Eine Portion ZEITungsfrühstück

Heute, meine Lieben, mal kein Best of aus Zeitmagazin, Reiseteil und Feuilleton, sondern ein paar Gedanken zu einem Artikel, den ich heute als erstes in der Zeit las. Es handelt sich um den sehr guten Artikel „Kalte Liebe“, in dem Thomas Assheuer beklagt, dass sich die (deutschen) Intellektuellen heute kaum, oder zumindest nur in sehr geringer Zahl, an der Debatte um Europa beteiligen. Dass es ihnen wichtiger sei, z. B. die Fahnen ihres neuen Buchs zu lesen. Zu seinen Argumenten, woran das liegen könnte, noch einige weitere Überlegungen von meiner Seite.

Foto: (c) Gerda Kazakou

Vielleicht erinnern sich einige noch gut daran, als Peter Handke mit einem kleinen Buch Partei ergriff und sich damit zur Persona non grata, nicht nur in den Feuilletons, machte. Vielleicht haben sie Richard David Precht vor Augen, dem es gelingt, Komplexes einfach und verständlich zu erklären, womit er sich bei einigen sehr beliebt macht. Bei anderen aber verächtlich als ubiquitärer Publizist. Oder Peter Sloterdijk, sicher ein Intellektueller, allerdings im Artikel nicht erwähnt, der Ansichten vertritt, die vielen nicht passen.

Es beginnt ja bereits im Kleinen: Wenn ich versuche, Finanzkrise und Griechenlandproblematik zu erläutern, heißt es, ich sei parteiisch. Ja, natürlich bin ich das! Das ist doch der Witz daran, eine Meinung zu haben – diesen Mischmasch aus Informationen, Interessen und Sympathien – damit man Partei für oder gegen etwas ergreift. Meine Meinung und mein Wissensstand werden bei einem solchen Vorwurf nicht respektiert. Auch wird dabei nicht berücksichtigt, dass diejenigen, die den Vorwurf machen, natürlich selbst parteiisch sind. Sie haben offenbar nur eine andere Meinung dazu, weswegen dieser Vorwurf kein K.o.-Kriterium für eine Diskussion sein kann.

Die Medien haben es in monatelanger Meinungsmacherei geschafft, einen Großteil der Deutschen von der Finanzkrise abzulenken und Griechenland als Sündenbock zu thematisieren. Auch bei den „gebildeten Schichten“, denn daran war ja nicht nur die Bild beteiligt. Wir haben gleich mehrere Sündenböcke, die PIGS-Staaten. Was ist das überhaupt für ein Wort, welche Weltsicht zeigt sich darin? Schweinestaaten, das riecht nach einer Überlegenheit und einer Gesinnung, die mir zutiefst zuwider ist. Sollten die Medien nicht lieber für Aufklärung sorgen, den Grundstein legen für vernünftige Diskussionen?

Und zu den Intellektuellen: Sind denn Politikwissenschaftler und Ökonomen keine? Insofern mischt sich zumindest ein Teil der Intellektuellen in die Debatte ein.

Intellektuelle, die diesen Expertenstatus nicht haben und sich in nationale oder internationale Themen einklinken, werden sofort zu medialem Freiwild und geraten in den Sog der Meinungsmache. Die Gefahr, falsch dargestellt, bewusst missverstanden zu werden, ist heute höher denn je, wo jede und jeder eine Vielzahl an Informations- und Kommunikationskanälen nutzt und in der Flut an Informationen ertrinkt. Groß auch die Gefahr, als Anhänger einer Verschwörungstheorie gedisst zu werden, worauf The Intelligence vor einiger Zeit in einem ausgezeichneten Beitrag hinwies.

Ein kluger Mann, der täglich mehrere Zeitungen verschiedener Länder liest, meinte neulich zu mir: „Jetzt habe ich drei Artikel in drei verschiedenen Zeitungen aus drei verschiedenen Ländern zur Finanzkrise gelesen – man könnte meinen, sie würden von drei verschiedenen Krisen sprechen.“ Nicht jeder hat die Zeit oder die Lust, sich so umfassend zu informieren, um sich seine eigene Meinung zu bilden. Die Schwierigkeit besteht darin, sich eine eigene Meinung zu bilden, wenn die Medien bereits versuchen, die Meinungen in bestimmte Richtungen zu lenken. Wo ist die Instanz, die mir die Verhältnisse erklärt, statt sie gleich durch „Analysen und Bewertungen“ in bestimmte Richtungen zu biegen? Kann es eine solche Instanz überhaupt geben? Auch die Intellektuellen können das nicht leisten, sondern nur Teil des meinungsvielfältigen Chors werden. Wer die Verantwortung auf sich nimmt, öffentlich Meinung zu äußern und Partei zu ergreifen, wird letztlich mediales Futter. Eine bittere Tatsache, die möglicherweise so manche lieber passiv bleiben lässt.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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10 Antworten zu Eine Portion ZEITungsfrühstück

  1. puzzle schreibt:

    Dieser Beitrag sagt mir sehr zu – man sollte meinen, es wäre bekannter, bewußter, aber es ist zu bitter und schwer auszuhalten für die meisten Menschen, keine entschiedene Position beziehen zu können als die, daß es eine absolute ‚gute‘ Wahrheit nicht gibt, sonden allenfalls interessenorientierte Wahlwahrheiten – das möchte niemand von sich und seinen Mitmenschen annehmen müssen, und ist doch die einzige und mögliche Art, Entscheidungen treffen zu können. Nur sich dabei im positiven Sinne moralisch fühlen zu dürfen macht dieser Gedanke leider sehr relativ.

  2. Insomnia schreibt:

    Es ist einfach sehr schwer Position zu beziehen, wenn die Sachverhalte so unendlich komplex und schwer zu durchschauen sind. Beim Thema Europa und Finanzkrise ist vermutlich auch für Ökonomen nicht wirklich klar, wie der Weg aus der Krise aussehen könnte. Oder was davon dann politisch machbar wäre. Ein Nicht-Ökonom muss schon ganz schön viel Zeit und Energie in Recherchen investieren, wenn er sich hier halbwegs kompetent äussern will.

  3. muetzenfalterin schreibt:

    Ein sehr kluger Beitrag mit vielen Wahrheiten, die nicht jedem schmecken, weil sie nicht leicht nebenher verdaut werden können. Was mir besonders gefällt, ist der Ansatz weg vom Werte Pingpong, von den gegenseitigen Schuldzuweisungen, hin zu einem genaueren Hinsehen und wenigstens ansatzweisem Durchschauen der Zusammenhänge.

  4. Jakob schreibt:

    Zu dem Thema kann ich nur Altermativlos Folge 20 mit Schirrmacher empfehlen: http://alternativlos.org/

    Andere Folgen, insbesondere ueber den Staatstrojaner und Wikileaks sind auch sehr gut.

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