Zeitungsfrühstück, Folge 49

Herzlich willkommen zum Zeitungsfrühstück, meine Lieben, & viel Spaß beim Stöbern in meinen Highlights aus dem Zeitmagazin, dem Reiseteil und dem Feuilleton der Zeit.

Foto: (c) Gerda Kazakou

Harald Martenstein ist mal wieder in Hochform und lästert in „Der sibirische Tiger ist weniger bedroht als das Komma“ über die eigenwilligen Schreibweisen, die offenbar von heutigen Studentinnen und Studenten der Germanistik gepflegt (oder eben gerade nicht) werden.

Außerdem gibt es im Zeitmagazin hundert Ideen dazu, wie man sich das Reisen angenehmer gestalten kann sowie ein Interview mit der Autorin Lily Brett, deren autobiographischer Roman Zu sehen (auch im Salon empfohlen) mich damals tief beeindruckt hat.

Im Reiseteil gefiel mir besonders das Interview „Geheimtipp war gestern“ von Anne Lemhöfer mit dem Reisejournalisten Doug Mack, natürlich noch nicht online. Dieser nämlich unternahm mit einem völlig veralteten Reiseführer von 1957 eine Reise durch Europa. Auch aus nostalgischen Gründen, denn seine Mutter hatte diesen Reiseführer während einer unvergesslichen Reise verwendet, die sie sehr geprägt hatte. Interessant fand ich seine Erkenntnisse, dass das Landestypische immer mehr verblasse (die Currywurst in Berlin findet sich schwieriger als die nächste Dönerbude) und dass der vernetzte Mensch heute „die globalisierte Welt als eine Ansammlung von Zitaten“ erleben könne. Man kennt bereits vieles von Fotos oder aus dem Fernsehen und macht keine neuen Entdeckungen mehr. Daher schrüben auch die Autoren von Reiseführern nicht mehr über Entdeckungen, sondern böten eher „einen kompetenten Leitfaden durch ein Überangebot“.

Genau. In Ganz weit weg habe ich das, übertragen auf die Reisenden, so formuliert: „die meisten Reisenden haben eher den Wunsch, das Neue und Fremde möglichst harmonisch in das eigene Weltbild zu integrieren, sie wollen das ‚Unerwartete, das nicht irritieren darf’ – eine Erweiterung des Horizonts ohne Grenzerfahrung.“ Dennoch kommt auch Doug Mark zu dem Schluss: „Manche Dinge muss man mit eigenen Augen gesehen haben.“ So ist es. Denn selbst hundertfach Beschriebenes oder Geknipstes erschließt sich erst, wenn man seiner im Original ansichtig wird.

Das Feuilleton gibt sich diesmal in weiten Teilen grün und blühend. Si hortum in bibliotheca habes, deerit nihil, stellte bereits Cicero fest. Wobei man ja heute eher eine Bibliothek und einen Garten hat, weshalb das Zitat gern leicht verfälscht wird. Mehrere Artikel befassen sich mit den Freuden, aber auch den Leiden der meist urbanen Gärtnerinnen und Gärtner. Warum sie nicht online stehen, weiß der Himmel. Dabei sind sie durchaus interessant, besonders „Der Hort des Philosophen“, ein Interview von Alexander Campmann mit dem Kunsthistoriker Horst Bredekamp. Darin nämlich sagt Bredekamp, dass der englische Garten durchaus streng sei (ein Vorwurf, den man eher französischen Gärten macht): „Die pittoreske künstliche Landschaft folgt einer konsequent vorgegebenen Choreographie. […] Goethe beklagte die fehlende Möglichkeit, Menschen auszuweichen. Im Barockgarten existiert stattdessen die unvergleichliche Freiheit, nur auf jene Menschen zu stoßen, die man auch treffen will“, da man sich hinter Hecken oder in Lauben verstecken könne. Auch spricht er dem öffentlichen Barockgarten eine gewisse „demokratische“ Qualität zu, denn im Gegensatz zu den privaten englischen Gärten habe das Volk diese durchaus nutzen dürfen. So hatte nicht nur der König seine Anlagen (und seine Untertanen) im Blick, sondern er war auch den Blicken seiner Untertanen ausgesetzt.

Ich kann mir vorstellen, dass so ein Garten eine feine Sache ist. Aber natürlich auch sehr zeitaufwändig. Deshalb bin ich ganz zufrieden mit unserer kleinen, beblumten Loggia, die mir einen prima Blick auf die Gärten unserer fleißigen Nachbarinnen und Nachbarn gewährt : ) In diesem Zusammenhang möchte ich euch gern das schöne Garten-Literatur-Portal von Maria Mail-Brand empfehlen.

Lesenswert ist auch der Artikel „Ich ist ein Spiel mit Worten“ von Ijoma Mangold über Felicitas Hoppes Roman Hoppe. Ebenfalls interessant las sich Stefan Koldehoffs Beitrag „Überraschungen en détail“ über den Kunsthändler Thomas le Claire, der mit Zeichnungen handelt. Leider nicht online (das scheint neuerdings mein Standardsatz beim „Zeitungsfrühstück“ zu werden). Darin meint le Claire: „Weil das tiefe Wissen um die Kunstgeschichte abnimmt, muss ein Werk heute direkt ansprechen. Deshalb ist die Farbe immer wichtiger geworden“. Hm, dem kann ich leider nicht beipflichten, obwohl ich mich gewiss auch keines besonders tiefen kunstgeschichtlichen Wissens rühmen darf. Werke wie „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ von Goya oder die Radierzyklen von Max Klinger, die Zeichnungen von Daphne Walch oder die Blätter von René Galassi  sprechen mich auch oder gerade ohne „Farbe“ an.

So, meine Lieben, ich hoffe, es war etwas für euch dabei? Habt noch ein schönes Pfingstwochenende!

René Galassi

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
Dieser Beitrag wurde unter Zeitungsfrühstück abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s