Leseprobe Nr. 2

Nun, meine Lieben, die zweite Leseprobe aus Ganz weit weg. Sie stammt aus Kapitel III. Sansibar oder der letzte Grund. Sehnsuchtsziele. Darin geht es um Sehnsuchtsziele und wie sie entstehen – Orte, die man gern einmal sehen, und Bücher, die man unbedingt irgendwann lesen will. Das folgende Unterkapitel trägt den Titel „Fluch der Bestsellerlisten“.

„Ein vielseitig interessierter Mensch liest nicht ausschließlich, was ihm diese Listen empfehlen. Schon deshalb, weil sie sich meist auf die Gegenwartsliteratur beziehen und ältere Werke mit der Zeit in Vergessenheit geraten würden. Vielmehr lohnt es sich, sich fleißig umzuschauen, damit man sich ein möglichst umfassendes Bild machen kann. Rezensionen bieten Orientierung in der Vielfalt, die Empfehlungsfunktion von Amazon ist durchaus nützlich und Gespräche mit anderen Bücherwürmchen können die eigene Leseliste bereichern. Doch genauso eifrig folge man persönlichen Neigungen, dann findet man jede Menge Querverweise und macht Entdeckungen in Antiquariaten oder Buchhandlungen, die noch nicht zu einer Kette gehören und mehr als turmhohe Bestseller-Stapel zu bieten haben. Würde sich das reine Abarbeiten der Bestsellerlisten durchsetzen, könnte mancher gleich mit dem Schreiben aufhören, für dessen Werk sich lediglich eine hauchdünne Leserschicht interessiert. Und das nur, weil sich der allgemeine Geschmack, dieser kleinste gemeinsame Nenner, nicht für ihn erwärmen kann.

Kommen wir nun zu den literarischen Sehnsuchtszielen, zu den Büchern, die man schon immer einmal lesen wollte, wozu man aber aus den unterschiedlichsten Gründen noch nicht gekommen ist. Etwa, weil sie derzeit vergriffen oder selten und schwer zu bekommen sind, oder weil man durch Rezensionen und die Urteile anderer Leser eine so hohe Erwartungshaltung, ja, Ehrfurcht entwickelt hat, dass man die Lektüre immer wieder aufschiebt. So ging es mir bisher mit dem Ulysses und dem Mann ohne Eigenschaften (merkwürdigerweise entwickle ich eine derartige Ehrfurcht nur vor Büchern, aber nicht vor Reisezielen).

In diesem Zusammenhang habe ich bei mir ein interessantes Phänomen festgestellt: Ich lese gern Bücher über Bücher, selbst wenn ich das zugrundeliegende Buch noch gar nicht gelesen habe. So gefiel mir Wie Proust ihr Leben verändern kann von Alain de Botton ausnehmend gut. Einige Jahre später las ich Jochen Schmidts Schmidt liest Proust mit großem Vergnügen. Nur die komplette Suche habe ich immer noch nicht gelesen (ich habe es jedoch immer fester vor).

Am besten wäre, wenn man sich die Ratschläge und Urteile anderer nicht zu sehr zueigen machen würde. Weder beim Lesen, noch beim Reisen. Dann kann man sich auf Orte einlassen, die in der Allgemeinbewertung keinen hohen Rang besitzen. Das ziellose Schlendern durch Straßen, die nicht extra im Reiseführer vermerkt sind, die vielen kleinen Wunder, die jeder Ort zu bieten hat – sind sie nicht viel wundervoller, wenn man nie von ihnen hörte und sich dem (eventuell auch illusorischen) Glauben hingeben darf, sie ganz allein entdeckt zu haben?

Natürlich betreten wir kein Neuland mehr und die Kartografie werden wir kaum revolutionieren. Immerhin ist es gut zu wissen, wo man ein hübsches Hotel finden kann oder ein leckeres Restaurant und welche Bauwerke oder was es sonst zu bewundern gibt. Aber wir haben immer die Freiheit, die üblichen Touristenziele auszulassen – und nicht jeden Bestseller zu lesen.“ [Ganz weit weg. Leselust und Reisefieber, S. 41f.]

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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14 Antworten zu Leseprobe Nr. 2

  1. Cadann schreibt:

    Ja, das mit dem „Buch über Bücher“ mag ich auch so gern! Anderen beim Lesen zusehen, aber direkt im Kopf, oder so nah, wie man meint, einem anderen Kopfinneren kommen zu können. Augenöffnend war für mich auch Nabokov über Flaubert; selbst, wenn man das betreffende Buch bereits kennt und liebt, entdeckt man doch Neues, die – wichtige – Fliege an der Wand, zum Beispiel, die man vorher übersehen hat. Danke, wie immer, für die Gedanken!
    Und das Bild vom ziellosen Schlendern, statt gezielten Suchens mit dem Fotoapparat am besten schon im Anschlag, ist schön. „The only people who ever get to any place interesting are the ones who get lost“, sagte jemand, dessen Namen mir leider entfallen ist. Wahr bleibt es dennoch.

  2. erinnye schreibt:

    Ein schöner Text über die literarischen Sehnsuchtsziele. Es gibt übrigens beim Bayerischen Rundfunk im Hörspielpool geniale 20 Stunden „Der Mann ohne Eigenschaften“ kostenlos herunterzuladen. Ein Remix mit Textfragmenten Musils, die nicht Eingang in die „offizielle“ Version des Romans gefunden haben.
    http://www.br-online.de/podcast/mp3-download/bayern2/mp3-download-podcast-hoerspiel-pool.shtml
    Man kann es aber auch über itunes herunterladen.

  3. haushundhirschblog schreibt:

    Wir können Dir nur zustimmen: „Bücher über Bücher“ zu lesen, kann äußerst inspirierend und spannend sein, selbst dann, wenn man „das zugrundeliegende Buch noch gar nicht gelesen“ hat. Wenn ein Autor in die Welt eines anderen Autors „reist“, kann das sehr spannend sein.
    Ähnlich interessant finden wir aber auch, wenn Autoren einen Einblick in ihre eigenen „Reisen“ zu sich, zu ihren Texten und eventuell zu den Lesern preisgeben. Ein wunderbares Buch, bzw. ein opulentes Bildband, ist beispielsweise das von Herlinde Koelbl. Es heißt „IM SCHREIBEN ZU HAUS“ und zeigt anhand von wunderbaren Interviews und tollen Fotos „wie Schriftsteller zu Werke gehen“. Das würde Dir sicher gefallen, Petra.
    Wir freuen uns sehr über Deine Leseprobe aus „Ganz weit weg“ und wünschen Deinem Buch ganz viele aufmerksame Leser!
    mb & dm

  4. Bücherliebhaberin schreibt:

    Der letzte Satz gefällt mir am besten: „Aber wir haben immer die Freiheit, die üblichen Touristenziele auszulassen – und nicht jeden Bestseller zu lesen.“
    Bestsellerlisten waren mir von jeher ein Graus. Und wenn dann doch einmal ein Buch dabei ist, was mich interessiert dann warte ich einige Jahre, bevor ich es lese. So bin ich sicher, dass der Hype vorbei ist. Wie viele Leseproben wirst du denn noch einstellen?

  5. Pingback: Zeitungsfrühstück, Folge 35 | Philea's Blog

  6. haushundhirschblog schreibt:

    Liebe Petra, bei dem über den Link gezeigten Buch handelt es sich nicht um das Buch „Im Schreiben zu Haus“. Vermutlich ist es nur noch antiquarisch zu erstehen. Lohnt sich aber! 🙂

  7. valentino schreibt:

    Liebe Petra,
    mir gefällt wie Sie in Ihrem Text den Zusammenhang herstellen zwischen Reisen und Schreiben. In der Tat ermöglicht es die Bewegung im Raum, in bisher verschlossene Bereiche der Gedankenwelt vorzudringen. Marcel Proust, der offenbar (was ich gut verstehe) einen hohen Rang auf Ihrer Lesewunschliste belegt, hat es hervorragend verstanden, diese Vorgehensweise zum Schreiben zu nutzen. Ich denke hier z. B. an die zwei unebenen Bodenplatten, auf die Marcel in der Recherche tritt. Es war, glaube ich, im Baptisterium von San Marco in Venedig. Der mit diesem Stolpern verbundene Sinneseindruck eröffnet ihm den Zugang zu seinem Künstlertum. Wenn ich mich richtig erinnere, beschreibt Proust die Szene im letzten Band. Es gibt sicher Leser, die bessere Kenntnis über die Textstelle haben als ich. Meine Proust-Lektüre liegt bereits zwei bis drei Jahre zurück, und manchmal denke ich, hätte ich mir noch mehr Notizen machen sollen zu diesem Roman, um alles besser in Erinnerung behalten zu können … Ich danke Ihnen für Ihren lesenswerten Artikel, und hoffe, Ihnen die Lust auf Proust mit meinen banalen Einschiebseln nicht verdorben zu haben.
    Herzlich,
    Valentino

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ganz und gar nicht, lieber Valentino – und banal ist ihr Kommentar mitnichten, sehr schön ist er. Wie genau Sie diese Szene noch im Sinn haben – offenbar war es ein sehr eindrucksvolles Leseerlebnis. Zu meinem Geburtstag wünsche ich mir die Gesamtausgabe der Suche. Sie wird endlich meine Lektüre von Büchern _über_ Proust und die Suche ergänzen : ) Liebe Grüße, Petra

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