Zoologenscherz

„Apri, April“ heißt es morgen wieder und wie schon vor einem Jahr habe ich wieder einen schönen Streich für euch, in diesem Fall von einem Zoologen. Nämlich Bau und Leben der Rhinogradentia von „Professor Dr. Harald Stümpke“.

Auf dieses entzückende Werklein stieß ich im Rahmen meiner Recherchen für mein aktuelles Buch. So zitiere ich denn nun (Achtung, Premiere!) aus meinem noch unveröffentlichten und unfertigen Opüschen aus dem Unterkapitel „Wenn Literatur zum Leben erwacht“:

So geschah es beim Nasobem von Christian Morgenstern. Wir erinnern uns: „Auf seinen Nasen schreitet / einher das Nasobem“. Dieses merkwürdige Geschöpf, das sich per nasos statt per pedes fortbewegt, wurde natürlich von Morgenstern Ende des 19. Jahrhunderts „nur“ erdacht (deshalb steht es auch weder im Brehm noch im Meyer oder Brockhaus, sondern ‚trat aus seiner Leyer zum ersten Mal ans Licht‘).

Obwohl jeder weiß, es handelt sich um eine Erfindung, hat das possierliche Tierchen offenbar einige Wissenschaftler dazu inspiriert, das Ganze weiter zu spinnen: Inzwischen steht das Nasobem tatsächlich als Nihilartikel im Meyer und im Brockhaus. Der Zoologe Gerolf Steiner verfasste als „Professor Dr. Harald Stümpke“ sogar ein Buch über Bau und Leben der Rhinogradentia. Und zwar mit 12 Abbildungen, 15 Tafeln und einem ausführlichen Literaturverzeichnis. Die, selbstverständlich ebenfalls fiktiven, „Rhinogradentia“ oder „Naslinge“ seien, so ist in der Einleitung zu lesen, „erst in allerjüngster Zeit entdeckt worden“, da „ihre Heimat, die Südsee-Inselgruppe Heieiei (in angelsächsischer Schreibweise Hi-Iay), bis zum Jahre 1041 unentdeckt“ geblieben sei. [ Stümpke, Harald: Bau und Leben der Rhinogradentia. Mit 12 Abbildungen und 15 Tafeln, Gustav Fischer Verlag, Stuttgart 1961, S. 1.]

Im Nachwort schreibt Gerolf Steiner, dass sich weder die Inselgruppe noch die Naslinge je weiter erforschen lassen werden, da aufgrund atomarer Sprengungen das Heieiei-Archipel inzwischen im Meer versunken sei. Leider auch die „internationale Studienkommission zur Erforschung des Archipels“, der „die Mehrzahl der in diesem Werk genannten Forscher“ angehört hätte. [Ebd., S. 85.] So wohl auch Bleedkoop (schon der Name!), der in Das Nasobemproblem der Frage nachgegangen sei, wie Morgenstern zu der genauen Schilderung der Naslinge in der Lage gewesen sein konnte, da dieser ja bereits lange vor deren Entdeckung ein Gedicht über sie schrieb. Stümpke indessen beschreibt 26 Gattungen der Naslinge, darunter den Urnasling, der noch auf vier Beinen laufe und seine Nase als Stütze nutze, einige Nasenhopfe, die häufigsten Rhinogradentier, die sich auf ihren Nasen springend fortbewegten, Vielnasen-Naslinge, zu denen auch Morgensterns Nasobem zähle, oder auch den Tyrannonasus.

Niemand wird sich von diesem Werk ernsthaft betrogen fühlen, im Gegenteil: Wir freuen uns über die Blüten, die Morgensterns Idee getrieben hat, über das fantasievolle „Was-wäre-wenn“ des Zoologen, das Wissenschaftlern und Literaturfreunden gleichermaßen Spaß macht. Insgesamt haben wir es hier mit einem schönen Beispiel für den intelligenten und sehr kreativen Humor der Zoologen zu tun. Und mit einem amüsanten Beispiel dafür, wie Literatur zum Leben erwachen kann, wenn auch, wie in diesem Fall, wieder nur auf dem Papier.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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11 Antworten zu Zoologenscherz

  1. Uwe Sommer schreibt:

    Jetzt bin ich neugierig auf Dein neues Buch.

    @dasUSo

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      : ) Freut mich. liebes USo, aber ein wenig musst du deine Neugier noch bezähmen, wie gesagt, ich bin noch nicht fertig. Ist wieder sehr rechercheintensiv. Aber es macht großen Spaß!

  2. flattersatz schreibt:

    Sehr schön. Erinnert mich natürlich auch sofort an Petrophaga lorioti, die es ja zu einiger Berühmtheit und auch den Einzug in renommierte medizinischen Nachschlagwerke schaffte. Danke für den schönen Beitrag und noch einen schönen Sonne(en)tag wünsch ich dir/euch!

  3. Lakritze schreibt:

    Die Alma Mater des Herrn »Stümpke« war über das Erscheinen des Büchleins not amused; er hat wohl einigen Ärger bekommen. Waren wohl ernsthaftere Zeiten. Auf jeden Fall empfehlenswerte Lektüre.

  4. Was so alles fleucht und kreucht, im Leben wie auf dem Nährboden der Literatur. Und Herr „Professor Dr. Stümpke“ – der Name, laut ausgesprochen, spricht für sich, herrlich! Loriot hätte sein Vergnügen gehabt, ich, wir, Deine Leserinnen und Leser haben es ebenso. Auf Dein neues lebendiges Buch freue ich mich jetzt schon jetzt, liebe Petra!

  5. belmonte schreibt:

    Ist eigentlich der Beweis erbracht, dass es sich bei den Rhinogradentia tatsächlich um einen Zoologenscherz handelt? Nur weil heute der 1. April ist? Bekanntlich hat ja auch Alexander der Große so einige seltsame Wesen – Akephale, Rüsselmenschen, Erdgnome usf. – auf seinen Feldzügen getroffen, und wer würde sich erdreisten, ihn einen Betrüger zu nennen.

  6. Pingback: Mehr Zoologenscherze | Philea's Blog

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