Eine alte Liebe: Françoise Sagan

Gestern Abend sah ich mir mit meinem Liebsten noch einmal den Film „Bonjour Sagan“ über das Leben der französischen Schriftstellerin Françoise Sagan an. Es ist ein, wie ich finde, sehr schöner Film. Ihre Geschichte – vom frühen Erfolg mit Bonjour Tristesse über ihre Lebens- und Abenteuerlust bis hin zu ihrem traurigen Ende – wird angenehm unaufgeregt erzählt. In einem Ton, einer Stimmung, die typisch für ihre Romane war: lakonisch und melancholisch.

Dabei wird ihr Leben im Allgemeinen „skandalös“ genannt. So hielt man schon ihren Roman Bonjour Tristesse für skandalös, den sie mit nicht einmal 20 Jahren binnen weniger Wochen geschrieben hatte. Heute, da wir stärkeren Tobak gewohnt sind, kommen einem die Schilderungen der siebzehnjährigen Protagonistin kaum noch freizügig, sondern fast schon diskret vor. Auch Françoise Sagans Freude am Glücksspiel, ihre Lust am Geldausgeben („Verschwendungssucht“), ihre Drogen- und finanziellen Probleme, ihr Interesse an Männern und Frauen mochten für die damalige Zeit – ihr erster Roman wurde Mitte der 50er Jahre veröffentlicht – skandalös sein. Heute bescheren uns die Gazetten fast täglich derley Histörchen über die Sternchen dieser Welt.

Viel interessanter finde ich Françoise Sagans Diskretion, wenn es um ihr eigenes Leben ging. Sie hätte eine Autobiographie schreiben können, die spannender und aufregender als viele Romane gewesen wäre, sich damit brüsten können, wen sie alles kannte, wo sie überall mit wem war etc. Aber sie entschied sich für eine Art Rückblick auf ihre Romane in Mein Blick zurück. Als wollte sie lieber über ihre Bücher verstanden werden als über Ereignisse ihres Lebens.

Mein erstes Buch von ihr las ich mit 12 oder 13 Jahren. Es war Ein bisschen Sonne im kalten Wasser und kam mir ungeheuer erwachsen vor. Das also konnte mit der Liebe passieren. Ich las weitere ihrer Romane: Lieben Sie Brahms?, Bonjour Tristesse natürlich, Ein gewisses Lächeln, In einem Monat, in einem Jahr und Der Wächter des Herzens. Sie alle haben mir gefallen und obwohl sie schon, als ich sie las, vor langer Zeit geschrieben worden waren, fand ich sie kein bisschen altmodisch. Dann machte ich eine lange Pause. Es gab ja so viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller zu entdecken …

Vor einigen Jahren las ich Bonjour New York („Bonjour irgendwas“ funktioniert offenbar gut, um Françoise Sagan damit zu assoziieren): Ein dünnes Büchlein mit vier Reisegeschichten, Reisen, die sie selbst unternommen hatte, dazu ein Vorwort ihres Sohnes und ein paar Fotos. Und wieder ist sie sehr diskret und beschreibt ihre Wahrnehmungen von Neapel, Capri, Venedig und New York, ohne sich selbst dabei in den Vordergrund zu schieben. Wir erfahren nicht, was sie dort alles gemacht hat oder mit wem sie sich traf, sondern sehen einige Seiten lang diese Städte durch ihre Augen. Schön liest sich das und merkwürdig distanziert.

Vor kurzem las ich Ich glaube, ich liebe niemanden mehr, Tagebucheinträge, ergänzt um Zeichnungen von Bernard Buffet, die sie während einer Entziehungskur schrieb. Sie hatte Ende der 50er-Jahre einen schweren Autounfall, den sie nur knapp überlebte. Um ihr die fürchterlichen Schmerzen durch Brüche an Kopf, Brustkorb und Becken zu erleichtern, gab man ihr ein starkes Schmerzmittel, von dem sie abhängig wurde. Und für den Rest ihres Lebens blieb sie süchtig, nach Medikamenten, aber auch nach Alkohol und Drogen. In diesem kleinen Buch, in den wenigen Texten findet man mehr von ihr als in den Reiseberichten oder in ihrer Autobiographie. Sie kommt einem näher, ihr lakonischer Ton, selbst bei den melancholischsten Einträgen, ist anrührend und vielleicht ihre Strategie gewesen, mit den Wechselfällen des Schicksals umzugehen. Das gilt übrigens auch für ihre Romane. Insofern war ihre Art, eine Autobiographie zu schreiben, eigentlich sehr passend.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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18 Antworten zu Eine alte Liebe: Françoise Sagan

  1. Penelope schreibt:

    Nach „l’amour“ war „tristesse“ eins der ersten Wörter, die ich auf französisch kannte, dank Françoise Sagan. Und bei dem Zitat „Die Jugend von heute ist verklemmt. Kein Wunder, bei dem Lärm in den Diskotheken muß man „Ich liebe dich“ auch lauthals brüllen. Und wer macht das schon.“ muss ich immer traurig lächeln :,-). Danke für die schöne Erinnerung an sie!

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Freut mich, dass es dir gefällt, liebe Penelope. Nach dem schönen Film gestern Abend war mir sehr nach einer kleinen Hommage an sie. Habe mir auch heute zwei Bücher von ihr bestellt, u. a. ihre Sarah-Bernhardt-Biographie, auf die ich sehr gespannt bin.

  2. Pagophila schreibt:

    Deine Verehrung schwingt in jeder Zeile mit..:-) – Es ist sehr lange her, dass ich ein Buch von ihr gelesen habe. Ich glaube, es war „Ein gewisses Lächeln“ in meiner Jungmädchenzeit, aber ich erinnere mich kaum noch. Die Sarah-Bernhardt-Biographie würde mich jetzt auch interessieren. Ihr Stil dürfte wie geschaffen sein für die Beschreibung eines anderen Lebens.

  3. Lakritze schreibt:

    Vor Jahren (Jaaaah-ren) habe ich einen Roman von ihr gelesen; ich weiß nicht mal mehr welchen. Hat mich nicht gefesselt. Nun muß ich doch noch mal schauen. (Es ist oft so, daß ich Bücher, Bilder, Musik lieber mag, je mehr ich über ihre Schöpfer weiß.)

  4. Chapitre Onze schreibt:

    I didn’t know you liked Françoise Sagan.
    I heard his son (Denis Westhoff) on the radio a few times ago. When his mother died he has accepted her heritage, that is to say her debts (something like 1,5 millions of euros).
    Since years, in France you could only find “Bonjour Tristesse” et “Aimez-vous Brahms” in bookshops. French Editors didn’t care to publish her books (in France) and D. Westhoff could not accept that. So he did everything to make her books published again and this helps to pay the debts.
    I’ve never read her books, but your article made me change up my mind 🙂

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Hello my dear! You didn’t know that? I see, we’ll have a lot to talk about, when we visit you – not only about literature, of course ; ) I recommend to start with „Bonjour Tristesse“, it’s not only her debut, but also typical for her style. And it’s a very short novel, so even if you don’t like it (which I doubt), you don’t have to spend too much time with it ; )

  5. Chapitre Onze schreibt:

    No !! I didn’t know that before since I was no so interested in this author ! I will read it 🙂

  6. leopoldsleselampe schreibt:

    Hallo Petra. Danke für den sehr lesenswerten Beitrag über Leben und Werk. Da steht vieles drin, was mir neu ist. Herzliche Grüße. Leo

  7. Tobi schreibt:

    Liebe Petra,

    ein interessanter Beitrag. Also ich werde definitiv noch mehr von ihr lesen. Eine schicke Neuauflage von „Bonjour Tristesse“ wäre auf jeden Fall was.

    Liebe Grüße
    Tobi

  8. Madame Filigran schreibt:

    Liebe Petra, bin gerade durch Tobis Verweis hier gelandet. Es gefällt mir sehr, wie Du über Françoise Sagan geschrieben hast. Die Tagebucheinträge kenne ich noch nicht und habe sie gleich auf meine Leseliste gesetzt. Viele Grüße!

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ich freue mich sehr, dass dieser schon etwas ältere Beitrag noch immer Interesse findet, denn das zeigt, dass ich mit meiner alten Liebe nicht allein bin. Wie schön, dass du auch Lust hast, ihre Tagebucheinträge zu lesen. Und den Film kann ich auch sehr empfehlen. Liebe Grüße!

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