Von Leselust und Lesefrust

Heute möchte ich euch eine meiner Reiselektüren empfehlen: Wie ein Roman von Daniel Pennac. Manche von euch kennen vielleicht seine beliebten Malaussène-Romane. Wie ein Roman ist allerdings kein Roman, sondern eine Art Gebrauchsanweisung, wie man vom Lesefrust wieder zur Leselust finden kann bzw. andere (Kinder, Jugendliche) dazu bringt, das Vergnügen an der Lektüre (neu) zu entdecken.

Dazu erzählt Daniel Pennac einfach von seinen eigenen Erfahrungen als Vater und als Lehrer und plädiert für das Lesen um seiner selbst willen. Das Dogma des Lesen-Müssens oder die Forderung nach Interpretationen, Zusammenfassungen etc. würde den Kindern und Jugendlichen die eigentlich angenehme Beschäftigung des Lesens zu einer Anstrengung machen, die Vorschriften durch Lehrpläne ihre Lesefreude beschneiden. Um sie wieder zum Lesen anzuregen, solle man nichts verlangen, sondern sich auf „Zweckfreiheit, die einzige Währung der Kunst“ besinnen (S. 38).

„Aber wir, die gelesen haben und angeblich die Liebe zum Buch verbreiten wollen, betätigen uns statt dessen allzuoft als Kommentatoren, Interpreten, Analytiker, Kritiker, Biographen, Exegeten von Werken, die durch unser pietätsvolles Zeugnis von ihrer Größe stumm geworden sind. In die Festung unserer Sachkenntnis eingeschlossen, wird die Stimme der Bücher von unserer Stimme übertönt. Anstatt den Geist des Textes aus unserem Mund sprechen zu lassen, verlassen wir uns auf unseren eigenen Geist und sprechen über den Text.“ (S. 105)

Da ist was dran. Mit gelehrtem Gerede über ein Buch werde ich einen Nicht-Leser kaum von dessen Qualität überzeugen können. Als Lehrer versucht er eine Klasse wieder für das Lesen zu gewinnen, indem er nur vorliest. Die Jugendlichen müssen nichts tun, keine Zusammenfassung schreiben, keine Fragen beantworten, nur zuhören. Und es funktioniert. Man habe „vergessen, daß ein Roman zunächst einmal eine Geschichte erzählt“ (S. 129). Sein Plädoyer für das Lesen ohne Gegenleistung findet er durch sein Experiment bestätigt, die Jugendlichen beginnen, von selbst zu lesen, interessieren sich für die Autoren, erkennen ihre „Stimmen“ – und haben sogar Spaß daran, über Literatur zu sprechen. Pennac betont: „daß sie darüber sprechen, kann sich als sehr nützlich herausstellen, aber es ist kein Selbstzweck. Der Zweck ist das Werk.“ (S. 154) Genau.

In diesem Sinne entwirft er noch die zehn Gebote des Lesens, er nennt sie die „unantastbaren Rechte des Lesers“, darunter auch das, nicht zu lesen, Seiten zu überspringen, nicht zu Ende zu lesen oder auch, darüber zu schweigen.

Ich musste beim Lesen an einen Artikel denken, in dem es um einen Amazon-Kritiker ging, der wegen gewisser Vorkommnisse keine Kritiken mehr für Amazon verfasst. Der lesenswerte Artikel endet mit seinen Worten: „Eigentlich wollte ich nur lesen.“ Ja, darum sollte es in erster Linie gehen. Wenn man die Freude über einen Roman teilen möchte, schön. Aber die Empfehlung oder Kritik sollte nicht der Zweck des Lesens sein und sich auch nicht wichtiger nehmen als sie das Gelesene nimmt.

Professionelle Rezensionen haben durchaus ihre Berechtigung, sie sind hilfreiche Wegmarken im unüberschaubaren Feld der Literatur und ich lese sie (meist) ganz gern. Allerdings hoffe ich, dass nicht alle professionellen Rezensenten der Ansicht sind, wie die im Artikel zitierte Kritikerin. Sonst müsste man sich als Leser fragen, warum man die Rezensionen von Leuten lesen sollte, die ansonsten nichts mit „gewöhnlichen“ oder „begeisterten“ Lesern zu tun haben wollen und lieber um sich selbst und die Ihren kreisen. Für wen wurde denn geschrieben? Die Bücher für Leser, die Rezensionen für …?

Ich glaube, Pennacs Buch gefällt mir deshalb so gut, weil es ihm um die Freude, das Glück geht, das uns das Lesen bringen kann – genau wie mir. Manchmal teilen wir es, aber wir haben auch das Recht zu schweigen.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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7 Antworten zu Von Leselust und Lesefrust

  1. durchleser schreibt:

    Ein sehr schönes, ja gutes und wichtiges Buch! Und das Beste sind einfach die „unantastbaren Rechte des Lesers“. Mehr dazu auch hier unter: http://durchleser.wordpress.com/2010/04/23/durchgelesen-wie-ein-roman-v-daniel-pennac/

  2. beatesauer schreibt:

    Das Buch hört sich sehr interessant an. Danke für den Tipp! Ja, ich denke auch, lesen soll zuallererst Freude bereiten. Und Kindern zu suggerieren, dass sie lesen „müssen“ ist ganz bestimmt eine erfolgreiche Methode, um es ihnen zu vergällen. LG Beate

  3. buechermaniac schreibt:

    Als Kind hat man keine Rezensionen gelesen, jedenfalls nicht zu meiner Zeit. Man hat gelesen, was einem gefallen hat. Unsere Lehrerin hat uns manchmal einfach aus einem Buch vorgelesen, vor allem während dem Zeichenunterricht. Später, in der Gewerbeschule hat unser Französischlehrer das gleiche mit Musik angestellt. Ist sicher leichter, das Interesse für Musik als für Bücher zu wecken. Wenn wir die Tonbänder im Sprachlabor reinigen mussten, legte er uns als Belohnung Platten auf, die er aus Amerika mitgebracht hatte. So lernten wir bsp.weise die Musik von J.J. Cale kennen, bevor er noch in den Hitparaden hierzulande gespielt wurde. Ich glaube, die meisten von uns mochten beides zu seiner Zeit, das Vorlesen und die Musik.

    Einen schönen Urlaub
    buechermaniac

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Das ist wahr, liebe Büchermaniac, Rezensionen lus ich damals auch nicht. Aber natürlich gab es den Lehrplan, der verschiedene Lektüren vorschrub. Mir gefielen sie eigentlich meist sehr gut, aber lesen war ja auch nicht mein Problem. Aber dieses endlose Cäsar-Übersetzen in Latein ging mir maßlos auf den Wecker. Richtig gut dagegen gefielen mir Ovids „Metamorphosen“. Da wurde dann auch prompt meine Latein-Note besser ; )

  4. Pingback: Das Recht, ein Buch nicht zu Ende zu lesen - Buzzaldrins Bücher

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