Ein altes Haus am Hudson River

Man braucht Muße und die richtige Stimmung für Edith Whartons Roman Hudson River Bracketed / Ein altes Haus am Hudson River. Das Buch passt hervorragend zu heißen, feuchten, träg machenden Sommertagen wie diesen, weil es dafür genau die richtige Geschwindigkeit hat. Die Autorin hat sich Zeit gelassen für präzise Charakterzeichnungen, ausführliche Naturbeschreibungen, selbst für „Nebensächlichkeiten“ wie die unaufdringlich sprechenden Namen – und natürlich für die Beschreibung der Persönlichkeit des alten Hauses, das eine der Hauptrollen in diesem Roman spielt.

Vance Weston aus Euphoria, Illinois ist neunzehn, muss seinen ersten Liebeskummer verwinden und eine schwere Krankheit auskurieren. Zur Erholung schickt ihn die Familie zu entfernten Verwandten in einen kleinen Ort im Osten. Da Vance davon träumt, nach New York zu gehen und Schriftsteller zu werden, hält er diesen Ort, eineinhalb Bahnstunden von New York entfernt, für den ersten Schritt in die richtige Richtung. So wird es auch sein. Doch Vance ist ein Träumer, naiv und emotional. Eigenschaften, die er trotz vieler übler Erfahrungen nie ganz ablegen wird.

Seine ärmlichen Verwandten gehen regelmäßig zu einem alten Haus, um es zu säubern. Vance begleitet sie – und findet seinen Idealort: Malerisch anzusehen ist das prächtige, mit Glyzinien bewachsene Haus, beeindruckend die große Bibliothek. Von Büchern umgeben und dem Porträt der einstigen Besitzerin, Miss Lorburn, fasziniert, setzt Vance sich an ihren Schreibtisch, auf dem noch aufgeschlagen die Lektüre liegt, die sie kurz vor ihrem Tode las: „Kubla Khan“ von Samuel Taylor Coleridge. Als er die ersten Zeilen liest, In Xanadu did Kubla Khan / A stately pleasure-dome decree, hat er ein literarisches Erweckungserlebnis (auch insofern interessant, als Coleridge behauptete, das Gedicht sei ihm quasi im Traum zugeflogen, nach dem Schlaf schrieb er die Zeilen auf, wurde beim Schreiben unterbrochen und das Gedicht blieb ein Fragment). Er trifft Heloïse Spears, die aus einem liberalen, intellektuellen Haushalt stammt und völlig anders ist, als die Leute, die Vance bislang kannte. Sie ähnelt der verstorbenen Miss Lorburn, ihrer Verwandten, und führt ihn an Literatur jenseits der Schulbücher heran. Wie passend, dass sie Halo genannt wird: In ihrem Glorienschein sieht Vance seine eigenen schriftstellerischen Versuche und seinen Weg bestrahlt, in einem neuen Licht.

So wird das Haus sein Locus amoenus, Miss Lorburn seine Schutzpatronin und Halo seine gute Hirtin auf seinem eingeschlagenen Weg. Halo macht ihn immer wieder mit den richtigen Leuten bekannt, auch später in New York. Aber seine angeborene Vertrauensseligkeit, seine Gutmütigkeit und Loyalität bringen ihn mehr als einmal in die Bredouille. Er wird fälschlich beschuldigt, wertvolle Bücher in dem alten Haus gestohlen zu haben und klärt den wahren Sachverhalt aus Rücksicht auf Halo nie auf. Man sagt, er habe seinen Cousin in schlechte Gesellschaft gebracht, und auch ihm hält Vance die Treue und spricht nie darüber, dass es sich in Wirklichkeit genau andersherum verhielt. In New York wird er einen Knebelvertrag unterschreiben, der ihn auf Jahre an eine Literaturzeitung und einen Verlag bindet und trotz seines schriftstellerischen Erfolg drücken ihn stets Geldsorgen. Er wird ein einfaches Mädchen heiraten, das für seine Gedankenwelt wenig Verständnis aufbringt. Er wird es sich mit seiner Gönnerin, Miss Pulsifer (hübsch assoziativ zu Luzifer), verscherzen und nicht den renommierten Pulsifer-Preis (natürlich eine Anspielung auf Pulitzer) erhalten. Er hat das Gefühl, in Stagnation zu ersticken.

Nur das alte Haus scheint ihm den nötigen Schutzraum zu bieten, um seinen ersten Erfolgsroman zu schreiben. Am liebsten verbringt er seine Zeit mit Halo, die ihn zu fördern und zu fordern weiß. Doch immer wieder verstrickt er sich im Gestrüpp der Ansprüche und Theorien literarischer Kreise, ringt um seine eigene Stimme, die ihm gemäße Form des Ausdrucks, seine eigenen Themen. Per aspera ad astra? Vielleicht.

Mir gefiel die Langsamkeit, mit der Edith Wharton nach und nach die Charaktere, das Setting, das ganze Panorama des Romans entfaltet. Selbst Nebenfiguren sind anschaulich gezeichnet. Niemand bleibt einseitig – auch Vances Erzkonkurrent, der realistische Emporkömmling Bunty Hayes ist nicht einfach nur das Gegenteil des verträumten Schriftstellers, schwarz-weiß ist hier gar nichts. Feine Ironie durchzieht Edith Whartons Beschreibungen der Verhältnisse in der literarischen Szene, die kleinen Kämpfe und widerstreitenden Theorien, die Ausnutzung angehender Talente durch Verleger, die sich auf Kosten ihrer Autoren profilieren wollen, die nötigen Strategien, um begehrte Literaturpreise zu erringen – das alles kommt einem außerdem sehr aktuell vor.

Das alte Haus, der Hort der Kreativität, wird auch für die Leserin oder den Leser zu einem Sehnsuchtsort, der die Inspiration weckt. Ich habe den Roman gern gelesen – und wenn ihr die nötige Muße dafür habt, möchte ich ihn auch euch ans Herz legen.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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15 Antworten zu Ein altes Haus am Hudson River

  1. Anja L. schreibt:

    Ich habe das Buch bisher nur angelesen. Was Du schreibst, regt mich an, doch noch einmal reinzuschauen, ob es für mich dort noch weitergeht. Vielen Dank!

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Versuch es noch mal, liebe Anja. Beim ersten Anlauf hatte ich nicht die nötige Ruhe für das Buch und verschob die Lektüre. Aber beim zweiten habe ich es dann in einem Zuge gelesen – und nicht bereut : )

  2. Mila schreibt:

    Ich mag Edith Wharton ja sehr gerne und kenne ausgerechnet den Roman noch nicht. Mist, in den Urlaub werde ich ihn wohl nicht mehr mitnehmen können, aber dann wird er zu meiner Nach-Urlaubslektüre. herzlichst Mila

  3. Klappentexterin schreibt:

    Dieses Buch habe ich schon seit einiger Zeit vor Augen, liebe Petra. Welch‘ Freude, es bei dir zu treffen! Ich weiß, irgendwann wird der passende Augenblick kommen… Heute danke ich dir für diese überzeugende Rezension, die mir zeigt, dass ich dieses Buch auf keinen Fall aus den Augen verlieren werde. LG, Klappentexterin

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Das freut mich, liebe Klappentexterin! Und ich hoffe, es wird dir auch so gut gefallen wie mir. Wie gesagt: Man braucht Ruhe dazu, es ist kein Buch zum „Durcheilen“. Dir noch einen schönen Abend!

  4. Annegret schreibt:

    Deine Rezension hat mir sehr gut gefallen. Sie macht wirklich Lust, mehr zu erfahren. Ich werde mir den Titel auf jeden Fall vormerken und irgendwann – mit entsprechender Muße und Ruhe – das wunderbar beschriebene Buch lesen.
    Danke für die Präsentation.
    LG
    Annegret

  5. buechermaniac schreibt:

    Mir hat das Buchcover schon lange gefallen und ich habe immer sinniert, ob das ein Buch für mich wäre. Deiner Rezension sei dank, reizt es mich wirklich, diesen Roman zu lesen und ich setze ihn gerne auf meinen Merkzettel.

    LG buechermaniac

  6. buzzaldrinsblog schreibt:

    Liebe Petra, herzlichen Dank für diese schöne und anregende Rezension. Ich hatte das Buch schon unzählige Male in der Hand, habe reingeblättert und doch habe ich es dann immer wieder zurückgestellt. Deine Rezension hat dazu geführt, dass ich es mir nun doch kaufen werde und ich freue mich schon sehr darauf! 🙂

  7. Tanja schreibt:

    Endlich, ich hatte irgendwo schon mal eine ganz wunderbare Rezension zu diesem Roman gelesen, doch vergaß ich Titel und Autor zu notieren. Deine Zeilen haben meinen Appetit wieder angeregt. Danke schön!

  8. Pingback: Ich kann es nicht lassen! « zu den Sternen

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