr ganz so sicher. Vor allem die Skizzen und Entwürfe reizen mich sehr. Hach, also wieder ein Buch auf die Wunschliste rauf. Wo wir schon bei feinen Büchern sind, da möchte ich dir sehr „Madame Hemingway“ ans Herz legen… Das passt wunderbar zu diesem hier. : )

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ich glaube, die Anschaffung würde sich für dich lohnen – besonders, wenn du das Buch sowieso gerne magst. Kannst ja erst mal beim Buchhändler deines Vertrauens einen genaueren Blick riskieren. Ich fand es sehr interessant – und man kann so schön vergleichen mit einer älteren Ausgabe. Die „Madame Hemingway“ ist mir schon beim Blog der Durchleserin sehr positiv aufgefallen, die ist auch schon auf meiner Wunschliste : )

  2. haushundhirschblog schreibt:

    Ein schöner Buchtipp! Vor vielen Jahren gehörte „Ein Fest fürs Leben“ zu meinen Lieblingsbüchern. Ein guter Grund es noch einmal zu lesen … in der neuen Ausgabe.
    dm

  3. Pingback: Gestatten, Madame Hemingway | Philea's Blog

  4. B.ee schreibt:

    Ich danke Dir, für den Link. Jetzt hast Du mir noch größere Lust auf das Buch gemacht. Im Moment lese ich noch „Eines Abends in Paris“, was mich auch schon sehr verzaubert. Danach folgt „Madame Hemingway“ und dann der Weg ins Erlesen, um mir die neueste Ausgabe von Hemingways Paris zu kaufen. Danke!
    By the way…hast Du vielleicht auch „Léon und Louise“ gelesen? Da stehe ich immer sehr unschlüssig davor.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Das freut mich sehr, liebe B.ee! „Eines Abends in Paris“ kenne ich noch nicht, klingt aber vom Titel her schon sehr nett – wirst du darüber berichten bei dir? Auch Léon und Louise habe ich nicht gelesen, aus irgendeinem Grund hat es mich nicht so richtig angesprochen, aber ich erinnere mich nicht mehr, was der Grund war …

  5. B.ee schreibt:

    Liebe Petra,
    bei Léon und Louise schreckt mich immer ab, dass es wohl auf dem Hintergrund des zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit aufbaut. Und ich kann nicht genau sagen, warum, aber mich schrecken Bücher mit Krieghintergrund meist ab.
    „Eines Abends in Paris“ ist ganz liebevoll geschreiben. Nicolas Barreau schreibt über die Geschichte einer zarten Liebe und eines alten Cinéma in Paris, das immer mittwochs abends alte Liebesfilme spielt. Ja, ich werde auf jeden Fall näher darüber berichten, sobald ich fertig bin.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ja, das ist ein belastendes Szenario, liebe B.ee. Sich dem, und sei es nur durch das Romanlesen, zu stellen, ist belastend. Es ist eine Erfahrung, die uns – dem Himmel sei Dank! – persönlich erspart geblieben ist. Ich kann verstehen, dass das abschrecken kann, aber dennoch finde ich solche Bücher, schon aus historischen Gründen, wichtig. Sie sind sicher wenig „entspannend“, dafür regen sie die Gedanken möglicherweise nachhaltiger an.
      Auf deine Besprechung zu dem Paris-Buch bin ich jedenfalls schon gespannt! Liebe Grüße!

  6. Pingback: »Paris, ein Fest fürs Leben« – Gedanken zum Umgang mit einem Manuskript | Über den Kastanien

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