Die Frauen von Andros

Dieser Roman von Ioanna Karystiani war sehr schön, auch wenn mir das darin beschriebene Leben der Einwohner von Andros fremd blieb bis zum Ende. Das hat mehrere Gründe: Als Festlandbewohnerin fernab vom Meer (leider) kann ich mir schwer ein Leben auf einer Kykladeninsel vorstellen. Schon gar nicht in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Als Frau wurde man verheiratet, als Mann fuhr man zur See. Da tut es auch nichts zur Sache, dass endlos einzelne Namen aufgelistet werden, von Witwen, von Verunglückten. Sie sind eingewoben in die Inselgemeinschaft für immer. Das hat auch nichts Individuelles, sie werden gruppiert und bleiben als Gruppe unvergessen. Alles scheint vorherbestimmt, weil es schon immer so war. Und niemand lehnte sich dagegen auf. Das ist Tradition.

Die Eheleute sehen sich alle zwei Monate und es ist fast ein Wunder, wenn sie ihren Lebensabend gemeinsam verbringen können. Eine der Witwen will seit dem Tode ihres Mannes das Meer nicht mehr sehen und hält sich die Hand vor die Augen zur Seeseite, wenn sie draußen ist. Sie isst auch keinen Fisch mehr, denn der könnte von ihrem toten Mann gekostet haben. Es gibt Männer, die fernab der Heimat eine Parallelfamilie gegründet haben, mit der sie fast glücklicher sind als mit der eigenen.

Solche Geschichten gibt es viele in diesem Buch. Und noch mehr Namen. Das erschwert anfangs den Einstieg, aber man wird mehr als belohnt mit wunderbar traurigen Geschichten, die wundervoll poetisch erzählt werden. Denn hinter all den Namen stecken eben doch einzelne Schicksale, die zwar oberflächlich einander ähneln, doch wenn man tiefer geht, offenbart sich die Einzigartigkeit.

Es geht hauptsächlich um die tragische Geschichte von Orsa, die Spiros liebt. Auch er liebt sie, aber die beiden wehren sich nicht, als Orsa mit dem reichen Nikos, der sie anbetet, verheiratet wird, und Spiros mit ihrer jüngeren Schwester Moska. Die Paare leben im gleichen Haus, und da die Decke zwischen den Wohnungen dünn ist, muss Orsa das Eheleben der Schwester mitanhören, wenn es nach monatelanger Trennung stattfindet.

Verantwortlich für diese grausame Heiratspolitik ist ihre verbitterte Mutter Mina, die es natürlich nur gut meint, aber das Leben ihrer Töchter zerstört. Auch Mina selbst ist glücklos. Ihr Mann ist Kapitän und hat eine Parallelfamilie, die er für immer verlässt, als er seinen Abschied von der See nimmt. Sie kümmert sich um die Finanzen, und er versucht sich an Land zurecht zu finden. Mina und ihr Mann haben sich schon seit Jahren entfremdet, aber sie bleiben verheiratet. Tradition.

Eine große Liebe, die am Ende etwas Heiliges bekommt, aber auch lebenslange Trauer, Betrug, der nur in Metaphern ausgedrückt und ausgelebt wird, Tod auf See, der griechische Bürgerkrieg, zwei Schwestern, die ihr Leben an Traditionen vergeuden müssen. Und dazwischen dennoch immer kleine Lücken, die das Glück findet, um sich in das traurige Leben zu schleichen und dabei hilft, weiter zu leiden. Ein eindrucksvoller Roman.

Rezension erstmals erschienen im „Virtuellen literarischen Salon“.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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