Da ist eine Mumie in der Bibliothek!

Gerade las ich das kleine, aber feine Büchlein Theorie und Praxis der Bibliotheksmumie. Überlegungen zur Eschatologie der Bibliothek von Eric W. Steinhauer. Der Autor, von dem übrigens auch die wunderbare Vampyrologie für Bibliothekare stammt, hat diesmal wieder aus seiner Halloween Lecture ein lesenswertes Buch mit vielen Abbildungen, Anmerkungen (die übrigens genauso interessant sind wie der „Haupttext“) und einem umfangreichen Literaturverzeichnis gemacht.

Darin geht es um Mumien in Bibliotheken, aber weniger als „bloße Skurrilität oder morbide Zierde“, sondern im Blick auf ihr ‚erstaunliches mediales Potenzial‘ [Theorie und Praxis der Bibliotheksmumie, S. 1]. Und es finden sich (bzw. der Autor findet) in der Tat erstaunlich viele Mumien in Bibliotheken der Gegenwart und Vergangenheit. Frühe Bibliotheken ergänzten zuweilen mit Kunst- und Wunderkammern das in Büchern Beschriebene oder Abgebildete um Konkretes, genauer zu Betrachtendes, ja Berühr- und Spürbares, was den Erfahrungshorizont über das Buch hinaus erweiterte. Im 19. Jahrhundert entstanden Museen „als eigenständige Gedächtnisinstitutionen“, doch interessanterweise seien „nahezu alle Mumien, die wir bis heute in Bibliotheken finden, […] erst im Laufe des 19. Jahrhunderts, teilweise sogar noch später dorthin gelangt“ [S. 46].

Die Mumie in Bibliotheken könnte man als Vanitas-Symbol deuten, aber darüber hinaus ‚versinnbildliche‘ sie „die faszinierende Eigenschaft von Büchern, Menschen über ihre eng begrenzte Lebenszeit hinaus […] im kulturellen Gedächtnis der Nachwelt lebendig zu halten“ [S. 41]. Eric W. Steinhauer weist auf die medialen Aspekte der Mumien hin, die oft von beschrifteten Materialien begleitet seien (Sarkophag, Mumienbinden, Totenbuch), darauf, dass früher „Mumienbinden, mitunter auch ganze Mumien zu Papier verarbeitet“ [S. 57], also selbst zu Trägerinnen von Texten wurden, sowie auf den medialen Aspekt der Mumie selbst als eine Art „Buch, das regelrecht gelesen und studiert werden kann“ [S. 65], was Hinweise auf Lebensumstände und vieles mehr betrifft.

Recht hat er, wenn er sagt, dass „unsere postmortale Existenz“ vor allem „medial“ sei und ‚meist in Bibliotheken oder Archiven stattfinde‘ [S. 77]. Denken wir nur beispielsweise auch an alte Fotoalben oder Briefe und Tagebücher unserer Lieben, die wir nach ihrem Tod aufbewahren, um uns an sie zu erinnern. Und er folgert, „dass Bibliotheken und Mumien letztlich nur zwei verschiedene Weisen“ seien, „die Zeit zu dehnen und dem Menschen kraft seiner eigenen kulturellen Anstrengung so etwas wie Ewigkeit und Unsterblichkeit zu schenken“ [S. 85].

Ein schönes Büchlein, das ich allen empfehle, die sich auch für ungewöhnliche Aspekte bibliothekarischer Praxis interessieren.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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9 Antworten zu Da ist eine Mumie in der Bibliothek!

  1. Jarg schreibt:

    Steinhauer ist Kult!!

  2. haushundhirschblog schreibt:

    Ein skurriles Thema, sicher genau richtig für uns. Danke, liebe Petra, es kommt auf unsere Bücherliste.

  3. dieseitenspinnerinnen schreibt:

    Das klingt wirklich interessant. Ich habe viel übers 19. Jhr recherchiert und mochte vor allem die Party-Mumie sehr, die bei Gesellschaften als abendliches Überraschungsei ausgewickelt wurde. LG und schöne Ostern von Mila

  4. Lakritze schreibt:

    Wunderbar; das will ich haben! (Das Buch, nicht eine Mumie als memento wasauchimmer zwischen meinen Büchern.) Jeremy Bentham, ähm, lebt!

  5. Pingback: Was Friedhöfe und Bibliotheken gemeinsam haben « Biothek

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