Slinkachus winzige Szenen

Kürzlich bekam ich Kleine Leute in der großen Stadt, einen Bildband mit Arbeiten des Künstlers Slinkachu geschenkt, den ich euch wärmstens empfehlen möchte.

Kleine Menschlein, Miniaturen – putzig, könnte man denken. Doch die kleinen Menschenfiguren, die Slinkachu irgendwo in der Großstadt installiert, sind viel mehr als das: Sie können traurig sein, tragisch gar oder gefährdet. Da sieht man beispielsweise eine Rettungsmannschaft in einem Boot, davor treibt eine Leiche im Wasser. Auf dem Foto daneben sehen wir, dass sich dieses kleine Drama auf einer Pfütze abspielt. Oder die Frau, die Wäsche auf die Leine hängt – auf dem zweiten Foto ist zu erkennen, dass diese Leine sich zwischen den Beinen einer Parkbank spannt. Ein Mann sitzt betrübt auf einem, wie es zunächst scheint, überdimensionierten Verlobungsring. Das Foto „in groß“ zeigt, dass der Mann winzig klein ist und der Ring auf dem Rand eines Brunnens liegt – sie hat „Nein“ gesagt. Manche Szenen sind sogar brutal, trotz ihrer zunächst immer irgendwie niedlichen Winzigkeit: Ein Mann ist von einer Sicherheitsnadel aufgespießt worden – das erinnerte mich an die lepidopterologische Gewohnheit, hübsche Schmetterlinge aufzuspießen. Andere Szenen wirken bedrohlich, wie jene, bei der ein Vater, das Gewehr auf ein im Verhältnis zu ihm übergroßes Insekt gerichtet, seine Tochter darüber aufklärt, dass dies kein Kuscheltier sei. Im Blog des Künstlers findet ihr einige weitere Fotos.

Diese Mikro-Installationen faszinieren mich sehr. Man meint, einen Überblick zu erhalten, wenn in die kleine Szene hineingezoomt wird, und ihn zu verlieren, wenn das nächste Foto die eigentlichen Größenverhältnisse zeigt und das kleine Drama unbedeutend in der Großstadt, in der Welt überhaupt zu werden scheint. Als ob sich das Gefühl der eigenen Bedeutungslosigkeit, die wir in trostlosen, verzagten Momenten fühlen, in den Figürchen manifestiere.

Mich haben die Arbeiten an die einer anderen Künstlerin erinnert, die ich sehr mag: Tinka Stock, die ebenfalls Szenen aus dem Leben en miniature und aus Fimo formt. Hier könnt ihr dazu ein paar Fotos sehen.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
Dieser Beitrag wurde unter Sehenswertes abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

19 Antworten zu Slinkachus winzige Szenen

  1. Michael Kieweg schreibt:

    Den Bildband habe ich mir gerade erst bei der Buchhändlerin meines Vertrauens besorgt. Ganz großes Kino…. Als Modellbauer finde ich die Installationen sehr inspirierend. Werde vielleicht mal Wikinger in Monschau auf Plünderzug schicken.

  2. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    Ich habe noch einen schönen Link zu dem Beitrag: http://kielarowski.com/the-little-people-project-gallery-by-slinkach – falls ihr mehr von Slinkachu sehen möchtet.

  3. haushundhirschblog schreibt:

    Das Faszinierende daran ist auch, dass man als Betrachter sozusagen gezwungen ist, genau hinzuschauen. Wie kalt uns manche dieser dargestellten Situationen „im Großen“ lassen. Und wie viel mehr sie uns beeindrucken durch diese reduzierte Darstellung. Das finde ich sehr interessant.

  4. Famos und faszinierend, die kleine Welt ganz groß! Danke für Deinen spannenden und inspirierenden Beitrag, liebe Petra. Die Perspektive lässt mich in Zukunft auch achtsamer einen Fuß vor den anderen setzen. Wer weiß, was sich neben meinen Laufsohlen oder unter der Brücke meiner klappernden Absätze gerade abspielt…

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ja, nicht wahr? : ) Soweit ich weiß, stellt er seine Figürchen meist in London auf – ich frage mich, wie lange die wohl bestehen bleiben, bevor jemand versehentlich darauf tritt.

  5. wortlandschaften schreibt:

    Tolle Idee(n)! Wie haushundhirschblog schon schrieb, ist es schon komisch, wie faszinierend auch die gewöhnlichen Darstellungen, also z.B. Arbeiter, die etwas wegtragen, durch dieses Schrumpfen erscheinen. Erstaunlich, was aus dem Rahmen fallende Größenverhältnisse da bewirken. Es entstehen eben manchmal doch ganz eigene Welten, obwohl sie sich scheinbar kaum von der „normalen“ unterscheiden. Witzig auch, was die Bilder teilweise erzählen. In der Szene mit der zerbrochenen Flasche sitzen und stehen Jugendliche mit Flaschen in den Händen auf selbiger, während die Oma die Scherben wegkehrt. Ich habe das Gefühl, da kommen noch welche hinzu.

    Das Einbinden von toten und lebenden Tieren finde ich sehr interessant. Das erinnert mich an einen von mir sehr verehrten Künstler und Pionier des Animationsfilms, Ladislas Starewitch.

    Der französische Film „Microcosmos – Das Volk der Gräser“ (http://youtu.be/76R2EKEnoJQ) erzeugt einen sehr ähnlichen Effekt, wie manche Szene in diesen Bildern. Er ermöglicht einen völlig neuen Blick in eine Welt, die man zu kennen glaubte, aber durch die extremen Nahaufnahmen und andere technische Hilfsmittel als neu empfindet. Dieser spezielle Blickwinkel macht wohl auch die „Little People“ so spannend.

  6. wortmeer schreibt:

    Das Büchlein steht bei uns auch im Regal. Es ist wunderbar.
    Gestern habe ich in diesem Fotoblog auch tolle Miniaturwelten entdeckt: http://kwerfeldein.de/index.php/2012/03/12/frank-kunert-fotografien-kleiner-welten/ Das/Ein Buch dazu: http://www.amazon.de/Frank-Kunert-Verkehrte-Welt-Debschitz/dp/3775721320/ref=sr_1_sc_1?ie=UTF8&qid=1331642622&sr=8-1-spell Dort sind zwar keine Menschen, aber sie stellen auf wunderbare Weise das Denken und Sehen auf den Kopf. Lassen die Welt neu betrachten. Ich finde die Inszenierungen auch toll.
    Liebe Grüße, Doreen

  7. wortlandschaften schreibt:

    Das freut mich wirklich sehr! Ich war auch total begeistert, als ich den Film das erste Mal gesehen hatte. Ich habe mir danach sämtliche Filme auf DVD zugelegt (Frankreich und USA). Mittlerweile ist das alles bei youtube zu sehen. Also wenn Du mal Zeit und Lust hast, dann kannst Du Dir auch den einzigen Langfilm dort ansehen, The Tale of the Fox (im Original „Le Roman de Renard“). Grandios! Die Kurzfilme sind auch wunderbar. Für mich ist Starewitch einer der größten Animationsfilmemacher überhaupt. Die Schreibweise
    seines Namens ist eine unendliche Geschichte, aber da ihn die Verwandtschaft als Ladislas Starewitch schreibt, habe ich das so übernommen.

  8. Bücherliebhaberin schreibt:

    Das sind ja alles ganz tolle Fotos, Links und Videos. Entdecke gerade eine neue Welt für mich! Vielen Dank für diese Inspiration.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Freut mich sehr, liebe Bücherliebhaberin : ) Ja, solche Inspirationen im Alltag kann man gut gebrauchen, um sich daran zu erinnern, dass es noch andere Welten neben den alltäglichen gibt.

  9. beatesauer schreibt:

    … wie schön, dass Du auch ein Slinkachu-Fan bist! Ich hatte das Buch „Kleine Menschen in der großen Stadt“ 2006 in Manchester entdeckt (auf Englisch – „Little people in the city“) und war sofort völlig fasziniert davon. Ich liebe die oft so surrealen Szenen, die Slinkachu mit den kleinen Plastikfiguren stellt. Für mich erhält die so „normale“ städtische Umwelt dadurch etwas Magisches. LG Beate

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Das ist wahr! Schade, dass man hierzulande solche Szenen nicht findet. Es würde für mehr Achtsamkeit beim Stadtbummel sorgen – und wie entzückt wäre man, wenn man unterwegs plötzlich eines der kleinen Stückchen entdecken würde!

  10. beatesauer schreibt:

    Ich merke gerade, ich habe mich in der Jahreszahl vertan. Es war 2008 als ich das Buch entdeckte 😉 . Ja, es wäre schön, plötzlich einmal auf eine Slinkachu-Szene zu stoßen. LG Beate

  11. Pingback: Seitengeschnetzeltes II | wortlandschaften

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s