ZEITungsfrühstück und Kritikerschelte

An diesem herrlich klaren Herbstsamstag haben wir uns gemütlich beim Frühstück durch die Zeit geblättert und dabei Lars Reichows gutgelaunter musikalischer Monatsrevue gelauscht. Sein Schlusslied hat uns wieder mal sehr gefallen und macht Lust aufs fröhliche Rentnerdasein, leider habe ich noch keinen Videolink o. ä. dazu gefunden. Für euch, meine Lieben, nun wieder mein persönliches Best of aus Zeitmagazin, Reisen und Feuilleton.

Foto: (c) Gerda Kazakou

Harald Martenstein macht sich in seiner Kolumne im Zeitmagazin diesmal Gedanken über ein neues Modewort bei Buchtiteln. Im Reiseteil gefiel mir gleich der erste Artikel von Hans W. Korfmann. „Neukölln, da freu ick mir“, weil er den Stadtteil sehr interessant mit und jenseits von Klischees vorstellt. Ebenfalls lesenswert, leider noch nicht online ist das Interview „Darf ich mal reinschauen?“ mit Achim Lucchesi, der ein Buch über seine Zeit als Handgepäckkontrolleur geschrieben hat. Und Anna Marohn hat das Yotel inNew York ausprobiert. Ihre Begeisterung darüber scheint sich allerdings in Grenzen gehalten zu haben (leider auch noch nicht online). Im Feuilleton findet sich eine schlechtgelaunte Besprechung von Ulrich Greiner zu Jeffrey Eugenides‘ neuem Roman The Marriage Plot. Der Verriss erinnerte mich stark an seinen Suter-Verriss im Januar. Damals schon fragten wir uns, ob Ulrich Greiner sich mit dem launigen Beitrag gern in die Pole Position als Reich-Ranicki-Nachfolger schreiben wollte. Es ist ja okay, dass ihm der Roman nicht gefallen hat – wie ihr wisst, bin ich anderer Ansicht  – und es kann ja nicht jedem alles gefallen. Seine Argumentation ist jedoch wenig hilfreich. Wie schon bei Suter gefällt er sich in der Rolle des großen Stilisten und lässt sich über Eugenides‘ Sprache aus. Schwierig, denn erstens hat Ulrich Greiner ihn offenbar in der Übersetzung gelesen, zweitens sind die Beispielsätze mittelgeeignet zur Thesenstütze und drittens geht er kaum auf die Form, geschweige denn auf die Metaebene ein. Dabei postuliert er zu Beginn das Primat von Form und Sprache, um von „Literatur“ sprechen zu können. So zitiert er einen Satz, den er für ein überflüssiges Füllsel hält, auf das man auch hätte verzichten können: „In einem Restaurant nahe der Whaler’s Warf, mit Fischernetzen an den Wänden, aßen sie zu Mittag. Ein Schild im Fenster kündigte den Gästen an, das Lokal werde in der nächsten Woche schließen.“ Nun, wenn man besserer Laune ist und sich nicht darauf beschränkt, Sätze aus dem Kontext zu reißen, versteht man, dass damit gesagt wird, dass wir uns am Ende der Sommersaison befinden und selbst vermeintlich traditionell wirkende Restaurants wie das „Whaler’s Warf“ nur Touristen authentisch vorkommt. Insofern ist der Satz für die Beschreibung des Ortes durchaus von Belang. Er bringt noch weitere Beispiele für seiner Meinung nach schlechte Sätze. Dabei kann man sich fragen, ob denn jeder „gute“ Roman tatsächlich nur aus Sätzen voll Poesie und genialer Einfälle besteht. Immerhin lässt er sich auch zu Lob hinreißen im Zusammenhang mit den gelungenen „Szenen“ bei der Beschreibung der Liebesgeschichte von Madeleine und Leonard. Aber insgesamt kommt er zu dem Fazit, dass Eugenides keinen guten Roman geschrieben habe. Na ja, manche sagen so, er sagt so. Sein Herumreiten auf Eugenides‘ Sprache fand ich schwach, im englischen Original ist mir sprachlich übrigens nichts Negatives aufgefallen. Greiner nimmt keinerley Bezug auf andere Campus Novels oder Liebesromane oder überhaupt auf irgendetwas und geht nicht auf die vielen Anspielungen und die Metaebene des Romans ein. Er hätte noch einiges besser machen können, um seine Ansicht zu begründen. Musste er sich sputen, weil der Redaktionsschluss nahte? Nein, das war wirklich keine gut gemachte Kritik. Dazu ein Zitat von Tucholsky, das man manchen Kritikern aufs Kopfkissen sticken möchte: „Seit ich mich bemühe, eine bunte und möglichst lehrreiche Buchkritik zu machen, ist mein erstes Bestreben dies gewesen: nicht das Literaturpäpstlein zu spielen. […] Jeder, der kritisch tätig ist, sollte täglich dreimal dieses Gebet beten: Damit, daß du kritisierst, bist du dem Werk nicht überlegen“ [Kurt Tucholsky: „Die Aussortierten“ in Geschichten vom Buch. Eine Sammlung von Klaus Schöffling]. Euch, meine Lieben, wünsche ich noch ein schönes Wochenende!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
Dieser Beitrag wurde unter Zeitungsfrühstück abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

17 Antworten zu ZEITungsfrühstück und Kritikerschelte

  1. muetzenfalterin schreibt:

    Dann nehme ich mir gleich mal einen frischen Kaffee und lese den Greiner Verriß. Eigentlich mochte ich Ulrich Greiner bislang.

  2. puzzle schreibt:

    Den Hinweis auf die unterschiedliche – subjektiv empfundene – Sprachqualität, die man nicht zwangsläufig und in vollem Umfang einem Autor anlasten sollte, finde ich sehr bemerkenswert, das wird viel zu selten beachtet.

  3. haushundhirschblog schreibt:

    Danke, liebe Petra, für das Vor(aus)-Lesen in der Zeit!
    Die Kritik von Herrn Greiner werden wir heute noch lesen. Und sind sehr gespannt.
    Und: die Kolummne von Martenstein war auf jeden Fall alles andere als „scheiße“ ;-).

  4. Penelope schreibt:

    Da läßt Du ja den greinigen Greiner ganz schön die Arschkarte (*-*Gruß an Martenstein) ziehen mit dem humorigen Tucholsky!

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      : ) Manche negative Kritiken sind nur „von oben herab“ formuliert, ohne sich genauer mit dem Text, der Form, den Kontexten auseinander zu setzen. Doch aus der Vogelperspektive entgeht einem vieles. Man bekommt beim Lesen den Eindruck, der Kritiker wollte es vielleicht gar nicht wahrnehmen.

  5. Michael Kieweg schreibt:

    Um mal einen Satz meines Lieblingskabarettisten abzuwandeln: „Kritiker sind die Eunuchen des Literaturbetriebes“ (Pispers spricht analog über Wirtschaftsanalysten)
    Ich lese so gut wie nie Kritiken und nutze sie auch nicht als Entscheidungshilfe beim Bücherkauf

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      : ) Böse, böse! So weit würde ich allerdings auf keinen Fall gehen. Ein bisschen Orientierung finde ich hilfreich und sehe Kritiken als Wegmarken. Ich muss ja nicht ihrer Meinung sein, kann mir aber immerhin erste Informationen verschaffen.

  6. muetzenfalterin schreibt:

    Schön ist aber der Artikel von Iris Radisch über Michael Krüger und den Hanser Verlag. Ich mag diese nicht verletzende und doch deutliche Ironie.
    Herr Greiner hatte wirklich nicht seinen besten Tag, wer weiß welche Teufel ihn da geritten haben, aber aussagekräftig war diese Kritik wahrhaftig nicht.

  7. philipp1112 schreibt:

    Rentner-Lied: „Rentner, das ist die Mehrheit von Morgen, / Rentner, das ist das ewige Leben …“ Es gipfelt in: „Renten, die werden nie vergehen.“

    Da frag ich mich als Rentner: Will ich die Mehrheit von Morgen sein, das ewige Leben haben?

    Ziemlich flach, der Reichow, da das Thema reichlich ausgelutscht ist, jetzt auch reichowisch..

    „Renten werden nie vergehen“ finde ich selbstverständlich ganz toll! 😉

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Flach fand ich das Lied nicht, lieber Philipp, nur fürchte ich, dass für die „Mehrheit von morgen“ die Renten möglicherweise sehr wohl vergehen bzw. stark sinken werden. Aber ich habe ja noch ein paar Jährchen bis 67 und hoffe mal (die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt), dass Lars Reichow Recht behält und die Renten doch nicht vergehen ; )

      • philipp1112 schreibt:

        Es ist vermutlich unser unterschiedliches Alter und auch (mein Rentner-) Status, die zu anderer Sichtweise führen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s