Was ich liebte

Siri Hustvedts Roman Was ich liebte las ich vor einigen Jahren – ein wirklich wundervolles und absolut empfehlenswertes Buch! Und so dicht, unglaublich, was Siri Hustvedt alles hineingepackt hat: vom Künstlerroman und Familienepos entwickelt sich die Geschichte zwischendurch in Richtung Psychothriller, findet aber wieder schlüssig und immer spannend zurück zum Ausgangspunkt, zu den Erinnerungen eines alten Mannes, dem nach einem erfüllten Leben nur noch der Blick in die Vergangenheit geblieben ist.

Zufällig findet Leo Hertzberg einige Briefe, die einen Strom von Erinnerungen frei setzen. Die Briefe stammen von Violet und sind an den Künstler Bill gerichtet, dessen Modell sie einst war. Vor Jahren erwarb Leo ein Bild von Bill, auf dem Violet dargestellt ist, und so begann eine lebenslange Freundschaft. Leo erzählt nicht nur von seinem Leben in New York mit seiner Frau Erica, sondern auch von dem fast parallel verlaufenden Leben seines Freundes Bill Wechsler mit seinen Frauen Lucille und später mit Violet. Die Paare sind sich nicht nur auf emotionale Weise sehr nahe, sie bewohnen auch zwei übereinander liegende Lofts in New York. Selbst beruflich ergänzen sie einander: Bill ist Künstler, Leo ist Professor für Kunstgeschichte, Lucille schreibt und Erica Dozentin für Englisch. Violet schließlich ist Psychologin und Bills Muse. Wichtige Begebenheiten der Paare Leo & Erica bzw. Bill & Lucille wie Kinderkriegen verlaufen zunächst fast zeitgleich, aber dann treten verschiedene Ereignisse ein und die Biografien nehmen ganz neue Wege. Ein einziger Schicksalsschlag zerstört das harmonische und fast perfekte Leben Leos und allmählich verliert er immer mehr von allem, was er liebte.

Nicht nur die (Liebes-)Geschichten der beiden bzw. eigentlich drei Paare sind überaus interessant erzählt, fasziniert haben mich auch die Exkurse über Kunst und Psychologie, die sich automatisch ergeben, wenn Leo von Bills Kunst erzählt, die zunehmend von Violets psychologischen Untersuchungen beeinflusst werden. Schließlich die Geschichte um das seltsame, unverständliche Kind Wechslers, das ab einem bestimmten Zeitpunkt die Hoffnungen zweier Familien auf sich lasten spürt. Ein Kind, dem nicht zu helfen ist. Ein Wechselbalg?

Rezension erstmals erschienen in „Der virtuelle literarische Salon“, Nr. 21 (2004).

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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3 Antworten zu Was ich liebte

  1. juneautumn schreibt:

    Vielen Dank auch für die anderen Rezensionen, dann bin ich ja froh, dass ich das bisher beste Buch von ihr gelesen habe. 🙂 Ich habe einige positive Rezensionen im Feuilleton über das letzte Buch, „Der Sommer ohne Männer“ gelesen. Kennst Du das auch?

    • Petra Gust-Kazakos schreibt:

      Hab ich extra für dich zusammengestellt, nachdem ich deine Rezension gelesen hatte, weil ich dachte, dich interessieren dann vielleicht auch die anderen Bücher von ihr : ) Seit den „Leiden“ las ich nichts mehr von ihr, außer Interviews oder Rezensionen zu ihren weiteren Büchern. Wobei mich der „Sommer“ noch interessieren würde … Kennst du es schon?

  2. juneautumn schreibt:

    Nein, leider nicht. Aber mich würde es auch interessieren, ob es mit „Was ich liebte“ mithalten kann.

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