Erinnerung und Selbsttäuschung

Eine liebe Twitter-Freundin schenkte mir bei unserem ersten Treffen The Sense of an Ending von Julian Barnes. Ein kleiner, hervorragender Roman über Erinnerungen, den ich euch sehr empfehlen möchte!

Wenn wir an frühere Zeiten denken, dann am liebsten an die guten. Die schlechten würden wir vielleicht sogar ganz gern vergessen, die peinlichen Momente, die unüberlegten Handlungen, Dinge, die wir einst taten und heute bedauern. Manchmal vergessen wir sie tatsächlich. Nämlich, indem wir unsere Erinnerung ein wenig „vergolden“, uns im Nachhinein eine Entschuldigung für etwas eigentlich Unentschuldbares zurechtlegen, eine Rechtfertigung, die das Geschehene zu unseren Gunsten verbiegt.

Genau darum geht es in The Sense of an Ending/Vom Ende einer Geschichte. Der Erzähler Tony Webster beginnt mit Erinnerungsschnipseln, die er auflistet und die zunächst keinen Sinn zu ergeben scheinen – außer natürlich für ihn. Aus den Schnipseln und den Geschichten, die damit zusammenhängen, formt sich peu à peu sein Leben. Ein mittelmäßiges Leben mit den üblichen Höhen und Tiefen, mit mittlerem beruflichen Erfolg, Ehe, einer Tochter, einer Scheidung, aber im Guten, und nun ein recht gemütlicher Lebensabend. Dabei hatte man sich als Jugendlicher doch mehr vom Leben erhofft: dass es so aufregend sein sollte wie Literatur, dass etwas passieren sollte, das dieses Leben von allen anderen unterscheidet, es zu etwas Besonderem macht.

Und es ist tatsächlich etwas passiert, das sich allerdings erst Jahre, nachdem es sich zutrug, dem Erzähler enthüllt. Tony erbt Geld und ein Tagebuch seines Jugendfreundes Adrian Finn, den er sehr bewunderte, ausgerechnet von der Mutter seiner Ex-Freundin Veronica. Jener Ex-Freundin, die sich nach ihrer Beziehung Adrian zuwandte. Dieses ungewöhnliche Erbe ist der Anlass für Tony, die Ereignisse von damals noch einmal Revue passieren zu lassen. Veronica will das Tagebuch partout nicht herausgeben – man trennte sich nicht gerade herzlich, im Gegenteil. Tatsächlich schrieb Tony eines Abends, als er zu viel trank, einen Brief an Veronica und Adrian, in dem er seinem ganzen Frust und seiner Wut Luft machte. Wie schlimm dieser Brief war, hat er verdrängt – oder wegen des Alkohols einfach vergessen. Was nach dem Brief mit Veronica, Adrian und Veronicas Mutter geschah, entdeckt er gemeinsam mit dem Leser, der dem Verlauf dieser so harmlos beginnenden Geschichte mit wachsender Spannung folgt.

Sehr interessant fand ich auch die Bezüge Leben – Literatur und natürlich das Verhältnis von Lebensentwicklungen und die Erinnerungen daran. Erst in der Retrospektive ergibt alles einen Sinn. Den, den wir allem verleihen.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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9 Antworten zu Erinnerung und Selbsttäuschung

  1. Cadann schreibt:

    Danke auch dafür- für Zusammenfassung und Gefallen!
    Und: Es ist vor allem, WIE Julian Barnes das und davon erzählt, was The Sense of an Ending schon nach den ersten paar Seiten, eigentlich bereits nach den vorangestellten Motiven, zu einem meiner Lieblingsbücher werden ließ. Nicht reißerisch, matter-of-fact, keine Schnörkel, in denen er sich (wie in offenen Schnürsenkeln) verhedderte. Er „post“ nicht, er erzeugt über den Weg des Sachlichen die unglaublichsten Gefühle. Eigentlich kann er schreiben, worüber er will- mich packen sein Stil und sein Ton.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Das stimmt, liebe Cadann, er hat klugerweise einen kleinen Roman daraus gemacht und die Story nicht zum fetten Schmöker aufgebläht. Kennst du „Flaubert’s Parrot“? Das gefiel mir auch sehr.

  2. Cadann schreibt:

    Ja, ist schon wieder lange her, war mein erster Barnes. Erinnere mich aber, dass mir das Buch sehr gefiel (wenn das mal keine Selbsttäuschung war :)). Und Du hast Recht: Er hat den Roman klug konzipiert, sich auf das Wesentliche beschränkt, weggelassen. Klein, aber fein. Ganz toll fand ich auch „Nothing to be frightened of“; ein Langessay über den Tod. Ebenfalls klug & fein.

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ah, das kenne ich noch nicht. Flaubert’s Papagei war auch mein erster. „Before she met me“ fand ich ebenfalls toll. Schon ewig her, dass ich das las … Man müsste mal wieder mehr Barnes lesen : ) So many books, so little time!

  3. buzzaldrinsblog schreibt:

    Sehr schöne Rezension, liebe Petra. Ich habe mich in deinen Gedanken und Gefühlen zu diesem Buch sehr wiedergefunden. Ich habe den Roman auch sehr gelesen, ein sehr kluges, aber auch stilles Buch. „Nichts, was man fürchten müsste“ steht hier neben mir schon im Regal und wird auch bald gelesen. Julian Barnes ist ein Schriftsteller, den ich sehr gerne lese …

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Danke, liebe Mara : ) Vor „Nichts, was man fürchten müsste“ „fürchte“ ich mich noch ein bisschen wegen des Themas. Vielleicht warte ich erst mal auf deine Besprechung dazu …

  4. wortmeer schreibt:

    Ich danke Dir für diesen Tipp. Macht mich neugierig und kommt gleich auf meine Wunschliste 🙂

  5. Lakritze schreibt:

    Danke für den Hinweis! Wieder was für den Stapel.

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