Schmidt liest Proust

Dieses schwergewichtige Werk ist eines der vergnüglichsten, das man über Marcel Prousts Suche lesen kann.  Und der Autor, Jochen Schmidt, ist sehr sympathisch und herrlich trocken-humorvoll, wie ich bei einer Lesung im „Blauen Salon“ der HfG vor langer Zeit sehen und hören konnte. Daher möchte euch sowohl das Buch als auch eine Lesung mit Jochen Schmidt wärmstens empfehlen.

Schon beim ersten Satz (noch in der Buchhandlung) musste ich losprousten: „Lange Zeit bin ich früh laufen gegangen“ – ich habe zwar bisher nur Eine Liebe von Swann gelesen, weiß aber, dass die Suche nach der verlorenen Zeit mit dem Satz „Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen“ beginnt. Beim Weiterlesen war des Gegickels kein Ende, sodass ich das Buch kaufen musste, um nicht weiter die ungehaltenen Blicke der anderen Kunden auf mich zu ziehen. Ich habe es nicht bereut.

Schmidt nimmt sich vor, die komplette Suche zu lesen, und zwar in kleinen Einheiten, 20 Seiten pro Tag, komme, was da wolle. Ein sportlicher Vorsatz, fast 4.000 Seiten, ein halbes Jahr. Sehr gut auch die Idee, seine Leseerfahrung mit seinen persönlichen Erlebnissen zu jener Zeit in einem Lektüreblog Tag für Tag festzuhalten, aus dem dann schließlich dieses Buch hervorging.

Schmidt fand seine damalige Lebenssituation ideal, „um endlich ‚Auf der Suche nach der verlorenen Zeit’ anzufangen, vorher kann man ja gar nicht mitreden, danach allerdings auch nicht, weil man keinen findet, der einen noch versteht.“ Mehr von seinem hintergründigen Humor gefällig? „Eigentlich will ich ja nur endlich Becketts Proust-Essay verstehen, an dem ich immer gescheitert bin. Aber selbst, wenn es nicht reicht, Proust zu lesen, um Becketts Proust-Essay zu verstehen, wird man zumindest wissen, was Proust geschrieben hat, sicher das Minimalziel einer Proust-Lektüre.“

Ganz wunderbar fand ich auch seine Idee, gewisse Lesefrüchte, mit denen er entweder nichts anfangen konnte, oder sie aber so hervorragend fand, dass er ihnen einen Extra-Platz einräumen wollte, in eigenen Kategorien ans Ende mancher Lesetage zu setzen.

So finden sich in der Kategorie „Verlorene Praxis“ lang vergessene Tätigkeiten und Eigenschaften wie „Als Dorf-Faktotum von Zeit zu Zeit die Wäsche des Pfarrers ausbessern“, „Schon beim ersten Besuch den Ton des Hauses treffen“ oder „In der Zeitung die Namen der Personen lesen, die an einem Diner teilgenommen haben, und sofort einschätzen können, von welcher Qualität es war“. Verlorengegangen ist auch leider die Praxis „Ihr am Morgen die schönsten Juwelen zuschicken“ – außer vielleicht in Kreisen, in denen ich mich nicht bewege. In der Kategorie „Unklares Inventar“ sammelt Schmidt alles, was ihm nicht bekannt ist, Moden, Namen etc., beispielsweise „Pâtisserie von Camus“ oder „Commis-voyageurhafte Späße“. Hübsch besonders die Kategorie „Selbständig lebensfähige Sentenz“ mit Sätzen wie „Das Golfspiel gewöhnt an einsame Freuden“ oder „Ein Künstler, mag er auch noch so bescheiden sein, verträgt immer, daß man ihm vor seinen Rivalen den Vorrang gibt“.

Sehr informativ und unterhaltsam und vor allem anregend, selbst die komplette Suche zu lesen.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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5 Antworten zu Schmidt liest Proust

  1. buzzaldrinsblog schreibt:

    Schöne Rezension, liebe Petra. Dieses Buch war lange Zeit mein „Klobuch“. Ich konnte es einfach nicht an einem Stück hintereinander weg lesen, so dass ich immer einen Abschnitt auf der Toilette gelesen habe … 😉 Nach dem Umzug habe ich dies leider nicht mehr fortgesetzt, was sich aber ab heute und mit deiner Rezension ändern wird. Ich aber immer wieder herzlich gelacht über die Anmerkungen und Analysen von Schmidt und freue mich schon darauf, weiter zu lesen!

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