Leseprobe Nr. 1

Wie in den „Résolutions“ gestern angekündigt, hier für euch die erste Leseprobe aus Ganz weit weg. Ich beginne – ganz originell – mit dem Anfang, weil hier die Frage beantwortet wird, die sich immer stellt, wenn jemand ein Buch geschrieben hat: „Wie kam sie (oder er) auf das Thema?“

Nie ohne Bücher. (c) Petra Gust-Kazakos

„Eigentlich wollte ich eine Geschichte über eine Reiseschriftstellerin schreiben, die in ihrem ganzen Leben nie gereist ist. Wäre sie, nur aufgrund von Briefen, die ihre Freunde ihr aus der Ferne senden, in der Lage, Reiseberichte verfassen, die so glaubwürdig sind, dass sie veröffentlicht werden?

Ich mochte Bücher über Reisen schon immer. Um mich besser in meine Figur hineindenken zu können, begann ich, fast nur noch Reiseliteratur zu lesen. Dabei stieß ich tatsächlich auf eine englische Autorin, die kaum reiste, und dennoch jede Menge Berichte über Länder verfasste, die sie selbst nie besucht hat. Auf einmal wurde die Geschichte, die ich hatte schreiben wollen, nebensächlich. Mich beschäftigte der Gedanke, dass das Lesen überhaupt eine Reise in andere (Gedanken)Welten ist und dass Lesen und Reisen ungeahnt viele Gemeinsamkeiten aufweisen. Der Beginn einer Reise, der erste Satz eines Buches – wir überschreiten eine Grenze, und auf einmal sind wir ganz weit weg.

Auf den ersten Blick scheinen die beiden Tätigkeiten sehr verschieden zu sein: Der Leser wirkt auf den Betrachter passiv, der Reisende dagegen aktiv. Schließlich muss man sich bewegen, um von einem Ort zum anderen zu kommen. Beim Lesen dagegen bin ich nur im Kopf aktiv. Allein die Aufnahme von Text versetzt mich an andere Orte, in andere Situationen und sogar in die Köpfe anderer Menschen.

Um diese Orte, Situationen und Menschen zu verstehen, muss ich mich auf sie einlassen. Viel intensiver als auf einer Reise, denn im Geiste kann ich am Leben der Figuren unmittelbarer teilnehmen, als an dem der Menschen, denen ich in der Wirklichkeit begegne. Und am Ende eines Buches habe ich mir eine Meinung gebildet oder sie revidiert und neue Gedankengänge beschritten (ohne mich physisch bewegt zu haben). So wie ich am Ende einer Reise zu neuen Einsichten gelangt bin. Oft beschäftigen mich die Charaktere oder interessante Theorien eines Buches lange über seine letzte Seite hinaus. Das gilt auch für die Ereignisse und die Bekanntschaften, die ich auf einer Reise gemacht habe. Sie inspirieren mich und werden Teil meiner Persönlichkeit, meines Denkens, Handelns und meiner Träume.

Ja, Lesen und Reisen stehen einander nahe wie Schwestern. Die eine häuslich und ein bisschen verkopft, die andere eher abenteuerlustig, doch beide offen für neue Erfahrungen und Erkenntnisse, andere Menschen und Kulturen und stets darauf bedacht, die eigene kleine Welt zu erweitern. Sie ergänzen einander und tragen, jede auf ihre Weise, dazu bei, uns, andere und das Leben selbst zu begreifen.“

[Aus: Ganz weit weg. Leselust und Reisefieber, S. 7f.]

Ganz weit weg ist versandkostenfrei zu bestellen beim Eisenhut Verlag, bei Amazon und natürlich in jeder Lieblingsbuchhandlung. Presse- und andere Stimmen zum Buch findet ihr hier.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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5 Antworten zu Leseprobe Nr. 1

  1. Penelope schreibt:

    Deinen ersten Satz gelesen & schon den Koffer gepackt, ich Reiselustige

  2. Cadann schreibt:

    So, und jetzt soll es bitteschön losgehen! Auch mein Koffer ist gepackt, möchte ganz lautlos über die Grenze gleiten. Wohin entführst Du uns?

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Oh, zu allerley, zu Gedanken über das Lesen und Reisen in der Kindheit, zu Sehnsuchtszielen, Gepäckfragen, Erwartungen und Entdeckungen auf Reisen und in der Literatur, zu Hotels in Romanen, Träumen und Wirklichkeit – und das sind nur einige der Stationen : )

  3. Ingrid Spieker schreibt:

    Hallo Petra, heute gucke ich erstmalig in deinen Blog.
    Seit Jahren bin ich mit deiner Schwiegermutter befreundet, wir unternehmen viel gemeisam, ich verfolge ihre wertvollen Beiträge, kenne dich und Wassili ein wenig aus ihren Erzählungen. Nun weiss ich etwas mehr über dich, was dich umtreibt, was du berichtest.
    Mein Mann, unser Hund und ich sind besondere „Zigeuner“, wie Gerda sagt. Mit unserem Camper haben wir so manches Geheimnis entdeckt, wunderbare Menschen getroffen, unterwegs gelesen und nachgelesen, nach interessanten Büchern gesucht, für uns geschrieben.
    Grad stehen wir in Kavalla und warten auf die Fähre nach Lesvos. Unsere diesjährige Winterreise nutzen wir als Volontäre bei einer Flüchtlingshilfsorganisation in Molyvos.
    Während der Überfahrt werde ich weiter in deinem Blog stöbern.
    Es grüßt dich Ingrid Spieker aus Koroni

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Hallo Ingrid, wie schön, dass du hierher gefunden hast – herzlich willkommen! Ich wünsche euch viel Erfolg bei eurem Einsatz – sicher wirst du danach auch eine Menge zu berichten haben … Eine ganz besonders Winterreise wird das werden. Viele Grüße!

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