Mirko Kussin, Tobias Wimbauer über Hundert Dinge

Nachdem ich euch kürzlich die Hundert Dinge von Mirko Kussin und Tobias Wimbauer empfohlen habe, konnte ich die beiden Autoren für ein kleines Interview gewinnen:

Beim Lesen hatte ich das Gefühl, dass ihr beide euch sehr gut versteht. Wie kamt ihr darauf, gemeinsam dieses Buch zu schreiben, entstand die Idee aus eurer Freundschaft bei einem gemütlichen Abend?

Mirko Kussin: Die Idee zu diesem Projekt hatte Tobias. Und er ging wohl auch schon länger damit schwanger. Irgendwann fragte er mich via Facebook, ob ich nicht Lust an einem gemeinsamen Projekt hätte und stellte es mir ein paar Tage später per Mail ausführlich vor. Als großer Fan der deutschen Pop-Literatur der 1990er Jahre war ich sofort begeistert und sah das riesige Potenzial. Bemerkenswert und typisch für die gesamte folgende Arbeit an dem Buch war die Tatsache, dass Tobias und ich uns zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich aus der virtuellen Welt kannten. Wirklich getroffen hatten wir uns bis dato nur wenige Male. Und so verlief dann auch der komplette Austausch über die Texte der Hundert Dinge via Mail, Facebook und Twitter.

Tobias Wimbauer: Das Buch schwebte mir schon seit der Verlagsgründung vor drei Jahren vor, eine zunächst gedachte Autorenkombination passte nicht, aber das war gut, denn als ich wieder einen Text von Mirko las, biss ich mir auf die Lippe und dachte: warum bin ich nicht gleich drauf gekommen. Die Zusammenarbeit war großartig und intensiv. Es ist riesig, wenn man mit jemandem zusammenarbeitet, der genauso begeistert von einer Idee ist wie man selbst.

Natürlich denkt man beim Lesen auch an Florian Illies Generation Golf – hattet ihr das Buch auch im Sinn, zum Beispiel, um etwas ganz anderes zu machen?

Mirko Kussin: Ich mag Generation Golf sehr gern. Die dort gedroppten Namen, Produkte und Fernsehsendungen sind ins kollektive Bewusstsein übergegangen. Wetten dass, Nutella, Playmobil. Kennt jeder, hat jeder Assoziationen und Erinnerungen zu, ist dadurch auch ein wenig vorhersehbar und langweilig. Ich habe versucht immer eine persönliche Komponente in meine Texte zu bringen. Beim Text über den Commodore 64 geht es halt nicht um Summer Games, den Competition Pro und Zak McKracken, sondern um mein Gefühl, immer etwas zu spät zu sein. Ich wollte wirklich meine Sicht auf die Dinge wiedergeben. Nicht die Sicht meiner Generationsgenossen auf diese Dinge.

Tobias Wimbauer: Illiessens Buch schwebte immer um uns rum, denn wir wollten keinen Generation-Golf-Klon schreiben, und eben nicht über die Generation schreiben, sondern über Dinge und über uns. Mit dem Plan, dass daraus ein Bild der Generation sich formt.

War es schwer, eine Liste mit hundert Dingen zu erstellen, sich auf hundert Dinge – also fünfzig für jeden – zu beschränken? Musstet ihr euch abstimmen, damit ihr nicht versehentlich zu oft über die gleichen Dinge schreibt? Wie habt ihr das in einem solchen Fall „aufgeteilt“?

Mirko Kussin: Es war durchaus geplant und gewollt, dass es zu Überschneidungen kommt und ich finde es durchaus spannend ein Ding aus verschiedenen Perspektiven betrachtet zu erleben, wie es etwa bei den Tagebüchern der Fall ist. Die Auswahl der Dinge war ein Prozess, der parallel zum Schreiben ablief. Ich habe während der Textproduktion ständig an Dinge gedacht, sie auf eine große Tafel in unserer Küche geschrieben und gesammelt. Als ich 50 Texte geschrieben hatte, standen immer noch eine ganze Reihe Begriffe auf der Tafel, die es irgendwie nicht ins Buch geschafft haben.

Tobias Wimbauer: In der Auswahl der Themen war jeder von uns souverän. Es bedurfte keiner Begründungen. Manche Dinge sind deswegen auch zwiefach vertreten im Buch, „Tagebücher“ zum Beispiel. Das ist so gewollt.

Kommen zu euren Lesungen vor allem Leute eurer Generation oder auch deutlich ältere oder jüngere? Falls ja, wie reagieren sie auf eure Texte?

Mirko Kussin: Ich denke, das Publikum ist buntgemischt. Denn die beschriebenen Dinge sind ja nicht exklusiv von unserer Generation beschlagnahmt. Zu Tagebüchern haben auch ältere Menschen eine Stimmung, eine Erinnerung, einen Gedanken. Und der Nasenhaarschneider ist nun wirklich generationsübergreifend.

Wird es eine Fortsetzung der Hundert Dinge geben?

Mirko Kussin: Wenn die Leser es so wollen, warum nicht? Momentan geht es aber erst einmal darum, die Hundert Dinge unters Volk zu bringen und Lesungen zu organisieren. Und dann liegt da auch noch ein halbfertiges und bereits förderpreisgekröntes Roman-Manuskript auf meinem Rechner, das fertiggestellt und verkauft werden will. Aber die Arbeit an den Hundert Dingen hat so viel Spaß gemacht, es wäre eine Schande, dieses Projekt nicht weiterzuführen.

Tobias Wimbauer: Wir werden auf jeden Fall beide nicht plötzlich den Rimbaud machen und mit dem Schreiben aufhören. Es gibt noch so viele Dinge, über die geschrieben werden muss! Kurz: ja, es wird eine Fortsetzung geben, sei es tatsächlich als zweiter Band, oder sei es in anderer Gestalt. Bei mir steht zunächst das Kochbuch an, dann sind für den Winter das Katzenbuch und die Traumtagebücher geplant. Und der dritte Band der Helmstagebücher, und … und … herrjeh!

Ich danke euch herzlich für eure Antworten und wünsche den Hundert Dingen noch viele hunderte, oder besser tausende Leserinnen und Leser!

 

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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2 Antworten zu Mirko Kussin, Tobias Wimbauer über Hundert Dinge

  1. buchstabenchaos schreibt:

    Je öfter ich etwas über „Hundert Dinge“ lese, desto neugieriger werde ich. Das tolle Interview trägt da auch sehr dazu bei, ich finde es immer wieder interessant, zu lesen, wie Autoren auf ihre Ideen kommen und wie der Arbeitsprozess war. Gerade wenn mehr als ein Autor involviert ist stelle ich mir das zum Teil sehr nervenaufreibend vor (zumindest wäre es das wenn ich daran beteiligt wäre…;)). Ich bin mal gespannt auf „Hundert Dinge“ und auch darauf, ob es dann eine Fortsetzung geben wird oder nicht. Danke für das Interview!

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