Spurensuche: Der Hase mit den Bernsteinaugen

Ich glaube, ein derartiges Buch las ich noch nie: Edmund de Waals Der Hase mit den Bernsteinaugen – Biographie, Autobiographie, Reisebuch, kunstgeschichtliche Spurensuche, Familiengeschichte, jüdisches Leben … Das Buch enthält eine solche Fülle an Themen, die mich noch dazu alle interessieren, dass es mich ganz und gar fesseln und begeistern konnte. Der Stil, weitgehend berichtend, ist dennoch einfühlsam und durchsetzt mit persönlichen Erinnerungen und Eindrücken des Autors.

Zum Inhalt: Edmund de Waal erbt von seinem Onkel Iggie, der mit seinem Partner Jiro in Tokio lebte, 264 Netsuke, kleine japanische Kunstwerke, und nimmt dieses Erbe zum Anlass, sich auf eine vielfältige Spurensuche zu begeben: Nach seiner Familie, der jüdischen Getreidehändler-, später Bankiersfamilie Ephrussi, die sich von Odessa aus über die ganze Welt nach Paris und Wien, London, Mexiko und Tokio verbreitete. Nach seinem Onkel Charles Ephrussi, einem kunstgelehrten Sammler in Paris, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Netsuke-Sammlung zusammentrug und mit den Größten seiner Zeit bestens bekannt war. Etwa mit Manet und Proust, dem er – gemeinsam mit Charles Haas – als Vorbild für Charles Swann in der Suche diente. Nach dem Wiener Familienzweig, weil Charles seine Netsuke-Sammlung als Hochzeitsgeschenk an seinen Cousin Viktor und dessen Frau Emmy sandte. Man erfährt von den prächtigen Jahren im Wiener Palais auf der Ringstraße und dem plötzlichen Ende. Von der Beschlagnahme des Besitzes, einfach so, weil es jüdischer Besitz war, von dem Verkauf des Bankhauses für einen Apfel und ein Ei. Und schließlich von den Versuchen Elisabeths, der Tochter von Viktor und Emmy und inzwischen Anwältin, nach dem Krieg die vielen Bücher, Bilder und andere Wertgegenstände ihrer Familie zurückzubekommen oder zumindest eine Entschädigung dafür zu erhalten. Von der Rettung der Netsuke durch Anna, das nichtjüdische Dienstmädchen, die die Netsuke an den Nazis vorbei in der Schürzentasche rettete und jahrelang unter ihrer Matratze versteckte. Die Suche nach der Lebensgeschichte seines Onkels Iggie. Die vielen Reisen nach Paris, Wien, Tokio und Odessa und natürlich auch immer wieder die Gefühle und Wahrnehmungen des Autors während dieser Spurensuche.

Manche Bücher kommen mir vor, als seien sie geradezu für jemanden wie mich geschrieben worden. Zuletzt ging es mir so mit Jeffrey Eugenides‘ Marriage Plot. In solchen Fällen muss ich immer an Alberto Manguel denken, der dieses Phänomen in seinem Tagebuch eines Lesers folgendermaßen beschreibt: „Es ist seltsam, wie Leser ihren eigenen Text herstellen, indem sie auf bestimmte Wörter reagieren, bestimmte Namen, die eine private Bedeutung für sie haben, einen privaten Klang, und von anderen nicht beachtet werden.“ (Tagebuch eines Lesers, S. 33f.).

Auch Der Hase mit den Bernsteinaugen ist ein solches Buch, das mich auf den verschiedensten Ebenen persönlich anzusprechen scheint. Ich konnte mich mit dem Autor identifizieren, weil ich mich vor einiger Zeit selbst auf die Spurensuche nach dem Leben meines Lieblingsonkels und seiner Kunstgegenstände, die er sammelte, begab. Ich war gebannt von der Beschreibung des Lebens des Kunstsammlers Charles. Diesen Pariser Teil fand ich besonders spannend. Aber auch der Wiener Teil ist faszinierend. Kaum zu ertragen allerdings die Beschreibung, wie die Nazis mit der Familie Ephrussi umgingen und wie vergeblich die Bemühungen Elisabeths blieben, wenigstens entschädigt zu werden für den unglaublichen Diebstahl. Auch die Geschichte von Iggie, der lange durch die Welt zog, bis ihm schließlich Tokio eine neue Heimat wurde, hat mich sehr berührt.

Der Autor ist übrigens Künstler. Er studierte Englisch in Cambridge, erlernte die Töpferkunst, studierte auch in Japan und lebte in Tokio. Inzwischen wohnt er in London und ist Professor für Keramik an der University of Westminster. Mehr über sein Leben könnt ihr bei Wikipedia nachlesen. Hier habt ihr die Möglichkeit, einige der Netsuke näher betrachten. Sind sie nicht erstaunlich, diese winzigen Lebensstückchen?

Wenn ihr euch ebenfalls für Biographien und Kunst begeistern könnt, dann wird euch dieses Buch bestimmt gefallen.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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21 Antworten zu Spurensuche: Der Hase mit den Bernsteinaugen

  1. valentino schreibt:

    Eine sehr schöne Rezension über eine bemerkenswerte Geschichte.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Danke, lieber Valentino! Haben Sie das Buch zufällig schon gelesen?

      • valentino schreibt:

        Liebe Petra,
        ich habe erst durch Ihren Artikel von dem Buch erfahren. Ihre präzise Beschreibung lässt vermuten, dass es sich offensichtlich um ein sehr lesenswertes Buch handelt. Den Ausgangspunkt, auf Spurensuche zu gehen, und zu versuchen anhand von Kunstobjekten die gebrochenen Lebenswege der Vorfahren nachzuzeichnen, finde ich sehr vielversprechend. Bisher haben mich Familienromane nicht unbedingt angesprochen. De Waals Werk scheint sich jedoch innerhalb dieses Genres sehr positiv hervorzuheben. Ich danke Ihnen für diese gewinnbringende Buchbesprechung.
        Herzlich,
        Valentino

  2. erinnye schreibt:

    Ich war bereits im Oktober vergangenen Jahres sehr fasziniert, als die FAZ über den Autor und das Buch berichtete. Auch seine Arbeiten als Keramikkünstler fand ich faszinierend. Aber wie es so geht, habe ich ihn und das Buch wieder in die „sollte man auch mal lesen-Ecke“ verdrängt. Gut, dass Du eine so schöne Rezension geschrieben hast.

  3. Anja L. schreibt:

    Ich habe das Buch Ende des letzten Jahres gelesen und war auch begeistert über die Fülle an Themen, die de Waal anschneidet, – und über seine unglaubliche Konsequenz, diese Themen nicht als Einzelbereiche aufzufächern und detailverliebt zu erklären, sondern sie ausschließlich im (engen) Rahmen der Familiengeschichte zu erzählen. Er erklärt, was man wissen sollte, den Rest kann man sich selbst aneignen. Auch wenn der erste Teil natürlich besonders aufregend ist, wenn man Proust schon sehr gut kennt. Man braucht es aber für die Geschichte nicht.
    Ich kann Buch nur allen empfehlen, die sich für Familiengeschichten interessieren. Aber das Buch bietet eben noch mehr und ist in einem sehr ansprechenden, explorativen Stil geschrieben, der nicht meint, alles schon zuvor und ganz genau zu wissen.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Das ist wahr, liebe Anja, und das macht den Autor auch so sympathisch. Er kommt nicht mit dem erhobenen Kunst- oder sonstwas-Kenner-Zeigefinger an, sondern beim Lesen geht man mit ihm auf Entdeckungsreise, deren Ergebnisse ihn ebenso zu überraschen, wundern und faszinieren scheinen, wie den Leser.

  4. maragiese schreibt:

    Eine wundervolle Rezension, liebe Petra, die es mir ermöglicht hat, das Buch noch einmal nachzuerleben – ich habe es bereits im vergangenen Jahr gelesen. Auch wenn die Fülle und Vielzahl an Themen mich an manchen Stellen beinahe erschlagen hat und den Einstieg in den Roman erschwert, hat mir Edmund de Waals Roman doch sehr gut gefallen. Besonders die letzten Abschnitte über das jüdische Leben und die vielen Anspielungen und Marcel Proust haben mich begeistert!

  5. Penelope schreibt:

    Liebe Petra,
    ich habe dieses Buch zu Weinachten geschenkt bekommen, es angelesen & nicht mehr aus der Hand gelegt. Ich war schlicht überwältigt. Diese ‚Kostbarkeit‘ ist nicht ins Regal gewandert, sondern liegt als geliebtes Dekorationsstückstück mal hier, mal da & ich schaue immer wieder hinein. Hab lange nachgedacht über Deinen Satz „Manche Bücher kommen mir vor, als seien sie geradezu für jemanden wie mich geschrieben worden.“ Wie wahr!
    Übrigens hatte ich mich zuerst in den Titel verliebt *~*, dann in das Cover, dann in das ganze Buch. Das nennt man wohl ❤ auf den 1. Blick!

  6. Penelope schreibt:

    Nachtrag: Das mit Weinachten ohne h muss irgendwas mit Freud sein – ich habe tatsächlich geweint bei diesen Szenen, die Du so gut mit den Worten triffst: „Kaum zu ertragen allerdings die Beschreibung, wie die Nazis mit der Familie Ephrussi umgingen“.

  7. haushundhirschblog schreibt:

    Vielen Dank für die feine Rezension! Das Buch könnte uns sehr interessieren!

  8. Frau Feuerfalter schreibt:

    Wieder eine feine Buchempfehlung von Dir, die ich mit Freude gelesen habe! Danke Dir dafür, der Titel kommt jetzt auch auf meine Lesewunschliste…

  9. caterina schreibt:

    Mir gefällt das Zitat aus Alberto Manguels Tagebuch eines Lesers: „Es ist seltsam, wie Leser ihren eigenen Text herstellen, indem sie auf bestimmte Wörter reagieren, bestimmte Namen, die eine private Bedeutung für sie haben, einen privaten Klang, und von anderen nicht beachtet werden“.
    Deine in schöne Worte gepackten Leseeindrücke natürlich auch.

  10. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    Danke, ihr Lieben, für eure Kommentare!

  11. Pingback: Edmund de Waal: Der Hase mit den Bernsteinaugen « Jüdische Lebenswelten

  12. Marion Detzler schreibt:

    Marion Detzler schreibt:
    eine wunderbare Möglichkeit für uns, unsere europäische Geschichte zu verstehen. Ein beeindruckendes Zeugnis über eine Familie,der unermessliches Leid zugefügt und nach dem zweiten Weltkrieg erneutes Unrecht geschah. Das ist der eigentliche Skandal, der uns mahnen sollte, auch gegen heutiges Unrecht vorzugehen. Dabei spielt das jeweilige Land, in dem es passiert – keine Rolle!
    Ein bemerkenswertes Buch – mein Dank gebührt dem Autor Edmund de Waal.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ja, es ist ein ganz bemerkenswertes und wunderbares Buch, sicher auch eines, das ich wieder lesen werde. Solche Bücher sind eine echte Bereicherung. Danke für den Kommentar & herzliche Grüße!

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