One good Turn

Dieser Roman/Krimi von Kate Atkinson war wieder ein wahrer Lesegenuss, sowohl sprachlich als auch inhaltlich. Der Untertitel, A Jolly Murder Mystery, gibt die Marschrichtung an: ein Krimi, teilweise dramatisch und tragisch, dennoch stellenweise recht munter und wieder voller Geheimnisse. Kein Krimi im üblichen Sinne, sondern eine ganz eigene Form, wie schon Case Histories, als dessen Fortsetzung One good Turn verstanden werden kann. Das Vorwissen aus dem Vorgänger ist allerdings nicht zwingend notwendig zum Verständnis. Auch diese Empfehlung erschien erstmals im „Virtuellen literarischen Salon“.

Alles beginnt im Sommer während des Edinburgh Festivals mit einem kleinen Auffahrunfall. Die Menschen, die gerade in einer Schlange stehen, um Karten für eine Aufführung zu kaufen, sehen, wie der aggressive Hintermann mit einem Baseballschläger über den Fahrer herfällt, auf dessen Wagen er aufgefahren ist. Martin, ein Schriftsteller, der normalerweise keiner Fliege etwas zu Leide tut, wagt es, dazwischen zu gehen. Das wird sein Leben ändern. Auch für weitere Personen, die den Überfall beobachtet haben, ist danach nichts mehr, wie es vorher war. Es tauchen auf: eine Frauenleiche, die gleich wieder untertaucht, die geheimnisvolle Russin Tatjana, die aussieht wie die Frauenleiche, die frustrierte Ehefrau Gloria, der Krimiautor Martin, Ex-Polizist und Ex-Detektiv Jackson, den Leser(inne)n bekannt aus Case Histories, seine kapriziöse Freundin Julia (Schauspielerin), ein Opfer, das etwas zu verheimlichen hat, ein Bösewicht mit mysteriösen Motiven, die Kriminalbeamtin Louise und ihr kleinkrimineller Sohn Archie.

Meisterhaft beherrscht Kate Atkinson den inneren Monolog, der die Innenwelt der Hauptfiguren unmittelbar und anhand lauter kleiner Szenen aus ihrem Leben offenbart. Dadurch ist jede Figur nachvollziehbar und weist immer ein Stück Identifikationsfläche auf, auch wenn sie noch so wenig mit dem eigenen Leben zu tun hat. Nur der Bösewicht ist etwas eindimensional, was ich für Absicht halte, da er eine fremdgesteuerte Figur ist, eine Marionette des wahren Bösewichts. Aber auch der findet am Ende noch seinen Meister – und das ist nicht die Polizei, so viel sei verraten.

Bei Kate Atkinson ist kein Adjektiv zu viel und keine Formulierung abgedroschen, gelegentlich grüßen aus dem Handlungsfluss augenzwinkernd Inseln aus kulturellen Versatzstücken. Die Handlung selbst ist – wie man es von ihren Büchern gewohnt ist – kunstvoll verwoben: Mehrere parallele Handlungsstränge fügen sich zu einem harmonischen Ende. Diesmal hat sie außerdem einen weiteren Kunstgriff angewendet, der sich mit dem Prinzip der russischen Puppen vergleichen lässt (die übrigens auch im Roman eine Rolle spielen), in denen immer weitere noch kleinere Puppen stecken, bis der Leser am Ende, wenn er die letzte Puppe gefunden hat, auch die Lösung findet.

Erstmals erschienen im „Virtuellen literarischen Salon“.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
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2 Antworten zu One good Turn

  1. haushundhirschblog schreibt:

    Vielen lieben Dank, Petra, für diese Besprechung! Wir werden es sicher mit in den Urlaub nehmen … im Herbst dann.

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