Irène Némirovskys Meistererzählungen

Meistererzählungen – ein ehrgeiziger Titel. Stammten die Erzählungen nicht von der von mir sehr verehrten Irène Némirovsky, hätte ich beim Lesen dieses Titels wahrscheinlich die Augenbraue gehoben. Aber ich war mir sicher, dass er in diesem Fall kein falsches Versprechen bergen würde. Die neun Erzählungen sind in der Tat meisterhaft. Sowohl stilistisch als auch inhaltlich. Einige von ihnen spielen in Finnland, dem winterlichen Finnland der Revolution, die meisten in Frankreich, wo Irène Némirovsky seit ihrer Jugend lebte, nachdem ihre Familie während der Russischen Revolution über Finnland und Schweden nach Paris geflohen war. Die Themen der Erzählungen kreisen um geheime Leidenschaften und traurige Lieben, jüdische Herkunft und sattes Bürgertum. Ihnen allen gemein ist die zerbrechliche Situation, in der sich die Figuren auf die ein oder andere Weise befinden. Emotional oder existenziell durch Revolution und Kriege. Wie bewähren sie sich in diesen Situationen, bleiben sie sich treu – im Guten wie im Schlechten – oder werden sie sich durch diese Grenzerfahrungen verändern?

Wie im wirklichen Leben gibt es solche und solche. Zwei der Erzählungen haben mich besonders berührt: „Aino“, die Geschichte eines namenlos bleibenden Mädchens, das in den finnischen Wäldern eine verlassene Datscha findet und nach und nach das traurige Geheimnis ihrer Bewohner versteht. Und die der „Vertrauten“, die versucht, ihr Leben durch eine andere Frau zu leben. Aber auch die anderen Geschichten sind wunderschön, zum Beispiel „Sonntag“ über die ungestillten Sehnsüchte einer unglücklich verheirateten Frau und ihre Tochter, die dabei ist, den Fehler der Mutter zu wiederholen. Oder „Der Unbekannte“, über einen Sohn, der auf grausige Weise vom Doppelleben seines Vaters erfährt. Irène Némirovskys Meistererzählungen kann ich euch uneingeschränkt empfehlen! Weitere Empfehlungen zu Büchern von Irène Némirovsky findet ihr unter N im virtuellen literarischen Salon.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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8 Antworten zu Irène Némirovskys Meistererzählungen

  1. haushundhirschblog schreibt:

    Vielen Dank, liebe Petra, für diese feine Rezension, die allein schon ungeheuer viel Lust auf das Buch macht. Die beiden Erzählungen, die Du besonders erwähnst, fallen thematisch recht gut in unser Lese-Beute-Schema.
    Dabei sind die Wunschlisten schon voll und bereits abgegeben … …
    Ok, wir tauschen sie jetzt nochmal aus.
    mb und dm

  2. buechermaniac schreibt:

    Du warst schneller als ich 😉 Ich bin auch an den Meistererzählungen dran, habe aber das Buch kurz weggelegt, weil ich einen ungemein spannenden Roman nicht unterbrechen kann. Danach geht es wieder weiter. Aber Némirovsky ist einfach eine Klasse für sich, das kann ich nach drei Erzählungen (Rausch, Aino, Sonntag) bereits sagen.

    Literarische Grüsse und frohe Weihnachten

  3. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    Aha? Nein, das Buch kenne ich nicht – jetzt bin ich erst recht auf deine Rezension gespannt : )

  4. Bücherliebhaberin schreibt:

    Ich bin auch ein riesiger Irène Némirovsky Fan. Habe soeben den zuletzt erschienen Roman „Familie Hardelot“ beendet und bei mir vorgestellt. Jetzt bleiben mir nur noch die „Meistererzählungen“. Und nach deiner Vorstellung bin ich erst recht gespannt. Vielen Dank!

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