Auf und ab in New York

Soeben bin ich wieder und widerstrebend aufgetaucht aus dem hervorragenden Roman Eine Frage der Höflichkeit von Amor Towles, den ich euch sehr empfehlen möchte.

Was macht Zeit aus der Höflichkeit? Foto: (c) Petra Gust-Kazakos

Wir befinden uns im New York der ausgehenden 1930er Jahre. Die kluge Kate, die schöne Eve und der höfliche Tinker bilden die Eckpunkte einer Dreiecksbeziehung, die von jenem Moment an, als die beiden Freundinnen den gutaussehenden und offenbar reichen jungen Mann kennenlernen, zu einer Konstellation mit äußerst fragilem Gleichgewicht wird. Eve will ihn haben, das macht sie unmissverständlich klar, und steuert in ihrer direkten Art ihrem Ziel entgegen. Kate hätte ihn gern und offenbar ist Tinker auch von Kate sehr angetan. Doch dann passiert ein Unfall, der die prekäre Freundschaft der Drei nachhaltig beeinflussen wird.

Das ist eine von mehreren interessanten Geschichten, die retrospektiv von der inzwischen sehr arrivierten Kate erzählt werden. Anlass ist eine Fotoausstellung, bei der sie zwei Fotos von Tinker sieht, die das längst Vergangene wieder lebendig werden lassen. Sie erzählt von sich, Eve, Tinker, seinem Bruder, dem glücklosen Künstler Hank, ihrem Freund, dem reichen Wallace, von jungen Frauen, die nach New York kamen, um dort ihr Glück zu suchen, von jungen Leuten, die bereits mit dem sprichwörtlichen Silberlöffel im Mund geboren wurden und glänzende Startbedingungen hatten, was noch lange kein Garant für erfüllte Leben oder zumindest solche in den zu erwartenden Bahnen ist. Andere, wie die kluge und belesene Kate, schaffen sich aus einfachen Verhältnissen ein selbständiges Leben mit Aufwärtstrend. Doch selbst sie hat sich lange vom Glanz blenden lassen, der von Menschen wie Tinker ausgeht. Sie alle sind Aufsteiger, Absteiger, Aussteiger und Glücksritter. Und wir dürfen ihnen, von Kate gelenkt, bei ihren Aufstiegen, Straucheleien und Sinnsuchen an geschäftstüchtigen Tagen und in den wilden Nächten in New York und der Umgebung zusehen.

Kate macht ihren Weg, durch unermüdlichen Fleiß und glückliche Zufälle – wie sie glaubt. Erst gegen Ende muss sie feststellen, dass ausgerechnet die Person, von der sie zuletzt etwas erwartet oder bewusst angenommen hätte, ihrer Karriere den entscheidenden Schubs gegeben hat. Und man erfährt eine Menge über den Höflichlichkeitscode höherer oder nach Höherem strebendender Schichten, nämlich über die 110 Regeln der Höflichkeit von George Washington. Leider bringt einen – im Leben wie im Roman – die durchaus wünschenswerte Tugend Höflichkeit allein nicht ans gewünschte Ziel.

Die Story hat viele witzige und noch mehr melancholische Momente. Nie verwässern sie in der Rückschau zu amüsanten Anekdoten aus der Jugend. Im Gegenteil, Amor Towles hat einen schönen, weisen Roman geschrieben, in dem wenig so läuft, wie man es erwarten würde. Wie es eben so ist im Leben.

Über Petra Gust-Kazakos

Fiel als Kind in eine Buchstabensuppe; Femme de lettres, virtuelle Salonière, Public Relations Managerin, Autorin, stets lese- & reiselustig https://phileablog.wordpress.com/
Dieser Beitrag wurde unter Lesenswertes abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s