Ein unglaublicher Schwindel?

Heute möchte ich euch das fesselnde und hochinteressante Buch Der Mona Lisa Schwindel empfehlen. Darin erzählt die Kunsthistorikerin Deborah Dixon eine unglaubliche Geschichte um die echte Mona Lisa und einige falsche. Passt ja gut, war doch erst neulich wieder eine Gioconda im Gespräch, die eigentlich hübscher und frischer wirkt, als das uns bekannte Original. Das Buch ist in der Reihe „Die andere Bibliothek“ im Eichborn Verlag erschienen und entsprechend wunderschön anzusehen und anzufassen, mit Schuber und Lesebändchen.

Es fängt schon gut an (geradezu klassisch, falls man das Ganze lieber für eine Verschwörungstheorie halten möchte), in ihrem Vorwort versichert die Autorin: „Diese Geschichte ist wahr“ (S. 5). Das Material für die Story, die sie uns bietet, erbte sie von ihrer Freundin Laura, mit der „Verpflichtung, sie aufzuschreiben und jetzt, zehn Jahre nach ihrem Tod, der Öffentlichkeit zu übergeben“ (ebd.). Da ihr die Story beim Schreiben selbst unglaublich vorgekommen sei, habe sie alles überprüft und sei zu dem Schluss gelangt, dass ihre Freundin nichts erfunden habe.

Nun denn, zur Story: Der Kunsthändler Valfierno verkauft seinen Kunden gern grandiose Kunst, allerdings nicht unbedingt von Raffael, Corregio oder anderen großen Malern, sondern von einem gewissen Yves Chaudron, einem talentierten Fälscher. Der allerdings nicht plump fälschte, sondern ähnlich wie Beltracchi „im Stile von“ malte, also quasi das Oeuvre der Künstler ergänzte. Valfierno hat diesmal einen besonderen Coup geplant: Chaudron soll vier Kopien der Mona Lisa malen. Er selbst will die Mona Lisa stehlen und mehreren begüterten Sammlern das „Original“ zum Kauf anbieten. Millionären, die wahrscheinlich eine Passage auf der „Titanic“ buchen werden, um die Jungfernfahrt des Luxusdampfers mitzuerleben.

Plötzlich mischt sich die Autorin in die romanhaft erzählte Handlung und erklärt, es handle sich hier um „die ersten Szenen eines Drehbuchs, an dem Erich Maria Remarque gemeinsam mit Orson Welles im Herbst 1942“ (S. 25) geschrieben habe, und plaudert ein bisschen über das Projekt, das leider nie realisiert worden sei. Diesen Entwurf jedenfalls habe Remarque Laura geschenkt – so also ist die Autorin in dessen Besitz gekommen.

Dann geht es weiter mit der Romanhandlung, die ja kein echter Roman, sondern echt sein soll, und immer wieder verschlingt die Autorin die Story mit autobiographischen Einsprengseln und historischen Begebenheiten, zum Beispiel um den us-amerikanischen Geldadel (Gould, Vanderbilt, Morgan et al.), mit weiteren Geschichten, etwa über die wahre Herkunft des Wortes Kubismus (von KUB, einem Suppenwürfel von Maggi), darüber, was wirklich mit Hemingways am Bahnhof verschwundenen frühen Manuskripten geschah, oder wie ein Medienmogul einen Krieg initiierte und so vielem mehr, dass man immer wieder recherchieren will, ob es sich wirklich so zugetragen hat, wie Deborah Dixon behauptet.

Valfierno jedenfalls gelingt sowohl der Diebstahl als auch der Verkauf der vier Fälschungen an John Pierpont Morgan, Benjamin Guggenheim, John Jacob Astor IV. und Natalie Barney. Drei der Mona Lisas werden tatsächlich auf der „Titanic“ reisen – und mit ihr untergehen. Der Raub ist natürlich ein Skandal, während dessen auch Apollinaire und Picasso in ein verdächtiges Zwielicht geraten. Und um diesen etwas abzukürzen, beschließt man, einen „Dieb“ zu „überführen“ und eine Kopie der Mona Lisa aufzuhängen, bis der wahre Dieb gefunden ist und das Original wieder aufgehängt werden kann. Mehr dazu auch hier.

Jahre später lernt Valfierno in Havanna Laura kennen, heiratet sie und geht mit ihr nach New York. Lauras Eltern sind mit der „Titanic“ untergegangen. Deborah Dixon lernt sie 1928, vor ihrer Ehe mit Valfierno, kennen und sie freunden sich an. Die Autorin stammt aus wohlhabenden Verhältnissen und lässt Laura daran teilhaben – am Leben im Haus am Gramercy Park, am Umgang mit den Reichen und Schönen. Die gelehrige Laura fügt sich bestens in die Society ein. Schließlich kehrt sie von einer Reise zurück als Mrs de Valfierno. Im weiteren Verlauf treten auf: Mae West, Remarque, Hemingway, die Dietrich, Gary Cooper und derley Berühmtheiten mehr, es geht nach Hollywood und schließlich auf eine Party zu Valfiernos 60. Geburtstag, die mit einem Knaller – was die Mona Lisa betrifft – endet.

Wow! Wenn ich übrigens hier und da recherchierte, fand ich häufig heraus, dass die Autorin tatsächlich Recht hatte. Manchmal fand sich nichts weiter zum Thema, beispielsweise zu ihrer Beziehung mit Mae West, und manchmal war das, was ich fand, zwar ziemlich nah an dem, was sie erzählt, aber so ganz scheint doch nicht alles zu stimmen. Egal: Es ist ein aufregendes Pasticcio aus Erlebtem, Wahrem und vielleicht auch Erfundenem, ein packend geschriebenes Buch für alle, die sich für Kunst und/oder Verschwörungstheorien begeistern können.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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20 Antworten zu Ein unglaublicher Schwindel?

  1. Lakritze schreibt:

    Klingt spannend. Obwohl — die Korrekturleserin in mir würde dem Titel gern ein, zwei Bindestriche spendieren …

  2. haushundhirschblog schreibt:

    Klingt sehr spannend, liebe Petra, wir werden uns das Buch besorgen müssen … und spendieren dann auch mindestens einen Bindestrich 🙂

  3. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    Für die Spendenaktion: – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

  4. dieseitenspinnerinnen schreibt:

    Klingt witzig. Vielleicht solltest du dir mal den Film „F wie Fälschung“ von Orson Welles anschauen. Nein, der basiert nicht auf einem Drehbuch von ihm mit Remarque. Ein vielleicht dokumentarischer Film über Elmyr de Hory, der u.a. Modigliani oder Picasso fälschte und verkaufte. Seine Werke konnten selbst Experten nicht von den Originalen unterscheiden. Dann will ein Schriftsteller, Clifford Irving, eine Biografie schreiben und die Wahrheit aufdecken. Allerdings scheint auch Irving eine Biografie gefällscht haben… Ziemlich irre. LG Mila

  5. buchstabenchaos schreibt:

    Von mir gibt es auch einen Bindestrich: -! 🙂 Vielen Dank für die Rezension, das Buch ist gerade auf meiner Liste gelandet!

  6. Pingback: Zeitungsfrühstück, Folge 47 | Philea's Blog

  7. Jens schreibt:

    Zu den im Buch beschriebenen Schwindeleien läßt sich noch eine weitere interessante Ebene hinzufügen: Die angebliche Autorin Deborah Dixon läßt sich nirgendwo finden.
    Eine Dame, die Kunsthistorikerin sein sollte und nach den im Buch erzählten Anekdoten enge Kontakte zum amerikanischen Geldadel besaß, sollte doch zumindest als Randnotiz in irgendwelchen Dokumenten zu finden sein.
    Tatsächlich scheint sie jedoch außerhalb des Eichborn-Verlages nicht zu existieren.
    Verdächtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass Werner Fuld, der das Nachwort zu diesem Buch schrieb, auch Bücher mit erfundenen Anekdoten veröffentlicht hat.

    Zum Hintergrund des Buches ist vielleicht dieser Artikel ganz interessant: http://monalisadocumentary.blogspot.de/2012/06/80-years-ago-today-birth-of-phony.html

  8. flattersatz schreibt:

    ich bin so gut wie fertig mit dem buch, das mir sehr gefällt, eine klasse geschichte. stutzig werde ich bei ein, zwei details der geschichte, die nicht wirklich zusammenpassen und natürlich habe auch ich nix über deborah dixon im internet gefunden….

  9. Klingt sehr spannend und geheimnisvoll, auch die Geschichte mit der Autorin. Sie ist ja eigentlich eine tolle Sängerin http://youtu.be/nwImh9X8So8 und nun schreibt sie auch noch nebenbei tolle Bücher und macht sich künstlich älter, also sowas.
    Werner Fuld, der Herausgeber, kennt übrigens, soweit ich das weiß, Andreas Thalmayer, der wiederum eine wunderbare Gedicht-Anthologie über Wasserzeichen veröffentlichte. Ist zwar schon was her, war aber auch in der Anderen Bibliothek. Also Zufälle gibt es…
    Liebe Grüße vom amüsierten Kai

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