Pierre Lotis Kindheitserinnerungen

Ein lieber Twitterkontakt, der @Naum_Burger, der übrigens ebenfalls bloggt, empfahl mir vor einiger Zeit den Roman eines Kindes von Pierre Loti. Da außerdem auf James Conways wunderbarem Blog Strange Flowers einige sehr gute Beiträge über Loti zu lesen waren, konnte ich dem Roman und seinem Autor nicht widerstehen.

Pierre Loti, der eigentlich Julien Viaud hieß, hat es offenbar geschafft, sein Leben und seine Erlebnisse in Kunst zu verwandeln. Er fuhr zur See und bereiste viele Länder, von denen er sich nicht nur landestypische Trachten mitbrachte, die er auch trug, und sehr viele Souvenirs, mit denen er nach und nach sein (Eltern)Haus in Rochefort am Atlantik ausstattete und zwar derart, dass jeder Raum in einem anderen Stil oder einer Epoche, die ihn besonders interessierte, eingerichtet war. Er hat überdies seine (Liebes)Geschichten während seiner Reisen und Aufenthalte zu Literatur verarbeitet und wurde zum Bestsellerautor, in die Académie française berufen und erhielt am Ende ein Staatsbegräbnis. Sein Roman Madame Chrysanthème inspirierte Giacomo Puccini zu seiner Oper Madame Butterfly.

Loti schrieb den Roman eines Kindes mit 38 Jahren. Dabei geht es ihm nicht darum, einfach chronologisch seine Kindheit und Jugend festzuhalten, sondern er will „zusammenhang- und übergangslos – lediglich Augenblicke festhalten“, die sich ihm für immer eingeprägt haben. Ereignisse und vor allem Stimmungsbilder und herrliche Naturbeschreibungen eines reifen Autors mischen sich mit einem kindlichen, träumerischen Blick in die Vergangenheit. Die erste Ahnung von Unendlichkeit, von Vergänglichkeit und von der Weite des Meeres sind ebenso Themen wie die Liebe zu seiner Familie und besonders zu seiner Mutter, familiäre Episoden und Rituale, Hauslehrer, Kindheitsfreunde und Sommeraufenthalte. Es ist ein ruhiges, langsames Buch, der Stil erinnerte mich an Passagen aus Prousts Suche und seine Tage des Lesens. Wer Action und Hochspannung bei seiner Lektüre sucht, ist hier ganz falsch. Wer sich auf Lotis Rhythmus einlässt, auf seine Sprache, seinen Stil, wird reich belohnt mit einem wirklich schönen Roman. Mir jedenfalls hat er Lust auf mehr von diesem Autor gemacht.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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7 Antworten zu Pierre Lotis Kindheitserinnerungen

  1. liisa schreibt:

    Klingt nach einem sehr interessanten Lese-Tipp. Leider gibt es das Buch nicht für den Kindle aber ich hab mir aufgrund Deines Tipps die Islandfischer von ihm heruntergeladen und bin sehr darauf gespannt. Danke!

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Ah, freut mich, liebe Liisa! Sagst du mir, wie es dir gefallen hat, wenn du durch bist? Würde mich interessieren für weitere Loti-Anschaffungen : )

      • liisa schreibt:

        So, ich habe die „Islandfischer“ durch. Die Geschichte selbst ist nicht besonders spektakulär aber mir haben die Sprache und der Ton in dem erzählt wird sehr gut gefallen. Im Buch geht es um bretonische Fischer, die alljährlich zum großen Fischfang nach Island aufbrechen und monatelang von zuhause wegbleiben. Einer der Fischer ist der große Yann und dann ist da noch Gaud, die junge Bretonin und natürlich das große unberechenbare Meer … mehr verrate ich hier nicht. ;o)

  2. ..Heidrun schreibt:

    .. klingt verheißungsvoll .. Danke für den literarischen Tipp ..

    GLG Heidrun

  3. belmonte schreibt:

    Ich habe vor Jahren Pierre Lotis Reisebuch „Nach Isfahan“ gelesen und war restlos begeistert. Du hast recht, ein ganz eigener, langsamer Rhythmus, der dennoch wie ein Sog wirkt. Ich lege das Buch nachträglich in meinen Bücherseesack.

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