Eine Generation in hundert Dingen

Jüngst las ich mit großem Vergnügen das reizend bebilderte Buch Hundert Dinge von Mirko Kussin und Tobias Wimbauer, das ich euch gern empfehlen möchte.

Die beiden Autoren sind der Ansicht, „dass eine Biographie einer Persönlichkeit zu schreiben schlichtweg unmöglich ist, dass aber eine Annäherung an das Ganze über Detailausleuchtungen denkbar ist. Details, aus denen als Bausteine zu einer Biographie gewissermassen mehr und mehr sich ein gültiges Bild formt. In Folge dieser Überlegung kamen wir zu der Überzeugung, dass ein Portrait, wenn nicht gar eine Soziologie unserer Generation, der im 1970er-Jahrzehnt Geborenen und in den 70ern und 80ern Sozialisierten, über ein Bündel von Bildern, von Details, von Umständen, von Dingen möglich ist. Oder frecher formuliert: dass es anders gar nicht geht.“ [Quelle: http://eisenhutverlag.wordpress.com/2011/12/29/hundert-dinge/]

Und so sind die hundert Dinge – von A wie Akkuschrauber bis Z wie Zombies – eine ganz persönliche Auswahl der beiden, die sie mit ihrer Beziehung, die sie zu dem jeweiligen „Ding“ haben, beschreiben. Ich selbst bin in den 1960ern geboren, dennoch lösten viele, ja die meisten der Beschreibungen bei mir einen hohen Wiedererkennungs- bzw. Identifikationswert aus. Vielleicht hätte ich als Getränk statt „Red Bull“ „Kokostee“ oder „Criss“, ein frühes Alcopopzeugs, gewählt, und statt Nasenhaarrasierer mein erstes und zugleich letztes Experiment mit einem Epiliergerät. Sicher dabei gewesen wären Senfgläser, die später zu Trinkgläsern werden. Aber ich stamme ja auch aus dem Jahrzehnt von „Mad Men“, einer Serie, die für mich einen ganz besonders hohen Wiedererkennungswert besitzt.

Mirko Kussin und Tobias Wimbauer

Sehr schön fand ich die Sache mit den Notizzetteln. Ich kaufe mir ebenfalls keine Notizbücher oder Blöcke für meine Notizen (nur Tagebücher, aber das ist ja etwas anderes), sondern schneide mir aus einstigen Ausdrucken DIN-A-5-große Blätter, die ich mit einer Klammer zusammenhalte und deren leere Rückseiten ich für Einkaufszettel und Listen aller Art nutze. Überhaupt stellt man beim Lesen der Hundert Dinge im Geiste eine Liste auf, welche hundert Dinge man selbst ausgewählt hätte. Ob das nur passiert, wenn man ein Fan von Listen ist? Unter dem Stichwort „Listen“ gibt es im Buch übrigens eine putzige Zusammenstellung aller möglichen Listen – und dazwischen „Odysseus“, herrlich! Besonders berührt hat mich der Eintrag: „Zum Schluß: Letzte Dinge“.

Ich frage mich, wie wohl Leute, die noch früher oder eben später geboren wurden, die Hundert Dinge lesen – denken sie öfter mal „Duziduzi“ oder gelegentlich sogar „Hä?“. Ich dachte weder das Eine noch das Andere und hätte noch ewig weiterlesen können – aber es sind eben (nur) hundert Dinge und nicht tausend. Vielleicht gibt es ja eine Fortsetzung? Ich würde sie lesen wollen!

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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13 Antworten zu Eine Generation in hundert Dingen

  1. Penelope schreibt:

    Habe schon einiges über dies Buch gelesen – hört sich alles ziemlich gut an! Ich werde es mir wohl kaufen und genießen …

  2. haushundhirschblog schreibt:

    Kokostee … … oh, eine ganze Welle der Erinnerungen wurde gerade in mir ausgelöst! 😉
    mb

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Hihi, hast du den auch getrunken, liebe mb? Das muss so ein Jugendding sein, dass man Aromatisiertes bevorzugt. Jedenfalls mag ich so was heute nicht mehr trinken, aber Tee immer noch sehr gern, nur eben „pur“,

  3. Dinggeschichten, die den biografischen Kosmos in Teilen, Fragmenten ausleuchten – das Buch interessiert mich! Danke Dir für Deinen anregenden Lektürehinweis. Den Band werde ich mir auch alsbald bestellen.

  4. sprachrhythmus schreibt:

    Reblogged this on Sprachrhythmus und kommentierte:
    Eine wirklich schöne Rezension zu den Hundert Dingen. Lesenswert!

  5. Valeat schreibt:

    Tolle Buchvorstellung, bin auf den Geschmack gekommen – vielen Dank!

  6. wortmeer schreibt:

    Danke für diesen Tipp, das hört sich sehr interessant an. Kommt gleich auf meine Liste.
    Liebe Grüße, Doreen

  7. Pingback: Mirko Kussin, Tobias Wimbauer über Hundert Dinge | Philea's Blog

  8. Pingback: Eine kleine Presse- und Blogschau « Sprachrhythmus

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