Entdeckungsfreude: Steven Millhauser

Wer Kurzgeschichten mag und kein Problem mit Ausflügen ins Fantastische hat, wird sie lieben: die Kurzgeschichten von Steven Millhauser. Auf ihn kam ich, nachdem wir wieder einmal „The Illusionist“, einen unserer Lieblingsfilme, angesehen hatten. Der Film basiert auf Millhausers Geschichte „Eisenheim der Illusionist“ und mich interessierte, wie viel Regisseur und Drehbuchautor Neil Burger dazugeschrieben haben mochte, um daraus einen ganzen – und ganz wunderbaren – Film zu machen. Die Handlung hält sich recht eng an die Vorlage, aber die Liebesgeschichte und die Story um den mörderischen Leopold, der die Nachfolge seines Vaters, des Kaisers anstrebt, kommen im Ursprungstext nicht vor. Die Ausbauten passen aber ausgezeichnet zum Ursprungstext, sodass ich sowohl Millhauser als auch Burger für ihre Arbeit bewundere.

Ich kaufte mir 2nd Hand die Kurzgeschichtensammlung Ein Protest gegen die Sonne, las zuerst „Eisenheim“, die letzte Geschichte in dem Band, und dann mit großer Begeisterung die weiteren Kurzgeschichten. Ihnen allen gemeinsam ist ihr realistischer Ausgangspunkt, von dem aus der Autor von den fantastischsten Begebenheiten erzählt, die man so leicht akzeptiert, als sei die neue Mode der fliegenden Teppiche, die eines Sommers die Jugendlichen mitriss, so natürlich wie das Beliebtwerden von, sagen wir, Skateboards. Millhauser beschreibt sagenhafte Orte wie das Barnum-Museum, in dessen verwirrender Vielzahl von Ausstellungsräumen sich unglaubliche Ausstellungsstücke finden, etwa im Saal der Meerjungfrauen. Oder ein Kaufhaus, das mit den Wünschen und Bedürfnissen seiner nostalgischen Kunden spielt und den modernen Einkaufsmalls ein unendlich scheinendes Wunderwarenhaus entgegensetzt. Wir lesen von merkwürdigen Moden, wie den schon erwähnten fliegenden Teppichen, von einer neuen Damenmode, die während zweier Saisons derart ausufert, dass sich die darin befindlichen Frauen heimlich aus ihren Gewändern stehlen können, ohne dass es jemand bemerkt. Oder von der Mode des Lachens, das außer subversiven Energien freizusetzen auch eine tödliche Gefahr bergen kann – wie eine Droge, von der man nicht mehr loskommt, bis man sich schließlich den letzten Schuss setzt, absichtlich oder versehentlich.

Ich mag Kurzgeschichten sehr gern. Viele bevorzugen Romane, vielleicht weil man in ihnen tiefer und länger versinken kann. Ich kann euch aber versprechen, dass man in Steven Millhausers Kurzgeschichten hervorragend versinkt, sie sind auch sprachlich ausgezeichnet (dem Übersetzer Eike Schönfeld sei Dank). In einem lesenswerten Essay schreibt Steven Millhauser über die Kurzgeschichte:

„It’s also the realm of perfection. The novel is exhaustive by nature; but the world is inexhaustible; therefore the novel, that Faustian striver, can never attain its desire. The short story by contrast is inherently selective. By excluding almost everything, it can give perfect shape to what remains. And the short story can even lay claim to a kind of completeness that eludes the novel — after the initial act of radical exclusion, it can include all of the little that’s left.”

Wir haben es bei dem Autor offenbar mit einem Liebhaber der kurzen Form zu tun, die er außerdem perfekt beherrscht. Wer einige der Kurzgeschichten im Original lesen möchte, kann ja mal beim New Yorker ein bisschen reinlesen.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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5 Antworten zu Entdeckungsfreude: Steven Millhauser

  1. haushundhirschblog schreibt:

    Klingt sehr verlockend, liebe Petra. Wir haben die Spur aufgenommen …

  2. wortlandschaften schreibt:

    Hallo Petra!

    Vielen Dank für den Tipp! Den Film „The Illusionist“ mag ich auch. Hier kenne ich ein paar der Drehorte, was bei der Sichtung natürlich eine Art Wiedererkennungseffekt hervor- und Erinnerungen wachruft. Da Du den Film schon öfter gesehen und zur Imdb verlinkt hast, ist Dir vielleicht bekannt, dass der Film unter anderem in Prag gedreht wurde. Wie so oft im Film,
    wurde daraus dann eine andere Stadt, diesmal Wien. Das Theater, in dem Edward Norton seine Zauberstücke vorführt, ist das Divadlo na Vinohradech (Theater in den Weinbergen) und liegt direkt am Náměstí Míru (Friedensplatz), in dessen Zentrum eine wunderschöne Kirche steht. Auf der folgenden Webseite kann man sich dort etwas näher umschauen (Ein Klick auf „controls“ erklärt die Funktionsweise. Für das Innere des Theaters rechts auf „hlediště“ klicken.)
    http://www.virtual-zoom.cz/vin_div/index.html#

    Weitere Drehorte sind das märchenhafte Český Krumlov, das enge Gassen hat und durch das sich die Moldau schlängelt. Außerdem wurde noch im Schloss Konopiště gedreht. Vielleicht kannst Du Dich noch an die unzähligen Jagdtrophäen an den Wänden erinnern. Das sind keine Requisiten, wie an mancher Stelle behauptet, die für den Film dort aufgehängt wurden, sondern dort sieht es wirklich so aus. Das liegt an der – euphemistisch ausgedrückt – Jagdleidenschaft Franz Ferdinands, der in seinem Leben knapp 275.000 Wildtiere erlegt haben soll.

    Paul Giamatti, der ja in „The Illusionist“ neben Edward Norton spielt, habe ich kürzlich erst in „Barney’s Version“ gesehen. Ich habe mich köstlich amüsiert und mitgelitten. Durch den Film ist die Romanvorlage von Mordecai Richler („Wie Barney es sieht“) in den Fokus meines Interesses gerückt. Leider ist der Roman vergriffen und die gebrauchten Exemplare lächerlich teuer, so dass ich eventuell mal wieder in die Bibliothek gehen werde.

    Kurzgeschichten mag ich ebenfalls sehr gerne und auch Fantastisches kann da dabei sein. Jedes Genre hat seine Schätze. Ich lese momentan wieder kürzere Texte, allerdings Essays.

    Viele Grüße
    wortlandschaften

  3. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    Das sind ja prima Infos, lieben Dank!
    „Barney’s Version“ fanden wir übrigens auch hervorragend. Erst fängt er ja ganz lustig an, aber dann … Paul Giamatti ist wirklich ein guter Schauspieler.

  4. Lakritze schreibt:

    Ein guter Hinweis. Und, oweh, ein weiteres Feld zum Erforschen …

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