Lektüre und Erinnerung

Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat – der Titel dieses Buchs von Pierre Bayard hielt mich lange davon ab, es zu lesen. Ich fürchtete nämlich, der Autor wolle einen gleich ganz vom Lesen abhalten, was allerdings seltsam wäre. Schließlich ist er Literaturprofessor (und Psychoanalytiker, wie passend) und würde sich mit einem solchen Rat sozusagen seine künftige Klientel (also die Literaturstudenten) abspenstig machen.

Romane leben davon, dass sich jemand an etwas erinnert – von dem uns dann erzählt wird. Aber nicht nur in Romanen erinnert man sich, auch wir erinnern uns an die Bücher, die wir gelesen haben, vielleicht sogar noch daran, wann und wo wir sie lasen und was wir dabei dachten und fühlten. Auch darum geht es in Pierre Bayards, übrigens hervorragend strukturiertem und argumentierendem Buch. Er widmet sich einem „Tabuthema“, nämlich dem Reden über Bücher, die man entweder gar nicht oder nur quer gelesen hat, die man lediglich vom Hörensagen kennt oder womöglich gelesen, aber den Inhalt wieder vergessen hat. Und das macht er sehr intelligent. Schließlich, betrachtet man die Masse der Bücher, die es theoretisch zu lesen gilt, sind wir alle, auch die Lesehungrigsten unter uns, in erster Linie Nichtleserinnen und -leser. Man kann gar nicht alle Bücher lesen oder gelesen haben. Und doch sprechen wir auch über Bücher, die wir nie lasen. Ich zum Beispiel habe über Feuchtgebiete, einen Roman, den ich nur von Rezensionen, Artikeln etc. kenne, mit weiteren Nichtlesern hochinteressante Gespräche geführt. Und mich nicht einmal geschämt, dass ich es nicht gelesen habe. Ein Tatbestand, der für mich auf Bücher wie Ulysses oder Der Mann ohne Eigenschaften nicht zutrifft.

Uns allen erteilt Bayard allerdings die Absolution. Es gehe nicht so sehr darum, alle Bücher eines Kanons gelesen zu haben, sondern vielmehr darum, sie darin einordnen zu können. Und das klappt ja ganz gut, man weiß in etwa, worum es geht, wann es geschrieben wurde, von wem und in welchem Stil – ziemliche viele Metainformationen, die einen tatsächlich befähigen, gar nicht mal so dumm über diese Bücher zu reden.

Mein Lieblingsbeispiel bei Bayard ist Der Name der Rose. Darin geht es um ein todbringendes Buch, den zweiten Teil der Poetik von Aristoteles, der sich angeblich mit der Komödie befasst und die verschiedenen Arten untersucht, wie man Komik oder Lachen beim Zuschauer erzeugt. Über dieses Buch streiten sich zwei Gelehrte, der erblindete Jorge und der „Ermittler“ Baskerville. Jorge hat das Buch schon lange nicht mehr lesen können, Baskerville kennt es nur vom Hörensagen bzw. von Notizen eines anderen Mönchs. Dennoch ist er in der Lage, sich ein genaues Bild vom Inhalt dieses Buches zu machen (oder meint es zumindest), was sicher weniger verlässlich ist, als wenn er es wirklich ganz gelesen hätte. Und Jorge? Dem hat sein Wahn den Inhalt offenbar ein wenig verdreht – also auch er nicht gerade der ideale Interpret des Werkes. Und doch äußern beide bei Eco seitenweise sinnreiche Gedanken darüber (natürlich konträre) und ganz nebenbei hält dieses Buch auch noch die Handlung des Romans munter am Laufen.

Kurz: Lest Bayard und schämt euch nicht länger, wenn ihr die einen oder anderen Werke noch immer nicht gelesen habt! (Mehr zu Bayard und zu Erinnerungen in und an Literatur gibt es übrigens auch in Ganz weit weg zu lesen.)

 

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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12 Antworten zu Lektüre und Erinnerung

  1. Annegret schreibt:

    Ich habe das passende Hörbuch dazu. Sehr weit bin ich nicht gekommen, aber es ist schon interessant, was ich gehört habe. Ich werde das Hörbuch mal wieder herauskramen und es peu à peu im Auto hören.

    LG
    Annegret

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Oh, als Hörbuch, ich könnte mir vorstellen, dass das „Folgen“ da etwas anstrengend ist, liebe Annegret. Das geht dann vielleicht wirklich nur peu à peu. Aber ich wünsche dir viel Spaß dabei : )

      • Annegret schreibt:

        Ich höre Hörbücher beim Autofahren, weil das Hörbuch dort startet, wo ich aufgehört habe. Ich finde es ätzend, erst nach der letzten Stelle zu suchen.

  2. heidrun schreibt:

    Danke für den Tipp, der Urlaub steht bevor ….. gut beschrieben und Ja, da sind Bücher [ Plural ] , die des Weiterlesens harren.

  3. Anita schreibt:

    Mir ging es genauso wie dir mit diesem Buch 😉 Aber als ich es dann gelesen habe, fand ich es wirklich unterhaltsam geschrieben – und es hat mir ein wenig das schlechte Gewissen genommen… Man kann einfach nicht alles lesen, das musste ich auch jetzt im Studium (ich hatte Romanistik im Nebenfach) schmerzlich erfahren, obwohl ich wirklich sehr viele frz Bücher gelesen habe währenddessen. Aber immer noch denke ich andauernd, dass ich dieses und jenes auch unbedingt gelesen haben sollte – naja 😉 Wir sollten wohl alle ein wenig mehr Mut zu QB haben und das Ganze entspannter sehen!

    xxx Anita

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      So ist es, liebe Anita! Das Lesen darf ja auch Spaß machen und soll keine Pflichterfüllung sein. Fürs Studium muss man natürlich bestimmte Bücher lesen und die meisten haben mir auch gefallen. Aber den Rest meines Leselebens will ich nicht mit dem „Abarbeiten“ eines Literaturkanons verbringen, sondern lieber selbst sehen, wohin mich meine Interessen so führen.

  4. Ein interessantes Buch, das Du uns hier vorstellst. Hin und wieder hatte ich es auch schon einmal in der Hand. Aber – ich habe es nicht gelesen. Manche Bücher brauchen ihre Zeit, um gelesen zu werden. Bei dem einen schneller als beim anderen. Ich bin nicht selten erschüttert darüber, wie viel in meinem Leseleben bis heute unangerührt blieb. Irgendwann gibt es dann einen AugenBlick, einen Wendepunkt, der einem den Weg genau zu diesem einen Buch zeigt, das man lange Zeit nicht lesen wollte, konnte. Dazu fällt mir ein schönes Zitat von Elias Canetti ein, das zu Deinem Beitrag so wunderbar passt. Ich schlage gleich mal nach…

    „Es (das nicht gelesene Buch) mußte lange bei einem liegen; es mußte reisen; es mußte Raum einnehmen; es mußte eine Last sein; und jetzt ist es ans Ziel seiner Reise gelangt, jetzt enthüllt es sich, jetzt erleuchtet es die zwanzig verflossenen Jahre, die es stumm mit einem gelebt hat.“ (in: Aufzeichnungen 1942-1972)

    Abendgrüße von Karin, die heute ins Kommentarplaudern gekommen ist…

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ein schönes Zitat ist das, liebe Karin! Und ich kann es gut nachvollziehen. So warte ich ja immer noch auf die perfekte Zeit, um endlich mit der „Suche nach der verlorenen Zeit“ zu beginnen – und irgendwann mache ich das auch noch. Es gibt einfach so viele wunderbare Bücher, die man lesen könnte : ) Aber wir haben ja hoffentlich noch ganz viel Leselebenszeit vor uns. Liebe Grüße zur guten Nacht!

  5. durchleser schreibt:

    Wie schön, eines der „sinnvollsten“ Bücher über Literatur und Lesen auch hier zu entdecken. Es gehört sicherlich zu Durchleser’s Favoriten und klärt wunderbar auf über das lesende „Nichtlesen“.

    Mehr dazu kann man gerne auch hier nachlesen:

    http://durchleser.wordpress.com/2010/07/21/durchgelesen-wie-man-uber-bucher-spricht-die-man-nicht-gelesen-hat-v-pierre-bayard/

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Sehr schön, liebe Durchleserin, auch dein Fazit: „Doch ohne Humor sollte man sich diesem Buch auf gar keinen Fall widmen, denn spätestens jetzt wird jeder zum lesenden ‚Nichtleser‘.” : )

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